Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 25 JUEDISCHB RUNDSCHAU Seile #269 Wahrheit ihrer Absichten voneinander mir zu erraten, ich glaube aber nicht, dali cs solche Politiker überhaupt bei uns gibt oder aucli nur geben kann. Der Zionismus ist eine 111 e 11 s eh I i ehe Bewegung, er ist kein abstrakter Begriff, mit dem man jongliere״' kann, Er ist die Bewegung der Zionisten, die in j|,m ihren Lebensinhalt finden. Wenn man eine Rewegung darstcllt, kommt alles darauf an, nicht nur das tatsächlich Feststellbare, nicht das Bestellende allein, zu betrachten, sondern die Kräfte und Tendenzen zu erkennen; und da versagt das Rezept von l)r. Friedemann vollständig. Er sagt, wir seien ungefüllt von tausend Dingen iiichtjüdischer Art, und die Assimilanteil, die wir bekämpfen, seien genau so leer wie wir. Mit ruhiger Selbstverständlichkeit sagt er, dal! er keinerlei oder nur sehr wenig jüdische Inhalte habe; von hebräischer Kultur zu sprechen, sei U11sinn; Jiidisclikcit sei ein phrasenhafter Begriff. Friededemann beruft sich auf seine zwanzigjährige zionistische Vergangenheit. Nach 20 Jahren zionistischer Arbeit so zu sprechen, scheint mir einem zionistischen Bankerott glcidizukommen. Man macht mir zum Vorwurf, daß ich in der Propaganda für den Hebraismus eintrete und selbst nicht hebräisch kann. Ich glaube, Ihnen aber sagen zu dürfen, daß ich auf dem nächsten Dclcgicrtcntagc meine Rede in hehräischer Sprache zu halten hoffe. Und einzig und allein auf diese Tendenz kommt es an. Hier stehen sich zwei Gruppen gegenüber; die eine sagt: Wir bedauern aufs Tiefste, daß uns hier zu einem jüdischen Leben so vieles fehlt, und wir müssen daher unser Leben dazu verwenden, uns dieses höchste Gut zu erwerben. Die andere Gruppe begnügt sieh mit der Konstatierung, daß sie bei ehrlichster Selbstpriifung aller jüdischer Inhalte bar ist. Eine begriffliche Definition für Jiidisclikcit kann ich nicht geben. Sie scheint mir aber nichts anderes zu sein, als das Streben, uns menschlich wieder ganz zu erfüllen mit dem Glauben an die Zukunft unseres Volkes und mrt dem Bewußtsein, daß wir gewürdigt sind, durch unser Leben und durch unser Lernen, diese Zukunft vorzubereiten und hincinziiwadisen in den Strom des neuen jüdischen Lebens. Und wir erblicken in unserem ganzen Leben mir den einen Sinn, daß unsere Kinder und Enkel in Palästina fortsetzen und erweitern, was wir liier bcgönnen haben und daß wir Juden nach langer Reit zum erstenmal sagen können: Was wir tun ist nicht verloren, cs wird fortgesetzt von kommenden Geschlechtem. Das ist unsere Jüdischkeit, und sie werden wir mit aller Kraft verteidigen müssen, wenn unser Zionismus nicht wirklidi nur ein Zionismus der Worte sein soll. Gewiß werden wir trotz allen leidenschaftlichen . Strebcns hier in Unvollkommenheiten stehen bleiben. | Aber wir erarbeiten uns wenigstens die Gewißheit, | dali in Palästina die Fülle des neuen Lebens in | Wahrheit emporblüht und daß wir uns eins fühlen | können mit jener besseren Entwicklung. Dieses ן Verknüpftsein mit Palästina ist für uns die beste | Garantie für den Wert unserer mühseligen und 1111zureichenden Versuche und nur unser Nationalismus stellt die Verbindung dar. Das Wort Nationalismus ist ein Intensivem. Ls bedeutet für uns Zionisten, dal! die Juden vielfach schon aufgehört haben, zur jüdischen Nation zu gehören, cs bedeutet, daß w i r heute hier noch keine vollen Juden sind und daß wir gerade deshalb in intensiviertem Wollen nationalistisch sein müssen, weil unser nationales Sein in Gefahr ist. Unsere Ge- 1' siinumg muß also viel unbeirrter und eindeutiger sein, als wenn wir schon eine wohlcingcrichtete, unbestritteue Nation wären; mit verstärkter Intensität gilt es, alles wegzuräumen, was uns daran hindert, schon jetzt