Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Seite 265 problem die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden und nach Wegen zu suchen, die der midisten Generation den Weg zum Zionismus selbstverständlicher machen als er uns einmal gewesen ist. ’ Ich habe keine Sorge, dal! uns auch diese Aufgabe praktisch zu lösen vergönnt sein wird. Wir haben so viele Hindernisse auf dem Wege zu unserem Judentum zu überwinden gelernt, daß wir auch den Weg zum Herzen der nach uns Kommem en finden werden. Die Aufgabe ist aber zu bedeutungsvoll, um nicht auf unserer wichtigsten Tagung besprochen zu werden, und ihre öffentliche Diskussion kann nicht früh genug einset/cu. Zu deren Einleitung mag auf einige grundlegende Punkte Bezug genommen werden. in weiser Beschränkung hat die Rechtsordnung der Jugend unter 18 Jahren die Anteilnahme an politischen Bestrebungen versagt. Auch wir lehnen cs auf das Entschiedenste ab, junge Leute unter 18 Jahren parteimäßig organisieren zu wollen. Trotzdem ist die Erziehung auch dieser Jugend unsere, der politischen Zionisten, Aufgabe. Das beweist ein kurzer Blick auf den heutigen Stand des jüdischen Er/ichtuigswesens. Die Kenntnis der hebräischen Sprache wird immer geringer, weil Schule und Haus sie in immer magerer werdenden Portionen lehren. Seihst in der Geschichte unseres Volkes und seiner Literatur wird der Unterricht trotz aller in deutscher Sprache erschienenen Lehrbücher und IJcbcrseizungcn immer dürftiger. Das Bewußtsein der Einheit der Juilenheit wird immer undeutlicher. Ganz bewußt wird die Kluft zwischen der Masse der Juden in Osteuropa und den westeuropäischen Juden vergrollert, die angebliche Eigenart des deutschen Judentmns gegenüber den Anschauungen anderer Juden immer wieder betont. Die Liehe zu Palästina als der Wiege unseres Stammes und unserer Religion wird absichtlich unterdrückt, so daß mancher Nichtjmie dem Lande Israel mehr Ehrerbietung und innigere Liebe zollt, als viele Söhne unseres eigenen Volkes. So werden die wichtigsten Grundlagen aller jüdischen Erziehung erschüttert. In nichtzionistischen Kreisen allerdings herauseilt man sich gern an der zutage tretenden Stärkung des jiidischen Bewußtseins und weist auf das Blühen aller jüdfr sehen sozialen Organisationen und cinc.stärkerc Anteilnähme am religiösen Leben hin. So weit hier nicht Eernwirkungen unserer zionistischen Propaganda, des jüdischen Nationalismus mit seiner Befruchtung aller jüdischen Interessen vorliegeu, können wir leider nur eine arge Selbsttäuschung des offiziellen Judentums konstatieren. Die Begabung unseres Zeitalters für organisatorische Dirigc hat wohl auch außerhalb des Zionismus ihre Früchte getragen und die jüdischinteressierten Kreise straffer als früher zusammengefaßt. Wohl erfreut sich auch dieser oder jener Verein — gar zu viele sind es nicht -- einer lebendigen Anteilnahme seiner Mitglieder. Wohl hat der Staat durch Zwangsmnßregcln den Besuch des jüdisehen Religionsunterrichtes gefördert. Aber Taufe, Alifall und Mischehe üben weiter ihre verheerenden Wirkungen aus, und der Kreis riet Männer und Frauen, die am Leben der Gemeinden teilnehmcn, reicht noch immer sehr knapp aus und zwingt gar manche Gemeinde, ihre Ehrenämter Männern an zuvertrauen, die recht ungeeignete Repräsentanten einer Gemeinschaft sind, welche das Judentum auch kommenden Generationen, übermitteln will. Und die angeblich sieh stärkende moderne Religiosität hat sehr wenig mit jener altberühmten Frömmigkeit unserer Ahnen gemeinsam, von der jeder Tag ihres Lehens durchdrungen war. Besser können auch die Ergebnisse nicht sein, wenn so viele Lehrer die doch so dürftig bemessene Zeit für den Religionsunterricht noch bcnutzen