Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 243 da ist. Aber eine Universität ohne die g 1■,) |S e w i s s e 11 s e h a f 11 i e 11 e B i h I i o 111 e k ist ein Unding. Nur da find in Europa Universitäten jus leben gerufen worden, wo schon vorher wissensdiaftlielie!Bibliotheken existierten. Sie sind die Ciruudl.•gt'it aller wissensdiattliehen Forschung, die Arsenale des arbeitenden Forschers und deshalb die unumgänglichen Vorbedingungen der Forsehungsstatten, die wir als Akademien und Universitäten tuul Hochschulen allerart bezeichnen. Der erste Schritt zu einer hebräischen Universität in Jerusalem muH die Gründung einer Universilätsbibhothek in Jerusalem sein. Wenn wir es vernachlässigen sollten, schon jetzt an die Schaffung und Ordnung einer Universitätsbibliothek zu gehe״, so werden wir auch nach Jahrzehnten nicht imstande sein, der Universität in Jerusalem eine Wissenschaftliehe Existenz zu geben. Wir aber wollen kein Diplomiustitut, sondern eine w i r k I i c 11 e Universität, die eben die gesicherte Heimstätte der freit» Forschung tunl des freien jüdischen (ieistes ist. Mali soll aber nicht cinwendcn, dal! es ja in Jerusalem bereits nicht bloll eine einfache Bddiolliek sondern sogar schon eine Bibliothek gibt, die gelegen(- lieh den pompösen Namen ״N a t i o 11 n I b i b I i o - tliek“ trägt. Erstens ist diese Bibliothek keine Bihliothck. Denn zum Wesen einer Bibliothek gehört es, dail die Bücher auch wirklich zu finden sind, dal'׳ sie in den Katalogen stehen und nach der Au- Weisung der Kataloge auch geordnet sind. Das ist alles nicht der Fall. Das zweite ist, dali diese wirklich kostbare Sammlung von Büchern, die unser Jose p 11 Chas a n o w i c z für das jüdische Volk gesammelt hat, die er dem jüdischen N a t i o - n ,11 f o n d s durch notariellen Akt übergeben hat, noch immer nicht im Eigentum des rechtmäßigen Besitzers ist, und daß man gar nicht daran denkt, diesen Besitz des jüdischen Volkes an dessen . rechtmäßigen Besitzer, den Jüdischen Nationalfoiuls, oder an den ״Kodein“, heratis/ugebcii, oder, wenn man das nicht mag, in die Fläiule von Dr. Joseph Cluisanowicz zurückzuerstatten. Das ist um so bedauerlicher, als dieser augenblickliche widerrechtliche Besitzstand eben auch die Ursache der trostlosen Verhältnisse dieser Büchersammlung ist, die alles andere als geordnet oder gar rechtlich gesichert ist. Dazu kommt aber noch, daß der emsige Saminel- Heiß unseres Dr. Chasauowicz, der etwas so Besolideres darstcilt, daß die spätere jüdische Geschichte ihm ein Ehrenblatt widmen muß, wenn sie nicht ungerecht werden will, sieb naturgemäß in erster Linie auf alle die ja sehr großen Gebiete erstreckte und noch erstreckt, die das Judentum und den Hehraismus im Besonderen zum Gegenstände haben. Damit aber kann diese Büchersammlung, wenn sic wirklich, wie wir hoffen, einmal eine echte Bihliotliek werden sollte, nur die Studien einer jüdischwissenschaftlichen Sonderfakultät und besonders auch eines Kabbiiicrscminars fördern. Aber für die ganze sonstige historische, auch die jüdische Forschung•, soweit sie von nichtjüdischen Gelehrten getrieben wurde, für die ganze Philosophie und Mathematik, Liter,iturforscliung und Jurisprudenz, Kunstwissen• sehaft und Pädagogik, und überhaupt alle nichtjüdischen Wissenschaften im eigentlichen Sinne fehlt cs an allem. Immerhin wird