das ruhige Gefühl des Eingebcttelsein im Strom des eigenen nationalen Lebens zu besitzen, und uns jetzt noch zum betonten, Nationalismus zwingt. Für uns deutsche Juden bestehen für diese Auffassungsweise noch ganz besondere Voraussctzungen. Herr Dr. Friedemann sagt uns: Er begreife nicht, wie es Juden geben könne, die wie er in deutscher Kultur aufgewadisen sind und zu so verstiegeneu jüdisch nationalen Ideen kommen können. Ich als deutscher Jude glaube erklären zu können, daß ich gerade aus der mir vertrauten deutschen Kultur meinen Zionismus habe lernen können. Und jeder Jude, der diese deutsche Kultur wirklich versteht und mit Goethe und Fichte und Keller lebt, wird sich gerade aus dem Besten dieser deutschen Kultur den jüdischen Nationalismus zu erwerben verstehen. Und erst der Nationalismus läßt uns andererscits verstehen, wie tief uns diese Kultur bcrührt, der wir 60 unglaublich viel an moralischen Erhebungen verdanken. Das Geheimnis unserer zionistischen Kraft ist die Ungebrochene Leidenschaft von Menschen, die ihre sittliehe Persönlichkeit sich auswirken lassen wollen. Dadurch sind sie groß, daß sie in unserer Zeit im Judentum und in der gebildeten Kulturwelt überhaupt den so selten gewordenen menschlichen Typ vorfeilen, der dm Mut hat, das eigene Leben zu bci^hen und die!unerhörtesten Opfer bringt, um sich aus Zweifeln und feiger Rücksichtnahme zur ungcbrochcneu Einheitlichkeit liindiireliziikäiitpfen. So siebt der Zionismus unserer Jugend aus. Ich habe geschrieben, es ist dumm, diese Auflassmig Radikalismus zu nennen; denn unser Radikalisimis besieht in .nichts: anderem, als daß wir den Mut haben, die Wahrheit über uns zu sage», Diese 'Entschlossenheit hat uns hier schon zu einer •zionislisdieii Lebensgemeinschaft geführt. Minimal- Programme mit willkürlichen Begrenzungen, voll von Bedenklichkeiten, wie sie Dr. Fricdcmnim aufstellt, werden unserem persönlichen Zionismus unerträglich sein, sie haben sich auch in der zionistischen Praxis als völlig unwirksam erwiesen. Dr. Friedcmann glaubt zwar, daß wir auf seine Art bei deutschen Juden praktisch etwas erreichen können. Ich behaupte dagegen, daß selbst wenn wir die ganze Assimilation für uns hätten, wir nicht viel mehr Geld für Palästina aufbringen würden als bisher. Beweis, die geringen Erfolge des Hilfsvereins und der A. J. K. O. Sollten aber selbst bei einigen alten Juden durch Friedemanu tiiiau/iclle Möglichkeiten geschaffen wer* den können, so kommt für uns doch alles darauf au, die lierauwadtsemle Jugend zu gewinnen. Dabei 1'missen wir an das anknüpfen, was die ehrliehen und• ernsten jungen Leute interessiert. Für sie ist die Judeufrage ein persönliches Problem und unsere Arbeit wird ein Kampf 11m ihre Seelen, Da kann man nicht mit politisch geschickt zurcchtgcniachteil Lösungen kommen. Man muß die Wahrheit sagen über unser Leben, wie wir cs verstehen, und ihnen die innere Ueberzeugung beibringen, daß sic schon hier geistig verbunden sein können mit dein neuen jüdischen Leben Palästinas. Oie innere Umkehr kann nicht erst in dem Augenblick vollzogen werden, wo ein Zionist vom Schiff in Jafla an Land geht, sondern sie beginnt vom ersten Augenblick an, in dem er Zionist wird. Das ist wahrer Herzlisinus: Durch das Zionistwcrden zum Judentum zurückkelircti vor der Rückkehr ins Judcnlaud, Dr. i ricdemanu meint ferner, dal) die eiligeimpfte radikale Gesinnung vor den eisernen Not- Wendigkeiten des Lebens hier versagen muß. Diese Behauptung läßt sich aber nicht aphoristisch, sonder» nur empirisch entscheiden, ür. Friedcmann wird nicht in der Lage sein, auch nur einen einzige» Zionisten als Beweis für seine Behauptung nenne» zu können. Dr. Friedcmann meint ferner, daß wir mit billigen demagogischen Phrasen arbeiten und uns durchsetzen, weil