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Jüdische Rundschau · 1914-06-19 · Heft 25 (19.6.1914) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 25 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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auf diese Angriffe so gut wie niemals reagiert, und zwar deshalb, um den inneren Frieden der ürgam• safion nicht zu stören. Wer mich kennt, wird he. greifen, da» mir diese Art von Zurückhaltung nicht ganz leicht gefallen ist. Id) habe mir aber gesagt, da» alle meine liegner in dieser Sache dodi auch meine alten Kampfgenossen sind, und da» es nicht lohnt, um Prinzipien zu streiten, so lauge man im Praktischen einig ist. Wir haben ja noch ein grobes Stück Weges zusammen zuriickzulegcn. Eine politische Organisation ist der Zusammen, sehln» von Menschen zur Erkämpfniig eines ge• meiiisamcn Zieles. Der Unterschied zwischen einer Partei und einer Sekte ist, da» die Partei nach einem gewissen testen Ziel strebt, während eine Sekte mir eine einseitige Oesinmmg zum Ausdruck bringt. Wir sind auf dem Wege, von einer politi* scheu Partei zu einer Sekte herahzusiuken. Als Partei hat sich der Zionismus bezeichnet und ausgesprochen, da» er ein praktisches Ziel erreichen will. Wenn er mm jetzt, anstatt auf diesem Wege fortzufahren, in üesiimungstüchtigkeit madit, so bedeutet das eine Schwenkung. Die alten Zionisten haben ein Recht, sieli offen darüber zu äußern. Wir sind alle öcsimiungs- und Kampfgenossen und Arbeiter an einer gemeinsamen Sache. Wir stehen seit einem Jahr■ zehnt im Vordergründe und haben bisher immer unsere Pflicht getan. Den guten Glauben wird mir und meinen Freunden niemand von ihnen absprechen. Als mich Kremenctzky und Oskar Mannorek für den Zionismus warben, lehnte ich ab, weil ich nicht im entferntesten daran dächte, Deutschland zu verlassen. Mir wurde darauf erwidert, da» dies absolut nicht gefordert werde. Daun bemühte sieh lier/.l seihst, mich zu gewinne״; ich machte kein Held daraus, welche Stellung ich gegenüber dem Zionismus einnehme, worauf mir iier/l sagte: ״Sie sind ein guter Zionist", und mir Gelegenheit gab, meine Pläne auf dem 0. Zionistenkongreß in Basel zu entwickeln. Der Begründer des politischen Zionismus wird wohl gewußt haben, was unter Zionismus zu verstehen ist, und wir sind nicht verpflichtet, auf einen Ziouisinus mit neuem Inhalt. Die Poscner Resolution verlangt von jedem Zionisten die Uehersiedlung nach Palästina. Das ist nicht mehr die Partei, sondern die Sekte. Man fordert nicht mehr bestimmte Pflichten und Handlungen, sondern eine Gesinnung. Eine bestimmte Gesinnung von mir zu fordern, hat selbst die größte Partei kein Recht. Für mich personliel! erkläre ich hier, da» ich eine Uehersiedlung nach Palästina nicht in mein Lcbcusprogrnmtu auf. genommen habe. Ich habe dies nicht allein aus prinzipicllen Gründen getan, sondern weil ich das Land aus eigener Anschauung gut kenne und weiß, da» diese sittliche Forderung auszuführen, heute ein Ding der Unmöglichkeit ist. Das Land ist heule überschwemmt von Akademikern, die keine Lebensexistcuz dort haben. Nichts in der Welt ist so unverantwortlich, als sittliche Forderungen an andere zu stellen und nicht an sich. Aus inneren Gründen leime ich die Poscner Resolution ab und bin doch noch ein guter Zionist und stehe auf dem Boden des Baseler Programms mit allen seinen Paragraphen. Ich bin auch ein Nationalist im alten Sinne des Baseler Programnis, das die Stärkung des jüdischen Seihst- Bewußtseins von uns fordert. Das Baseler Prograinm war eine Tat, cs wurde geboren aus einer grollen heiligen Not, die sich in der grollen Personiiehkeit Theodor Hcrzls manifestierte. Man mußte diese Tat in Worte fassen, und auch ich fragte mich, welchen Sinn diese Worte hätten, welche Absicht mit jener Tat bezweckt werde. Worte sind Münzen, die in! täglichen Verkehr abgegriffen werden. Darum läßt sieh nach Mephisto mit Worten trefflich streiten. Wollen wir hier um Worte streiten oder