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Jüdische Rundschau · 1914-06-05 · Heft 23 (5.6.1914) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 23 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 244 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23 gegen traf mich der Vorwurf, daß ich dem Antisemitismus durch meine Anklage Vorschub geleistet liiiite. Nun, wir waren vermessen genug, diese abgeleierte und immer zur Unrechten Zeit vorgebraehte Mahnung gering zu achten. Unsere Freunde gingen zur preußischen Regierung, um zu verhindern, daß Gesetz werden sollte, was in den Augen jedes gerecht Denkenden empörende Rechtsbeugung ist. Es half nichts, daß Herr Rechtsanwalt Michaelis aus Hamm mit einem ״Gutachten“ zur Stelle war, das aus dem Judengesetz von 1817 die Rechtlosigkeit der Ausländer nachweiseu sollte. Roma locuta csl. Der preußische Minister des Innern hat entschieden, daß die Stnatszugehdrigkeit mit den Rechten eines jiülisehen Ciemeindemitgliedes in Preußen nichts zu tun habe. Mit dieser Entscheidung ist der Fall Duisburg für uns erledigt. Alle Denunziationen der gali/ischcn ״(ilaubensbrüdcr“ werden an dieser Entscheidung wir an einem roehcr de bronec zerschellen!missen. Recht ist Recht geblieben. Warum sollen wir es verhehlen? Wir wissen, daß unsere Rechte bei den staatlichen Behörden besser aufgehoben sind, als bei den jetzigen Machthabern im Judentum. Und diese Erkenntnis stammt nicht erst von gestern. Wie war es mit dem Wahlrecht zur Vertretung der Berliner jüdischen Gemeinde V Wer zweifelt noch einen Augenblick daran, daß die bevorstehende Wahlreform, die jetzt als ein Erfolg des liberalen Gedankens verherrlicht wird, nie gekommen wäre, wenn nicht die gesetzgebenden Eaktoren von unserer Seite auf die empörende (Interdrückuug der Minderheit hingewiesen worden wären, Duisburg ist erledigt, die Ausländer wird man für absehbare Zeiten in Ruhe lassen müssen. Welche neuen Angriffe aber auch gegen die Einheit, die Würde, die Ehre des Judentums von jener Seite gerichtet werden sollten, stets werden wir auf der Hut sein und rechtzeitig die Oeffentlichkeit auf drohende Anschläge hinweisen. Selbst auf die Gefahr hin, daß die ״Ethiker" des Judentums voller Entsetzen uns die Helfershelfer der Antisemiten nennen. Berlin. flustav Witkowsky. Ausgesprochenes und Verschwiegenes Wie wir berichteten, hat der Verband der Pen• sions- und Logierliausbesitzer in Kiulowa den K a ftan verboten, angeblich aus hygienischen, in Wirklichkeit aus antisemitischen Gründen. Der ״Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ hatte den wahren Sinn dieses Verbotes nicht durchschaut und eine sehr lahme Erklärung abgegeben. W i r wiesen sofort auf die antisemitische Tendenz, hin und zeigten die Sache in ihrem wahren Lichte. Die Pensionsbesitzer in Kudowa glaubten sich nun vor der Demaskierung durch uns retten zu können, indem sie sich an den Zcntralvcrcin wandten und diesen um Schutz vor den argen Zionisten baten. Der Zentral verein aber war ja inzwischen durch unsere Ausführungen belehrt und antwortete in ablehnendem Sinne, wenn auch in sehr gewundener Form. Sein Schreiben, das im ״Hamburger Israelitischen Familienblatt“ verüffcntlicht ist, ist in mancher Hinsicht interessant. Es wärmt das nicht mehr neue Schlagwort von den braven und den schlimmen Zionisten auf, welche letzteren ״d er Pflege deutscher G c s i n n u 11 g u n d Vaterlandsliebe unter d e n deutschen Juden gegenüberstehen“. Das paßt ausgezeichnet zu dem neuesten anonymen, unleugbar aus der Küche des antizionistischen Komitees staininenden Leitartikel des ״Hamburger Israelitischen Faniilieublattcs", der genau mit dem Wortschatz und den