Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 Seite 293 Sprache» die cs vor anderthalb Jahrtausenden im Exil verloren, wiedergewiniit und die uschkciiasischeu mit den sephardischen Juden sprachlich wieder vereinigt• In Palästina erwachst ein neues jüdisches (leschkcht, das nur noch eine Sprache kennt, die ganz der Judcnhcit zugehört, die tieist von ihrem üeist ist, die heilige Sprache ihrer Väter: das Ilebritische. Seltsam mutet es an, wenn wir hören, dall in den jüdischen Kindergärten die Lehrerinnen mit den Kleinen nur hebräisch sinken und sprechen. Mit den Kindern und mit ihren Liedern ist die hebräische Spiaehc in die breiten Schichten des• Volkes gedrungen. Miiehti(׳ .arbeitet auch die jüdische Intelligenz au der Wiedergeburt der hebräischen Sprache umi gerät aullcr sich vor Zorn über das Ansinnen, dall nicht Ilebrätsch die Unterrichtssprache des jüdischen Instituts für tcchnisdhe Wissenschaften in Haifa sein soll, ücw iß geht es bei dieser Wiedergeburt iles I lebräischeu zuweilen etwas stürmisch und gewalttätig zu. Mau darf jedoch nicht vergessen, dal) es in der Weltgeschichte noch jedesmal etwas laut hergegangen ist,wenn Neues im Werden war. üanz ohne l anatisiiiiis hat sich noch nie ein Wandel im Völkerlebe,11 vollzogen. Einen Mittelpunkt der jüdischen Kultur soll die kommende hebräische Universität in Jerusalem bilden, deren ürümlung der letzte Zionistenkongrel) beschlossen hat. Das sind alles freilich nur Anfange, die aber doch zeigen, mit welchem Ernst hier kulturell gearbeitet wird. In Deutschland glaubt mail oft die Bedciituugsiosigkeit des Zionismus mit dem I linweis dartun zu können, daß er die europäische Judeufrage nicht zu lösen vermag. Gewiß kann der Zionismus nichts dazu beitragen, dall den deutschen Juden der Zugang zu den ihnen vorenthalteiien Stellen geöffnet wird. Dagegen scheint mir die Dichterin Ricarda Ihicli durchaus recht zu haben, wenn sie \om Zionismus eine Hebung des Ansehens der Juden auch in Deutschland erwartet; die Gründung eines Gemcinwesens von Juden auf ihren allheimischcn, ihnen heiligen Stätten erfüllt sie mit Bewunderung, und sig glaubt annelmien zu können, ״dal) alle Nationen, die sich nur allzu gern brcpicmcr Verachtung hingaben, solange sie die Juden als Eindringlinge he- | traclitelen, bereit sein werden, das wiedergeborene, selbständige Volk zu bewundern, dem alle curopäisehen Kulturen so viel verdanken“. Die Befürchtung der sogenannten Assimilanten, daß die zionistische Eroberung Palästinas den gesellschaftlichen Antisemitismus in Deutschland stärken könnte, beruht auf einer vollständigen Verkennung der Völkerpsychoiogie." Hierauf bespricht er die Einwiindc der sogenannteil ״alljüdischen“ Richtung gegen den Zionismus, die er aber ablehnt, und schließt: ״Freilich, daran ist nicht zu denken, daß die jüdisclie Kolonisation in Palästina schon jetzt einen erheblichen Teil der jüdischen Auswanderer aufnehmen könnte. Man denke daran, daß von 1881 bis 1908 zirka z.wei Millionen Juden von Osteuropa nach Amerika wanderlen. Trotzdem ist die Zahl der Juden in Russisch-Polen, Galizien und Rumänien nicht geringer geworden. Die erstaunlich hohe Ocburtenziffer der osteuropäischen Juden hat die durch die Auswanderung gerissenen Lücken in der Bevölkcruny schnell wieder gefüllt. Ucbcr die Be* dcutung, die Palästina und seine menschenleeren Nachbargebictc für die jüdische Auswanderung späterhin gewinnen können, schon jetzt etwas Bestimmtes zu sagen ist daher unmöglich. Nicht vergessen darf aber werden, daß die grollen Bewässerungsarbeiten (man denke an die in diesem Jahr von deutscher Arbeit und deutschem Kapital vollendeten Anlagen zur Bewässerung der riesengroßen Ebene um