Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1914)
- Date
- 1914-07-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 300 J U EPISCH E RUNDSCHAU Nr. 28 Für die heutigen Jungen bedeutet der Zionismus weder eine Uebcrlcgung noch die Zuflucht aus quälendem Zweifel. Für uns ist er das Erlebnis der eigenen Kraft. Und unsere Jugendlichkeit war ein so guter Mutterboden für dieses Erlebnis, daß jedes Wenn und Aber daneben versank. Wir sind heute schon über die Jugendpropaganda hinaus in die Jugcndbc- 1wegung gelangt. Wir spüren schon, daß wir eine Gemeinschaft bilden, die den Zionismus nicht mehr als ein Diskussionsthema betrachtet, sondern als die Kraftquelle empfindet, auf der sic ihr freies jüdisches Leben aufbaut. Schüler-, Turner- und Wandergruppen durchstreifen die Wälder; aber nicht mehr wie einst bestaunen oder verehren oder bekritteln sie den Zionismus als das große Unbekannte, nein, sie lieben ihn innig als das, was allein ihnen die Möglichkeit gab, heiter und unbefangen jüdisch zu leben, jüdisch-jugendlich. Sie meiden die Gesellschaft jener, die sie zwingen, dieses ihr reinstes Erleben zu mildern, zu dämpfen, zu verleugnen, zu neutralisieren. Sie wollen nicht immer mit Juden Zusammensein, von denen sic spüren, daß sie kein Verständnis haben für die Rciclitümer ihrer Seele, die glücksfrohe Kraft ihres Blutes. Sie wollen nur unter sich ehrliche Lebensgemeinschafteu bilden. Wollen ohne Hemmungen in jeder Sekunde ganz sein. Einfach so sein, wie sie sind. Wesentlich sein. Besser: Seiendes ausströmen lassen. Wollen ohne scheue Rücksichtnähme auf ein neutralisiertes Vereinsstatut in ihren Wollen, ihren Liedern, ihren Gefühlen und ihren Spielen unbegrenzt ehrlich sein dürfen. Sie wollen nicht propagieren, sondern höchstens: sieh miftcileii. Sie wollen nicht Politik treiben; sie wollen nur dies: unbefangen leben, voll jüdischer Kraft. War es nicht die Sehnsucht nach Unbefangenheit, die uns zwang, uns von nichtjüdischer Gesellschaft zu trennen? Unbefangenlieit, diese unsere tiefinnerste ethische Forderung, ist nur möglich im eigenen Kreise. * Was uns erfüllt, ist die jüdische Kraft. Diese aber ist absolut und drängt zur absoluten Betätigung. Ihr Wesen ist: milde und friedlich, unbekümmert um anderes und fern jeder Relation, durch sich selbst zu wirken. Tut cs 110t, so setzt sie sicii zur Wehr. Aber auch dann kennt sie nur den Schatz zweier Worte allein: Kampf und Sieg. Worte aber wie Taktik und Politik die leiden wir nicht! Einmal: weil wir stark sind. Dann aber: weil wir jung sind. Weil wir stark sind: nie hat jüdische Kraft bekehrt; sie hat nur gewirkt und bezwungen. Nie hat sie doziert; sic hat nur verkündet und überwältigt. Nie hat sie nach Taktik gefragt und (so begründet Goslar in der ״Solbstwchr“ seine Leipziger Resolution), ״aus taktischen Gründen es für angebracht gehalten,“ eine Gemeinschaft aufrcchtzuhaltcn, die keine ist. Stets hat sie, unbeirrt und unbeirrbar, noch Im Feuerstoß sich ihre Eigenheit und Reinheit bewahrt. Wir wollen unser Verhältnis zu Nichtzionisten nicht durch Taktik regeln, denn die jüdische Kraft ist in uns! Wir sind aber, vor allem, auch jung. Und wenn wir zugestehen, daß eine Organisation, ein politisches Instrument in der Hand reifer Männer, politisch geleitet werden muß — eine Jugend bewegung hat sich davon fernzuhalten 1 Was läßt uns denn unsere ganz Jungen so lieb haben, wenn nicht die herzhafte Unbckümmertheit und Selbstverständlichkeit, mit der sie sich geben, wie sie sind? Und schon mit zwanzig, zweiundzwanzig Jahren verzichtet man auf das Vorrecht, freimütig sich selbst zu bckennen? Verliert den Mut, taktische Fehler zu begehen? Ist nur noch bestrebt, taktische Heldentaten zu vollbringen, ganz gleich, ob darüber die ganze Kraft, die ganze Jugendlichkeit und Unbekümmertheit in die Brüche geht? Wir Jungen sind nicht dazu da, geschickt zu manövricrcn, wir haben in jeder Sekunde