die radikale Phrase stärker ist als vernünftige Ansichten. Ich frage den Delcgicrtentag, ob es einen Menschen hier gibt, der glaubt, dal) unsere Methode jemals ,auf Popularität ausgegangc» ist, oh wir uns beliebt zu machen versucht־ hätten oder daß man auf deutsche Juden überhaupt durch radikale Phrasen wirken könne. Wir hätten uns die Sache wahrlich leichter machen können. Bei dem Philistertum, bei den Leuten, denen alles recht ist, so wie es ist und die keine Veränderung wünsche«, hei denen findet man immer Beifall, wen» man lieblich mul sauft einherfälirt und auf die durch die Assimilation geheiligten (iedaukengänge cliigeht. Gerade wir haben es auf uns genommen, uns ruhig unbeliebt zu machen, und immer wieder Dinge zu sagen, die de» Kliillejuden am peinlichsten zu hören waren. Was das Phrasentum in unseren Reihen betrifft, so gebe ich unumwunden zu, daß es Menscheu gibt, die genau so gut mit den ״Phrasen“ von Herrn Friedemann wie mit den unseren leben können. De» geistig Anspruchslosen genügen ein paar Selilagwoile zur Befriedigung ihrer jüdischen Bedürfnisse. Aber dieser Vorwurf trifft tms in geringerem Maße als die anderen. Bei uns kann sielt niemand auf die Dauer halten, der im unehrlichen Phrasentum stecken bleibt; denn wir verlangen Arbeit und verachte» den, der in der Arbeit versagt. Die Frage unserer Stellung zu den anderen jüdischen Organisationen ist mir unerheblich. Für Zionisten, die wirklich im Glauben an ihren jüdischen Nationalismus leben und die trennenden Schranken zwischen sich und der palästinensischen Judenhcit einreißei! wollen, wird die Entscheidung nur seiten zweifelhaft sein. Uns beschäftigt diese Frage nur wegen jener Zionisten, deren Anschauungen nicht auf dem sicheren Grunde des Nationalismus auf* gebaut sind. Das Problem ist im allgemeinen praktisch schon gelöst. Von allen deutschen Zionisten sind nur mehr zwei in einer verantwortlichen Stellung im Zentralerem tätig, die Herren Professor Lewin und Dr. Pfälzer. Es ist bezeichnend, daß beide zur Gruppe Dr. Friedemanns gehören. Ich beklage solche Erscheinungen wie die angeführten, ich glaube aber, daß wir sie nicht mehr durch Beschlüsse zu bcseitigen brauchen, da wir zionistisch im Laufe der letzte״ Jahre so weit gekommen sind, daß unseren Freunden mir noch die Arbeit für unsere eigenen Angelegenheiten Freude macht. Die überwiegende Mehrheit der Delegierten stellt hinter uns, und noch größer ist unsere Majorität unter denen, die heute noch nicht Delegierte ^eiii können. Auch unter uns gibt cs Gegensätze, pber diese Gegensätze erwachsen auf der für uns alle gleichen Grundlage, daß der Zionismus eine uns ganz erfüllende Angelegenheit Ist. Und wenn wir von besseren und schlechteren Zionisten gesprochen haben, so glauben wir zu dieser Unterscheidung nach Dr. Fricdcmanns Rede berechtigt zu sein, die uns lehrt, daß es zweifelnde und des Zionismus volle Menschen in unseren Reihen gibt. Unser Ton, unsere formalen Entgleisungen sind gerügt worden. Gewiß gibt es Menschen, die sich besser benehmen können als andere. Aber meist hält man für schlechten Ton, was nur der ehrliche Ausdruck unserer Ueberzeugung ist. Wir leben in einer stärkeren Leidenschaft. Für Menschen von geringcrcr Entschiedenheit ist es leichter, immer in konventioneller Höflichkeit zu bleiben und jedes Wort abzuwägen. Wenn aber ein Mensch glüht, wenn er ganz voll ist von seiner Sache, dann wird die starke Stimmung auch einen stärkeren Ton finden. In der Geschichte der Völker waren immer die mit dem Odium des schlechten Tons belastet, die den Mut hatten, eine neue Idee zu vertreten. Die ״gute Gc- Seilschaft“ hat immer ein Interesse daran, daß sich nichts ändert, und der hat den schlechten Ton, der die Leute mit starker Stimme aus ihrem Bau herauslockt