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Jüdische Rundschau · 1914-07-10 · Heft 28 (10.7.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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PvH Cd La «״׳־׳/ V J O f~ c. 1) ח r~y p [! r~ '' { -«*. 1 kJ v ׳׳״ ^— J kJ ü Nummer 28 XIX.Jahrgang. Theodor Kcrzl Wir gedenken Theodor Herzls nicht nur an den Herzl-Gcdenktagcn, und darum ist cs an diesen Tagen fast unnötig, seiner anders zu gedenken als sonst. Unsere Bewegung, unsere Ai heit, all unser Tun ist von ihm erfüllt, genau so, als ob er noch heute lebte oder als ob er nach einem vorweltlichen Dasein unter die Gestirne und Heroen der Mythe entrückt wäre. Er ist uns nicht• ein Mensch, er ist uns ein Symbol, ein Mythos. Er ist der reine Held, der ein Ideal hatte und keines mehr, der der ausschließlich einen Idee lebte und starb, in dem nichts mehr von Selbstsucht, von Kleinlichkeit, von Rücksichtnahme auf andere oder auf sich selbst Platz fand. Nur ihm, einer solchen im reinsten Feuer brennenden Seele war es möglieh, die Doppclstcllung zu haben, die sein liistorisches Bild bestimmt: daß er sein Volk nufrief zum Kampf gegen alles Unechte, gegen alles Halbe, gegen alles Bedingte, daß er selbst diesen Kampf anfing und führte mit einer Unbeirrbarkeit, mit einer Kraft, mit einer Rücksichtslos!״- keit, neben der alles, was man beute Radikalisnuis nennt, als schwächlicher Opportunismus erscheint; und daß er gleichzeitig der Politiker war, der ׳mit den Mitteln des Politikers, mit Klugheit, Zähigkeit und mit verdecktem Spiel erreichen wollte, was er doch nicht erreicht hat, den politisch und öffentlich-rechtlich anerkannten Rahmen für den Wiederaufbau des gereinigten und erneuerten Volkstums. Uns Junge ergreift an jener heroischen Zeit, da der Zionismus sich der Führung lierzls rühmen durfte, jenes erstere ain stärksten. Wir hören von Hcrzls politischen Erfolgen beim Sultan, bei dem Großherzog von Baden und bei Kaiser Wilhelm; was uns packt, was unsern Herzschlag aussetzen läßt und uns mit tiefster Rührung erfüllt, ist etwa die Szene in Basel, als der Zug der Baseler Patrioten vor dem Kongreßhause und vor der Gestalt Herzls den Ruf erschallen ließ: Hoch die Juden! Denn dieser Ruf galt keinem erfolgreichen Politiker; er galt der neuen jüdischen Jugend und ihrem Führer, er galt dem neuen Mut und der neuen Wahrheit, der inneren Frei- Beit, die sich diese jüdische Jugend erkämpft hatte. Wenn wir Spätergebotenen, wir nach Herzl Gekommenen von Herzl lesen, wir Jungen: da bewundern wir die rastlose Tätigkeit, die U11summe von Leistung in so wenigen Jahren; aber was auf uns wirkt, daß cs in uns wieder Tat werden will, das Ist die unermeßliche Kraft der Erhebung, des Aufschwunges, der Ruck nach oben, der durch Herzl in das jüdische Leben kam, von dem wir in der zionistischen Bewegung so viel spüren und der allein das zionistische Leben lebenswert macht. H u g 0 H e r r m a 11 n. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Offenillch-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina.״ Baseler Programm. Die jüdische Kraft ln den Jahrhunderten der Verbannung und des Leids bewahrten sich die Juden als ein Heiligtum: ihre Hoffnung. Einst würde der Tag kommen, so träumten sie, an dem sie wieder ihr jüdisches Leben würden leben dürfen, an dem sie ihr Wesen würden zur Schau tragen können ohne Furcht vor dem fremden Pöbel und ohne Scheu und Scham vor den Völkern. Dann kam einer, von Zeit zu Zeit, und gab sich für den Retter aus und lockte und versprach. Und man glaubte ihm, denn cs war viel inbrünstige Er- Wartung im Volk. Aber er trog und ließ tieferes Leid und qualvolleren Schmerz, als vor ihm gewesen. Stets trug er, wenn er wieder in die Mitte des Volkes trat, ein erneutes Gewand, im Sinne der Zeit, damit man ilun leichter Glauben schenkte. Bald kam er als der von Gott Gesandte, bald als ein Verzückter, bald als ein Mächtiger der Erde. Und schließlich, als man irre wurde an jeder menschlichen Gestalt, da kam er als der reine Geist und nannte sich Humanität, Zivilisation. Aber auch dieser Messias war falsch. Und da verloren wir das Vertrauen auf den Helfer. Der Zionismus ist die Zuflucht der Juden, die nicht mehr auf den Helfer warten. Er Ist der Kampf gegen den falschen Messias. Die Betrogenen besannen sich der eigenen Stärke, und sie schämten sich, daß sic auf fremde Hilfe warteten. Zwar fanden sie sich schwach an Zahl und inmitten von Feinden. Und keine Waffe