diese Sammlung von nahezu -10 000 Bänden eine sehr wertvolle Ergänzung unserer Universitäts-Bibliothek sein. Der Weg aber, eine Jerusalemer Universitäts• Bibliothek gründen zu können, ist ein anderer. Wir gründen die Bibliothek in Berlin, vvo wir sammeln, sielt teil, verzeichnen und ordnen, um sie zur gegebenen Zeit fix und fertig nach Jerusalem überzuführen. Das ist eine Sache der Bibliotliekstechnik, die nicht mehr neu und bereits oft probiert ist. Ich erinnere mir an die hervorragende Gründung der aus deutschnationalen Gründen geschaffenen Poseiter Kaiser- Wilhelms-Bibliothek, die in Berlin fertig /tun Oekrauch üastand, als das Gebäude in Posen seiner Vollendung entgegenging. Sie ist in Berlin geschaffen, und zwar gleich mustergültig. ln Berlin ist an dem vom Actions-Comite hestimmten Ort die Sammclstelk, wo alle Spenden an Büchern eingchcn, wo sie sofort katalogisiert und gebrauchsfertig gemacht werden und des Tages harren, wo ‘ man sie an ihre bleibende Stätte überführt. An dem Tage, wo wir die Bibliothek in Jerusalem brauchen, werden wir sie dort haben. Aber in Berlin werden wir sie zusammenstellen. Jeder jüdische Schriftsteller und jeder jüdische Verleger wird cs für selbstverständlich halten, ein E h r e n p f 1 i c h t e x c 111 p I a r jedes neuen Werkes der Bibliothek zu widmen. Dort wird es ein Exlibris erhalten, das den Namen des Spenders für alle Zeiten mit dem Buche vereinigt und ihm ein ewiges Andenken in Jerusalem sichert, ln den Katalogen wird bei jedem Buche der Spender vermerkt sein. Jeder junge!Doktor wird lernen, es als eine Auszeichnung anzuschcn, daß die Jerusalemer Universitäts-Bibliothek schic Dissertation uiifbcvvahreii wird, die er ihr schickt. Denn wir gebrauche» jede Schrift, die im Druck erschienen ist. Keine einzige ist so nebensächlich, daß sie nicht gelegentlich dazu dienen könnte, einmal als wisscnschaltlieiics Material einem Forscher Dienste leisten z.u können, die Wir niemals im voraus ahnen können. Schon heilte gilt! cs midi Tausende, die gern der hebräischen Universitäts-Bibliothek Bücher schenken werden, wenn sie wissen, wie und auf welchem Wege das geschehen kann, wer die Bücher zu empfangen hat und wer der Eigentümer sein wird. In allen Sprachen sind uns Bücher willkommen. Aber bitte mich genau z.u verstehen: Nur saubere Bücher und gute Exemplare schicken, möglichst in gutem Einband, denn die Bibliothek ist kein Heinigungsiustitut, keine Rumpelkammer und auch keine Broekeiisanimlmig! Die vorbereitende Saminel• stelle der Bibliothek nimmt nur Bücher, aber unter keinen Umständen Geldspenden an. Ls kann nicht oft genug wiederholt werden: Für die wissenschaftliche Forschung an der Uni,- versilät bedürfen wir jedes Huches in jeglicher Sprache, ans jeder Wisseuschalt und Technik und aus allen Literaturen. Die fadiwisxeuschnftliche Literatur ist natürlich die allerwichtigste, aber gleichwohl ist die Belletristik durchaus notwendig, als Material für jede lilcrargcschichtlichc, kulturhistorische und philologische Forschung. Und cs muß jedem klar werden, daß wir nicht warten können. Schon jetzt müssen die Biiehcr an die Sammelstelle abgeführt werden, wo man sie katalogisiert und zum Bibliotlieksgebrauclt vollständig fertig macht. Ein großer Irrtum wäre es, zu glauben, man könne die Bibliothek -gründen, wenn die Universität eröffnet wird. Das ist nicht