uns fragen, welchen wirklichen Sinn diese Worte hatten? Ls ist eine große Verwirrung in unseren Reihen durch Schlagwortc wie VolksbewulStsein und Nationalismus entstanden. Volk und Nation werden identifiziert. Ich habe die Worte im Baseler Programm so verstanden, wie sic mir von Herzl interpretiert wurden. Wenn etwas anderes dahintergesteckt hätte, so wäre ich nicht ,Zionist geworden. Eine andere Inter• pretation ist auch nicht möglich, llerzl wußte so gut wie wir, da» Palästina ein Land ist, das 12 Millioncn Menschen nicht aufncltmcn könne, und da» die westeuropäischen Juden nicht daran denken, mich Palästina zu gehen. Unter seinen zahlreichen Anhiingern befinden sich solche, die wandern und solche, die bleiben. Die letzteren organisierten und führen die Bewegung im eigenen wohlverstandenen Jntcr« esse. Was heute gefordert wird, Ist etwas ganz anderes. Es ist Unduldsamkeit und verlangt den ganzen Menschen ohne Einschränkung, wenn man fordert, da» ich die Uehersiedlung «ach Palästina in mein Lebensprogramm aufnehmen soll, wenn man verlangt, daß ich die Wurzel meines Deutschtums lockern und nur so lange hier wohnen soll, bis der bestellte Möbelwagen mich abholt. Lichtheim hat Deutschland nur als ״Wohnland", als ®in Land des Aufenthaltes bezeichnet Ich muß hier Protest einlegen, wie ich dies schon bei der Maisilzung Im vorigen Jahre getan habe. Der neue Nationalismus ärgert mich als Gelehrten und als Menselten. Ich habe ein Meiisehcnalter daran gesetzt, um die Auffassung zu zerstören, die hier in Frage stellt. Ich sehe deutlieli die starken Gegensätze zwischen Deutschen und Polen, Tschechen usw., trotzdem nach Chamheriain alle Angehörige derselben Rasse sein sollen. Ich sehe auf der anderen Seite ganz deutlich, da» ge- . taufte Juden und ihre Abkömmlinge dieses sogenannte Rassegefühl gar nicht besitzen und auch Juden es gar nicht mehr empfinden, wenn sie das richtige Profil und das nötige Geld besitzen. Mich ärgert der Nationalismus auch als Menschen, Es ist mir schmerzlieh - - und das ist ein weiterer Grund, warum ich so lange geschwiegen habe — cs ist mir schmerzlieh, jetzt Worte zu brauchen und von Empfindungen zu sprechen, die gebraucht werden von Juden, die gern in die christliche Gesellschaft uulgenommcii wer• den wollen. Ich hoffe aber, da» ich diese Worte brauchen kann, ohne daß Sie mich mißverstehen. Wer mich. als Assimiiaiiten in jenem üblen Sinne ansieht, 'der keimt mich nicht, und wer mich keimt und es dennoch tut, der ist ein Narr oder eine Schurke. Ein Assimilaut bin ich nicht, aber icli bin assimiliert. Ich bin Deutscher und bin stolz darauf, Jude zu sein, stolz auf die Abstammung von siebzig Gene• rationell stolzer Männer. Wenn nur ein einziger von diesen siebzig schwach gewesen wäre, so wäre ich heute nicht mehr Jude. Ich bin stolz auf diese Männer. Die Makkabäer sind mir gleichgültig. Geradc so stolz hin icli aber mich darauf, in dem Lande Walters und Wolframs, Goethes, Kants und Lichtes aufgewachseii zu sein und deren Kultur in mich aufgeiioinmen zu haben. Es fällt dem älteren Manne nicht leicht, von seinen heiligsten Empfindun• gen zu sprechen. Aber es gibt Zeiten, wo man ‘alles tun und sagen muß, Angenehmes und Unangenehmes, und meine jungen Gegner werden vor diesen Empfindungen Respekt haben. Mein Deutsch• tum ist mir ein Heiligtum, wer aber mein jüdisches Stammcsbcwußtscin bezweifelt, gegen den muß ich mich — um ein Wort Gabriel Ricssers zu gebrauchen —■ wehren wie gegen einen Mörder. Wenn Sie die ernsten Männer sind, für die ich Sie halte, so respeklieren Sie das. Auch ein Irrtum kann heilig sein, und ich bin der letzte, der den Irrtum eines andern antasten will. Es verletzt mich, wenn in offiziellen Leitartikeln mischt Presse und in den Schriften unserer Partcibcanitcn Deutschland nur als Woliiiland bezeichnet wird. Deutschland ist mein Vaterland, meine I leimat, das Land meiner Sehn- Süchte, das Land meiner Gräber, das Land meiner Kämpfe mul meiner Ziele, und wenn ich aus