Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651869-2651896--09717-2667064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 282 j U EPISCH E RUNDSCHAU Nr. 26 Vom Leipziger Delegiertentag Nachträge Dem Iklegierteiitagc hallen Begrüßungen geä.indl: I )er Jüdische KuUurfomJs K c 11 e in, das Bureau der zionistischen Organisation Rußlands in St. Petersburg, das zionistische Zentralkomitee tür Galizien in Lemberg, die belgische Zionistcnföderation in Antwerpen, das Zionistische Zentralhure,111־ für West-Oesterreich in Wien, das mährischschlesische Distriklskomitee in Troppan, das zionistischc Distriktskoinitec für Böhmen in P r a g, die Redaktion des Rasswjet in St. Petersburg. Der zionistische Verein Hasehachar in Köln, die zionistische Ortsgruppe W i c s b a d e n, die jiidiscli-nationale Franc״Vereinigung in Berlin, die Jiigciulgruppe Hatikwah in Chemnitz, der llerzlkiiib Mamburg, der Verein Zion in Prolinitz. David Wulff soll 11, Köln, Nathan Straus, New York (״May your deliberations rcsult in uniting all factions öf jews in the cause of zionism“), Boris und Isaak Goldbcrg, Wilna, Georg Malper 11, Lemberg, Max Kober, Antwerpen, J. II. Wagner und Frau, Berlin, Julius Simon, Ileidclberg, Louis Marcus, Rees, Myrtill Bloch, Straßbürg, Salo O u 11 m a n n, Hugo Lesse r, Siegfried Lesse r, Bcuthen, Edgar Weill, Molsheim, Julius Strauß, Hamberg, Max G o I d r e i c h, Beuel, Hugo Seil achtel, Breslau. * Durch ein Versehen des Setzers ist leider in der vorigen Nummer in dem Danke des Vorsitzenden des Delegiertentagcs, Herrn Dr. Hantkc, an den Vorstand der Ortsgruppe Leipzig für die ausgezeichnete Vorbereituitgsarbcit der Name von Herrn Schreiher, Leipzig, ausgefallen. Herr Schreiber hat sich durch seine eifrigen Bemühungen vor und während des Delegiertentagcs sehr verdient gemacht. * Versammlung in Leipzig Die öffentliche Volksversammlung am MontagiiLciul, die den offiziellen Veranstaltungen des Dclegiertentags einen allgemein imponierenden Abschluß gehen sollte, gestaltete sich zu einem glänzenden Erfolg der zionistischen Bewegung in Leipzig. Infolge der von der Ortsgruppe vorzüglich geleiteten, aiifrüttelnden Propaganda hatte sich eine Zuhörerschalt von nahezu tausend Personen eingcfimdeii, die den Reden mit größter Spannung mul Begeisterung folgte. Die Versammlung leitete Rudolf Schick, Leipzig, als Vorsitzender der Ortsgruppe. Als erster Redner schilderte l)r. Hantkc den Werdegang des Zionismus, wie man ihn zuerst übersehen, dann als Utopie verspottet habe, wie aber jetzt als Folge der zionistischen Arbeit in Palästina ein neues Judentum heranreife, das im Sprachenkmnpfe seine Kraft gezeigt habe, das von der Diaspora nie wieder vernichtet werden könne, Baron Rothseliild sogar habe jetzt seinen inneren Frieden mit dein Zionismus geschlossen, indem er öffentlich anerkannte, daß die neue Blüte der Kolonisation atisschließlich dem Zionismus zu verdanken sei. Israel brauche nicht den Frieden des Friedhofs, sondern den Frieden, der in Zukunft aus dem Kampf der Meiinnigen liervorgehen werde. S. Schocken. Zwickau, Vertreter der Zionisten des Königreichs Sachsen, stellt drastisch dar, wie man ihm gegenüber an 11011er Leipziger Gemeindestelle die Zionisten als Schädlinge bezeichnet habe, und widerlegt die in solcher Auffassung zutage tretende Beschränktheit durch feinsinnige Betrachtungen über den Zusammenhang des Zionismus mit der modernen Kiilturhewegung. Dr. Isaak Straus, Berlin, richtet an die Ver- Sammlung die Bitte, daß jeder sieh nochmals prüfen möge, wie er zu dem hier vorgetrngeuen Programm des