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Jüdische Rundschau · 1914-07-17 · Heft 29 (17.7.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 29 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nummer 29 Sachlicher Radikalismus oder endlich radikale Sachlichkeit Seit dem Leipziger Dclcgicrtcntagc sind eine ganze Reihe von Acußcrungcn zu unserem Vorgehen in der Frage des Radikalismus erschienen, Sic waren im großen und ganzen getragen von Achtung vor der abweichenden Ucberzeugung, und das ist jedenfalls eine für den geistigen Hochstand der Bewegung überaus erfreuliche Tatsache. Denn die kulturelle Höhe einer Gemeinscliaft zeigt sich darin, daß sie auch im heftigsten Meinungsstreit die Person des Gegners von der Ansicht zu trennen weiß, die er vertritt. Das englische, leider auf dem Kontinent noch wenig befolgte Beispiel, sollte für uns maßgeblich sein. Dort sehen wir oft, daß politische Führer die eifrigsten Förderer der Söhne ihrer schärfsten Antipoden sind, und daß außerhalb der Arena alle Gegensätze schwinden. Insoweit sind die Artikel von Dr. Herr mann in der ״Rundschau“ und von Otto Abel cs in der ״Welt“ mir überaus sympathisch gewesen. Aber die sachlichen Forderungen müssen, nichtsdestoweniger nachdrücklich formuliert werden und Irrtümcr bedürfen der Klärung. Deshall) zunächst׳ einige Richtigstellungen. Herr Abelcs meint, daß diejenigen, welche die Assimilation für möglich halten, dahin streben müssen, nur die nationalen Elemente zu sammein. Die anderen, welche eine Assimilation für ausgeschlossen erachten, seien genötigt, für die Erlösung der Gesamtheit zu kämpfen. Daraus leitet er dann die Fragestellung her, ob man für oder gegen die Betätigung in der Diaspora eintreten, ob man Judentumsfragen lösen wolle oder nicht. Leider ist die Sache nicht so einfach. Herr Abeies macht den Felder der meisten unserer Freunde: er plagt sich weder mit dem Begriff des Nationalismus, noch mit dem der Assimilation, sondern nimmt beide in der gefühlsmäßigcn Auslegung des Wortes. Darum! ist ihm auch klar, daß die Rülf-Oppenhcimcrschc Forderung ״jüdisches Volk, aber deutsche Nation" falsch, der Streit über die Möglichkeit der Gegenwartsarbeit in der Diaspora cntschieden sei. Es gebürt eben, wie Goethe richtig sagt, sehr viel dazu, zu verstellen, daß Dinge, die einem selber klar sind, dritten ganz anders erscheinen können. Niemand weiß genau, Was ein Volk ist. Ist es die Gesamtheit derer, die durch gleiche Abstammung, Geschichte, Tradition verbunden sind? Ist diese Gemeinschaft auch eine Nation? Entsteht eine Nation durch die Kulturgemciuschaff, die Sprache? Oder durch gemeinsame Abstammung? Oder durch staatliche Schicksale, oder durch äußeren Druck? Ist es richtig, wie Leroy-Bolieu meinte, daß es genüge, alle Rothaarigen Frankreichs in ein Viertel von Paris zusammenzusperren, um eine Nation von Rothaarigen zu erzeugen? Alle diese Fragen sind wissenschaftlich ganz ungcklärt. Landläufig versteht man unter einer Nation oder einem Volke eine historisch ge- Wordene Gesamtheit, die allmählich die gleiche Sprache, Lebensform und Sitte angenommen hat und den gleichen geschichtlichen Werdegang gegangen ist. Aber auch diese Definition trifft in ״Der Zionismus erstrebt für da* jüdische Volk die Schaffung einer öffentllch-recblllch gesicherten Heimstätte In Palästina.״ Baseler Programm. vielen Fällen nicht zu. Die Irländer sprechen englisch und verwahren sicii entschieden gegen die Behauptung, ein Teil des englischen Volkes zu sein. Die Deutsch-Amerikaner sprechen meist englisch und bewahren iiir deutsches Volkstum. Die Wenden und Littaucr betrachten sich durchaus als Teil des deutschen Volkes und sind Slavcn. Man bestreite einmal einem Mecklenburger seine deutsche Nationalität! Was nützt cs also zu sagen, man dürfe, wenn man die Assimilationsmöglichkeit anerkennt, nur die jüdischnationalen Elemente sammeln. Man bezciciinet damit doch nur diejenigen, die national sein wollen, aus sehr verschiedenen Empfindungen heraus. Wen will man also ausschlicßcn? Denn die ganze Sichtung resultiert ja aus der Tatsache, daß die einen sagen, ihr Nationalgcfülil beruhe nur auf Stammesstolz, Tradition, Religion, gemeinsamcin Leid, während die anderen zu diesen Faktoren noch andere Elemente — Kultur, Sprache usw. hinzufügen. Wenn Abeies also heute weiter erklärt, der Streit um den Nationaüsmus sei entschieden, so ist er an der eigentlichen Streitfrage vorübergegangen. Und gerade so unklar bleibt die Diskussion, wenn man die Ent- Scheidung, ob Gegenwartsarbeit oder nicht, von der ״Assimilntionsmöglichkcit“ abhängig macht. Was ist Assimilation? Wer ist assimiliert? Sind wirs nicht alle in gewissem Sinne? Ist nicht vielleicht überh aupt durch eine Assi-!nilation der Zionismus erst möglich geworden? Mit solchen allgemeinen Begriffen kann man alles beweisen und nichts,. Abeies will