der Fremde nach Hause komme, so komme ich heim. Ich habe jüdisches Stammesbewulitsein, deutsches Kulturhewiißtsein, märkisches I leimathcwußlsein. Ich liehe die Alpen außerordentlich und gelte immer wieder hin; ganz zu Hause bin icli aber nur im Kiefernwaldc. Ich spreche hier für mich und meine Freunde. Wir empfinden •das als unsere intimsten Pcrsönlichkcitswerte, in die kein anderer uns liineinreden darf; und weil wir als gute Zionisten fest auf dem Boden des Baseler Programms stehen, müssen wir hier dagegen protestieren, als Zionisten zweiter Klasse bezeichnet zu werden. Wir denken nicht daran, jemandem den Mund zu verbieten. Ich persönlich stehe auf dem Standpunkte, daß das beste Ventil die Aussprache ist. Mißvcrstäiulnisse sind für uns keine Gefahr. Ich möchte auch nicht verschweigen, daß mir bei unserer Jugend die Uebertrcibtmg nicht als Fehler erscheint, denn der krumme Stab muß jetzt nach der niuleren Seite überbogen werden, damit er gerade wird. Damit will ich aber nicht gesagt haben, da» die ganze Bewegung mit dem identifiziert werden soll, was 1ms nicht recht ist und uns verärgert. Bismarck hat einmal gesagt, da» man die Politik Deutschlands nicht nach dem Göttinger, Studentcnkonimciit machen kann. Die zionistische Politik kann nicht nach der Fuchsen• stunde im V. J.St. gemacht werden. Darum fordern wir, daß in unserem Zcntralorgan alle Richtungen im Zionismus ihre Ideen vertreten können. Daß die offizielle Presse und die Beamten ganz einseitig diese oder jene Richtung vertreten, dagegen müssen wir uns auflelincn. Ich hoffe, wir werden uns einigen und es wird nicht nötig sein, den Streit nadi außen zu tragen. Es ist hier von Blumenfeld gesagt wor■ den, da», wer zum Ganzen strebt, dies nur durch den Nationalismus kann. Ich weiß nicht, ob der Nationalismus der beste Weg ist, der zum Oanz.cn führt. Daß er der einzige Weg ist, möchte ich entschieden bestreiten. Blumeitfeld hat sich hier auf Goethe und Fichte berufen, aber weiß er denn nicht, daß für Fichte der Nationalismus der Durchgangspunkt zum höchsten Humanismus gewesen Ist? Aus persönlicher Erfahrung möchte ich sagen, daß ein deutscher Jude unangefochten zu immer höheren Zielen streben kann, wenn er vom Geist des wahren Humanismus beseelt ist. Dr. Isak Strauß, Berlin: Die Debatte, die wir heute hier geführt haben, haben wir im kleineren Kreise schon oft erlebt, aber so klar standen sich die zwei Ansichten noch nie gegenüber. Die Zionisten, che, wie Oppenheimer, früher zu llerzl kamen, waren sich \oi! vornherein über ihre theoretische Stellungnahme klar, Die Kluft zwischen den beiden Anschauungen wieder• holt sieli historisch. Die Verhandlungen des Dtle• giertentages sind bestimmt, tragische Konsequenzen abzuwenden. zu versuchen, ob man trotz der gegensützliclien Anschauung nicht brüderlich zusammen arbeiten kann. Es wird sehr vielen brüderlichen (iefiililes bedürfen, um weiter zu arbeiten. Was Blumenfeld liier gesagt 11,•11, war uns nichts Neues, war nur konzentrierte Wiederholung der von uns allen immer wieder vertretenen Ansicht. Aber wenn man Oppenheimer und I riedemmm daneben stellt, so muß man sich darüber klar sein, da ß man auch ihren theoretischen Schlußfolgerungen eine gewisse Achtung ciitgcgeiibringcn muß. Oppen- Iteimcr hat behauptet, dal! wir aus einer Partei ztn Sekte werden. Wir Süddeutschen denken nicht daran, unseren Zionismus anders zu begründen als Blumen• feld. Die persönliche Stellungnahme, die Oppenheimer für sein Deutschtum und Judentum gab, ist uns etwas Fremdes. Audi wir wurzeln genau sn im Deutschtum wie Oppenheimer. Aber wir sind uns auch darüber klar, daß wir deutsche Kultur nur begrenzt aufnehmen können. Wir schätzen diu deutsche Kultur genau so wie Oppenheimer, wir lieben sie, wie wir unser Vaterland lieben, aber w ir sind umt klar darüber, daß wir uns von einem kulturell gleichgestellten Ikutschen durch die Art unterscheiden, wie wir jene Kultur aufnehmen konnten. Dies liegt an der Note, die wir nun einmal