Zionismus stelle. Ganz erbärmlich sei es, wenn einer keine bestimmte Forderung aus Leben zu stellen habe. Unser aller idealste und angemessenste Fordermig sei ,die zionistische Idee. I >r. Klee, Berlin, kritisier! mit überlegenem I junior die aiitizionistisclic Angstmeierei. Mau warne förmlich vor uns wie vor einem gefährlichen Gesindel. In diese Begriffsverwirrung müssen wir Klarheit bringen. Charakteristisch sei das Verhalten der Leipziger Gemeinde, die auch zum Dclegiertcntagc geladen worden sei. ״Der König von Sachsen und der Deutsche Kaiser haben uns freundlich begrüßt, die Gemeinde aber “ (lebhafte Pfuirufe aus der Mitte der Versammlung). ״Pfui sagt mau mir bei etwas ganz Ekligem, hat Bismarek hei einer :ilinlichen Gelegenheit gesagt," (Stürmischer Beifall,) liefsle Bitterkeit müsse mau empfinden hei all dem dummen Gerede von der Schädlichkeit, bei all dem Unverstand derer, in deren Hände die Gemeinden gegeben seien. ״Wir Zionisten sind keine Schädlinge, sondern treue Menschen, die ihr Volk lieh haben." Als letzter Redner spricht Dr. G r c i f e n h a g e n , ״ über die Bedeutung des Bodenerwerbs in I alästina und über die körperliche Kräftigung der Jugend durch Turnen, Sport und Wandern, e ,'*־׳!?"fhusiasmus des Publikums nahm bis zum ״!• ס st!illdi« z״ wml tat sieb öfters in stürmischen Ikifallsatißenmgcn kund, besonders als. Dr. Klee das Verhalten der Leipziger Gemeinde beleuchtete. iNacli Schluß jeder einzelnen Rede war der Applaus so stark und anhaltend, daß der Vorsitzende nur mit Muhe dem nächsten Redner das Wort verschaffen konnte. Die Hoffnung ist daher begründet, daß der Delegiertentag eine dauernde Festigung des Zioms* mus in Leipzig zur Folge haben wird. Jacques Adler, Leipzig. * Berichte der Berliner Delegierten Am IS. Juni erstatteten die Herren Goslar mul Margulies im Zionistischen Jugeudverein ihren Bericht (vgl. Vereinsrtmdschau). Am 22. Juni1 refcrierte Herr Dr. Becker im Zionistischen Verein West-Berlin; in der Diskussion sprachen Dr. Herrmann und Dr, Wolf. Am 23. Juni berichteten von den Delegierten der B. Z. V. die Herren Dr. Zlocisti, Dr, Hirsch und Lazarus Barth, worauf noch Rechtsanwalt Groneniann sprach. Zur Klarstellung ln meinem Artikel ״Ercz Israel und das Galuth“ hat sich durch ein Versehen beim Druck ein Fehler eiiigeschliehen, Vor dem Satz; ״Keiner der Lehrer an der Talmud Thora“ usw, ist das Wörtchen ״Fast“ ausgefallen. An dem Gesamturteil wird dadurch nichts geändert, Trotz der Angriffe des ״Israelit“ muß ich meine Behauptungen über das Schulsystem der Freien Vereinigung vollkommen aufrechterhalten, Zu meiner Genugtuung fand ich meine Ansicht in den Reisebriefen unseres Gcsinnutigsgenosseii Nabum G 0 I d 111 a 1111, die ich mir auf die Unterstellung des ״Israelit“ hin durchgelesen habe, vollständig bestätigt. Kur( Rosenbaum. Die Schließung der orthodoxen Betsäle in Chemnitz und der Vorstand der Israelitischen Religion*• gemeinde Seit etwa sieben Jahren wurde in Chemnitz ein orthodoxer Privafgotlcsdienst abgehaltcn für diejenigen Juden, denen der an die christliche Kirche aiilelmende liberale Gottesdienst nicht zusagie. Dieser Privatgottesdicnst war stets außerordentlich stark hesucht, und vor etwa einem Jahre machte sieh die Einrichtung eines zweiten orthodoxen Privatgottesdienstes notwendig. Am 5, März. d. J., also vor '1' .