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Jüdische Rundschau · 1914-07-03 · Heft 27 (3.7.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang. Das Märchen vom Radikalismus Offener Brief an Herrn Dr. Franz Oppenheimer Von Richard Lichtheim Hochverehrter Herr Doktor! Mit lebhafter Anteilnahme habe ich die Debatten verfolgt, die auf dein Leipziger Dcfcgiertentage der deutschen Zionisten um den Hegriff des jüdischen Nationalismus geführt wurden. Ich konnte mich leider nicht selber an dieser Aussprache beteiligen und mußte mich auf die Lektüre des in der ״Jüdischen Rundschau“ abgedruckten Sitzungsprotokolls beschränken. Daraus entnahm ich, daß Sie in Ihrer Rede meinen Namen erwähnten und mir eine Meinungsäußerung vorwarfen, von der ich bis jetzt noch gar nichts wußte. Nach der ״Jüdischen Rundschau“ vom 19. Juni haben Sie gesagt: ״Lichtheim hat Deutschland nur als ״Wohnland“, als ein Land des Aufenthaltes bezeichnet. Ich muß hier Protest einlegen .... Es verletzt mich, wenn in offiziellen Leitartikeln unserer Presse und in den Schriften unserer Parteibeamten Deutschland nur als Wohnland bezeichnet wird.“ Verehrter Herr Doktor 1 Bevor Sie oder einer der Herren, welche Ihnen diese gefährliehe Schriftstelle hinterbracht haben, meinen ״Radikalismus“ noch weiter öffentlich brand* marken, richte ich die bescheidene Bitte an Sie, mir nachzuweisen, wo ich den von Ihnen zitierten Satz geschrieben habe. Daß ich von Deutschland (oder einem andcren Lande) als von einem Wohnlande der Juden gesprochen oder geschrieben habe, kann schon sein, wenngleich mir die Stelle nicht gegenwärtig ist. Und in der Tat ist Deutschland ein Wohnland der Juden, da etwa 600 000 Juden liier leben. Ich soll jedoch mehr behauptet haben. Ich soll geschrieben haben, Deutschland sei nur unser Wohnland. Auf das Wörtchen nur kommt es ja in Ihrer Rede allein an, denn dieses ״nur“ will sagen: ״Nach Auffassung der radikalen Zionisten ä la Lichtheim ist Deutschland ein geographischer Begriff, der uns innerlich ganz kalt läßt; es ist ein Land, in dem wir uns zufällig auflialtcn, doch geht uns seine Geschichte und Kultur gar nichts an.“ Dies alles steckt in dem Wörtchen ״nur“. Was aber sagen Sic, verehrter Herr Doktor, Wenn ich Ihnen die ergebene Mitteilung mache, daß dje ganze Geschichte nicht wahr ist? Ich habe das Wörtchen ״nur“ in dem erwähnten Sinne nie gebraucht und auch nie etwas gcschrieben, was dem Sinne nach mit dem identisch wäre, was Sie in Ihrer Rede als meine Meinung ausgeben. Nun könnten Sie erwidern, die ganze Sache sei doch nicht so wichtig. Es komme ja nicht auf einzelne Aussprüche des Herrn Lichtheim an, sondern auf die ganze Tendenz usw. usw. Aber da muß ich widersprechen. Eben in solchen einzelnen Aussprüchen, die angeblich von Herrn Blumenfeld oder von Herrn Lichtheim oder irgend einem anderen Zionisten getan worden sind, findet der Kampf gegen den sogenann¬ ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schnffun;* einer C-ffcntlieh-rechtlich gesicherten llclrasfulte In Palüsiina." Baseler Programm. ten Radikalismus eine scheinbar solide Stütze. Solche einzelne Aussprüche werden kolportiert und erwecken in den der Agitationsarbeit fernstellenden Zionisten (z. B, in ,ihnen), das pcinliehe Gefühl der Existenz einer extremen Riehtung, die Sie gelegentlich zuriiekweisen zu müssen glauben. Sie und Ihre Freunde machen sicli da eine ganz überflüssige Mühe, Der Radikalismus, den S i c meinen, d. h. ein unreifer, immer zum Extrem drängender, die tatsächlichen Verhältnisse und die geschichtlichen Bedingungen übersehender Chauvinismus' ist uns ganz, fremd. Unser Radikaiismus bestellt darin, daß wir dem Problem unserer Existenz nicht auswcichen und auf die Frage nach der Zukunft unseres Volkes eine Antwort geben. Vielleicht scheitern wir bei der Ausführung unseres Prograinmcs, aber es ist jedenfalls ein Programm, Sie dagegen, hochverehrter Herr Doktor, geben uns kein Programm, sondern nur Definitionen. Hierin liegt Ihr Hauptirrtum, denn das Problem der Verwirklichting des Zionismus fängt genau da an, wo Sie ■mit Ihren Definitionen aufliöreu. Sic analysieren Ihr Seelenleben, breiten die jüdischen und die nichtjüdischeil Elemente sorglicli ausein־ ander, und glauben sonderbarerweise, damit etwas zur Begründung des Zionismus beigetragen zu haben. Ihre Definitionen sind unanfechtbar. Sie besitzen, nach Ihren Ausführungen auf dem Delegiertentage, jüdisches Stammesbewußtscin, deutsches Kulturbcwulltsein, märkisches Heimatbewußtscin. Warum nicht auch Berliner Wohnbewußtscin? Und englisches Parlamentsbewußtsein? Und französisches