Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651869-2651894--09686-2667031- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 24 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seile 253 dieser Arbeit überhaupt noch nicht die Rede sei״ kann; dam was will es besagen, wenn wir wirklich zwei landwirtschaftliche Schulen haben, wovon die e ine bisher hauptsächlich für das Ausland vorgebiklete diplomierte Landwirte erzogen hat, die andere, die erst seit kurzem besteht, ebenfalls einen überwiegend theoretischen Charakter trägt und scheinbar auch dafür bestimmt ist, weniger selbst arbeitende Landwirte, als Agronomen zu erziehen. Auch die bis• hcrigen Versuche, die Ausbildung der Landarbeiter zum Beispiel kapitalistischen Farmen oder Genossen• schaden auf Gewinnbeteiligung aufzubürden, hat nur dazu geführt, daß teilweise in Palästina selbst iii Arbeitskreisen erklärt wird, daß dies nicht die Auf• gab!־ derartiger Farmen sein kann. Noch ärger liegt es auf dem Gebiete der Er• Ziehung der Mädchen und Frauen zur Landwirtschaft. Auch hierfür existieren, wie man ja weiß, kleine Anfänge, die, falls sie ausgestaltet würden, allmäh• lieh eine Besserung der herrschenden Zustände 11eriKiinlircn könnten. Man muß sieh aber immer wieder vergegenwärtigen, daß die nicht genügenden Wirtscli.iiisrcsultate und die fehlende Vielseitigkeit der palästinensischen Landwirtschaft hauptsächlich in dem U11'Stande zu suchen sind, daß unsere Frauen sowohl mit den so überaus wichtigen Fragen der Landwiiisrhaft, als auch mit der richtigen Führung der Hauswirtschaft uicht genügend vertraut sind, da ihnen bisher eine genügende Vorbildung fehlte. Unser wichtigster Progrninnipunkt für die Zukimtt muß also lauten: Systematisierung der Aushildniig der jungen Generation in der Landwirtschaft. Ls darf sich hier naturgemäß nur darum handeln, wie man die junge Generation für ihren zukünftigen Beruf in geeigneter Weise und mit verhältnismäßig geringen Mitteln erzieht. Eine Ausbildung in hesonders teuren und nur auf einen verhältnismäßig gelingen jährlichen Schülerzuwachs berechneten Landwirtsehaftsseluilcn in Art der bestehenden landwirtscliaitlichen Mittelschulen kann nicht in Frage kommen, ln erster Linie muß es sich vielmehr darum handeln, das Scluilprogramm der Koloniesehulen derart mn/ugestaiten, daß den in den Kolonien heranwachsenden Kindern Gelegenheit gegeben wird, sich genügende landwirtschaftliche Kenntnisse anzueignen; dies gilt sowoohl fiir Knaben wie für Mädchen. Für die Knaben käme noch ein besonders ausgebildeter Fachunterricht als Ergänzung hinzu, für die Mädchen hanswirtschaftlicher Unterricht. Diese Grundlagen könnten durch geeignete Fachkiirse nach Verlassen der Schule ergänzt werden. Durch die Anlage von Schulgärten, wie es bisher schon in kleinem Umfange in Palästina geschehen ist, könnte der theoretische Schulunterricht zweck, mäßig ergänzt werden. Wohl sind dabei die psychologischen Schwierigkeiten nicht außer acht zu lassen, die sieh ergeben werden, wenn den Kindern in den Koloniesehulen statt der von den Eltern hauplsächlieh gewünschten ״höheren Bildung“ derartige Fachkennt!nsse vermittelt werden. Es ist daher auch zweifellos darauf Wert zu legen, das Scluilprogramm in bezug auf die anderen Fächer uicht zu sehr zu beschranken, wenn auch unter allen Umständen die für den Kolonisten überflüssigen umfangreichen Sprachstudien in Zukunft in den Hintergrund treten müssen. Durchaus wünschenswert dagegen dürfte die Vermittlung über den