Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651869-2651897--09726-2667074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 290 j U EDI SCHE RUNDSCHAU Nr. 27 Daseins das höchste Ideal ihres Lebens zu er• blicken. Keine Phrasen! Kein Strohfeuer 1 Nicht jeder Zionist kann und wird jiinübergehen. Nicht jeder Zionist kann und wird Kapital in Palästina in• vestieren. Aber auf die Tendenz kommt es an, wie Blumenfeld sehr richtig gesagt hat, und diese Tendenz wollte auch die vielgenannte Posener Resolution zum Ausdruck bringen. Wenn wir die Zionisten dazu erziehen, in der persönlichen Mitarbeit an dein neuen jüdischen Palästina die höchste, nämlich die schwerste und zugleich die absolut unentbehrliche Form des Zio• nismus zu erblicken, so wecken wir in tausend opferbereiten Herzen den Wunsch, selber voranzargehen und sich schon hier, durch Erlernung des Hebräischen und Vertiefung in das Judentum, mit der!rationalen Zukunftsgemeinschaft zu verknüpfen. Harte Notwendigkeiten werden dafür sorgen, daß nur wenigen der heilte Wunsch in Erfüllung geht. Aber diese wenigen müssen wir haben und sie müssen gestützt und gefördert werden durch die Hilfe und Anteilnahme der Zurückbleibcndcn. Ist das Radikalismus? Ist das eine Ucber• treibtrng? Sie meinen vielleicht, die Verhältnisse, unter denen die Juden leben, mülitcn eine solche Bewegung im Keime ersticken. Aber dann ist der Zionismus eben unausführbar, denn von dieser nach Zion gerichteten Bewegung hängt sein Schicksal ,ab. Oder glauben Sie, dieser ״reine“ Zionismus passe nur für Osteuropa und nicht für den Westen? Ach, im Osten schreitet die Assimilation ebenfalls mit Riesenschritten fort und vor allem würde der osteuropäische Zionismus mit dem westeuropäischen nicht zusammeninarschieren können, wenn dieser auf anderen seelischen Voraussetzungen beruhte. Und wozu sollen wir selbst denn noch von unserem Zionismus sprechen, wenn wir es aufgebeu, an seiner Verwirklichung persönlich mitzuarbeilen oder wenigstens das Streben nach dieser Mitarbeit in uns selbst und in den anderen Zionisten nach Kräften zu fördern? Nichts anderes aber ist der Inhalt der ״radikalen Propaganda“. — Einen tatsächlichen Irrtum habe ich eingangs aufgeklärt und ich bin sicher, daß die meisten solcher Acullerungcn, auf die Sic sich als Beweis für die Verkehrtheit der heutigen radikalen Riehtung berufen, irgendeinem Mißverständnis, irgendeinem entstellenden Bericht ihr Dasein verdanken. Das Leben Theodor Herzls von Adolf Friedemann 141 Seilen, 1 Bildnis, 2 Faksimiles, Preis: M. 2.— geb. Porto 20 Pf. Zu den bevorstehenden HERZl-GEDENKFEIERN: 1. Herzls Zionistische Schriften, mehr als 600Seiten, M.3.50 bröselt., M.5. gebd. Porto 50 Pf. 2. Herzlradierung von Hermann Struck, M. JO.—, Porto 60 Pf: 3. Herzl-Ansichtskarten in verschiedenen I Ausjührungen zum Preise von M, 4.— das Hundert, Porto 30 Pf. JÜDISCHER VERLAG Was ferner ihre Definitionen von Deutschtum mul Judentum bertifft, so werden wir uns vermutlieh leicht einigen. Es bleibt das wesentliche; Wie stellen Sie sich die Verwirklichung des Zionismus vor, wenn Sie unsere hier skizzierte Auffassung ablehncn? Odc.r lehnen Sic diese Auffassung vielleicht gar nich t ab? Erkennen Sie vielleicht dach, daß wir die geschichtliche Bedingtheit und Vielfältigkeit unseres Wesens als Juden und Deutsche, als Orientalen und Europäer so gut wie Sic begreifen? Daß unser angeblicher ״Radikalisinus“ als eine der Ihren entgegengesetzte Theorie des Zionismus gar nicht existiert? Und daß wir nur das Wesentliche und Unab* weisbare im Zionismus erkannt haben, wenn wir in der gedanklichen und gefühlsmäßigen Vor- Bereitung der Zionisten auf ein künftiges Leben in Zion die unentbehrliche Voraussetzung für die Verwirklichung des Zionismus erblicken? Wenn diese Erkenntnis in Ihnen so stark und klar sein wird, wie in uns, so muß Ihnen das, was Sic beute unseren Radikalismus nennen, morgen als realpolitische Notwendigkeit erscheinen. Die Intellektuellen Epilog zur Leipziger Tagung von Sa 111 myflronem a n n ״Hol’ der Teufel die verdammten Intcllektuclicii!