Methoden dieser Körperschaft gegen uns loszieht und uns' verurteilt, weil wir cs als ein Venbrechen am Judcutume bczciehneteu, ״als von nichtzionistischer Seite eine aufklärende Kundg e b u 11 g über das Verhältnis zu den Zionisten in nicJit jüdischen deutschen Blättern veröffentlicht wurde“. Im übrigen glaubt er uns am schwersten zu treffen, indem er die lächerliche uiul auf absoluter Unkenntnis unserer Bewegung beruhende Actilleniiig von M ü 11 c r - M c i 11 i 11 g c n, der Zionismus und der Antisemitismus seien Früchte von demselben Bußen, zitiert und breittritt. Viel weniger redselig wird das Hamburger Familienblatt, wenn es vom Resultate der Bemühungen der Duisburger Liberalen spricht, die Ausländer zu entrechten. Ohne ein Wort des Kommentars druckt cs den Wortlaut des Erlasses ab, der unseren Forderungen Rechnung trägt. Man besitzt eben nicht nur die Kunst, Entstelltes auszusprechen, sondern auch die, manches Wahre zu verschweigen, Jüdische Jugendpflege In überraschend kurzer Zelt hat sich In Deutschland die Idee einer tatkräftigen Jugendpflege durchgesetzt; die Wamlcrbewcgtmg, die vor etwa zehn Jahren in ihren Anfängen stand, umfaßt heute Hirn• de! (tausende von Schülern jedes Alters und Staudes; über eine Million Mark wirft das Reich alljährlich zur Unterstützung des Jiingdcutschlaiidlnindes aus, der fast alle Vereine mit ähnlichen Bestrebungen umfaßt; und diese Stimme verschwindet fast in dem Meere privater Spenden, Eine reiche Zeitschriften• und Broschürenliteraliir sorgt unter starker Betonung ihres deutschvölkischeu Charakters dafür, daß die Erkenntnis der Notwendigkeit, die Jugend vor den sittlichen und körperlichen Gefahren der Großstadt in die freie Natur zu retten, allenthalben wächst. Die junge jüdische Wnndcrbevvcgung kann sich nicht einmal an relativer Bedeutung mit der deutschen messen. Noch stehen ihr weite Kreise der Judenlieit ablehnend gegenüber; weder die Vorgänge im ״Wan• dervogel“, noch die Anzeichen einer ähnlichen Ent- Wicklung in den Jugendwehren, haben eine Aendcrimg in dieser Haltung bewirken können. Immerhin hat die vom ״Blau-Weiß, Bund für Jüdisches Jugendwandern“ repräsentierte jüdische Wandcrbewegung namhafte Fortschritte nufzuweisen; für den jüdischen Gymnasiasten, der frei von jeder religiösen oder politisclien Beeinflussung im jüdischen Kreise wandern will, ist gesorgt. Aber die Wanderbünde ״Blau-Wciß“ sind nach dein Muster des ״Wandervogels“ organisiert, sie dehnen naturgemäß iiirc Fahrten bis in die weite Umgehung Berlins aus, wegen der hohen Fahrpreise betragen die Durchschnittskostcn der Wandertmgen 80 Pf. bis 1 M. Zudem muß friili nufgcbrochen werden, zu einer Zeit, da der jüdische Volksschiiler meist in der Religionsschule sitzen muß. Für den wird also gegenwärtig überhaupt nichts getan. In die großen deutschen Organisationen kann er nicht gehen, — allein schon des Soiintagsuntcrrichtes wegen. Besonders aber fürchten die Eltern, die großenteils noch den religiös empfindenden Kreisen angehören, mit Recht, daß cs ihren Kindern im nllgemeinen nicht möglich sein wird, die rituellen Vor- Schriften etwa beim Abkochen z.u beobachten. Es ist Sache der bewußt jüdischen Kreise, hier eüizuspriiigeit. Das Projekt der jüdischen Volksschule wird sich auf lange hinaus nicht .verwirkliehen lassen. Der ״Jüdische Pfadfinderbund“, der hei aller Neutralität in politischen und religiösen Dingen ein starkes und selbstbewußtes Judentum vertreten soll, wird ein Surrogat sein, das außerdem den Vorzug hat, unserer lange vernachlässigten Volks- Schuljugend die nötige Kräftigung und Gesundung zu bringen. Die Form einer Pfadfindcrvcrciitigimg eignet sicii meines Erachtens uin so mehr für