Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 JUEDJSCHE RUNDSCHAU Seite 245 (rosten Mutes den Verächtern unseres Glaubens die Stirne bieten und sielt zu eigen maeltcn jenes Wort das einer unserer tapfersten Vorkämpfer, Gabriel Riesser, sprach: ״Wir wollen dem deutschen Vaterlaude an״c• höre״, wir werden ihm allerorts angeboren. Es kann und darf und mag von uns fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist, willig werden wir ihm alles opiern, nur Glaube und Treu e, Wahr• heit und Ehre ni cht .״ Adresse: Jüdischer Kulturfonds ,,Kcdcin“, Berliu W. 15, Sächsische Str. 8. (Bei Geldsendungen und Einschreibebriefen ist hiimtzufügen; z. H. des Herrn Prof. Warhnrg.) Jüdische Kulturarbeit in Erez Israel Eine große Idee erfordert auch grolle Opfer. Das Ideal kann und muß zwar der Leitstern sein; allein cs bedarf der materiellen Mittel zu seiner Verwirklielnmg. Werke, die für die künftigen Geschlechter Bestand haben sollen, bedürfen einer unerschütterliehe״, allen Stürmen trotzenden Grundlage. Aus dieser Erkenntnis ist der jüdische Nationalfonds zur Erlösung des Landes, ist der Jüdische K111 - turfonds (Keren hatarbuth haibrith) ״Keil ein" zur Pflege des hebräischen Geistes in jenem Lande entstanden. Wie der Natimialfomls ein ewiger Besitz des jüdischen Volkes für wirtschaftliche Leistungen ist, so ist der Kullnrfoiuls ״Kedem“ dazu bestimmt, ein ewiges Gut unserer Nation für ihre kulturellen Bedürfnisse zu sein, die sichere, dauerhafte, materielle Basis und die Zentralstelle für ihre Geistesarbeit zu bilden. Im dem Bestreben, sein umfassendes Programm im Einklang mit den Bedürfnissen des jüdischen Jiscluib in Palästina und seiner natürlichen Entwicklang systematisch und planmäßig durchzuführen, hat sieh der ״Kcdcin“ seine Arbeitsmethode vorgezeichnet. Er beginnt mit den Elementaraufgabcn, die keinen Aufschub dulden, und wird in sukzessiver Erweiterung seines Wirkungskreises die einer entwickelteren Kultur entspringenden Aufgaben in Angriff nehmen. Zu den dringlichsten Arbeiten, deren Mangel in der Alltagsarbeit der Gegenwart tief empfunden wird, zählt die H erausgabe von Lehrbüchern für die hebräischen Schulen in Palästina. Es fehlen uns die Bibliotheken und öffentlichen Büchersnmnilungcn, aus denen sich der Lehrerstand int Laude Israel, der an der Spitze der ganzen dortigen Entwicklung steht, das geistige Rüstzeug holen und das vorhandene und mitgebrachtc ausbaucn und vermehren kann. Es fehlt die jüdische Nationalbibliothck, in der das ganze geistige Eigentum des jüdischen Volkes vereinigt ist. Aber auch die hebräische Sprache bedarf des Ausbaues. Sie war zu lange nur eine Schriftsprache und muß wieder zur wirklichen, zur lebenden, zur gesprochenen Sprache werden. Deshalb wird vom ״Keilern“, der Lehrbücher schaffen und Bibliotheken begründen will, der hebräische Sprach rat die ״Si11hedrija“i gebildet, zu der die ersten Grund lagen bereits im ״Waad Halaschon“ existieren. Ein wissenschaftliches Journal, au dein die ersten hebräi sehen Gelehrten Palästinas mit den Forschern der ganzen Welt Zusammenarbeiten sollen, wird den Austausch der Gedanken und Forschungen auf diesem Gebiete vermitteln. Das sind die ersten Anfänge zu einer hebräischen Sprachakademic, die der ״Kedcm“ allmählich schaffen und entwickeln will. Lehrbücher, Bibliotheken und Sprachpflege: diese dringendsten Notwendigkeiten des hebräischen Lebens zu befriedigen, hat der ״Kedem“ zu seiner nächsten Aufgabe gemacht. Wer die Bedeutsamkeit dieser Arbeit anerkennt, der wird den festen Ent- Schluß fassen, stets