“ brummte der kgl, preußische Lnndgcndnrm, stülpte sieh den schweren 1 lehn auf den kantigen Schädel, hing den regenschweren Mantel um die Schultern und warf dröhnend die Tür der Wirtsstuhe ins Schloß! ( Er hatte bestimmt bis zu dem stürmischen Abend nichts von dem Worte gehört, — der Begriff aber, den er nach den Erlebnissen des Abends damit verr binden mußte, berechtigte schon zu einem kernigen Fluche. Diese verwünschten Berliner Klugschwätzer, die da in das harndose Nest eingefallen waren und den ganzen Wirrwarr augerichlet halten. Der Teufel soll danach einen Dienstbericht machen. Der Josscl, der alte Trödeljrnle, hatte offenbar von allen dem gelehrten Zauber auch nichts verstanden, — mit •isnms und •ismus und •Ismus 1! Aber er würde schon — Doch ich vergesse, daß selbst der literarisch gebildete Leser kaum jenen Einakter kennen dürfte, den ich vor einem Dutzend Jahren zu irgendeiner Lielegenheit geschrieben habe; die zustänu'gc Zensur hat das respektlose Stück ja rechtzeitig unterdrückt und so wird die Kulturwelt nie erfahren, welche Verwirrung hei dem Herrn (iendarmen Bülmke angcrichtet wurde, als man seinen Patriotismus (Hurra! Hurra! Hurra!) kritisch analytisch in a) Hcimatsgcfiihl, b) Stamrnesbewußtsein, c) . . . bis f) zerlegte, und wie Josscl (nebbich ein großer Amhoorez) lachte, als Dr. Naphtali ihm klar machte, daß sein Judentum die Resultierende von divergierenden Kräften sei, welche .... Also mir ist mein altes, schmählich unterdrücktes Stück eingefallen, als ich den Debatten in Leipzig ztiliörtc. Es gab eine Reihe trefflicher Reden, — Oppenbeiiiicr und Blumenieid vor allen waren auf der Höhe, — aber auch die von weiser Mäßigung erfüllten Explosionen Wieners nehmen sich beim Lesen recht gut aus und zumal Friedemanns liistoriscli-plülosophiscli-theologisch-politisclier Traktat gewinnt beim nachdenklichen Lesen die Bedeutung einer Bekenntnisschrift, Aber worüber, um des Himmels willen, redet man da? Weder Josscl, noch Bülmke, noch ich können die Notwendigkeit dieser Diskussionen auf solchen Tagungen recht einsehen. Wohlverstanden: wie die Dinge einmal liegen, mußte die Aussprache kommen und muß sie auch wohl noch eine Zeitlang fortgesetzt werden. Aber das Aufwerfen aller der Problenie an sich ist doch das Zeichen einer gewissen Rückständigkeit. Welchem normalen Deutschen fällt es ein, sein Deutschtum zu analysieren oder zu disknticren, — welcher Jude in Lodz oder Warschau hätte bis vor kurzem sich den Kopf tiarüber zerbroehen, was cs heißt ״Jude sein“? Die Herren, welche sieh mit der wissenschaftlichen Ergründung aes Zionismus befassen, — von L. F. Pincus, der damit begonnen hat, an bis zu den Gelehrten der ״Freistatt", — die Herren Soziologen, Rassentheoreiiker und die um Dissertationsthcmen Verlegenen mögen sich mit den Dingen beschäftigen. Das wird sehr verdienstlich sein und gewiß oft auch sehr unten• haitsam, — aber was hat das mit unserer nationalen jüdischen Bewegung zu tun? Ich schreibe und sage ״national“ und ״jüdisch“, ganz harmlos, und c» ist mir im höchsten Maße gleichgültig, wie diese Worte definiert werden, — ob cs korrekter ist, statt national zu sagen ״völkisch" und statt jüdisch ״breitschädelig semitisch“. Ich weiß doch, von wem ich spreche und für wen ich Palästina haben will. — Wenn heute jemand kommt und mir haarscharf beweist, daß das Pcßaclifest eine altchincsischc Institution ist, die durch irgendein Mißverständnis von den Juden cingcfiihrt wurde, bleibt das Fest für mich genau so heilig und jüdisch, — wenn mir jemand nachweiscn will, daß ich nach meiner jüdischen Konstitution unter dem Klima Berlins eingchen müßte oder daß ich mich Unter den Linden fremd fühlen muß, werde ich mit demselben Vergnügen wie bisher bei Bauer auf dem Balkon mich wohlfühlcn. Der Duft der Rose bleibt der gleiche, wenn man sic auch