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Jüdische Rundschau · 1914-07-17 · Heft 29 (17.7.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 29 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 312 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 29 des starken Willens, wenn ich auch den Willen an sich und die gute Absicht nicht bestreite. Aber der Wille kann eben infolge der Verhältnisse nicht zur Tat werden und mit der guten Absicht ist dann nichts getan, wenn man infolge der Lehren, die man verbreitet, zum guten Beispiel verpflichtet ist. Und wenn schon am grünen Holze derartige Fehler der Rechnung sich zeigen, so!null doch wohl ein falscher Faktor an sich vorhanden sein. Worin liegt also der Fehler? Der nationale Instinkt, der die tirundlage des Wollens bildet, ist in dem Punkte der Sprache und Kultur trotz aller schönen Werte unzulänglich vorhanden, oder wird durch andere Instinkte konterkariert. Man lebt in einer Welt künstlicher Abstraktionen. Man möchte aus dem Zustand deutsch-kulturellen Empfindens kraftlos heraus. Man kämpft hiilüos mit den Tatsachen und ruft: ״D u darfst dich nicht abfinden," während man es seihst tun! muH. Denn auch wenn man heute hebräisch vollendet reden lernte, wäre es für den religiösliberal und deutscherzogenen Juden eben auch nur eine Sprache mehr, eine Sprache des Wissens und Lernens. Gewiß soll man eifrig und viel mehr als bisher hebräisch lernen, damit mau den geistigen Zusammenhang mit dem Ost Judentum nicht verliert. Aber zur persönlichen Einheitiiehkeit kann man dadurch in der Diaspora nie gelangen. Das zu erkennen ist hart. Aber es ist die bittere Wahrheit. Niemand kann aullerhalb seiner selbst spazieren gehen. Und die übermächtige grolle und gesetzliche Kultur des Milieus um uns her ist ein Reifen von Eisen und Stahl,!Wenn ich glaubte, d.all wir schon hier in der Diaspora ganze Persönlichkeiten sein konnten, wäre ich vielleicht kein Zionist. Aber wir künnens nicht sein. Da fordert jemand Reit-, Turn- und Festspiele mit hebräischem Kommando, hebräische Wiegenlieder, Kommcrslicdcr, Volkslieder. Wirklich, er tuts, und ist konsequent. Und das alles im deutschen Milieu und unter deutscher Kultur! Wer fühlt nicht, dall er scheitern muH trotz besten Wollens? Lind so muH es früher oder später allen gehen, die eine hebräische Kultur in der Diaspora schaffen wollen und sie für ein Essentiale nationalen Empfindens erklären. Aber radikal sind solche Ideen doch schon. Herr Lichtheim meint in seinem offenen Brief an Dr. Oppenheimer: ״Der Radikalismus, d. 11. ein unreifer, immer zum Extrem drängender, die tatsächlichen Verhältnisse und die geschichtlichen Bedingungen übersehender Chauvinismus ist uns ganz fremd.“ Hat mich sehr zu lesen gefreut. Aber wie stehts mit dem obigen neuesten Zitat aus einen! seiner Anhänger? Ist das, was wir sagen, wirklich ein Märchen vom Radikalismus, oder sollte man nicht offen zugeben, daß Uebereifrige radikale Märchen erzählen? Das Kälblein Von L. F c i e r b e r g *). Aus dem Hebräischen von Dr. Ernst Müller Es war Sommerzeit. Die Sonne neigte sich aus ihrer Höhe mit leuchtendem Auge in das düstere Chcdcr herein, warf spottend, als wollte sic den Mclamcd beschämen, ihren Blick auf seinen schmierigen Tallis-katan, verwob ihre Strahlen in seinen spitzen Bart, wie um ihn zu erschrecken, und goß übermütig ihren goldenen Glanz über Staub und Schmutz, und über den Wassergraben in der heiligen Straße, der Straße der Synagoge, der Melamdini, der Schächter, die gleichzeitig den Marktplatz bildete. Und mit dem tiefsten ihrer Zauber flüsterte sie uns lachend zu: ״Törichte Kinder, was sitzt ihr da, cingespcrrt mit dem Rabbi?