zu müssen glauben, uin gegen den Zionismus zu wettern und in recht unpädagogischcr Gcsinnungs- Schnüffelei in jeder Organisation nach zionistisch verdüchtigen Momenten zu suchen. Hat man doch sogar schon vorgesclilageii, den Kindern das Lesen nationaljüdischer Bücher zu verbieten. ׳ Solchen Tendenzen gegenüber müssen wir versuchen, die jüdische Erziehung späterer Generationen auf eine neue Grundlage zu stellen, ihr ein freudigeres Bekenntnis zum Judentum, eine größere Vertrautheit mit der Geschichte unseres Stammes und seiner Sprache, eine stärkere Liebe zu allen seinen Gliedern und hierauf aufhauend das Vertrauen auf eine Wiedergehurt unseres Volkes einzuflößen. Nur eine so erzogene Jugend wird im reiferen Alter die Pflicht fühlen, alle ihre Kräfte in den Dienst der Gesamtheit zu stellen. Und diese Erziehungsarbeit werden immer nur Männer und Frauen leisten können, deren Seelen sich selbst mit der Gedankenwelt der jüdischen Renaissancebewegung erfüllt haben und die bereit sind, diesem Ideale Opfer zu bringen. Ueber die Wege, die zu einer solchen Erziehung führen, herrschen allerdings auch in unseren engeren Kreisen noch vielfach differierende Ansichten. Noch mancher zionistische Vater glaubt seinen Sohn mit den Mitteln, die ihm die Organisation bietet, zum Juden erziehen zu können. Das ist ein Irrtum. Politische Programme sind keine Erziehungssysteme, und JUEDISCHE RUNDSCHAU die Persönlichkeiten großer Männer wirken nur dann erzieherisch, wenn sie dem Kinde als Symbole und Repräsentanten geistiger Ideen nahe gebracht werden. Andere Versuche, die einzelne unserer Parteigenossen zur Lösung des Problems in ihren Familien unternommen haben, sind einer systematischen und fachmännischen Prüfung noch nicht unterworfen worden. Auch außerhalb des Hauses ist noch wenig Erfreuliches zu berichten. Einige hebräische Kindergarten sind gegründet. Die Kenntnis der hebräischen Sprache wird überhaupt wieder mehr gepflegt. Auch die Literatur bemüht sich, dem Erzichungsproblcm gerechter zu werden, wie das vom Jüdischen Verlag herausgegebene Peßnclibtieb ״Chad Gndja“ zeigt. Auch die in der letzten Zeit gegründeten Wandervereine ״Blau-Weiß“ scheinen für die Zukunft viel zu versprechen. Es kann aber nicht Aufgabe des Dclcgiertcntagcs sein, eine Systematik der Erzielumgsfrage zu entwerfen. Wir müssen uns darauf beschränken, auf das Problem hingewiesen, einige Möglichkeiten gezeigt und seine Erörterung in der Zukunft vorbereitet zu haben. Festeren Grund und Boden spüren wir, wenn wir uns der Frage der Jugend über 18 Jahren, also demjenigen Teil der Jugend zuwenden, der sich politisch organisieren läßt. Hier haben wir schon manches gute Resultat erzielt. Die Arbeit war aber nicht von der Gesamtheit der Organisation getragen. Einzelnen Gruppen überlassen, nach verschiedenen Richtungen orientiert, Diese Nummer der Jüdischen Rundschau mit dem Protokoll des XIV. Delegiertentages miiiiiuiiiiiimmiimiiiiiiiniiiuiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMiiMiiiiiii ist zum Preise von 20 Pf, pro Exemplar, (100 Excm* plnrc 10 Mark) vom Verlage der Jüdischen Rundschau, Berlin W 15, Sächsische Strasse 8, zu beziehen. entbehrte sic straffer Zusammenfassung, einheitlicher Durchführung. Erst in den letzten zwei Jahren haben wir begonnen, ihr größere Aufmerksamkeit zu zuwenden. Au diese Vorarbeiten können wir anknüpfen. Sie bestehen in der Gründung zionistischer Jugendvcrcinc, in der Förderung «les Flcrzl-Bundcs, der Studcnten-Organisationcn und der Jüdischen Tnrnerschaft. Diese Organisationen gilt cs auszubauen, so daß allmählich ein lückenloses Netz zionistischer und jüdiselmatioiialcr Jugendorganisationen entsteht, als wichtigste und unerläßliche