unsere Zwecke, als sie unter Hintansetzung unnützer Solüatcuspiclcrci die straffe Form der Organisation zuiüßt, die oei Volksschülcrn — es handelt sich um Kinder bis zu 15 Jahren — allein geboten erscheint. Außerdem erübrigen sich weite Fahrten: Pfadfinderspiele lassen sich mit Leichtigkeit im Gruncwald oder in der Jungfernlicidc veranstalten. Damit ist die Geld- und Zeitfragc gelöst; die Fahrten werden «lurclischnittlieh 20 Pf. kosten, die Dauer einer Tageswanderung ist von 11—7 Uhr reichlich bemessen. Der einzige Umstand, der einige Schwierigkeiten verursachen wird, ist der Mangel einer gut vorgebildeten Führerschaft, Aber auch hier scheinen mir Besorgnisse ungerechtfertigt; unsere jungen Studenteu und Kaufieute werden mit Freuden die Gelegen, heit ergreifen, einen neuen Beweis für ihr jüdisches und soziales Bewußtsein zu erbringen. Darüber hinaus aber wird cs nötig sein, die Mittel aufzubringen, die cs auch den Acrmstcn der Armen, großenteils Ausländern, ermöglichen, ihre Kinder ohne allzu erhebliche Opfer an den Fahrten teilnehmen zu lassen. Es müßte dem ״Jüdischen Pfadfinderbund“ ebenso wie dem deutschen möglich sein, Uniformen aus praktischen, leicht zu säubernden Stoffen billig hcrstcllcn zu lassen, die auch woclicntags getragen werden können. Man müßte Fonds sammeln, durch die in diskreter Weise von Fall zu Fall, etwa durch Ucbcrnahmc eines Teiles der Fahrkosten, die Beteiligung ganz Unbemittelter bewirkt werden kann, — Eine Organisation von Freunden Her Bewegung müßte in ähnlicher Welse, wie es die Organe der Jugendpflege tun, für die Propaganda und Ausbreitung der Idee sorgen. Wie man sicht, ist die Arbeit, die׳ zu leisten ist, nicht gering. Die Ucberzcugung aber, daß sic geleistet werden muß, wird hoffentlich zur Ucbcrwindüng aller Schwierigkeiten, wirklicher und scheinbarer führen. KarlOlascr. Handwerk und Abfall Das 1. Maiheft des Organs des Zentralverbandeg selbständiger jüdischer Handwerker Deutschlands, ״Haudwerlt und ücwerbe“, bringt einen interessanten Artikel von Louis W o I f f, dem wir einige Stellen entnehmen: Die Aprilmunmer unseres amtlichen Berliner Gemeiudeblattcs enthält leider eine stattliche Liste von Renegaten; was dabei aber ganz besonders auffällt, ist die starke Anteilnahme aus Handwerker, kreisen und aus den Reihen der gewerblichen Angestellten. Die erschreckend hohe Zahl von 26 <>,״ aller aufgeführten Austritte nehmen diese Berufe für sich in Anspruch. Ist es da nicht die höchste Zeit, daß endlich etwas geschieht, um auch an diese Kreise etwas mehr heranzukommcu? Die jüdischen 1 fandwerkcrorgniiisationen, deren Bestrebungen zum Teil auf wirtschaftlichem Gebiete liegen, haben auch auf die bedenklichen Erscheinungen des Austritts aus dem Judentum bei dieser Schicht ihr wachsames Auge gerichtet. In Wort und Schrift haben sie ver. suclit, liier Abhilfe zu schaffen, aber unsere Stimme ist verhallt; wir sind materiell zu schwach, um aus Eigenem zu schaffen, und uns fehlen die he• geisterten und begeisternden Redner, um auf diese Kreise, die u n s am nächsten stehen, intensiv wirken zu können. Wenn wir die Lebensart der jüdischen gewerbliehen Angestellten psychologisch betrachten, dann werden wir herausfimlen, woran cs liegt, daß hier viele für uns brauchbare Kräfte dem Judentum den Rücken kehren. Di׳ Gehilfciijahrc sind die Zeit der Sturm- und Drau meriode, tlie Zeit, in der die jungen Leute den .