gefragt wissen, ob man Assimilation für möglich halte, oder nicht. Mein Gott, ja und nein! Muß sie zur Auflösung führen? Das hängt nur von der Quantität der Geschehnisse ab. Niemaiid kann danach die zionistische Politik bestimmen, weil cs eben nur der Wille ist, der die Fortbcstanclsniöglichkcitcn der Völker oder ihre Bereitschaft zum Aufgehen in andere Gemeinschaften regelt. Wobei ich mir darüber klar bin, mit dem Worte ״Völker“ im nichtstaatsrechtlichen Sinne einen Vcrkchrsbegriff verwendet zu haben. Wenn wir unter uns sind, wenden wir solche konventionaien Worte an, weil sie für die alltägliche Unterhaltung ausreichen. Sie geben ein ungefähres Bild. Für die Begriffsbestimmung sind sic völlig unzulänglich. In uns lebt ein starker Wille zum jüdischen Volke. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Verhiiltnissc, gemeinsame religiöse Empfindungen^ alte Traditionen, erworbene Denkformen führten uns zusammen und gaben uns ein gemeinschaftliebes Ziel. Das war die Erlösung der jetzigen ’leidenden Gesamtheit durch politische Arbeit auf dein Hcimatboden der alten jüdischen Gesamtheit. Denn wenn auch rassenmäßige Vcrändcrangen im Laufe der Jahrhunderte erfolgt waren, wenn auch geschichtlich eine Differenzierung der einzelnen Voiksteilo nach Kultur und Lebensform cintretcn mußte, so bestanden doch gemeinsame Instinkte, die durch äußere Vorgänge über die Bewußtseinsschwelle gedrängt wurden und in; gleicher Richtung verliefen. Der Wille war also gleichartig, aber ganz verschieden im Motiv. Geeinigt wurden die Zionisten nicht durch ihre Beweggründe, sondern durch die Tat! Der erste Kongreß war eine Tat, ebenso das Baseler Programm. Herzl, der ein Staatsmann war, fragte deshalb nie nach dem Beweggrund, sondern nur, ob der Mitstreiter. Palästina für die Gesamtheit erwerben wollte. Und er hatte demzufolge auch keine Minimal- oder Maximalprogramme, wie Dr. Herrmann meint. Er hatte das Palästinaprogramm und alles andere war ihm sehr gleichgültig. Herrmann meint, heute hätte er ein anderes Programm( gehabt. Ich erlaube mir, das auf Grund meiner Sachkenntnisse sehr stark zu bezweifeln. Aber es ist auch heute zwecklos, das zu entscheiden״ Die Frage ist jetzt nur, ob man von dem Einzelnen mehr, als dieses Streben verlangen muß. Soll tnan nach dem Motiv des Zionismus beim! Einzelnen fragen, wie das übereifrige Leute möchten? Schwerlich können Einsichtige das fordern. Soll man neue praktische Forderungen aufstcllcn? Und zu weichem Zweck? Diese Frage ist nicht theoretisch, sondern durch die Verhältnisse bedingt. Zweierlei ist gefordert worden: Intensivere Pflege des nationalen Gedankens nebst Bekenntnis zu einem Hcbraismus schon in der Diaspora’, und Aufnahme der Absicht zur Auswanderung nacli Palästina in das Lebensprogramm des Einzelnen. Sprechen wir zunächst vom ersten Punkt,, Wer das Nationalgcfülil stärken will, muß seine einzelnen Faktoren vertiefen, also Kenntnisse und Gefühle. Ich bin damit ganz außerordentlich einverstanden. Wer ernstlich dem Problem in sich selbst nachgegangen ist, hat nicht nur das Recht, sondern die sittliche Pflicht, die Funde des! Seelenlebens auf dem Gebiet der Besonderheit, die uns eint, dritten mitzuteilen, sie anzuregen״ zu stärken, zu begeistern. Aber er muß dabei ernsthaft und w־ahr bleiben. Er muß das geben, was er nur irgend in sich hat. Und wenn er im Bcgcistcrungszustand einmal über die Schnur haut, so schadet das gar nichts — wenn es nur nicht chronisch wird. Jedes Ideal erfordert bei der Propagierung eine gewisse Uebcrschwengliclii keit. Aber, wie gesagt, was man propagiert״ muß man fühlen und verstehen. Nur mit dem Gefühl und dem guten Willen kann man nicht auf die Dauer wirken und muß ins Phrasenhafte geraten, wie es die Poscner Resolution zur Evidenz beweist. Die vorhandenen Kräfte und Neigungen, die cs natürlich im Zionismus neben dem Feststellbaren gibt, kann man zwar darstellen, aber nicht mit ihnen Programme formu- Heren. Und Tendenzen imponieren nur, wenn man den starken Trieb beweist, danach zu handein und nachdem man ernstliche Erkenntnisse davon gesammelt hat. Ich merke aber nichts von dern starken Auswaiulerungstricbc und nichts! vom tatsächlichen hebräischen Kulturstrebcn und frage wieder: warum gehen nur bloß die Verleidiger der Poscner Resolution nicht sogleich hinüber nach Palästina? Warum verstanden sie noch nach Jahren nichts von der hebräischen Rede des Herrn Strack und vertrösteten auf eine ferne Zukunft? Das scheint mir ein Bankerott zu sein, nicht aber die klare Erkenntnis der Tat- Sachen. Ich höre immer nur Forderungen, die man an Andere stellt und denen ■man selbst nicht nachkommt. Tendenz heißt Streben. .Weshalb drängt cs nicht zur Erfüllung? .Was1 man von Anderen fordert, muß man doch selbst ausführen 1 In Wirklichkeit fehlt eben die Tatsache

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