Ergänzung unserer im wesentlichen auf die Bedürfnisse der Acltereii eingerichteten Ortsgruppen. Wir Acltcrcn haben dieser Entwicklung bisher vielfach wie unbeteiligte Zuschauer gegenübergestanden. Nur für unsere studentischen Korporatloneu hat ein weiterer Kreis aktives Interesse hewiesen. Wie wir aber als Alte Herren akademischer Verbindungen den wechselnden studentischen Generationell gegenüber die Einheit der Verbindung sicherstellen, so müssen wir alteren Zionisten auch der zionistischen Jugend überhaupt die äußeren Möglichkeilen der Betätigung geben, wie nie körperliche und geistige Erziehung fordern, und in ihren Organisatioucn entsprechend der Bedeutung der Aufgäbe ernst initarbeiten. Im Vergleich zur positiven Mitarbeit in unseren eigenen Jugendorganisationen, die unsere Kräfte voll in Anspruch nehmen wird, tritt naturgemäß unsere Anteilnahme an anderen jüdischen Jugendorganisationen in den Hintergrund. Das Problem der neutralen Jugend vereine verliert damit für uns seine praktische Bedeutung. Geehrter Delegiertentagl Ich möchte die Frage der Jugenderziehung nicht abschlicßcn, ohne eine Angclegenheit zu berühren, die auf jeder jüdischen Tagung besprochen werden sollte: es ist der Be- Schluß des Wandervogels in der Judcnfragc. Wir Zionisten haben von vornherein unsere Aufgabe in der Gründung eigener Jugendorganisationen gesehen, und nach Einfluß im Wandervogel nie gestrebt. Das Programm des Wandervogels aber war an sich dazu angetan, auch uns Juden für die Erziehung unserer Kinder neue Wege zu weisen. Um so energischer aber müssen wir gegen die antisemitische Entwicklung des Wandervogels Stellung nehmen. Wir erheben öffentlichen Protest gegen die unerhörten Beschimpfungen, denen das Judentum in der Presse des Wandervogels ausgesetzt war und sprechen unsere Empörung über die Versuche aus, den jüdischen Nationalgcdnnken zur Begründung ärgsten Radau- Antisemitismus heranzuziehen. Neben den Fragen der Erziehung der nächsten Generation gibt es naturgemäß auch für diese Tagung ein Gebiet der Beratung: Palästina. Und Sic werden von Herrn Motzkin, der soeben von dort zurückgekehrt ist, einen Bericht über die Lage in Palästina und über unsere nächsten palästinensischen Aufgaben hören. Doch mit einem Bericht allein können wir uns nicht mehr begnügen. Palästina ist unserem Empfinden von Jahr zu Jahr näher gerückt. Es fordert die persönliche Mitwirkung jedes Zionisten am Aufbau der neuen jüdischen Siedlung. Manche unserer Freunde haben sieh seihst als Pioniere in den Dienst Palästinas gestellt. Andere wollen sidi wirtschaftliche Interessen im heiligen Lande schaffen. Und so wird Ihnen Herr Dr. Zlocisti den Plan einer Aclmsa vorlcgm, wie er im praktischen Amerika entstanden ist und wie er sich auch für deutsche Zionisten in die Wirklichkeit umsetzen läßt. Geehrter Delegiertentagl Mit freudigem Stolz haben wir festigest eilt, daß auch in diesen Jahren unsere Organisation gewachsen, unsere Idee fortgeschritten ist. Bald wird sich der Tag zum zehnten Male jähren, an dem wir unseren Führer Theodor Flcrzl ins frühe Grab betten mußten. Was wir an seinem Grabe geschworen, haben wir gehalten. Langsam war unser Aufstieg. Kein noch so geringer Erfolg ist uns mühelos in den Schoß gefallen. Aber in zäher Arbeit haben wir seinem Werk eine feste Grundlage im deutschen Judentum geschaffen. Sicher und seines Wertes bewußt führt der deutsche Zionismus den Kampf um die Zukunft unseres Volkes. Und so wandeln sich die Tage der Trauer uin den, der unser aller Lehrer und Erzieher war, in nationale Feiertage. Unsere Arbeit, unsere Tagungen seien die Denkmäler, die wir dem Geiste Theodor Herzls weihen, dem Geiste voller Hingabe des Mannes an sein Werk, dem