Durchschnitt derartiger Schulen bei anderen Völkern weit hinausgehciidcr guter allgemeiner Kenntnisse sein. Denn sonst Wäre zu befürchten, daß die Eltern dem naheliegenden eine Danksagung. Sic war an die Adresse des greisen Groliherzogs Friedrich von Baden gerichtet, dein die Bewegung bereits Großes verdankte und dessen tatklüftiges und warmherziges Eintreten für unser Volk eile Zeit unvergessen bleiben wird. Wie gelang es nun Herzl, sieh das Vertrauen her regierenden Kreise zu schaffen, das ihm solche Aktionen ermögliche!:? Zunächst muß fcstgestellt W'-rilen, daß Herzl nicht etwa Bittgänge zu den Großen, mit denen er verhandelte, unternommen, sich ihnen angeboten hat. Er wußte sehr wohl, daß die Männer, auf die er seine Hoffnungen setzte, vor einem politischen Schnorrertum genau so wenig Respekt haben würden, wie vor einem Bittgänger um Geld; daß ihnen der Jude mit besonders hoch erhobenem Haupte als Nachkomme großer Ahnen und Träger uralter Tradition entgegentreten »mißte, wenn er ihre Sympathie erwerben wollte. Stolz und bescheiden. Er selbst war außerordentlich zurückhaltend. Wohl versuchte er durch Mittelsleute in persönlichen Verkehr zu den Steilen zu komme״, die ihm für die Förderung der Arbeit nötig erschienen. Aber alle seine Bestrebungen gingen dahin, daß er gerufen wurde. Selbst gegen geringe Taktfehler in dieser Hinsicht war er sehr empfindlich. Wußte er doch, daß er die Würde der Nation, der lange entwürdigten, zu wahren hatte. So schreibt er •n einem Briefe vom 17. April 1903 an einen detitsehen Gesinnungsgenossen: ״Ich habe oft genug davor gewarnt, mit diesen Hof- und Regierungs• Wunsche, ihren Kindern eine möglichst gute Schulbildung zuteil werden zu lassen, dadurch zu entsprechen suchen, daß sie dieselben auf die höheren und mittleren Schulen der Städte schicken. Schon um diesen unerwünschten Folgen der Gründung zahl• reicher höherer und mittlerer Schulen in Palästina in den letzten Jahren vor/ubeugen, betrachte ich cs als eine wichtige Aufgabe, der sachgemäßen Entwichhing der Koloniesehulen die größte Aufmerksamkeit zuzuweuden. Es darf auch nicht vergessen werden, daß allein die bodenständige Bevölkerung, das heißt also die Bevölkerung der Kolonien, imstande sein wird, in erster Linie eine echte palästinensische Kultur zu entwickeln. Aus den genannten Gründen dürfte daher für alle, die sieh für das Koloiiisationsproblem aus wirtschaftlichen oder kulturellen Gründen inter• cssieren, die Beschäftigung mit dem Erziehung^• Problem der Kolonistenjugcnd von größter Wichtigkeit sein. In welcher Weise man die städtische junge Generation für landwirtschaftliche Berufe in Palästina seihst erziehen kann, wird ebenfalls eine Frage des geschickten Vorgehens der hierzu berufenen Organisationen sein. Durch eine Verlegung aller der Institutionen und Schulen die nicht aus triftigen Gründen unbedingt in der Stadt gelegen sein müssen, besonders z. B. auch der Waisenhäuser, in die Das Leben Theodor üierzls von Adolf Friedcmann, Die erste ausführliche Biographie unseres großen Führers, mit reichem Material und unveröffentlichten Dokumenten zur Geschichte des Zionismus, unveröffentlichten Briefen u. a. an Nordatt, Hirsch Hildesheimer, Martin Buber über die wichtigsten Fragen aus der ersten Zeit der zionistischen Bewegung, erscheint zum Delegiertentag. Preis in Pappband 2,— M. Jüdischer Verlag Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. Kolonien unter gleichzeitiger Umgestaltung in Lander/ichmigsheime ließe sieh Ersprießliches