zu den Freunden und Förderern des ״Kedem“ zu gehören. Alle Freunde hebräischer Kultur und jüdischen Wesens können und sollen sich für ihn betätigen, sei cs durch eigene Spenden oder durch Sammlung von Beiträgen, durch Eintragung 111 das Ehrenbuch des ״Kedcm“ (bei einer Spende von 200 M.) oder Stiftung von Legaten für hebräische Kulturzwcckc unter der Verwaltung des ״KcdenP der als offiziell legalisierte Gesellschaft auch jede rechtliche Gew’ähr für die bcstimmungsgemäße Ver• Wendung der ihm anvertrauten Stiftungen bietet. Die Verwirklichung unserer nationalen Kulturaufgabcn mxlarf der Zusammenfassung aller Kräfte, die dem der jüdischen Renaissance folgen. Nicht über• mäßig groß sind wir an Zahl — um so hingebungsvoller müssen wir unserem Ideale dienen, um so größer müssen wir an Taten sein! Die Arbeit für den jüdischen Kulturfonds uKedem“ ist eine nationale Tat! Jüdischer Kulturfonds ״Kedem“ M. Feldstein, Vorsitzender. Das Direktorium des ״Kedern“ bestellt aus folgenden Herren: Moses Feldstein, Dr. Arthur •י a n t k e, Dr. Schmarja L e v i n, A. P o d 1 i - schewski, Nahum Sokolovw Dr. Echicl ‘ s e h 1 e n o w, M. U s s i s c 11 k i n, Dr. Ch. W e i z Wann. Der ״Deutschen Levantczoitung“ entnehmen wir folgende interessante Notiz: Die jüdischen Kolonien haben auch in diesem Jahre in Rceliohoth, unweit von Jaffa, eine Landwirtschädliche Ausstellung veranstaltet. 111 einer hebräischeu Zeitung schildert ein Besucher seine Eindrücke und läßt sich über den Wert des künstlichen Düngers in interessanter, origineller Weise aus. Der hebräische Gewährsmann schreibt: ״Das zweite Zelt, das meine Aufmerksamkeit fesselte und das einen dauernden Eindruck bei vielen unserer Brüder zurückließ, war das des ״chemischen Düngers“. Diese Ausstellung hot ihrer Menge nach wenig, enthielt aber eine Fülle von Neuheiten. liier sahen wir den greifbaren Fortschritt der Landwirtschafi in uiiserm Lande, und die Möglichkeit eines noch größeren in der nächsten Zukunft. Ich entsinne mich noch lebhaft der vorjährigen Ausstellung und muß gestehen, daß ich nichts Interessantes an ihr fand. Ich sah mir mit künstlichem Diingcr gefüllte Säcke, ich sali ferner den weißen Staub in seinen verschiedenen Sorten; sein Wert, seine Beeinflussung unserer Fehler, waren uns unbekannt. Wer hätte widmen dürfen, daß gerade dieser ״leichte" Staub das ״schwierigste“ Problem der Landwirtschaft, d. i. die Düngung lösen würde? W'er die Tragweite dieser Frage kennt, wer sich dessen bewußt ist, mit wieviel Mühen und Plagen der Landwirt, der Winzer und der Bojarenbesitzer zu kämpfen haben, bis sic für ihre Pflanzungen reinen Diingcr finden können, wer vielleicht aus Erfahrung weiß, wieviel tausend Franken für den Transport des Düngers aufzuwenden sind, der oft aus weiter Ferne auf Kamele und Lastwagen verladen herkommt, wer endlich mit den Ränken der Fellachen vertraut ist, die Staub, Steine und Erdklumpen dem Dünger heimischen, um so den Käufer zu täuschen, wer dies alles weiß, muß sich über den Glanz, freuen, der aus dem Zelte der Kuustdüngerausstellimg ausströmt. Wenn du mm vor dem Zelte stehst und die verschiedenen Blumentöpfe überblickst, in denen die mannigfaltigsten Gewächse prangen, die ihre Entfaltmig dem verborgenen fördernden Schoße des Kunstdüngers verdanken, und wenn du mm dieser lachenden Vegetation dieselben Arten entgegenstellst, die auf der gleichen Muttererde, jedoch ohne chemischeu Dünger gewachsen sind, mußt du staunend die überraschende Wirkung dieses ״fliegenden“ Pulvers anerkennen. Hier stehen vor dir