Geiste eines unbedingten Nationalismus, einer niemals verzagenden Liebe zum Laude unserer Väter. Der XIV. Delegiertentag der Zionistischen Vercinigung für Deutschland ist eröffnet. (Lauter, langanhaltender Beifall.) Dr. E. W. Tschlcnow, Berlin, im Namen des Engeren Actions-Comites: Empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für die freundliche Begrüßung, die Sie mir als Vertreter Ihrer Leitung zuteil werden ließen. Mit keiner Landcsorganisatiun steht die Leitung in so engen Beziehungen, wie mit der deutschen. Wir stehen mit ihr in Personal- und Lokalunion, und da Sie unsere tägliche Arbeit aus der Nähe am besten beobachten können, so sind mir die Sympathien, die Sie in meiner Person der Leitung entgegenbringen, besonders teuer. Die nahen Beziehungen zwischen dem Engeren Actioiis-Comite׳ und der deutschen Landesorganisation haben für uns aber auch noch eine andere Bedeutung. Bei jeder Aktion, die wir unternehmen, bei jedem Appell, den wir ergehen lassen, müssen wir natürlich in erster Reihe mit dem Widerhall rechnen, den er in der nächsten Umgebung hervorruft. Wenn die Leitung eine ganz besondere Kraftanstrengung brauchte, um etwas durchzusetzcn, wie dies gerade in der Zeit dos Sprachcnkatnpfcs der!7all war, so mußte sic sich in erster Linie fragen, ob sie auch hei der deutschen Organisation diejenige Unterstützung finden würde, die sie für den Erfolg unbedingt brauchte. Und noch etwas wichtiges gab es für uns: werden wir vom deutschen J u d c n t u m verstanden werden, wird sich das deutsche Judentum in diesem schweren Kampfe auf unsere Seite stellen? Hier handelte cs sich um eine Kraftprobe für die ganze frühere Tätigkeit des deutseiten Zionismus. Wir waren uns klar darüber, daß wir es mit ganz besonders schwierigen Verhältnissen zu tun hatten. Der Gegner war stark. Er hatte sich durch seine philanthropische Tätigkeit die Sympathie breiter Schichten des Judentums erworben und schreckte in unserer Bekämpfung vor keinem erlauhten und unerlaubten Mittel zurück. Trotzdem hat die Antwort, die wir erhielten, all unsere Er- Wartungen weit übertroffen. Das deutsche Judenturn hat den Beweis dafür geliefert, daß cs Heiligtürncr hat, an denen es niemand gestattet ist zu rütteln. Wenn wir eine solche Unterstützung im deutschen Judentum gefunden haben, so ist dies der Beweis dafür, daß Ihre ständige Aufklärungsarbeit erfolgreich gewesen ist und daß Sie sich einen ׳Uten Boden für Ihre weitere Tätigkeit geschaffen iahen. Die Haltung der Organisation selbst aber war für uns von noch größerer Wichtigkeit. Herr Justizrat Bodcnhcimcr hat einmal an hoher Stelle gesagt: ״Die deutschen Zionisten werden die Offiziere für die zionistische Armee stellen.“ Er hat recht gehabt. In dieser Beziehung hat Deutschland aber keine Ausnähme gemacht, alle Länder haben uns gute Offiziere und Generäle geliefert. Was aber die deutsche Organisation so besonders kennzeichnet, ist ihre Einheitlichkcit, Geschlossenheit und ihr Pflichtbewußtscin. Diese hat die deutsche Landsmannschaft auch in diesem schweren Kampfe bewiesen. Wir brauchen gute und viele Kräfte, um den großen Aufgaben des Zionismus gerecht zu werden. Unser Arbeitsprogramm wachst und dehnt sich immer mehr aus. Ich kann Ihnen hier unsere Arbeiten und Pläne nicht ausführlich schildern, 1md möchte nur ganz kurz zwei Arbeitsgebiete, unsere politische und kolonisatorische Tätigkeit erwähnen. Die politische Tätigkeit gehört zu denjenigen Arbeitsgebieten, wo vieles unternommen und versucht, verhältnismäßig wenig erreicht und noch weniger mitgcteilt werden kann. Ich bin glücklich, konstatieren zu können daß gerade im letzten Jahr unsere Arbeit in dieser Richtung positive Erfolge aufzuweisen Jiat.