“ Wahrlich, wie köstlich, wie segensvoll sind diese Sonnenstrahlen, die so voll Liebe und Anmut durch das Fenster schweben und tanzen! Und draußen, wie schön, wie hold! Die Spiele dort so hübsch! Wie didtig der Dunst, der von der Wiese aufsteigt! Wie glücklieh die Kinder, die jetzt draußen sich tummeln, am Boden sich wälzen, Erdkügclchen knete״ und an der Sonne trocknen! Der Rabbi hingegen ist hart und grausam, er kennt keine Gnade. Er sitzt *) Aus dem soeben bei Georg Müller in München erschienenen interessanten Sainmclhande: ״Das Ghettobuch, Die schönsten Geschichten aus dem Ghetto ׳, herausgegeben von Artur Landsb erg er, mit freundlicher Erlaubnis des Verlages entnommen. Das Unmögliche wollen, unerreichbare Ziele als möglich hinstelleii, unerfüllbare Wünsche erwecken das ist eben Radikalismus. Oder, wenn das Wort schöner klingt, Ideologie. Und das führt, früher oder später, zu Bankerotten. Nicht die ״ruhige Selbstverständlichkeit“ der Konstatierung von Ausschreitungen auf geistigem Gebiet. Und darum: ob der Einzelne entgleist oder nicht, das ist ganz gleichgültig. Aber die offizielle Pro p;1 ga nd a, für die wir ve rantwortlieh sind, muß Maß zu halten wissen! Denn Begriffsverwirrungen führen zu Anfeindungen von außen 11er, die ganz zwecklos Kräfte im eigenen Lager verbraueben. Hebräisch lernen soll man liier. Die hebräische Kill- 111 r a 11 e r fängt mit der Land ung i 11 J a f f a a 11. F r über!1 i c 111! Und null noch einmal das Auswanderungverlangen. Liat es wirklich einen Sinn, programmatische Thesen dafür aufzustellen? Und nachher davon als von einer ״Maximalfordcrung“ zu reden, wo doch der Wortlaut gar nicht unverstündlich ist? Von Deutschland als Wohnland zu sprechen im gegensätzlichen Sinne zum Heimatland? Und das tut man doch. Seihst wieder Herr Lichtheim in seinem offenen Brief. Es ist ja schon ein entschiedener Erfolg unseres Auftretens, wenn er in Spulte 1 meint ״Deutschland sei ein Wohnland für ()(10 000 Juden“ und mehr habe er nicht in das Wort liineiulegen wollen. Leider sagt er gleich darauf wieder: ״Dieses Ziel werden wir aber mir dann erreichen, wenn diese i leiinstätte (Palästina) im Geiste oder in!Wirklichkeit auch unsere eigene Heimstätte ist.“ Ich will hier gar nicht über Richtigkeit oder Unrichtigkeit solcher Sätze schreiben. Aber merkt er noch immer nicht, daß es, na sagen wir radikal ist, derartiges immer wieder zu drucken? Dall solche Aeußerungcn ״die tatsächlichen Verhältnisse und geschichtlichen Bedingungen übersehen?“ Daß dadurch Schwierigkeiten entstellen? Anderswo handelt man und schweigt, bei uns redet m a 11 u 11 d gl a 11 bt da m it Taten zu vc rrichten. Unsere Worte sind nicht nur für uns selbst da. Die ganze Ocffcntliclikcit nimmt daran teil. Wir brauchen Sympathien, nicht scharfe Scheidestriche, Mitläufer, nicht aber zurückweisen tinzulänglich ״Durchgebildeter.