Gefäße, deren Erde von den Kolonien Har-Tuw, Ben-Schemen, Sarona und Wilhelmina stammt, mul in diesen Gefäßen sind lebende Proben von Weizen, Gerste, Hafer, Flachs, Kraut, Rühen, Rettig und Viehfuttcr. Demgegenüber sind Hafer und Flachs, Pflanzen, die ohne chemischen Dünger gepflanzt wurden. Ihre Stengel sind dünn und kur/, die Aehren leer und cingetrocknet. Obwohl es dieselbe Erde, derselbe Hafer ist, vermögen diese armen Zwerge keinen Vergleich mit jenen Riesen nus/uhnltcn. Ucbcrall ist der gleiche Unterschied vorherrschend! Es scheint, als wollten dir die geraden, aufrcchtstchcmlcn Pflanzen und gut gediehenen Gemüscartcn zurufen: ״Wir sind Kinder des Kunstdüngers!" Als ich so den Hafer betrachtete, der stolz auf* gerichtet dastand, fiel mir eine Sage ein: ein Märchen erzählt, daß der Schöpfer jeder Pflanze einen hesonderen Schutzengel beigegeben habe, der das Wachstum seines ochiitzlinges zu bewachen habe. Dies soll geschehen, indem er ihn auf den Kopf schlage und ihm zuruft: ״Wachse!“ Hier scheu wir diese Legende beu׳nl1rhcitet. Der neue Schutzenge!, er heißt ״Chitnacl“ (Chemie), hat mit Hieben Flachs, Gerste und Weizen zum Wachsen angetrieben. Es gebührt Dank allen Kolonisten, die sich be* mühten, die Erfolge des Kunstdüngers zur Ausstellung gelangen zu lassen. Dies wird so manchen! unserer Landwirte Veranlassung geben, sich die gesehenen Erfolge des Kunstdüngers als Lehre dienen zu lassen und anspornen, durch Verbesserungen im Düngen seinen Besitz zu heben und ertragsfiihiger zu machen — und dies zum Segen des ganzen Landes.“ Frankfurter Brief (Von unserem Berichterstatter.) Wenn in der letzten Zeit in diesen Blättern keine Berichte aus Frankfurt a, M. standen, so geschah dies, weil es wohl nicht im Interesse der Leser dieser Zeitung liegen kann, über alle Vercinsvcranstaltungen unterrichtet zu werden, die sich in einer Stadt mit so regem Vcrcinslcbcn mit großer Regelmäßig* keit wiederholen. Alle diese Vereine, die mit großer Acngstüchkcit ihren mehr oder minder gerechtfertigten jüdisch-parteipolitischen Standpunkt wahren zu müssen glauben, sind im Grunde kaum etwas anderes als Vorlragsvereinc, und da man im großen und ganzen schon im voraus weiß, welchen Standpunkt der Redner eiiinehmen wird, so erspart 111a cs sich gewöhnlich, die Versammlungen zu besuchen, Hält in der Agutlas Jisroel-Gritppe ein Redner einen Vortrag über das moderne Palästina, so wird natilrlieh der Zionismus entschieden ahgeielmt, und wenn der ״neutrale“ Jugendvereiu Moutefiorc mit der Ortsgruppe des Zcntralvcrcins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gemeinsam eine Versammlung gegen die Resolution der letzten Tagung des Wandcrvogels abliiilt, so weiß man schon, daß hierbei eine Resolution gefaßt werden wird, die nicht viel weniger verschwommen ist, als diejenige des Wandervogels selbst. Um so erfreulicher ist es, von einer wirklichen Tat berichten zu können. Die Israelitische Gemeinde hat dieser Tage ihr neues Gcmciudchospital eingeweiht und damit gezeigt, daß die alte Frankfurter Gemeinde in Erfüllung ihrer sozialen Aufgabe noch auf der I lölic steht. Mau könnte glauben, daß sich die Gemeinde von dem Grundsätze habe leiten lassen, daß für ein jüdisches Spital das Beste gerade gut genug sei. Es ist natürlich selbstverständlich, daß bei einem neuen Spitalbau die technischen Einrichtungeii auf «las vollkommenste hcrgestellt sind, bei aller Zweckmäßigkeit ist aber auch auf das ästhetische Moment Rücksicht genommen worden, was Zweifellos auf die üemütsstimmung der Kranken nur günstig