äußeren Einflüssen am ehesten zugänglich sind. I er Zuzug nach den größeren Zentren nimmt erschreckend zu, und so sehen wir auch, daß eine stattliche Anzahl junger ausgelernter Gehilfen aller Branchen den Großstädten Zuströmen. Einerseits nehmen sie mit Recht an, daß die Existenz״ bedingungen für sic in den Großstädten wesentlich günstigere sind, anderseits aber bietet sieb ihnen auch in den dort vorhandenen Großbetrieben mit allen technischen Errungenschaften ein weit größeres Feld für ihre Vervollkommnung, Diese jungen Leute kommen nun in die Großstadt, erhalten, wenn wir schon den günstigsten Fall annehmen wollen, sofort Beschäftigung; aber schon beginnt der Zwiespalt in ihrer Seele, der in diesen Entwicklimgsjahrcn in ganzer Stärke auf sie eiinvirkt und so für sie von geradezu entscheidender Bedeutung für ihre ganze Zukunft bleibt. Losgerissen vom Eltcrnhausc, zunt großen Teil angewiesen auf den Verkehr mit ihren Berufskollegen, sehen wir hier, wie sich die Bande der Zusammengehörigkeit, wie sielt die Liebe zu unserem angestammten Glauben lockert. Die neueste Erscheinung der Kirclicnaustrittsbewegung trägt auch zum Teil dazu hei, die gcwerksdiaftlicli organisierten gewerblichen Auge״ stellten dem Judcutume zu entfremden. Was ist da zu tun? Im Gegensatz zu den oberen Schichten, bei denen Ehrgeiz, Berechnung, die Jagd nach Acmtcrn bc״ stimmend für den Ucbertritt sind, selten wir, daß bei der Gehilfenschaft ganz andere, weniger verwerfliche Motive maßgebend waren: jugendlicher Leichtsinn, leichtfertiger Umgang, Oberflächlichkeit entfremden sic ihrer Glaubensgemeinschaft. Die jüdischen Handwerkervereine haben neben anderen Gründen auclt deshalb beschlossen, in allen Großstiidten die jüdischen Gehilfen zu o r g a 11 isie reu; unbeschadet ihrer Zugehörigkeit zu einer gewerkschaftlichen Organisation wollen wir in ihnen die Liehe zum 1 landwerk־ erhalten und befestigen, sie in der Freudigkeit an unserem Glauben stärken, ihnen bei der Gründung einer Selbständigkeit zur Seite stehen. Wo aber bleiben die großen jüdischen Organisationen, wo die B’ne-B'ritu-Logcn, wo endlich unsere Gemeindeverwaltung, wo cs gilt solche Werte zu schaffen und ihnen dauernden Bestand zu geben? Mit der Gründung eines CichilfcnVereines allein ist es nicht getan; cs handelt sieh im Gegensatz zu den Meistervereincn, um nicht immer bodenständige jtiugQ Leute, die sich aus Ost, West, Nord lind Süd in der Großstadt ztisnmmcngcfumlcn haben und sich gern einem solchen Verein niiscliließen würden, wenn man ihnen das bieten könnte, was sie so sehr vermissen. Nach des Tages Arbeit traute Räume, in denen sie sich mit Gleichgesinnten vereinen könnten, kurzum einen, wenn auclt nicht vollgültigen Ersatz für ihre Familie. Und nun fragen wir uns: wie ist cs möglich, daß es in einer Großstadt wie Berlin bei einer jüdischen Bevölkerung von annähernd 150 000 Seelen bis heut noch keinen Sammelpunkt gibt, wo Hundert« nicht mir von gewerblichen und kaufmännischen Angestellten, sondern Glaubensgenossen überhaupt Gelegcnlieit gegeben werden könnte, sich geistig zu betätigen, wo ebendiese Hunderte sagen könnten, liier fühlen wir uns zuhause? Man soll uns nicht damit kommen, daß Wir etwas derartiges in der Toynbce-Halie und ähnlichen Institutionen besitzen. Dies alles ist Stückwerk. Was uns fehlt, ist ein jüdisches Vo 1 k s 11 a u s in großem Stil, mit Lese-, Spiel-, Erltolungs- und Aiifcnthaltsräiiincn. Eine Öckonomic, die gepachtet wird, sorge für die leibliche Nahrung bei zivilen Preisen, die ihr vorgeschrieben . werden. Nebenher könnten Bureauräume für größere jüdische Vereine und ein großer Vcrsammlttttgssaal angcglicdcrt werden. Ich habe bereits oben erwähnt, wer der zunächst Berufene wäre, einem solchen Projekte näher zu treten. Uns aber, die wir in Liebe und Treue im Olaubon unserer Viitcr wandeln, tms wird beim Anblick dieses ״Heims für Alle“ der Stolz erheben und viele werden gc-

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