“ ״Eine durch Koalition g e w o n 11 e!1 c 11 a I b e M a c h t i s t immer n o c 11 b e s s a r, a 1 s intransigente Oh 11111 acht. Auch vom agitatorischen G esichtspu n k t c aus. Dcnnwirdürfcn dem Volke nicht das S c 11 a u s p i e I bieten, daß die Partei, der cs sein Vertrauen s c 11 c 11 k t, nicht das ger i n g s t c z u tu Schutze seiner R c c 111 e erreichen kann. Mit R c d e n und Anträgen kann allein eine kleine Sekte wirke n,“ und lernt. Er sitzt und wiederholt. Schweißtropfen fallen auf die Gemara, der Rock ist feucht und klebt am Leibe, die lliiitde sind schwer, der Kopf schmerzt, die Stimme ist gedrückt. Aber der Rabbi wiederholt, lernt und Wiederholt . , . Endlich wird auch er müde. Er unterbricht die Wiederholung, sagt uns einige ermahnende Worte und heißt uns ins Beth-ha-Midrasch gehen, um Mincha zu beten. Wir eilen atemlos, in Haufen, auf die Straße. Da kommt uns eine Herde entgegen. An der Spitze wandeln gewichtige Lämmer, voll Seelenruhe und Selbstzufriedenheit, wie Rabbis oder angesehene Männer des Städtchens, wenn sie zusammen mit ״gewöhnlichen Menschen“ zu einer frohen Pflichterfüllung gehen: zum Empfang eines Bräutigams, zu einer Bcschneidiing, zu einem Begräbnis. Hinter ihnen kommen die Ziegen, dann die Kühe, die Kälber, Schweine und Füllen, jedes in seinem Lager. Der Staub dringt bis in den Himmel, und wir drangen und mengen uns mitten In die Schar. Der eine von uns setzt sieh rittlings auf ein Lamm, der andere auf einen Ziegenbock, der dritte sucht die Tiere zu quälen, beunruhigt und erschreckt sic, damit sic wissen, daß ein Mensch da ist, ein Sohn jenes Geschlechtes, das mit seiner Kraft die Welt und ihre Fülle beherrschen soll. Am Ende des Heerlagers kommt noch unsere Kuh, ihr zur Rechten der Hirt, der auf den Schultern ein liebliches Kälblein trägt. Ich verstand plötzlich das Geheimnis dessen, was meine Mutter mehrere Male erzählt hatte: unsere Kuh sei trächtig. Jetzt erreichte meine Freude ihren Höliepunkt, und ich betrachtete nur voll sehnsüchtigen Neides den Hirten, der das schöne Kälblein direkt Wolf gang Heine hat unlängst diese Worte für die Sozialdemokraten geschrieben. Sie wären in Leipzig am Platze gewesen. Auf praktische und nützliche Arbeit kommt es an, und nicht auf den Nachweis innerlich bleibender Tendenzen und die Abfassung äußerlieber und unzweckmäßiger Resolutionen. Darum sind die ״besseren Zionisten“ nicht die, weiche immerfort seelische Unmöglichkeiten von sieh und anderen fonlern, und geneigt sind, den Zionismus für bankerott zu erklären, wenn man ihnen ihre unmöglichen Forderungen ad oculos demonstriert, Sondern gute Zionisten sind die, welche trotz innt'rlielier Kämpfe und der Erkennt- Inis notwendiger Resignationen unbeirrbar den Weg zur Tat schreiten. Darum fordern wir Platz in der Organisation und gleiche Rechte für alle, welche das Baseler Programm zum Leitstern ihres Handelns erwählen. Dr. A d o 1 f Friede mann. Eine Broschüre über Mathias Acher Von Ludwig Strauß Leo llerrinaun hat die Aufsätze über Nathan Birnbaum, die er in jüdischen Zeitschriften unabhängig voneinander erscheinen ließ, in einer Broschüre der Sammlung ״Die jüdische Gemeinschaft“ ztisammeiigcsU'llt. Lin Buch aus Zeitungsartikeln ist