erzielen. Auch durch eine weitgehende Kombination von 1 ׳latishaluuigsseliulen, Lehrfnrmcn mul Landwirtschaftliehen rorthildungssduileii wäre eine Förderung unseiet׳ Kol.inisatimi zu erreichen. Das System der Ausbildung der Landarbeiter auf Natiunalfoiidsfarinen und -Domänen ließe sich ebenfalls noch in zweckmäßiger Weise erweitern. Auf diese Weise würden wir es allmählich erreichen, daß der Kreis der Landwirtschaftlich vorgehildeteii jungen Generation in den folgenden Jahren immer größer würde und wenn auch nicht schon in ein oder zwei, so würden wir doch in wenigen Jahren die Folgen dieser Jugender/ielumg in unseren Koloitisntinuscrfolgcu feststellen können. Es kamt natürlich nicht die Aufgälte sein, in einem kurzen Artikel Erschöpfendes und Neues über diese so überaus wichtige Frage zu sagen, und ein derartiges schwieriges Problem auch nur einigermaßen eingehend zu entwickeln; außerdem habe ich die einzelnen Punkte׳ in einer größeren Arbeit ausführlich behandelt. Diese Zeilen sollen mir dazu dienen, die Aufmerksamkeit auf einen der vv icht i gs t eu Punkte unseres K o10 n1s a t i 0 n s - w e r k e s zu 1 e 11 k e 11. kreisen in allzu auffallender Weise Fühlung zu suchen. Es macht keinen guten Eindruck und schädigt unsere Sache ganz entschieden. Die größte Zurück• haltung ist diesen Kreisen gegenüber das einzig Richtige; nur dann werden wir richtig beurteilt." Neben dieser Taktik war es seine wunderbar vornehme mul harmonische Persönlichkeit, der rittcr. liehe Charme seines Wesens und sein außerordentliebes Taktgefühl, die ihm überall Freunde gewannen. Seine vornehme Erscheinung, die über sein ganzes Wesen ausgegossene Kultur, die Wärme der Stimme mul das stete Formen der Urteile zu kleinen, geistvollen Pointen — das alles bezauberte und zwang den Partner der Verhandlung in seinen Bann. Und dann hatte er, wie es mir der alteingesessene westenropüisehe Jude haben kann, natürliches Verständnis für die Anschauungen und Empfindungen derer, die ihm gegeiuihertraten. Er verstand klar das starke, protestantisch-innige Seelenleben des einen, der es tür einen Teil gottgewollter Sendung hielt, daß er dem Volke der Bibel seine Heimat wieder schaffte, und den anderen, den genialer Schaffungsdrang und historische Romantik für die Bewegung gewannen. Er verstand aber auch den großen Kolonialminister, der mit nüchtern geschäftlichen Erwägungen religiöse Unterempfindungen und das großzügige engfische Gerechtigkeitsgefühl für die Schwachen und Bedrängten vereinigte. Ihm selbst war nichts Menschliches fremd in der Weite seines Denkens und Fuhlens, und so ver¬ Erziel! ungsprobleme Ein ernstes Wort zum Leipziger Dclegiertentag von Henry Unna, Berlin Unsere Leipziger Tagung wird sich neben selbstverständlichen Organisationsfragen in der Hauptsaclte offenbar mit zwei Problemen befassen. Mit unserem Verhältnis zu Palästina und unserem Verhalten zu unserer Jugend, mit dem Land und den Menschen unserer Zukunft. Und wir können ja wirklieh nichts Schöneres und Besseres tun, als unsere Liebe, unsere Tatkraft, unseren Willen in den Dienst dieser unserer Hoffnungen zu stellen. Ich hatte mich aufrichtig gefreut, als die Redaktion dieses Blattes vor einigen Wochen eine Sonder• n.immcr ankündigte, die der Frage unserer Jugend• erziehung gewidmet sein sollte, und war ebenso auf. richtig enttäuscht, als ich diese Nummer las. Ich vermißte die Wertschätzung eines Gliedes unserer Jugendarbeit, das ich seit Jahren für ihren wichtigsten Faktor halte und das seit