der Fall, Sie muß vor- 11 e r fertig dastehen und gebraucht werden. Weil wir so bald als möglich die Bibliothek eröffnen müssen, um die Lehrer an den Gymnasien und Realschulen, an den Lehrer- und Lehrerinnenseminaren, den Kunstgewerhcschnlen und Lehrinstituten aller Art vor der geistigen Verarmung und Einengung z.u schützen, so wirkt jeder an einem großen Werke mit, der Bücher der hebräischen Universitäts-Bibliotliek schickt. Wer au der Gründung und dem Ausbau dieser Universitätsbibliothek niitwirkt, der trägt dazu bei, dem Jiidciitume in seiner alten Heimat eine Kulturstatte z.u bereiten, die seiner großen Vergangenheit würdig ist. Zur Beachtung der ״Freunde der Bibliothek“. Mau sammle guterhaltene Bücher, möglichst gebündelte Exemplare. * Jeder jüdische Schriftsteller, Buchdrucker, Verleger sollte von jeder Publikation, ganz gleich welchen Charakters und Umfangs, in welcher Sprache und aus welchem Fache ein Ehren׳ p f I i c h t e x e nt p I a r der Universitätsbibliothek übersenden. Bei jedem Arzte, in jedem Rechtsnnwaltsbureau, von jedem Akademiker werden eine oder mehrere wissenschaftliche und allgemeine Zeitschriften gehalten. Alle diese Akademiker sollten sich verpflichtet fühlen, die Zeitschriften sorgfältig zu sammeln und sie vollständig der Universität«• Bibliothek zu übergeben. * Wer von einer Privatbibliothek weiß, die vor der Auflösung steht, sollte den Besitzer veraiilassen, sie der Universitätsbibliothek einzuverleiben. * Wer eine Privatbibliothek besitzt, sollte recht• zeitig letztwillig dafür sorgen, daß nach seiner« Ableben seine Bücher seinen Namen an den geweihten Stätten Jerusalems verewigen. * Alle Drucksachen, die in irgendwelcher Be- Ziehung zum Judentum stehen, sollte man jedenfalls der hebräischen Universitätsbibliothek in Jerusalem einsenden. * Von jedem periodischen und Gelegenheitsdruck■ werk auf denn Gebiete des Judentums (Vereinsstatuten, Vereiusliedcrn, Flugblättern, Zeitschriften, Protokoüen, Jahresberichten usw.) sind je zwei Exent• plare abzufiihren. * Alle Büchcrsendimgcn sind zu richten an die S a in nt e 1 st e 11 e, mul zu adressieren an Bi bl io thekar Dr. Heinrich Loewe (für die hebräische Universitätsbibliothek in Jerusalem), Ber- ]in NW. 52, Flein in ingstraßc 12. (Geldspenden nimmt die Sammelstclle nicht an.) Zionistische Propaganda Zum Leipziger D c 1 c g i c r t e n t a g. Zum Leipziger Delegiertentag möchte icli eine optimistischen Stimmen grundverschiedene das Thema ״Propaganda“ vernehmen von den in bezug nif lassen. Dabei will ich die Stellungnahme zu ״Radikal — Unradika!" unerürtert lassen. Sie ist entsclicidend für unser» Erfolg und könnte hier nicht erschöpft werden. Unsere Propaganda ist noch bei weitem nicht eine der politischen Bewegung würdige. Sic erschöpft sich vornehmlich im Xuffangcn der durch Zufall und instinktiven Trieb uns Eutgegeneilenden. Das Mittel, das uns hierzu dient, ist die Volksver- Sammlung und allenfalls noch die Schrift. Alle unsere Versammlungen, selbst die größten, sind auf eine uns vim vornherein bestimmt entgegentretende günstige oder ungünstige Stimmung berechnet. Wir achten viel zu wenig auf die noch Uninteressierten. Hiermit stellt in engstem Zusammenhänge, daß uns eine organisierte Kleinpropaganda fast gänzlich fehlt. Der• Gruppcnvorstnnd ist für die Ausbreitung allein verantwortlich, meist nur der