sicher kaum je etwas Endgültiges, auch dies ist unabgelöst von dem zufälligen Anlaß, der die ein- /einen Artikel entstehen ließ, unsystematisch, manchmal unvollständig, manchmal sieh •wiederholend, eine durchaus provisorische Publikation. Wenn ich dennoch die Broschüre dringend empfehle, so liegt das einmal daran, daß es kein gutes deutschgescbricbencs Buch über Birnbaum gibt. Dann an der Qualität der einzelnen Aufsätze, die das entschiedenste Beharren des Autors auf seinem Standpunkte mit dem entschiedensten Willen zur Gerechtigkeit gegenüber dem Objekt seiner Darstellung vereint zeigen, die mit einem so freien psychologischen Verständnis und in einem (von wenigen etwas schwülstigen Partien abgesehen) so anständigen Stil geschrieben sind, wie wir sie leider noch ziemlich selten in der jüdischpolitischen Publizistik finden. Es kommt hinzu, daß die unsystematische, an aktuelle Anlässe gebundene Darstellung zwar nicht die zuletzt erstrebenswerte, aber eine sehr reizvolle, aufschlußreiche und unverglcichlich lebendige ist gegenüber einem immer sich wandelnden, nicht in einem System, sondern in einer Entwicklung zu begreifenden Ideenkomplex wie dem Birnbaumschcn. Der durchgehende Felder des Buches scheint mir ein Psychologismus in der Betrachtung der Birnbauinschen Anschauungen, der zum Teil sicher darin begründet ist, daß der Verfasser, Zionist und also über das Sa c 11 liehe anderer Meinung als Birnbäum, dessen Ansicht allein aus der Sonderart seiner Person verstehen will, um ihr gerecht zu werden. Viele Zionisten tun das gleiche, so Hugo Bergmann ins liaus meines Vaters trug. Aus ganzem Herzen wollte ich ihm nachlaufen, mich auf das Kälblein werfen und es vor Liebe küssen. - Doch wie? — Und der Rabbi? Und das Minchagcbct? Was wird die Mutter sagen, wenn sie ihren Jungen sieht, der Talmud lernt und solchen Unsinn treibt? So entschloß ich mich mit Widerstreben, ins Bcth-ha-Midrasch zu gehen. Das Gebet war verstrichen — ich lief eilig nach Hause — zum Kälblein. Wie ich kam, liefen mir schon die kleinen Brüder und Schwestern entgegen und verkündeten mir das frohe Ereignis. ״Llättest du's gesellen, Chofni,“ so sprachen sic aus einem Munde, ״wie lieb dieses Kälblein ist, wie breit seine Stirn, sein Naschen, seine lange Zunge und seine roten, vollen Lippen, hättest du’s gesehen . . ich konnte nicht .warten, bis sie zu Ende waren, sondern lief eilends in den Stall, warf mich vor dem Kälblein nieder, betastete seinen ganzen Körper, nahm cs auf den Arm und trug es in die Küche, wo ich e9 beim Kerzenlicht betrachten konnte. Dann tauchte ich einige Bissen .Brot in Salz und legte sic auf seine Zunge. Es aß mit Appetit und blickte dann auf mich voll Wolilgcfübl und Dankbarkeit. Ich erkannte im Augenblick, daß ich dein Kälblein lieb geworden war und, seinen Blicken nach, mich als wert der Freundschaft erwies. Denn es bevorzugte mich vor allen Kindern, vor Brüdern und Schwestern, und blickte stets entweder auf mich oder auf alles, worauf mein Auge ruhte. Da empfand ich eine starke Liebe zu dem schönen Kälblein, allerdings untermischt mit Stolz, und ich bemühte mich, es mit vollem Herzen zu hegen und zu pflegen und ihm Liebe für Liebe zu vergelten . . .

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