und sic zum Hören zwingt, ihnen zeigt, daß anerkannte Wahrheiten der letzten Generationen voll von Selbstbetrug sind und besseren Erkenntnissen weichen müssen. Den schneidenden Ton unseres ״radikalen" Zionismus hat das deutsche Judentum hören müsse n, das uns früher mit Erfolg ignoriert hat. Unsere Gegner wissen jetzt, der Zionismus ist auf dem Marsche, wir hören seine Stimme und setzen uns gegen ihn zur Wehr. Und da wollen Sie uns glauben machen, dort sind die vornehmen Leute und hier sind die Rüpel, die über das Ziel hinausschießen. Wir sind gewiß oft scharf und schroff, aber wir stellen tms den anderen im ehrlichen Kampfe. Die anderen aber, der noble Antizionismus, arbeiten gegen uns mit Verleumdungen und Denunziationen bei Juden und Nichijuden, ohne dali unsere zionistischen Gegner sich jemals über den Ton entrüstet hätten. Ein Wort Wilhelm v. Humboldts kann uns eine Richtschnur für den Ton unserer Propaganda geben: ״Die Menschen sind stumpfe, dumpfe Tiere, sonst wäre mehr Empörung Ln der Welt.“ Wir empören uns und bemühen uns, die Juden zu der gleichen Empörung über die unerhörte Dumpfheit ihres jüdischeu Lebens zu zwingen, um uns Menschen zu gewinnen, die sich und unsere Sache ernst nehmen. (Stürmische!* Beifall.) Dr. Franz Oppenheimer, Berlin: Daß Herr Bhmtenfckl ein absolut ehrlicher Mann ist, das hat niemand von uns bestritten. Er ist voll von seiner Sache, d. 11. also, daß er sich in einem gewissen Rausch befindet. Es ist kein Wunder, daß wir älteren Leute, die wir länger in der Bewegung arbeiten, ohne Beamte zu sein, mit dem Kreise, der diesem Rausch unterliegt, nicht in die gleiche Stimmung kommen. Das liegt eben daran, daß wir nüchtern sind. Wenn ich hier gegen das, was Herr Blumenfeld gesagt hat, polemisiere, so muß ich sagen, daß ich seine Gesinnung durchaus brav finde. Ich bin der letzte, von dem Herr Blumenfeld sagen könnte, daß er die Gefühle der Gesellschaft geschont hat. Aber so sehr ich mit der jugendlichen Tendenz des Herrn Blumenfeld einverstanden bin und so sehr mir bei den Worten des Redners manchmal eine angenehme Gänsehaut über den Leib gegangen ist, so muß ich jeden bewundern, der etwas anderes darin gefunden hat, als ein ungeordnetes Chaos. Ich habe genau gewußt, wo die jugendlichen Mitglieder des Delcgiertentages klatschen würden, und wenn ich wollte, so könnte ich auf dieser Harfe auch spielen. Es waren keine greifbaren Gedanken, wo der Beifall ciusetztc, sondern es waren die Stellen, wo mein Vorredner bewußt auf der Harfe seines Publikums spielte. Wir haben eine Definition des Wortes Nationalisimis bekommen und es wurde definiert mit dem Worte Nation. Was aber Nation ist, davon haben wir keinen Begriff bekommen. Es wurden uns Gefühle statt Gedanken vorgesetzt. Herr Blumenfeld hat cs so dargestellt, als wenn wir die Absicht hätten, ihm und seinen Freunden den Mund zu verbieten. Wir haben aber nicht die Absicht, den Radikalsten oder Nationalisten irgendwie das Feld ihrer Tätigkeit zu beschränken. Ich bin ein entschiedener Anhänger der freien Meinungsäußerung. Man hat den Leuten, die so denken wie ich, die Möglichkeiten der Betätigung immer mehr beschränkt. Wir sprechen hier nur, um Raum zu behalten. Wir wollen uns nicht zwingen lassen, die Bewegung, der wir einen grollen Teil unserer Kräfte gewinnet haben, zu verlassen. Dieser Radikalismus mag bleiben. Er ist unter Umständen gut, er ist Schrittmacher. Wenn einer 20 Meilen vorangeht, so können die Nachkommenden bequemer die Positionen okkupieren. Der radikale Zionismus darf aber nicht behaupten, daß er der einzige Zionismus St. Wenn Sie dies anerkennen, so werden wir uns allmählich verständigen können. Ich bin dafür, daß ich meinen Standpunkt von Anfang an offen bekannt habe, häufig angegriffen worden. Ich habe