Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1914)
- Date
- 1914-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 JUEDISCH E RUNDSCHAU Seite 301 Es ist eine jüdische Eigenschaft, daß wir schon in der Kindheit ernst sind, Beinahe zu früh treten wir in die Epoche des Sturmes und Dranges ein und glauben schon eine Lösung zu haben, wenn andere erst die Probleme entdecken. Das ist dann die Zeit, in der man sich auflehnt gegen das Gewohnte, keine Achtung vor der Tradition mehr hat, kur/.um alles besser zn wissen glaubt. Da lernt man das Leben von seiner wahren, rohen Seite kennen und erschrickt über seine Nüchternheit. Es kommen die inneren K,impfe, da man mit der Frage nach dem Sinne des Lebens ringt. Die Begriffe verwirren sieh, was einem unaiilastbar schien, wird in den Staub gezogen. ln dieser Zeit ist Theodor Hcrzl unser Wegweiser. Um Erkenntnis ringend, blicken wir auf zu diesem Groben, und sie wird uns durch ihn. Er hat uns den Weg vorgczcichnct, den wir schreiten müssen. Erst durch ihn lernen wir die Stimme unseres Blutes vernehmen und die Wucht des inneren Erlebens fühle«. Als es uns nach unten ziehen wollte, gab er uns wieder ein Ideal, inmitten der Schwankungen errichtete er uns einen festen Halt. Durch ihn erfuhren wir, daß hinter einem jeden von uns ein Volk steht, dessen unermeßliches Erlebnis er im kleinen symbolisiert. Er machte es uns zur Gewißheit, daß inmitten dieses Volkes unser Platz sei, daß wir hierin Wurzel fassen müssen, um Kraft für große Taten sammeln zu können. Er Hat uns wieder schaffen gelehrt, durch ihn haben wir wieder aufrecht einherschreiten gelernt, wie es sich für die Söhne eines alten Adelvolkes geziemt. Wir waren nahe daran, den Sinn des Lebens zu verneinen, jedoch er hat uns zur Bejahung, zum Optimismus geführt. Ein fernes Ziel hat er uns verheißen, und wir glauben, daß wir cs erreichen und den Zionismus zum Siege führen werden. Der Jugend ist er mehr, sagte ich vorhin. Wahrlieh uns Jungen ist Theodor Hcrzl der Schöpfer unseres neuen Lebens, •ln tiefer Trauer gedenken wir heute seiner, der da stumm auf dem Döblinger Friedhof ruht, der viel zu früh uns genommen ward, und dessen Verlust wir nie verwinden werden. Wie zu einem Genius blicken wir zu ihm auf, und neben dem brennenden Schmerz, der uns durchzuckt, emp finden wir tiefe Dankbarkeit. Denn Theodor Hcrzl hat uns gelehrt, nach Reinheit, Wahrheit und Freiheit zu streben. Das neue jüdische Leben in Palästina Referat, erstattet dem XIV. Delcgicrtcni.ige der Zionistischcn Vereinigung für Deutschland, von Leo M o t z k i 11. III. (Schluß.) Von dem Kapitel der Städte, das ich ja schließ lieh nur habe streifen können, will ich mich nun mit einigen Worten der wirtschaftlichen Lage in den Kolonien zu wenden. Als ich vor sechzehn Jahren von einer liindliehen Ansiedelung zur anderen henunreiste, da herrschte überall — sowohl in Judäa als in Samaria sowie in Nordgaliläa die gleiche Ueberzeugung, daß nicht eine einzige Kolonie in 'Palästina jemals zur wirtschaftlichen Selbständigkeit gelangen würde. Jeder Kolonist und Städter dachte sich, daß — wenn der Baron Rothschild sich von der Kolonisationsnrbcit ziirtickzögc — die gesamten Kolonien in kürzester Zeit weggefegt sein würden. Ein großer Teil der Koloniebewohner befand sich in direkter Abhängig* keit von dem Pariser Philanthropen, dessen Gebe* frcmligkeit fast zwei Jahrzehnte hindurch unerschüpflieh gewesen war. Allein auch die selbständigen Kolonisten waren indirekt auf seinen Willen äugewiesen. Was nützten ihnen ihre blühenden Weinberge, wenn der Weinverkauf so im argen lag? Nur der Baron Rothschild sorgte