absolut Distel nennen und beweisen wird, daß sic eigentlich ein Polyp ist. Keinem Menschen wäre cs je eingefallen, all oie spitzfindigen Fragen zu stellen, über die wir uns streiten, wenn wir in normalen Verhältnissen lebten. Gibt es einst die Heimstätte in Palästina, werden diese Probleme auch für die deutschen Juden nicht existieren. Und für unsere Freunde, die aus volljüdischcin Milieu kommen, — für einen Levin oder Wolffsohn gibt cs auch heute keine Zweifel. — Das Aufstcllcn dieser Fragen, das Sclbstanalysicren, — all das ist Blüte des Golus. — Ich erblicke wenig Unterschied zwischen Oppenheimer und Blumenfeld, zwischen Wiener und Fricdcniann vom jüdischen Standpunkt aus. Der eine will dieses, — der andere jenes beweisen; für den Unbefangenen gibt es nichts zu beweisen I Es ist so furchtbar gleichgültig für den Zionismus und für die Bewertung der Tätigkeit des einzelnen im Zionismus, welcher Rasscnthcoric er huldigt, — genau so gleichgültig wie seine Stellung zu Religion, Stenographie, Sozialismus und Okkultismus. - Es mag Leute unter uns geben, die den Begrifl der jüdischen Nation leugnen und die im Ernst* falle Leben und Vermögen für eben jene Gemein• sebaft, die sic anders definieren, opfern, — ebenso wie es Leute gibt, die allsabbalhlieh vor der Mission Israels opfern und nur an der Verblödung der Herren Missionsträger arbeiten. Krcmenczky hat ganz recht gehabt, als er einem reichen Wiener Herrn, der, statt kräftige Hilfe zu gewähren, mit Theorien anfing, ärgerlich ansdinau/te; Geben Sie das Geld und dann hängen Sie sich auf mit Ihren Theorien!! (״Aber erst dann!" schmunzelte Wolffsohn.) Ist es nicht grotesk, daß Oppenheimer erst noch sein Recht auf einen Platz in unseren Reihen bcgründen muß!? - Wir sind gottlob keine Gesell- Schaft zur wissenschaftlichen Begründung des Judentums, — wir sind das lebendige, wirkende Judenvolk 1 — Wenn unsere Bewegung eins Judentum revolutioniert hat, geschah das, weil sie eine nationale, d. h. ursprünglich den natürlichsten Instinkten der Gemein- Schaft entspringende Bewegung ist. Sie baut aut dem Unbewußten, dem Naiven in uns! Es gibt keine radikalere, nationalere Agitation als die, welche eine Debatte ihrer die selbstverständlichen Grundlagen ablehnt, feil lache jedem in sein Gesicht, unter die jüdische Nase, der das Bestehen meines Volkes leugnet, — wie ich den fiir einen Trottel halte, acr den Herrn von der Hcydcbrand oder den Justizrat Horwitz für einen besseren Bürger Preußens hält als mich. Ich glaube, cs kommt eine Generation von Juden, denen ihr Judentum, d. h. ihr Zionismus, unbewußt mit der Erkräftiguug von Geist und Körper erwächst, die es nicht nötig haben, Zionisten zu werden. — Zum unbewußten ursprünglichen Juden kann man niemanden durch Ucberredung machen; es gilt Be- (lingimgen zu schaffen, in denen jene Geschlechter herauwnehsen können. Und dazu gehört alles, was die Jugend an ihren Stamm, an ihre Familie kettet. — Anknüpfen an jüdische Traditionen und Sitten, das Judentum und seine Geschichte leben, — in den Festen und Trnuertagen, — all das schafft bessere Arbeit, als Zweifel und Probleme in jugendliche Seelen zu tragen. — Wir sind das Volk der Grübler und Zweifler, die auf jede Frage nur mit einer neuen Frage antworten. Es gilt, Positives zu geben! Und wenn mm wirklich Fragen unbeantwortet bleiben, wenn nicht allen verschlungenen Fäden bis ans Ende naebgegangen wird? Ich wage cs darauf! Alexander der Große hat die Weisen, die ihm den gordischen Knoten vorlcgtcn, arg geblufft, als er mit dem Schwerte den Knoten durchhicb. Natürlich war das keine Lösung, und die Intellektuellen waren außer sich. Aber er hatte keine Zeit, er hatte Wichtigeres zu tun; wer die Welt erobern will, muß den Knoten durchhaucn. Knoten durch hauen! — Ich hätte das über meinen Epilog geschrieben, wenn icli nicht gefürchtet hätte, ich könnte von denen, welche in Leipzig uns durch Zwischenfalle geärgert haben, mißverstanden werden. #