vom Leben mitbekommen haben. Wir sind einerseits eine rein politische Partei, wie Dr. Hantkc sagt, auf der anderen Seite aber erschöpft sieh darin nicht unser ganzer Inhalt, sondern wir haben den Wunsch, darüber hinaus erzieherisch zu wirken. Daß wir dieses Erzicltungswerk noch nicht so weit gefördert haben, das ist ein Quantitätsfelilcr. Wir leiden in unserer Propaganda nicht au einem Qualitätsfehler, sondern nur an Ucberstiir/iing. Ich bin der Ansicht, daß wir für die Art der Propaganda, die notwendig ist, erst eine richtige Methodik schaffen müssen. Positive Vorschläge lassen sich hierfür allerdings schwer machen, das muß Sich allmählich in der Praxis erledigen. Wir alle sind gegen den radikalen Ton in Presse und Versammlung. Ls ist aber schwer für einen, der mitten in der Propaganda stellt, den Ton zu mildern; denn bei der Art, wie gegen uns gekämpft wird, muß die Antwort auf einen ähnlichen Ton gestimmt sein. Wir könnten unseren Organen einen Wink geben, damit sie den Ton mäßigen. Ich glaube, daß die heutige Debatte den letzten Ausläufer der bisherigen prinzipiellen Kämpfe in der Partei bedeutet;der Kämpfe um ״politischen" und ״praktischen" Zionismus. Es ist daher kein Zufall daß sich alte Hcr/Iiniier um Friedemaim scharen. Es ist der alte Gedanke, den sie zum Ausdruck bringen: daß wir imstande sein sollen, durch einen großen Coup aus unserer jetzigen Lage herausziikomincii. Der Vorsitzende läßt über einen Geschäftsordmmgsantrag auf Abkürzung der Redezeit auf zehn Minuten abstimmen. Der Antrag wird a n.g e no m 111 e 11. Dr. Pelz, Königsberg: Wenn die Herren Dr. Friedemann und Dr. Oppcnlicinicr sagen, da» sie nichts von einer Ausführung der Poscner Resolution sehen, so beweist das nur, wie wenig sie von der Entwicklung wissen, die im Zionismus vor sieli gegaqgen ist Diese Resolution enthält kein Partei- Programm und deswegen ist auch die Aufregung von Dr. Oppenheimer überflüssig; die Resolution enthält ein L r z 1 e 11 u 11 g s programm und als solches hat sie sich bewährt. Die systematische Vorbereitung auf Palästina hat in der jungen zionistischen Generation begonnen. Wir hätten in dem Kampf um die hebräische Sprache nicht so dagestanden, wenn wir nicht die Poscner Resolution und ihre Wirkungen gehabt hätten. Ich kann den soziologisch-psydiologischen Auseinandersetzungen von Dr. Oppen- Iteimcr nicht folgen; aber in dem Sinn w o 11 e n wir eine Sekte'sein, daß wir die Hingebung des Sektentmns haben, wenn cs kein Sektentum innerhalb des Zionismus gäbe, so stünden wir nicht heute da, wo wir stehen, so hätte Dr. Franz Oppenheimer keinen Arbeiter in Merchavyjah. Es mag Ucbcrtrcibimgei! des' Nationalismus geben, aber die sind notwendig, um die Idee durchzusetzen, njeht nur bei den Nichtzionisten., sondern auch und noch mehr bei den Zionisten. Solche Ueberspannungcn nicht nur in der Form, sondern auch in der Theorie sind notwendig. Aber darum dürfen sic nicht beweisen wollen,״ daß das jüdischnationale Empfinden g;1r nicht existiert, daß wir nur dcutschnatioiial und nicht anders empfinden können. Es kommt darauf au, zwischen dem jüdischen nationalen Empfinden und den deutschen Kulturwcrten, die uns erfüllen, eine Harmonie zu schaffen. Justizrat Dr. Bodcnhcinicr, Köln: Nach meiner Meinung ist der Delegiertcntng nicht berufen in diesen ׳schwierigen Fragen eine Direktive nach der einen oder iiacn der anderen Seite zu geben. Es handelt sich hier gar nicht um eine Differenz der Weltanschauungen, sondern um Unterschiede in der Nomenklatur. Jedenfalls ist es falsch, die Poscner Resolution so zu interpretieren, daß mit der innerliehen Vorbereitung für Palästina eine Loslösung vom Deutschtum Hand in Hand gehen müsse. In der inneren Politik wird man, ob man aut dem Boden Oppenheimers oder Blumenfelds oder Wieners steht, zu keinen wesentlich verschiedenen Resultaten kommen. Vom Zentralverein trennt uns, daß er ausschließlich deutsche Oesinnung verlangt.

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