damals für den Absatz der Weinproduktion, welche die jüdischen Kolonien am Ende des vorigen Jahrhunderts erzeugten. Man kennt die Verluste, welche der Baron mit seltener Hin* gäbe an eine bestimmte Idee dabei erlitten hat, man erinnert sich noch der Tatsache, wie seinerzeit ungeheure Mengen von köstlichen Weinen verschleudort, ja teilweise ausgeschüttet wurden, So gab es noch vor einem Jahrzehnt keine einzige Kolonie und, fast mochte man sagen, keine einzige Wirtschaft, deren Zukunft gesichert gewesen wäre. Damals herrschte ein Pessimismus, wie er ärger nicht sein körnte, in ganz Palästina, niemand glaubte au seine wirtschaftliche Zukunft oder an eine wirtschaftliche Zukunft des Landes, und gar viele, wenn nicht die meisten dachten, daß der Tag nicht fern sei, an dem sie das Land würden verlassen müssen, wenn nicht zuvörderst große Metamorphosen eintreten sollten. Und heute? Kann man von den zahlreichen ji'ulisehen Ansiedelungen, die in allerneucster Zeit in Palästina entstanden sind, behaupten, daß ihre Existenz gesichert ist, daß s i c ohne 1 Ulfe von außen schon jetzt fortexistieren können? Gewiß nicht! Indes sic befinden sich doch noch größtenteils in einem Stadium, in dem die Rentabilität überhaupt nicht berechnet werden kann, ln gar vielen dieser Gründüngen werden erst die nächsten Jahre Klarheit briiigen, wieweit die erwartete Fruchtbarkeit des Bodens keine Illusion ist, wieweit die geleistete Arbeit dein Enthusiasmus der Idee entspricht, Insbesondere muß inan von den zionistischen kolonisat ionsschöpf ungen, die fast durchweg auf eine Vergangenheit von nur wenigen Jahren, wenn nicht von noch geringerer Dauer zurück bücken, durchweg erklären, daß sie noch ganz, und gar im Zu!tand des Experimentes sind. Wir wissen cs auch im voraus, daß Jahre hindurch die meist011 dieser Experimente noch bedeutende Zuschlisse seitens der z.i 1 mistir,dien Organisation versehlingen werden. Von den alten Kolonien aber können wir, abgesehen von wenigen, ' schon jetzt sagen, daß sie auf gesicherter materieller Basis stehen. Große Scharen von Kolonisten sind sich selber voll und ganz überlassen, bedürfen keinerlei Uiitcrstüzuug von irgendwelcher Seite, und sind auch indirekt nicht auf irgend jemand angewiesen. Die Tatsache, daß ihr ־ lauptprodukt, der wein, nach mehreren Umwnl/ungen und mannigfachen Vcrniehtungs* und Schaffensprozesseil endlich durch einen gut organisierten Abatz ein sicheres Fundament ihrer Wirtschaft geworden ist, hat das Sclbsthewußtsein der Kolonisten außerordentlich gehoben. Ucbcrhaupt ist ihr Selbstvertrauen in erfreulicher Zunahme begriffen, seitdem sie sich über/.eugt haben, daß sie aus eigener Kraft wirtschaftliche Vorteile erringen können, daß sie nach einer Betätigung von nur anderthalb Jahrzehnten auch auf dem Absatzmärkte der palästinensischen Orangen bereits den zweiten Platz einiicluneii, ja daß mau selum jetzt behaupten kann, daß sie nach wenigen Jahren hierin den ersten Platz bekommen werden. Kurzum, jener demoralisierte Typus des landwirtschaftliehen Chaluk.ihjtnien, der in’ den neunziger Jahren das palästinensische Koloniebild beherrschte, ist völlig geschwunden. Man mag nun die jetzige Situation in den Kolonien aus anderen Motiven verurteilen, mau mag gegen die Anomalie kämpfen, daß die überwiegende Mehrzahl der ältesten Landwirte in Judäa und Samaria, ja seihst zum großen Teil in Galiläa, bei ihren landwirtschaftlichen Arbeiten der jüdischen Arbeiter als Hilfskräfte sich fast gar nicht bedienen und entgegen allen jüdischen Regenerationstendenzen fast einzig und allein Araber dazu benutzen, mau mag mit der Aufgabe sich