wirken wird. Das Spital steht auf der höchsten Höhe des Rödcrhcrgs und gewährt von fast allen Fenstern sowie auch vom Garten aus prachtvolle Ausblicke auf die flöhen der Umgegend, ja sogar über die Maincbcnc hinweg, über die neuen Anlagen des Ostparks bis zu den Gebirgszügen des Spessarts. Mit dem Bau dieses neuen Spitals ist die Cienieinde eigentlich nur ihren alten Traditionen gefolgt; denn gerade die Frankfurter Gemeinde hat von jeher den sanitären Zuständen in ihrer Mitte große Aufmerksamkeit gewidmet. Im Mittelalter gab es schon in der Frankfurter Judcngassc von der Gemeinde besoldete Aerztc, die trotz der Anfeindungen ihrer christlichen Berufskollegen sich auch außerhalb der Gasse eines guten Rufes erfreuten. Ucbcrhaupt zum ersten Male urkundlich beglaubigt ist ein jüdischer Arzt in Frankfurt schon im Jahre 1345, und hundert Jahre später praktizierte in der Gasse sogar eine jüdische Aerztin, die sich auch das Wohlwollen des Magistrats erwarb. Von dieser Zeit an haben wir auch Kenntnis von den Krankenhäusern der Gemeinde, obwohl cs schon vorher solche gegeben haben mag, nur sind die Urkunden bei den Bränden in der Judengasse vernichtet worden. Hat das ücmcindcspital auch itn Laufe der Jahrhunderte Gutes geleistet, so war die Gemeinde als solche in neuerer Zeit nur noch schwer in der Lage, die Anstalt der immer fortschreitenden Entwicklung der Medizin entsprechend fortzuführen und aus zugestalten. Da trat die jetzt geadelte Familie Königswarter in die Bresche und ließ auf ihre Kosten einen Neubau aufführen, der seit dein Jahre 1874 bis heute unter dem Namen Königswartcrspital als Gcmcindespital diente. Aber auch dieser jetzt 40 Jahre im Betriebe befindliche Bau erwies sich allmählich als zu klein, und da er mitten in der Stadt liegt, war eine weitere räumliche Ausdehnung nicht möglich. Nachdem nun ein Neubau dringend nötig geworden war, zeigt sich der Opfersinti der Frankfurter Juden wieder in altgewohnter Weise. Mit der Stiftung eines Grundstocks für eine gynäkologische Abteilung im Betrage von 100 000 M. atiläßlieh des Regierungsjubiläums des deutschen Kaiserpaares machte der Gemeindevorstand den Anfang einer großen Reihe von Stiftungen. Durch Entgegenkommen der Familie von Königswarter konnte die alte Stiftungsurkundc entsprechend geändert werden, und schließlich erhielt die Gemeinde von der Regierting das Recht, eine Anleihe über 3 Mill. Mark aufzunehmen, sowie das Entcigmmgsrecht bezüglich der Grundstücke auf dem Röderberg, wodurch sie in die Lage kam, gerade diese so hervorragend geeignete Gegend für den Neubau auszuwählen. Es würde zu weit führen, hier alle die Einrichtungen allzuführen, mit welchen dieses Spital ausgestattet ist, die Badceiurichtungen, das inedicomechanische Institut, das Röntgcnzimmer, Sonnenbad und all die vielen Anstalten, die in größter Vollendung hier vereinigt sind. Für uns Juden ist cs jedenfalls ein erhebendes Gefühl, hier eine Anstalt zu besitzen, welche alles, was die Wissenschaft bietet, für ihre Patienten bereit hält, und die doch auch in jeder Beziehung den Vorschriften des jüdisehen Rctigionsgesctzes entspricht. Zur Eröffnungsfeier erschien im Verlag von J. . Kauffmann in Frankfurt a. M. eine ״Festschrift“, welcher auch die obigen Daten entnommen sind. Herr Dr. nted. W. Hanauer hat den historischen Teil verfaßt, während in einem Anhänge die Aerzte und Architekten eine Baubeschreibung geben. Die sehr lesenswerte Schrift bietet eine auch über das lokale Interesse weit hinausgehende Schilderung der jüdischen Krankenpflege in Frankfurt.