Konia) 111 der asiatischen Türkei bald einen empfindlichen Baucrnmangel hervorrufen werden, der ganz von selbst dazu führen wird, daß Palästina und seine Nachbargebiete Von den Fellachen teilweise geräumt werden, da sich ihnen an anderen Stellen bessere Lehensbeilingtingen bieten. Dem türkischen Staat kann aber die Besiedlung der menschenleeren Gebiete in Syrien unter zionistischer Leitung nur willkommen sein. Somit bleibt die jüdische Kolonisationsarbeit in Palästina ein Werk von weittragender Bedeutung, das schließlieh auch vorbildlich werden kann für jüdische Siedhingen an anderen Stellen der Erde. Das Programm der palästinensischen Kolonisation: räumliche K011zentration der Bevölkerung unter Umschichtung der Berufe zur Landwirtschaft hin, stellt in einer Zeit, da fast alle Staaten in der alten und neuen Welt sicli gegen die Einwanderung der osteuropäischen Juden ah/iischlicßen beginnen, eine Möglichkeit dar, um für die aus dem europäischen Osten auswamlcnulcn •Judcn irgendwo ein sicheres Asyl zu schaffen. Von diesem Standpunkt aus gesehen, kann man dein Zionismus in der Tat das Verdienst zusprechen, den , CK gefunden zu haben, der einmal zur Lösung der osteuropäischen Judenfrage führen könnte, obwohl an ihre Lösung für die Gegenwart schwerlich zu denken ist. Wie sich'aber audi immer der kolonisatorische Erfolg des Zionismus in Syrien stellen mag, der Zionismus bleibt auf jeden Fall eine Bewegung edeldenkender, im besten Sinn sozial- und nationalgesinnter Männer und Frauen, die ihre nationale Geistigkeit im Interesse der ganzen Kulturmensch- »eit erhalten und fortgcbildet wissen wollen, und die zugleich die geknechteten osteuropäischen Juden vp11 dein Gefühl der Heimatlosigkeit befreien und eine neue Stammheimat schaffen wollen, in der sic aus der tiefen Nacht sozialen und nationalen Elends zur Freiheit und Menschenwürde emporzudringen vermögen.“ J UED1SCHE RUNDSCHAU Für die Würde des Judentums Ein Freund unseres Blattes übermittelt uns folgeiulcs Zirkularsehreihen: Hannover, den 22. Mai 101 i. P. P, Sie entschuldigen, wenn ich durch diese Zeilen Ihre Zeit ein wenig־ in Anspruch nehme. Der Zweck ist der, alle jüdischen Geschäftsinhaber zu bewegen, sieh der von bis jetzt ca. .'1300 < iescliäflsinliahern aller Branchen (ausgenommen Bäcker, Schlächter und Blumenhändler) unternommenen Linreiehiing einer Petition bei den Magistraten llammver mul Linden behufs Erlaß eines Ortsstaluts für völlige Sonntags r u 11 e, anzusdtliellcn. Alle Städte, die bis heute die Sonntagsruhe haben, sind sehr zufrieden damit und es hat sielt auch keilt Rückgang des Bedarfs geltend gemacht. Da diese Bewegung nun hier in Hannover und Linden solch große Ausdehnung angenommen hat, so wäre es wünschenswert (nach Rücksprache mit mehreren jikliselten Herren), dal) sämtliche hiesigen jüdischen Geschäftsinhaber sich der Bewegung anschliellen möchten, um so den christlichen Geschäftskollegen zu zeigen, daß wir gesonnen sind, mit ihnen zu grellen lind uns nicht gegen ihre Wünsche zu sträuben. Allein schon deshalb, um eventuell antisemitischen Strömungen die Spitze zu nehmen. Wir könnten uns tun so mehr der Bewegung «!»schließen, da wir geschäftlich ernstlich keinen Schaden zu befürchten Italien und durch unseren! Entschluß bei den christlichen Mitbürgern moralisch wie politisch einen nicht hoch genug zu veranschlagenden guten Eindruck hervorrufen würden. Nebenbei möchte ich noch darauf hinweisei», daß die Absicht besteht, daß sämtliche Ladeninhabcr für die Sonntagsruhe ein Plakat erhallen, welches hierauf hinweist und in der Tagespresse um Bevorzugung dieser Geschäfte durch das Publikum ersucht werden wird. Der Eindruck wird seine Wirkung nicht