befassen, wie diesem unerhörten Zustand ein Ende bereitet werden soll, ־־• jedenfalls ist die Tatsache in Rechnung zu ziehen, daß es jüdische Siedclungcn in Palästina gibt, die auf eigenen Füllen stehen. Dies wird uns selbstverständlich nicht hindern, nach einer Lösung der Grundfrage zu suchen, wie derartige Kolonien, ohne daß sie materiellen Schaden erleiden, auf einer Basis gegründet werden sollen, die ihnen die Möglichkeit verleihen soll, den fortwährend ankommenden jüdisehen Arbeitennassen Beschäftigung zu gewähren. Die Situation in Palästina zeigt uns׳ überhaupt, wie sehr man jetzt nach den zweckentsprechenden Wirtschaftsformen such t. Zionistische ßroscIiüren-Bibllothck Nr. 1 Soebon erschient RZL von Dr, Osias Thon /-־־ ׳V \ \ Y Y ■’־m־*/ z:\ '׳: £ ׳, \ Y Deutsche Ausgabe 2^B°gen in fifbigem Umachlag’ J Hebräische Ausgabe 2 Bojen in farbigem UmtchUf 10 Ff. 20 Pf. Preis pro Heft Preis pro Heft 10 Heller 20 Heller Bei direktem Bcauf durch da« 2ioni»tiache Zentraihureau Berito 15 Pf. resp. 15 Holler, einschl. Porto 25 Pf, rosp. 25 Holler 200׳ Exemplare mit 10% Rabatt 500 ״ 20% ״ ״ 1000 || II 30% ,, xuxuglich Porto, Auf •in Poitpakct gehen 12*1 Exemplare. Die Lieferung erfoigt nur gegen Voreinsendung de• Betrage•, Vf!כ Der überaus niedrige Preis lirü •ich nur unter der *־־* •י*• Vorartsut/iing der V«׳me»dt1ng «liort Schreibwerks, Buchung mw »riiclcn. Wir bitter» daher dringend, auf die Korrcipondensen Berlin W 15 er!uc;en. öexugtibedingung'cn genau zu achten und mugiiclut zu vermeiden SSchsUcho Str, 8 Wenn es zu Anfang der Kolonisation zwei Jahr* zehnte hindurch nur einen einzigen Typus der jüdi* scheu Ansiedelung gab (ich spreche nicht vom!and* wirtschaftlichen, sondern sozialwirtschaftlichen Typus), so gibt es heute in den ländlichen jüdischen Siedehingen eine ganze Reihe von Wirtschaftsformen. Neben rein piivatvvirischaftliehen Kolonien tauchen immer mehr genossenschaftliche auf, die bald als dauernde Siedlungen, bald als Arbeitsgemcinschaf* teil den Boden lies Nationalfonds okkupieren und be* arbeiten. Von allen diesen Versuchen ist beim großen Publikum die Oppcnhciiiiersclic Genossenschaft die bekannteste. die neuerdings auch einer liesoiulers schar* fen Kritik unterliegt. Was ist nicht bereits alles über Merchawja gesagt worden, obwohl es erst seit kaum vier Jahren dein genossenschaftlichen Zwecke dient! Da sollte inan zum Vergleich Kolonisatkms* versuche ähnlicher Art hcranzichcn und untersuchen, wie weit cs gelungen ist, unter solch eigenartigen Zuständen eine Kolonisation ohne Defizit zustandezubriiigen. Man muß vor allem bedenken, daß wir es mit einem Lande zu tun haben, welches viele Generationen hindurch ansgesogen wurde, und mit einem Volke, das im großen und ganzen sechzig Generationen hindurch «len Pflug nicht gehalten hat. Die ersten Defizite sind also eine Abschlagszahlung an die Vergangenheit. Wenn man noch ferner be* denkt, daß die Kolonisationsform nach dem Oppen* heimcrschen Rezept vorläufig nur ein abstraktes Prinzip verkörpert, daß sie aber in der Wirtsctiaftsgcschichtc noch keine Traditionen und Erfahrungen aufweist, wenn inan ferner bedenkt, daß jeder von den Juden erworbene Landstrich Jahre hindurch die Nachbarschaft zu Kämpfen und Ueberfällen reizt, was gerade für das isolierte Merchawja besonders in Betracht kommt, wenn man schließlich die allge* meinen Zivilisationszuständc (besonders auch die Wohnverhältnisse) in Rechnung zieht, dann versteht man es, daß die verhältnismäßig nicht großen Defizite nur durch die geringen Bedürfnisse der Arbeiterschaft zu erklären sind. Der große Fehler bei der Gründung der Siedelungsgenossenschaft