■ Monaten, wurden plötzlich beide Betsäle durch behördliche Verfügung geschlossen mit der Begründung, daß Privatgottesdienste in Sachsen der ministeriellen Genehmigung bedürften. Es ist verständlich, daß die orthodoxen und nationaljüdischen Elemente, die bis dahin diesen Gottesdienst besucht und aus eigenen Mitteln unterhalten hatten, aufs höchste überrascht und schwor getroffen waren. Sieben Jahre hatte dieser Gottesdienst ungestört bestanden und auf einmal wurde er untersagt! Die hierauf bei der Kreishauptmannscbaft in Chemnitz und beim Kultusmiiiisterium in Dresden eingeholten Erkimdigungen ergaben, daß die Schließung der orthodoxen Betsäle infolge einer Eingabe des Vorstandes der Israelitischen R e I i - g i o 11 s g e m find e /. u C h e 11111 i t z erfolgt ist, Zwar hat der Vorstand der Israelitischen Rcligionsgemeinde zu Chemnitz nicht eine eigens diesem Zwecke dienende Eingabe an das Ministerium gerichtet, aber er hat in einer Eingabe, die die Entziehung des Wahlrechts der ausländischen Juden rechtfertigen sollte, a u f die Existenz eines orthodoxen Privatgo 11 e s d i e 11 s t e s hingewiesen und somit der Behörde Gelegenheit und Anstoß gegeben, ihre Aufmerksamkeit auf diesen Privatgottesdienst zu richten. Nichts wäre natürlicher gewesen, als daß jetzt der Vorstand der Chemnitzer Gemeinde, als offiziehe Vertretung gegenüber der Behörde, von seihst dureli ein Gesuch die Ocffnung der geschlossenen Betsiile wieder erwirkt hätte. Weit gefehlt. Der Vorstand der Chemnitzer Gemeinde blieb stiller Zuschauer mul beschäftigte sich erst mit der erwähnten Angelegenheit, nachdem die Orthodoxen sich an ihn gewendet hatten. Und dann nahm sich der Chemnitzer Gemeindevorstand der Sache mit solchem Eifer und solcher Liehe an, daß er nur für die Peßneli- und Schewuothfciertngc einen orthodoxen Gottesdienst in den Räumen der Saxonia-Loge ein• richtete, Während dreier Monate hatte d i t• G e m e i n d e v e r t r c* t u n g der A b 11 a 11 u 11 g eines ortho d o x e 11 Sabbat h g o 11 c 8 d i c 11 - stes keine Möglichkeit gegeben. Es sei auch erwähnt, daß an den Sehewuotli-Feiertngen, entgegen der am Peliaeh gepflogenen Einrichtung, kein Orthodoxer, sondern ein Beamter der Gemeinde, ein Lehrer, der nicht auf orthodoxem Boden steht, vorgebetet hat. Trotz der eindringlichen Bitten der Orthotjoxie, zu gestatten, daß, wie am Peßacli, auch Sehewuotli ein Orthodoxer vorbete, ließ sieh der Gemeindevorst.iml nicht bewegen, von seiner ״Rcform" nb/.tigdieii. Aber es kommt noch schöner. Nach fast drei Monaten seit Schließung der Betsäle war der Genteindevorsland aus dem Stadium der ״Erwägungen“ glücklich liernusgetrctcn mul hatte einen Beschluß gefaßt, der in dem folgenden an die Gemeimlemitglieder verschickten Schreiben seinen Ausdruck findet: Israelitische Rcligionsgemeinde zu Chemnitz Chemnitz, den 21. Mai l«)|.|. Um den an uns heraiigelretenen Wünschen einiger üemviudemitglicder Reclmuiiß zu tragen, haben die Kollegien in der gemeinschaftlichen Sitzung vom 'J. Mai d. J. beschlossen, versuchsweise einen orthodoxen Gottesdienst ohne Orgelspiel für die Sonnabende und Feiertage cinzurichten. Für das Wochciifest wird dieser Gottesdienst in den uns gütigst zur Verfügung gestellten Riminen der Saxonia-Loge, Theaterstraße <M II, abgehalkn. Ab Sonnabend, den ö. Juni, findet dieser Gottesdienst bis auf weiteres in dem Betsaal der Syuago״c statt und haben wir denselben für die Monate Juni Juli, August und September an den ’ Freitag Abenden auf 8 Uhr abends, Sonnabenden auf V ■> Uhr vormittags festgesetzt. Der Vormittags-Haiiptgottesdieiist beginnt w)״ Sonnabend, den ö. Juni, ab bis auf weitere•- um •;'*10 Uhr und wird mit dem Aushebern angefanccn. Chemnitz, den 21. Mai HIN. tf e r Vorstand der Israelitischen R e I i g i o 11 s g e rn e i n d e L. Ladewig. Dieses Schriftstück