verfehlen und das Publikum würde cs gc* r a d e den j ü d i s c h c « Geschäftsinhabern hoch anrccltne 1!. Hierbei sei noch bemerkt, daß demnächst große öffentliche Versammlungen veranstaltet werden sollen, bei denen die Mitwirkung großer Verbände der Beamten, Hausfrauen und auch die Kirche mitwirken werden. Wir versprechen uns sehr viel davon, wenn es da von den jüdischen Firmen heißt, daß sie diese Bewegung unterstützt haben. Da ich dem Ausschuß für völlige Sonntagsruhe angehörc, darf ich wohl um Ihre Unterschrift auf beiliegendem Formular und möglichst umgehende Ein- Sendung desselben mittels ebenfalls beigefügtem Freikuvert bitten. Bemerkt sei auch noch, daß fast sämtliche Ladeninhaber von Hannover und Linden unterschrieben haben außer ca. 4—5 der größten Geschäfte. Hochachtungsvoll H, Blumenthal. PALAESTIMA-RUNDSCHAU Einwanderung in Palästina ln den letzten Monaten hat die jüdische Einwandc* ning nach Palästina eine starke Zunahme erfahren. Fast jedes Schiff brachte große Gruppen von Emigrauten, die die unhaltbare Lage in ilircn bisherigen Wohnländern zur Auswanderung getrieben hatte. Außer Rußland und Galizien sind neuerdings die früher ottomanischcn, jetzt unter griechischer überholicit stehenden Balkangcbictc, Herde der Emigration. Es sind bereits eine erhebliche Zahl von hmigrauten ans diesen Gegenden in Palästina eiligetroffen, die als ehemalige Ottomanen ein besonders wertvolles Koloiiisationselement bilden. Infolge dieser Steigerung der .Einwanderung, die ein erfreuliches Zeichen für die Zunahme des überall einsetzenden Interesses für das Land Israel darstellt, sind alle Maßregeln getroffen, um den Strom der Zuwanderung in geregelte Bahnen zu führen. Es liegt jedoch int Interesse eines gesunden Fortschritts des jüdisehen Kolonisationswcrkcs, daß die Einwanderung ohne jede Uebcrstürzung vor sich geht. Die Rücksicht auf die Landcsvcrnältnissc Palästinas gestattet ein stetiges, aber vorläufig nur langsames Tempo der Zuwanderung. Es gibt zahlreiche Leute, für die Palästina als Einwanderungsland in Betracht kommt, aber auch sehr viele, die wegen ungenügender Mittel oder mangelnder Berufskenntnisse in Palästina jetzt absolut keine Existenz finden können, Ls ist daher dringend zu e nt p f c h Icn, nicht aufs Geratewohl unter Umgeh u ng der zuständigen Informationsstellen in Palästina und den Emigrationsländern zu handeln. Ucber die Möglichkeit der Ansicdlung in Palästina erteilt das Palästina-Amt in Jaffa (Adresse: Dr. A. Ru pp in, Jaffa) bereitwilligst Auskunft. Von den zionistischen Schulen in Palästina Das Jerusalemer Lehrerseminar, Knabenschule und Mädchenschule, sowie die städtische Mädchenschule in Jaffa sind von den zuständischen türkisehen Behörden legalisiert worden. Die Jerusalemer Mädchenschule leidet an dem Mangel eines ausreichenden Schulgebäudes. Infolgedessen mußte zirka 20 Mädchen die Aufnahme verweigert werden. Sowohl die Jerusalemer als auch die Jaffacr Schule, die jetzt unter der Leitung des Dr. Marscltak steht, haben eine ausgesprochen positiv religiös-nationale Richtung. Dieser Umstand erregt die Unzufriedenheit mancher freisinnigen Kreise, die auch in heftigen Zeitungsartikeln ihren Ausdruck findet. Demgegenüber ist das Gros der Bevölkcrung auch in Jaffa mit dieser Richtung sehr zufrieden, was auch in der steten Zunahme der Schülerzahl seinen Ausdruck findet. Jetzt beginnen bereits Schüler aus Rußland für die hebräische Realschule in Haifa cin/utrcffcn, und täglich häufen sieh diesbezügliche Anfragen aus Rußland. Das gleiche gilt vom Jcrusalcr Hebräischen Gymnasium und von der landwirtschaftlichen Mittelschule in Pcthach-Tikwnh, welche bereits 48 Schüler zählt, darunter 27 aus Rullland. Es wäre im .