Vorsitzende. Die Mit• glieder verlassen sich auf ihn. So viel über die Methode. Und nun über die Mittel! Diese ergeben sich aus der Methode. IJ e bc r /.c ug e n kann nur eine ständige Kleinpropaganda. Sie ist wichtiger als der Kampf mit den erstarrten Gegenmeinungen. Deshalb kann nicht dringend genug geraten werden: Hinaus aufs Land, mehr als in die Städte! Auf dem Lande finden wir eine festere Uebcrzeugung, vor allem in religiösen Dingen, die sich auf die Politik leicht übertragen läßt. Hier gilt der einzelne mehr als die Masse. Nur aus diesem Grunde müssen uns die Orthodoxen die Liebsten sein — weil sic Minorität sind; ganz abgesehen davon, daß sie unseren Ideen näher stehen. Unsere Propaganda verläßt sich — um cs kurz zu sagen — auf den Zufall. Die Organisation rechnet mit dein Gegebenen, anstatt möglichst viele einzelne mit der Mission zu betrauen. Nicht der Verbands- und nicht der Gruppeuvorsitzendc sind die Leute der Propaganda; denn sie haben genug mit dem ״Zufall“ der Organisation zu tun; ebenso natürlich die Vertrauensleute. Nein, man organisiere endlich einmal die Propaganda über die Partcisekretärc hinaus! Dörfer und Städte in Zahl mit traditionell gesinnter Bevölkerung warten noch auf das erste zionistische Wort. F. A. M. Noch einmal Duisburg. Es soll kein Triumphlied werden, nur ein kurzer Abgesang! Was über die ״Schmach von Duisburg" zu sagen war, ist in der ״Jüdischen Rundschau" ausgesprochen worden. Ich konnte es mir daher versagen, auf die Angriffe des Herrn Rechtsanwalt Saul aus Duisbürg im Januarheft der Zeitschrift ״Liberales Judentum“ cinzngchcn. Sie enthielten keine Widerlegung meiner Schilderung jener traurigen Vorgänge, abgesehen von einigen gänzlich bedeutungslosen Einzelbeiten. Auch die Anreinpelung des Zentralvereinsorgans, soweit es nicht unwahre Behauptungen aufstellte, konnte mir nicht die Ruhe rauben. Mir schien es überflüssig, wieder einmal jene verschmitzte Methode zu geißeln, die, ohne den Kern der Sache zu berühren, doch so um die Dinge herumzureden weiß, daß das Recht scheinbar auf ihrer Seite ist. Ich hatte an den Herausgeber des ״Liberalen Judentums“, Herrn Rabbiner Caesar Seliginann, die Frage gestellt, wie er, der begeisterte Verkünder der Ethik des Judentums, den Angriff der Duisburger Libc* raten auf die Einheit des Judentums, die Verunglimpfmtg der ausländischen ״Glaubensgenossen“, den Wahlrcchtsraub, der gegen Religions- und Staatsgesetz an ihnen begangen wurde, wie er diese Aeußcruiigen des modernen ״jüdischen" Geistes beurteile. Er ließ mir die Antwort durch Herrn Rechtsanwalt Saul aus Duisburg zuteil werden. Der hat mir nun in bchaglieber Breite nachgewiesen, daß er nicht, wie ich angenommen habe, aus Pinne stammt, sondern aus dem schönen Pommerland, und hat mir noch manchen anderen ebenso schwerwiegenden Irrtum angekreidet. Aber nicht mit einem einzigen Wortdien geht er auf die eigentliche Anklage der W a 111 r e c h t s e 111 z i c h u 11 g ein, die die besiegte liberale Mehrheit noch in den letzten Stunden ihrer formellen Macht an den Siegern vorgenomnien hat. Von den ahnungslosen Lesern jener Zeitschrift weiß natürlich niemand, um welch bedeutsames Prinzip im Grunde der Kampf ausgefochten wird, ״ini deutschen Reich“ hatte man sich derselben Taktik bedient. Nicht ein Wort des Tadels über jene sonderbare Spielart des Liberalismus. Da-