Malcrcigefühl? Merken Sie njeht, wie unfruchtbar solches Definieren ist, wo es sich nicht um Wissenschaftliehe Erörterungen, sondern um Wille und Tat handelt? Zugegeben, daß Sie und ich im wesentlichen in deutscher Kultur wurzeln, daß Ihnen und mir Deutschlands Dichter und Denker immer nah und unentbehrlich sind, daß Sic und ich den deutschen Wald lieben, daß unser bürgerliches Dasein hundert Gedanken- und Gefühlsvcrhindüngen mit dem deutschen Volk und dem dcutsehen Lande schafft. Was folgt daraus für den Zionismus? Nichts und abermals nichts! Der Zionismus fordert, daß wir eine jüdische Heimstätte in Palästina schaffen. Das werden wir aber nur dann erreichen, wenn diese Heimstätte im Geiste oder in 'Wirklichkeit auch unsere eigene Heimstätte ist. Wenn Ihre Hinneigung zu deutschen Dingen — sei es Kunst, Literatur, Wissenschaft oder Politik — zur Folge hat, daß Sie die Heimstätte in Palästina für andere, nicht aber für sich und für Ihre Nachkommen wünschen, so sind Sie zwar noch■ ein Zionist im Sinne des Parteiprogramms, aber ein solcher Zionismus widerlegt sich selbst, denn er bleibt in der Sphäre des frommen Wunsches. Er wird nicht zur Tat, kann nicht zur Tat werden. Wir wissen heute, daß die Ausführung des Zionismus davon abhängt, ob sich genügend Juden finden, die ihre Arbeit, ihr Geld und vielleicht noch mehr für Palästina einzusetzen gewillt sind. Mögen diese Zionisten auf Grund ihrer Erziehung die tiefsten Empfindungen für Deutschland oder ein anderes Land hegen; mögen sie hinsichtlich der Bildung ihres Intellektes und ihres Gemütes völlig in deutschem oder russischem oder französischem Boden wurzeln — sic werden, wenn sie Zionisten sind, die Frage nicht umgehen können, ob sie selbst für sicli und ihre Nachkommen nach Palästina streben, denn ohne solches Streben ist der Zionismus unausführbar. Das ist keine radikale Phrase, sondern eine Tatsache. Hiermit ist nicht gesagt, daß alle guten Zionisten nach Palästina auswandern müssen. Aber alie guten Zionisten müssen siel» darüber klar werden, daß die Verwirklichung des Zionismus־ ihre eigene Sache ist und daß es ganz ohne Sinn ist, sich mit Worten für eine Idee einzusetzen, wenn man die allein mögliche Methode ihrer Ausführung verwirft. Die Methode aber, unsere ״radikale“ Methode, bestellt darin, die Erkenntnis der zionistischen Notwendigkeiten in den Willen zu ihrer Erfüllung umzuwandeln. Sic fragen, wie die Vereinigung dieses zionistischcn Strebens mit unserer tatsächlichen Verwurzclung im deutschen Boden möglich sei? Ich’ weiß nicht, ob es auf diese Frage eine theoretisch völlig befriedigende Antwort gibt. Aber aus praktisclier Psychologie weiß ich, daß die mcnschliehe Seele viel reicher ist, als sie in der öden Terminologie der deutsch-jüdischen Patent- Patrioten erscheint; daß nationale Begeisterung eine inkommensurable Größe ist, neben der in unserer Seele alles andere, zuweilen freilich — n ic h ts anderes Platz, findet; und daß wir die Bedeutung unseres eigenen Schicksals herabsetzen, wenn wir unsere mächtigsten Gedanken und Empfindungen einem leeren Formalismus unterwerfen. Von einem praktiscli wirksamen feindseligen Gegensatz unseres Zionismus und unseres Deutschtums, der etwa für Staat und Gesellsciiaft schädlich wäre, kann ja gar keine Rede sein. Ja, cs wäre noch zu erörtern, ob wir mit unserem Programm den Interessen Deutschlands nicht besser dienen, als die Assimilantcnpartei; ob unser nationales Bewußtsein nicht gerade dazu führt, unser Verständnis für die nationalen Empfindungen der deutschen Volksseele zu schärfen; ob nicht eine Jugenderziehung, die in der Pflege nationaler und religiöser Eigenart ihr erstes Ge^ot sieht, der Entwicklung der europäischcn .taaten dienlicher ist, als die rasche Hingabe an die Umgebung, die den Juden der Gegenwart tatsächlich wurzellos macht. Was ich durch die Berührung des deutschjüdischen Problems sagen wollte, ist aber, daß Ihre Befürchtung, zionistischer ״Radikalismus“ könne unsere Stellung in Deutschland erschüttern, irrig ist, und daß der moderne Jude auch hebräische Kultur aufnehmen kann, ohne deshalb aufzuhören, ein guter Europäer im politischen und kulturellen Sinn des Wortes zu sein. Doch, Argumente hin, Argumente her! Ist es uns ernst mit dem Zionismus, so müssen wir begreifen, was wir den kommenden Geschlechtern zu geben haben. Ja, wir müssen die Jugend so erziehen, daß sie bei ihrem deutschen Kulturbewußtsein und trotz aller inneren und äußeren Widerstände sich dafür entscheidet, in der persönlichen Anteilnähme an dem Aufbau unseres palästinensischen

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