Jahren von der Leitung unserer Organisation stiefmütterlich behandelt wird. Ich meine (selbstverständlich!) die jüdische Turn Bewegung. Und wenn ich mir vornalmi, hier von Erzichtmgsproblcmcti zu sprechen, so meinte ich nicht die Erziehung unserer Jugend, sondern wünschte, unsere Alten einmal zu beeinflussen in ihrem Verhalten zur Jugend. Auch das sind schwere Erzichungsprobleme! Es steht mir hier leider nicht der Raum zur Verfügung, um den erzieherischen Wert unserer Turneischaft in extenso zu beleuchten und ich kann nur andcuten, was ich demnächst an anderer Stelle (im Rahmen der geplanten zionistischen Broschüren• bibliothck) ausführlich klar/uiegen hoffe. Der ganze Sinn unserer Erziehungsarbeit ist es, in unserer Jugend Menschen zu schaffen, die in sich die Disposition zum Zionismus tragen. Gerade, offene, natürliche Menschen, die sich den Blick bewahren für das Freie, Wahre und Schölte. Menschen, die innerlich jung genug sind, sich von den kleinlichen Sorgen ihres persönlichen Alltags zu befreien, tun ihre Energie der späteren Zukunft unseres Volkes zu weihen. Aus (an Jahren) jungen Philistern sollen jtmgempfindende Menschen werden. Es kamt nicht genügend betont werden, daß das Problem unserer Erziehungsarbeit in ihrer Bedeutung und Schwere nicht auf organisationstechnischem, nicht mif politischem, sondern einzig auf rein me 11 schlieh erzieherischem Gebiete liegt, Und Wer für diese Grundlage keilt Verständnis hat, der widme sich mit Eifer dem Sammeln von Schekeln, dein Verkaufen von Broschüren tisw. (alles notwendige, nützliche Dinge!), aber er lasse tun Gottes willen seine Hand von unserer schönen, liehen Jugend. Wer in unseren Prachtjungen mit den schwarzen, fragenden Augen nichts anderes hofft als werdende Parteimenschen, für den ist diese Jugend zu schade. Ich kann der Leitung unserer Organisation nicht den Vorwurf ersparen, daß sie der Jugendbewegung gegenüber häufig nicht den richtigen Standpunkt eingenommen hat und dies ist meines Erachtens die Ursache unserer relativen Mißerfolge bei der Jugend. (Deshalb alleine ergreife ich hier kurz war dem Dcle* giertenfage das Wort.) Man hat uns jüdischen Turnern endlos applaudiert (ich höre noch den brausenden Jubel, der die ״Hohe Warte“ umtoste), man hat uns bei allen festlichen Gelegenheiten seiner Sympathie versichert (wer denkt nicht an die Zeiten, da alle stand er die Sprache eines jeden. Die Sprache des armen jüdischen Hausierers und des christlichen Kaisers, die des Sultans und des Papstes. Und da er selbst die an das Gute und Große der menschliehen Natur appellierende Sprache der Wahrheit und Gerechtigkeit führte, wurde er von allen verstanden. Ihr hat er seine Erfolge gedankt. Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Michalosef bin Gorion, Die Sagen der Juden zur Bibel, II: Die Erzväter. Frankfurt a. Main, Hütten & Loening. Mk. 7.— (8.50, 11.—). Arno Dvorak. Der Volkskönig, Drama in fünf Akten, deutsch von Max Brod. Leipzig, Kurt Wolff. Mk. 2.50 (3.50). Die weißen Blätter, Eine Monatsschrift, Aprillieft. Leipzig, Verlag der weißen Bücher. Aus dem Inhalt: Max Brod, Vom neuen Irrationalismus (Besprechung über Buber, Das Samtnelbuch ״Vom Judentum“, Hugo Bergmann), E. Lasker-Scnülcr, Gedichte, Martin Buber, Ereignisse und Begegnungen, Gustav Meyrink, Der Golem. Sigmund Fraenkel, Die zukünftige Gestaitung der israelitischen Kirchensteuern in Bayern. Sonderabdruck aus ״Blätter für administrative Praxis“. München, C. H, Becksche Verlagsbuch• handlung Oskar Beck,