bestand eben darin, daß wir trotz reichlicher Erfahrungen uns der Illusion hingeben konnten, wir würden schon bald ohne Defizit arbeiten. Nur so ist es zu erklären, daß eine solch heftige und demonstrative Kritik des ganzen Unternehmen» schon zu Beginn seiner Durchführung hat cinsctzcn können. Es war eine Naivität sonder* gleichen seitens des Zioiiistenkongresscs und seiten» des Urhebers der Siedelungsgenossenschaft, von hunderttausend Mark zu sprechen, die nötig wären,• um die neue und eigenartige Kolonie zu schaffen. Gar manche Gesinnungsgenossen haben auch damals nicht einen Augenblick gezweifeh, daß ganz andere Gelder notwendig sind, um das Novum zu verwirkliehen, und sie haben es auch in kleinerem Kreise, ja auch in Versammlungen deutlich zum Ausdruck gebracht, nachdem sie den Kongreß seiner Rausch* Stimmung nicht hatten berauben wollen. Hätte man jedoch nicht die lächerliche Summe von hunderttausend Mark, sondern den wirklich erforderlichen Befrag bei Zeiten genannt, so würde jetzt nicht darüber geklagt werden, daß bereits über eine halbe Million in Merchawja investiert sei, ohne daß Jic erwartete ״Tat" schon vollzogen wäre. Um tatsächlieh feststellen zu können, ob ein solch neuer, alle landwirtschaftlichen Traditionen über den Haufen werfender Versuch lebensfällig ist, um ein Muster für andere Sicdclungsuntcrnchimiiigen zu erzeugen, muß man Lehrgeld zahlen und nicht davor zurück* schrecken, wenn die genossenschaftliche Idee hier unerwartete Summen verschlingt. Man weise dabei nicht darauf hin, daß in Palästina seit Jahrzehnten bereits hcruincxpcrimciiticrt werde, und daß es also an der Zeit sei, mit dem Experimentieren endlich aufzuhören. Wir als Organisation, man vergesse das nicht, experimentieren erst seit kurzem und dürfen unsere entscheidenden Urteile nur auf Grund eigener Er* fahrungen __ fällen. Das im zionistischen Lager naturgemäß am meisten bekannte Merchawja ist, wie man weiß laut den Oppcnheiinerschen Prinzip der Nichtglcichhcit gebaut, so daß es eine nach den Leistungen gibt, dere Genossenschaften, welche auch die Differenziening in der Entlohnung perhorreszieren und die Siedelungsgenossenschaft als einen ihren sozialen Auffassiingen nicht genügenden Versuch erklären. Den radikalsten Typus eines solchen kollektivistischen Unternehmens bietet die am bezaubernden Tiberiassee ge egene idyllische Siedelung Dagania, in der ich behufs Impressionen mehrere Tage zugebracht habe. Ist es doch, abgeselien davon, daß wir es hier mit einer wichtigen zionistischen Gründung des Nationalfemds zu tun haben, auch vom rein menschlichen Standpunkt interessant, etwas Derartiges kennen zu lernen. In der Welt, die doch wahrlich mit kollektivistischcn Wirtschaften nicht allzu besät ist, bekommt man ja nicht oft einen solchen Anblick. Indel auch in Dagania ist noch alles frisch, ist die Verangenheit noch nicht fünf Jahre alt; auch diese! ersuch zwingt uns also zu einer gewissen Reserve vor allem deswegen, weil eine besonders wichtige Frage noch völlig ungelöst ist. Die Siedelung, welche durch ihren Eifer und durch ihre Leistungen die ganze Stimmung des herrlichen Erdenwiukcls au: dein sic schafft, noch erhöht, bietet ein ganz snezi fisches Milieu. Wir sehen nämlich wohl kräftig! Jünglinge und Iiingfratien in der Kolonie, also eim vielvcrspdiheude Jugend, aber nur eine einzige Fa nulie, die zudem erst jüngsten Datums ist. Mit Bangei fra^l man sich, was aus dieser Genossenschaft wer den wird, wem! alle die sympathischen Jünirlim* Familien gründen werden, ob auch dann der Grund Maximen auf dem der Genossen aufgewisse Abstufung Indes, cs gibt an- &