blieb ihnen als die jüdische Kraft. Aber in dieser allein erkannten sic den wahren Messias. * Keine andere Waffe blieb dem Zionismus als die jüdische Kraft. Jene Kraft, die Jahrtausende hindurch aus jedem Krämer einen Helden, aus jedem Schnorrer einen Bekenner machte. Lauter und bewahrt ging sie von Geschlecht zu Geschlecht, umschlang die Vielen, die Weitversprengten, als ein eisernes Band und einte die über die Weit Verstreuten zu einer unbesiegbaren Einheit: Eine Kraft, ein Volk! Sie allein blieb bestehen. Kein Mächtiger, kein Volk, kein Freund hielt uns die Treue. Sie trogen alle und waren ohne Verlaß. Die jüdische Kraft allein blieb bestehen. Und nur sie gibt uns das Recht, jetzt mehr denn je, obwohl wir schwach sind und inmitten von Feinden, zu vertrauen und unserem Traum von der jüdischen Freiheit entgegenzuleben. Darum wissen wir, daß aus keinem, anderen Quell unsere Hoffnung Erfüllung finden wird, als aus der jüdischen Kraft. Und alle Versuche, mit anderen Waffen, mit anderen Freunden das Ziel zu vc!־wirklichen, sic mögen mit noch :so viel Waffengerassel ertönen, mit noch so viel Machthabern prunken — wenn sic nicht von der Kraft getragen sind, werden sie vergehen wie Spreu im Wind. * Kongresse dienen nicht nur der Meinungsklärung. Nicht nur dem programmatischen Wegweisen für die nächste Strecke. Sic sind am wesentlichsten als Kraftmesser. Andere Bewegungen vielleicht als die unsere mögen den Wert ihrer Tagungen in den ״Geschehnissen“ und ״Beschlüssen“ sehen. Wir aber, die wir kein anderes Arsenal haben als das unserer Kraft, die wir nur wissen, daß wir leben, wenn wir spüren, daß die Kraft in uns ist, wir horchen bei solchen Zusammenkünften nicht so auf die Worte, die fallen, als auf den Klang, den sie haben. Und mühen uns zu scheiden den Klang der blanken Kraft von dem Geklirr der Scheidemünze. Und lauschen und horchen: ist das die Kraft, die Kraft unserer Väter? Die Kraft der Unbedingten, der Wahrhaftigen, der Einfachen? Oder ist es die Schwäche der Entwurzelten, der haltlosen Taktiker, der Diener nach links und rechts? Denn wesentlicher ist die Kraft als die Riehtung. Nur die Kraft ist absolut, die Richtung aber liegt in der Zeit. Wer in Leipzig war mit dieser Frage im Herzen, wird froher zurückgckelirt sein als jene, die nur an der Polemik Freude finden. Man sagte uns dort, daß der Zionismus ursprünglich etwas ganz anderes gewesen sei, a|s das, was er jetzt ist; daß er damals ein staatsrechtliches Programm verkündete, dem sich jeder anschließen konnte, ganz gleich, aus welcher Gesinnung, ganz gleich aus welchem Lager. Und daß man erst jetzt die jüdische Kraft in uns als Voraussetzung proklamiere. Was sagen uns diese Worte! Früher waren wir eine Partei, hieß cs, jetzt eine Sekte. Warum? Nur weil wir jetzt haben, was uns damals, was jeder Partei vielleicht fehlt: die Gemeinschaft und das Vertrauen auf unsere Kraft allein? Spielte den» scharfen Logiker hier die Logik nicht einen Streich? Waren die deutschen Freiheitskämpfer, diq ,griechischen, die italienischen —• waren das Sekten? Gewiß, von der Partei sind wir schon weit entfernt, fast so weit, wie das deutsche Volk 1871 von den deutschnationalen Parteien des Vormärz. Aber nicht zur Sekte, nein, zum Volk sind wir wieder geworden, zur Gemeinschaft derjenigen, die die gleiche Kraft verwahren, und die sich fühlen als Kraftbehälter, welche nur als Einheit dem Werke dienen. Wir verlangen von Keinem ein Bekenntnis zu einem Einzelnen unter uns: zu Buber nicht, und nicht zu Achad Haan», und zu keinem sonst. Aber was uns heute als selbstverständlich gilt, ist, daß nicht jeder zu uns gehört, der den Parteibeitrag entrichtet, sondern daß wir nur den zu »ins zählen, der die jüdische Kraft, die Gemeinschaft unseres Volkes spürt, und sich als ihren Verkünder fühlt. * Dies haben wir erreicht. Aus jeder Rede klang der Jubel, daß wir den Weg zueinander hatten finden können — und was wir jenen Männern des einstigen Zionismus entgegenhielten, war keine Kampfcslosung, war nur ein Wort schmerzlichen Bedauerns, daß zu ihnen der Weg uns, daß ihnen zu uns der Weg verschlossen schien. Aus jeder Rede klang did Freude an dem freimütigen und wahrhaftigen jüdischen Leben, das zu führen uns jetzt wieder vergönnt ist. Aber um des Ergebnisses willen, welches die Abstimmung des zweiten Tages ergab, als über uns, die Jungen, gesprochen wurde, muß hierüber einiges gesagt werden.

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