־tilgemeinen und auch im Interesse der Schüler selbst zu wünschen, daß tlie Schüler sich immer mehr auf die einzelnen Schulen verteilen, d;1 in Jaffa die Wolimmgsnot bereits bedenkliche Formen angenommen hat und für viele Schüler die hohe Miete einfach unerschwinglich ist. Eröffnung einer Filiale der Anglo- Palestine Company In Gaza Diese Woche ist in G a z a, der südlichsten und Aegypten am nächsten gelegenen Stadt Palästinas, eine Filiale der Anglo-Palcstine Company, der Zionistisehen Pal.istiuabank, eröffnet worden, ln Gaza besteht seit altcrsher eine jüdische Gemeinde, die aber in letzter Zeit immer mehr zusainnienschrumpft. Hoffentlich gelingt cs der Filiale des jüdischen Institutes, an deren Spitze der auch durch seine literarische Tätigkeit bekannte Abraham limalech tritt, zur Stärkung der dortigen Gemeinde bei zutragen. Die Gegend von Gaza eignet sich vorzüglich zur Anlegung von Trockcnpflanzungcn. In den letzten Jahren entstand dort die Siedlung Ruchamah, etwa zwei Stunden von Gaza entfernt. Die relativ niedrigen Bodenpreise werden die Anlegung weiterer Siedhingen veranlassen, AUS ALLER WELT Die Aufhebung des Waidhofener Beschlusses dementiert Die Nachricht, daß die deutsche Studentenschaft aufhören will, einem ganzen Volke die Ehre abzuschneiden, bewahrheitet sich nicht, und die Bchauptung der Wiener Blätter, die österreichischen Burschensehn ft er hätten zu Pfingsten in Marburg beschlossen, künftighin nicht mehr jedermann für ״der Ehre bar“ zu erklären, den eine jüdische Mutter geboren hat, wird energisch dementiert. Es ist lediglich den führenden Helden der ״Deutsch-arischen akademischen Bürgerschaft“ in Marburg nicht gelungen, eine Verschiirfung des Waidliofencr Standpunktes durchzusetzen und alle deutschnationalen Studenten zur Anerkennung des sauberen Prinzips bedingungslos zu verpflichten. Dänemark und die russischen Juden Auf Initiative des Oberrabiners Dr. Schornstein und mit Unterstützung der angesehensten dänischen Juden hat sich in Kopenhagen ein Verband ru ss ischer Juden in Dänemark gebildet. Dieser Verband ist eigentlich eine Organisation zum Schutze der rassischen Juden, gegen welche die dänischen Behörden in letzter Zeit nach bekanntem Muster eine Ausweisungspraxis ausüben. In den letzten Jahren sind aus dem russischen Reiche nicht nur zahlreiche Juden, sondern auch ״echte Russen“ und ״Polen“ in großer Anzahl eingewaiidert, welch letztere durch Ihr unbotmäßiges Verhalten den Gerichtsbehörden viel zu schaffen geben. Die Regierung hat nun sehr scharfe Maßnahmen gegen alle Hussen, so auch gegen die russischen Juden, verfügt. Der erwähnte Verband hat den Zweck, die nichtjüdische Bevölkerung Dänemarks über das Leben der russisehen Juden authentisch zu unterrichten. Er hat denn auch schon in dieser kurzen Zeit seiner Existenz den Erfolg aufzuweisen, daß die nissischen Juden, die eine anständige Beschäftigung nachzuweisen vermögen, und gegen welche auch sonst nichts vorliegt, von der Ausweisung verschont bleiben. Ein Jude;1tn,französischen Oberkriegsrat General Valabritgnc ist zum Mitglied des Oberkriegsrates, der höchsten militärischen Körper- Schaft in Frankreich ernannt worden. Er ist der erste Jude, der eine solene Stelle erhält, wie er auch der erste war, der ein Korpskommando erhielt (er ist gegenwärtig Kommandant des III, Armeekorps in Rouen), Neue Beschränkungen in Rußland Die Duma beschloß mit 94 gegen 75 Stimmen, Juden von der Beförderung mit den neuen Dampfern der Donau- und Schwarze Mecr-Linic auszuschließen. Kongreß der Bnel-Brith-Logen Im^Orlent Vom 13.—16. Juni tagte in Konstantinopel der Kongreß der orientalischen Bnei-Brith- Logen, an dem Delegierte von Konstantinopel,