ist kennzeichnend für Jen Geist der Chemnitzer Geineiiulestiihe! Man spricht von ״einigen Gcmcindcmitglicdein", deren Wünsche berücksichtigt werden sollen In Wirklichkeit sind es über h lindert F a tu i I 1 < n, die einen wahrhaft orthodoxen Gottesdienst besuchen würden, wenn die geeigneten Lokalitäten mul I nrichtungcn getroffen wären. (Durch eine Umfinge, ob liberaler oder orthodoxer Gottesdienst, wäre!lies ja ohne weiteres festzustcllen.) Auch bei den früh( > 11׳׳ primitiven Einrichtungen waren die beiden orthodnun Bctlokale selbst an einfachen Sabhathcn außerordentlieh stark besucht, während der liberale Gottesdienst kaum 2 Minjans (inkl. Ilearnten) zählte. Die Festlegung eines gleichmäßigen Zeitpunktes für die Freitag-Abend-Gottesdienste für vier Minute entspricht nicht den! orthodoxen Standpunkt. Die Abhaltung des Gottesdienstes in dem kleinen, nur 30 50 Personen lassenden Betsaal, der sich in der () r g e I sy n agog e seihst befindet, widerspricht dem orthodoxen Empfinden. Audi Hl in diesem Betsaal der Synagoge durch die tm/ulänglichen Raume für den Besuch der Frauen keine Möglichkeit gegeben. Ferner empfindet die Orthodoxie die Bestimmung eines nicht auf orthodoxem Standpunkt stehenden Vorbeters durch die Gemeindevertretung als einen Schlag ins Gesicht. Das Unerhörteste aber ist, daß der Gemeinde- Vorstand erklärt hat, ״über die Art des Gebetb u e 11 c s noch Erwägungen anstellen zu wollen׳‘. Belustigend wirkt, daß die Liberalen offenbar als Opfer, das sic der Orthodoxie bringen, sieh den Schacliritb-üottcsdicnst am Sonnabend geschenkt haben! Das ist der orthodoxe Gottesdienst, den eint ״liberale“ Gemeindevertretung in ״größter Zmor- Kommenheit" ihren auf orthodoxen Gottesdienst An• spruch erhebenden Gciiieiiidemitgliedern cin/urichteii sieh bemüht. Wir sehen in dem ganzen ״Entgegen■ kommen“ nichts anderes als den ״Versuch“, die Ortlmdoxie zu ״modernisieren“ und das Bestreben, die orthodoxen Elemente ganz allmählich, so nach mul nach, den religiösen Reformbestrebiingen nahe zu bringen. Die Erwägungen über die Aendcrimgen des Gebetbuches erinnern uns nur allzu stark an die Eingabe der Duisburger Gemeindevertretung, wo von einer ״ketzerischen Sekte der Otnssidin!" die Rede war, zur ewigen Schande für das deutsche Judentum. Das ganze Verhalten des Chemnitzer Gemeinde- Vorstandes zeigt nur zu deutlich, wie hier den ortlmdoxen und nationaljüdischen Elementen Gewissenszwang angetan und die vom Gesetz verbürgte Hebgionsfreilieit beschränkt wird. Es ist höchste Zeit, daß die in Betracht kommenden Institutionen daran gehen, den unhaltbaren, in anderen Gemeinden tutmöglichen Zuständen, ein Ende zu bereiten. AUS ALLER WELT Fünftes Kreisturnfest des Konstantinopeler ״Maccabi“ Sonntag, den 7. Juni, fand das fünfte Krcisturu• fest des Jüdischen Turnvereins ״Maecabi“ in K״n• atantinopel in Anwesenheit von mehr als 2000 Her■ sonen statt. U. a. waren erschienen: IX‘r amen• kanischc Botschafter Henry Morgciitliau mit 11milic, der Gouverneur von Pera, Kiany Bey, der deutsche Vizcxonsui, cm Vertreter ues italienischen Botschafters, der portugiesische Generalkonsul de Mesquiia, der Großrabbiner der Türkei llnim Nabum Effendi, mehrere höhere türkische Offiziere, Vertreter der jüdischen Institutionen und Gemeinde», Delegierte türkischer, griechischer und deutscher Turn- und Sportvereine usw. Der Minister der öffentlichen Arbeiten und der Kommandant der Militiirschulcn hatten telegraphisch ihre Glückwünsche ausgesprochen. .Das Fest, an dem sich über M׳״ Turner aktiv beteiligten, nahm einen ausgezeichnete» Verlauf.