absolut ehrlich zu sein. Wir haben überhaupt nicht zu wissen, daß es vielleicht geschickter oder ״taktisch angebrachter“ wäre, einen Teil seiner Kraft zu verbergen! Das war cs, was Viele gegen die Resolution Goslar stimmen ließ. Nicht die Befürchtung, daß uns die Arbeit im neutralisierten Verbände schaden könne, da sic diesen stärke — nein, wir sind schon viel zu stark, als daß wir ein neutralisiertes Judentum noch zu befürchten brauchten. Aber daß wir an unserer Jugendlichkeit Schaden leiden, daß unsere Kraft nicht mehr der Kraft unserer Väter gleichen würde, sobald wir bcginiien würden, taktischen Verlockungen zu folgen, d a s befürchten wir. lieber die Resolution saßen die Politiker zu Gericht, nicht die Jungen. Darum wurde sie angenommen. Es mag vom taktischen Gesichtspimkt aus gut sein. Uns aber kann nichts daran hindern, zu bekennen, daß wir es dennoch hedauern. Und zu erklären, daß wir mit aller Kraft uns abgreuzeii werden gegen jeglichen Versuch, unsere Integrität mit Waffen der Talüik zu untergraben, Und daß wir mit aller Kraft daran arbeiten werden, uns ein Haus zu bauen, in dem wir, frei und unbefangen, ein zionistisches Leben führen können. Diesem Ziel galt unser Vorhaben, zionistische Jugeudvcrcinc zu gründen, zu stützen, zu vergrößern. Und wer das Gefühl dafür lmt, daß es im tiefsten Sinne ein Gebot der Sittlichkeit ist, unseren Jungen die Möglichkeit eines ganz lauteren, ganz wahrluftigen Lehens zu verschaffen, der wird uns helfen. Anne Salomons hier kürzlich geäußerte Befiirchtungcn aber werden wohl durch das, was hier gesagt wurde, innerhalb der möglichen Grenzen widerlegt sein, ohne daß cs einer Polemik bedürfte. Heinrich M a r g u 1 i c s. Ausweis Schekel t Allenstein 11,—, Berlin 22,—, Beuthen 10,—, Breslau 100,—, Dt.-Eylau 1,—, Frankfurt a.M. 23,-, Freiburg 41,—, Heidelberg: Verbindung Cha*. moniia 19,—, Meiningen 1,—, Mülhausen i, E, 53,—, Rybnik 2,—, Siegburg 28,—, Steffin 32,— M. Landesbeiträge: Berlin 1,—, Beuthen —,50, Dt.. Eylau 3,—, Frankfurt a. M. 39,—, München: Verbind, int K. Z. V. Jordania 36,—, Mülhausen i, E, 147,— M. Propagandafonds: Allenstein: Dr. Olitzkl, Frau Dr. Olitzki, J. Silberstein, Max Hirschheim, Martin Barczinski, Rechtsanwalt Lcsscr. Louis Lewatd, Wistinetzki scn., Frau Natalie Rchtcld, Hermann Ascher je 5,--, Rechtsanwalt Wistüictzki 23,—; Berlin: Dr. Becker 10,—, Frau Dr. Hantke 5,—, Theodor Hantke 5,—, A. Pollak 5,—, Dr. Straus 50,—, M. Wolf, steincr 30,—, Ludwig Tockus, Breslau, 10 — Beuthen (siehe Spezifikation) 50,—, L. Rosenberg, Essen, 20,—; Frankfurt a. M.: Karl Bacr 10,—, Dr. S. Schwarz. Schild 15,—; I lalbcrstadt: Martin Zimmt 10,—, Hermann Roscnthal 10,—, Isaak Feuerring 10,—, Einzel, beitrag 4,—, Hildesheim (Einzelbeitrag) 4,—, Dr. M. Smoira, Königsberg, 5,—, Dr, R. Gideon, Köln, 5.— Max Silbersohn, Massow, 5,—, Georg Eiscnstaedt, Lissa, 5,—, Max Steinberg, Meiningen. 5,—, Dr. Koschland, München, 5,—, Dr. 1. Wolf, Obertshausen, 20,—, Felix Kassel, Pcnzig (Mai und Juni), 10,—, Moritz Loewe, Sangcrhausen, 5,—, Louis Perlmann, Tilsit, (>,• M. Eingang vom 25. Juni bis 8. Juli 1914: Sehek c 1: 343,— M.; La 11 desbeitrage: 220,50 M.; P r on a g a 11 da f o n d s: 391,— M. Gesamtem gang: Schekel: 3095,—M.; Landes bei träge: 5517,- M.; Propaganda, fonds: 5012,10 M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Ver> elnlgung für Deutschland, Berlin W 15, Sächsische Straße 8! Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin W50, Hinter der Katholischen Kirche 1. Theodor Herzl und die Jugend (von Gustav S a I o m o 11, Wiesbaden-München) Schön steht der Jugend die Freude: denn wunderhübsch ist die Zeit, da man die Kräfte in sich glaubt, das Weltall umspannen, alles erjagen und besiegen zu können, Ihr ist die Zukunft. Und doch bleibt ihr Glück nicht ungetrübt; Leid erfährt sie bald, Sie wiril nämlich gewahr, daß das Konimeinte nicht alle« verheißt, daß vielmehr mich die Vergangenheit Köstliches in sich birgt, das keinesgleichen mehr kennt. Gerade ihr hat die Natur vorcntlinlteu, Epochen mit/ucrleben, in denen große Männer es verstanden, gewaltige Taten zu vollbringen. Beinahe mit Leid blicken wir auf die Alten, die damals mitarbeiten durften, während wir uns damit bescheiden müssen, ihren Berichten zu lauschen, bis vor unserem Geiste das Bild unserer Sehnsucht entsteht, Var einem Jahrzehnt ist Theodor Flcrzl von uns gegangen, und wir konnten damals seinen Verlust nicht ermessen. Wir haben ihn nicht gekannt, aber aus seinen Schöpfungen, die seinen Geist atmen, ward uns Kenntnis über ihn, Bald tritt er uns als gewandter Schriftsteller und feiner Dichter, bald als tüchtiger Organisator und bedeutender Politiker entgegen. Unserem Volke war er ein Führer, dem einzeluen ein guter Freund. Der Jugend ist er mehr. keit des Geschichtsschreibers zu wahren. Dieser Takt ist ein besonders sympathischer Zug in Friedemanns Herzlbuch. Zu dem wehmutsvollen Erinnerungstage empfangen war dankerfüllt die Gedächtnisgabe aus des Verfassers und Verlages Hand. Die Heidenpersönlichkeit Ist so gezeichnet, wie wir sie selbst uns bewahren und unseren Kindern zeigen wollen. Und über die Grenzen der zionistischcn Organisation hinaus wird das Buch die Befriedigung der Leser gewinnen. Sie werden einen Großen in Israel kennen lernen, den! die Tragödie seines Volkes Herz und Sinne ergriff und dessen Leben selbst zur Tragödie ward. Sie werden näher treten einem Menschen, der, so reich auch sein Leben war, so eng es ihn auch in Berührung brachte mit allen Schichten seines von ihm so heiß geliebten Volkes und mit den Lenkern der nationalen Geschicke der großen Kulturvölker, doch die Tragik des Schick* sals großer Männer verkörperte, die Einsamkeit, Dr. M o s e 8 - Mannheim'. Das Leben Theodor Herzls Von Adolf Friedemann (Jüdischer Verlag.) Ich weiß nicht, ob jemals von denen, die mit und um Herzl gelebt haben, die Herzl erlebt haben, einer die Gestalt und Wirksamkeit unseres großen Toten in objektiver Dar- Stellung wird würdigen können. Wir stehen ja alle mach zehn Jahren noch im lebendigen Zauberkreis seiner Ideaigcstalt und jetzt, wo zum zehnten Male sich der dies ater von Edlacli erneuert, fühlen wir die Wunde, die sein frühzeitiger Tod geschlagen, so brennend und flatnmciul wie am ersten Tage. Der Verfasser der neuen He r7.1 bi ogr aph i e , die von dem Jüdischen Verlage als' Erinnerungsbild! zum Zehnten Todestage mit vieler Liebe und Sorgfalt ausgestattet wurde, hat stets Herzl treue Gefolgschaft geleistet. Die persönlichen Erinnc* ruugen im die Zeit, wo er in Herzls körperlicher oder geistiger Nähe weilte, bewahrt er als seinen kostbarsten Lcbcnsscliatz. Und so verrät jeder Satz in dem Buche die Hingabe des Verfassers an die suggestive Gewalt, in die Herzl seine Getreuen weit über den Tod hinaus zwingt. Um so höher ist unsere Bewunderung, daß Fr i cd ein an 11, dessen schriftstellerische Qualitäten in unseren Reihen, besonders nach seinem feinen Palästinabuche, große Wertschätzung genießen, es meisterhaft verstanden hat, in ruhiger Sachlichkeit das Lebensbild Herzls vor uns entstehen zu lassen. Von jeder Ucbcrschwänglichkeit, zu der ihn das volle Herz hätte treiben können und die man ihm ja äuch hätte verzeihen müssen, hat erdie Darstellung bewahrt, er läßt die Tatsachen reden und belegt sic durch mit feinem Geschmack uusgewählte Auszüge! aus Herzls Reden, Gesprächen, Briefen und Aufzeichnungen. So wächst in einem eng gespannten Rahmen die heroische Gestalt Herzls gleichsam aus sich selbst heraus, Herzls, des Menschen, des Schriftstellers, des Juden, des Führers und Helden. Wo die meisten Personen, mit denen Herzl sein zionistisches Wirken verband, noch am Leben sind, wo viele Geschehnisse noch den Charakter des Aktuellen tragen, bedurfte cs einer beson״ deren taktvollen Feinfühligkeit, die Unparteilich-