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Jüdische Rundschau · 1914-06-05 · Heft 23 (5.6.1914) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 23 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 242 |ü EPISCHE RUNDSCHAU Nr. 2 t Details einer nach allgemein geltender Ansicht erst in einer mehr oder weniger nahen Zukunft liegenden Kolonis.itionstätigkcit war in der Tat wenig Veranlassung vorhanden. jetzt aber haben wir seit Jahren schon die praktische Kolonisationsarbcit in den Vordergrund des Interesses gestellt, so daß es mindestens jetzt au der Zeit wäre, sich mit Kolonisationssystemen zu beschäftigen und bewahrte Methoden praktisch durclizuführen. Eine solche liegt im Syst e m d c r ״A c h 11 s a", welches wieder ziemlich identisch ist mit dem System der kalifornischen Lamlgcscllschaftcn zur Ansiedlung städtischer Elemente. Dieses System ist so großzügig, daß H e r z I, dem ich mitten in sei n er p o 11 i - sehen Periode AT i 11 c i 11111 g e n d a rüber machte, sofort dafür eingenommen w a r. Leider ist dann aber nicht mehr daraus geworden als ein Artikel für die ״Welt" (im Frühjahr 18<)ö) — es beruht in der Hauptsache darauf, dal! die zur Auswanderung Entschlossenen, mit der Landwirt- Schaft aber nicht vertrauten Leute mittels über 111eh• rere Jahre verteilter Ratenzahlungen sich durch eine geeignete Organisation Landstücke vorbereiten, bepflanzen und in ertragfähigen Zustand bringen lassen, so daß sie bei ihrer Uebersicdlung ein fertiges Besitztum vorfinden, dessen Ertrag ihnen eine ausreichende Existenz bietet. Unter dem Namen ״Ach usa“ ist ein solches System, das gegenüber dem kalifornischen noch den Vorzug des genossenschaftlichen bietet, von Amerika aus mit Erfolg propagiert worden. Dort haben sich bereits an 20 Gesellschaften mit über 1000!Mitgliedern auf dieser Basis konstituiert. IJcbcrali in der Welt verfolgt man mit. Interesse die Entwichlung der ersten Achusakolonie in Palästina, mul die Idee hat längst auf andere Länder übergegriffen. Ein ״Achnsa“-Verein russischer Zionisten hat bereits in Palästina Boden erworben, in England und in Deutschland sind ähnliche Gesellschaften in der Bildung begriffen und überall in der Welt ließen sich durch entsprechende Organisationen aus den zahlreichen einzelnen Interessenten ähnliche üruppen bilden. Das System der ״Achusa", bei dem die Mitglieder ihrer großen Mehrzahl nach eine Reihe von Jahren hindurch noch zu Hause bleiben, — unter anderen! auch, um ihre Geschäfte usw. allmählich und möglichst ohne Verlust abwickeln zu können — bietet mm zahlreichen Arbeitskräften, die für die Vorbereitung der Landstückc benötigt werden, Existenz, Anleitung und Möglichkeit einer baldigen selbständigen Anstellung auf bescheidener Basis. Nötig ist dazu nur, daß die ״Aclu1sa״-Bcvvcgu11g selbst große Dimensionen aimimmt. Nun wäre nichts leichter, als von seiten der an der jüdischen Einwanderung in Palästina intcressierten Organisationen den ״A c 1111 s a"-Plan so populär zu machen, daß Tausende sich ihm anschließen würden. Eine solche Beteiligung würde ihrerseits wieder ciazu führen können, daß ein be* solideres Finanzinstitut den ״A c 1111 s a"- Gesellschaften zu Hilfe käme und ihnen auf der Basis genossenschaftlichen Kredits dazu v e r 11 ü 1 f e , Jahre an Zeit zu sparen und dadurch wieder den Gedanken populärer und die Beteiligung größer zu machen. In der Tat liegt in dem System der ״Achusa" gerade für unsere landwirtschaftliehe Kolonisation zweifellos das beste System, und wenn nach dem Beispiel der amerikanischen ״Achusa“ eine Beteiligung im Betrage von HO() Dollar (ca. 2800 Rubel — die englische ,,Achusa" macht es mit i00 Pfd. Steil., also mit dem ungefähr gleichen Betrage)) für eine bescheidene Installation als ausreichend hetrachtet werden kann, so würden sich - besonders bei so langjähriger Zahlungsfrist —■ gewiß viele Tausende von Juden der Auswanderungsländer einer solchen Bewegung anschließen. Auf diese Weise böte sich uns die Möglichkeit einer Kolonisation großen Maßstabcs mit Arbcifsmöglichkcitcn für viele Tausende von Unbemittelten, und vor allem hätte diese Methode das für sich, daß aus ihrem Erfolge die Sache immer größere Dimensionen annchmcn würde. Hier ist also ein Weg für die landwirtschaftliche Kolonisation, der lange genug zur Diskussion steht und für den auch g en ug a n Erfahrungen vor- Hegt, um ihn unbcdcnklic!1 w eitere n Kreisen empfehlen zu können. Wenn dies bisher versäumt worden ist, so liegt kein Grund vor, cs weiter zu vernachlässigen, und bei geeigneter Kombination mit Finanzinstitulen ließe sich in so kurzer Zeit damit ein Erfolg erzielen, daß er noch für die momentane Notlage von Bedeutung werden kann. wie bereits erwähnt, ist hier von den industrichen Möglichkeiten absichtlich nicht die Rede gcwesen. Aber die Vernachlässigung selbst der landwirtschaftlichen Methode, auf die wir hier hingewiesen haben, dürfte mithelfen, um darzutun, daß es auch bei den industriellen Dingen nicht an inneren Unmöglichkeiten I icgen 111 u ß. Anzeigen als Anzeichen Hier ist einmal etwas anderes als sonst in dieser Rubrik zu finden war: Aus der hebräischen Tageszeitung ״Hachertith“ in Jerusalem und der in Jaffa erscheinenden hebräischen Arbeiterzeitung ״H n p o e I H a z a fr": Hütergesuch! המושבה שרונה אצל יפו׳ מחפשת יהודי נזוכשר שיקבל עליו את שגזירת המושבה׳ פרדסיה ושדותיה. ה מ ו כ ש ר לוה מתבקש לפנות תיכף אל ראש המושבה האדון יוהנס ווינגל ע״פ כתבת וו: Herrn Johans Wennagel, Sarona, bol Jaffa. das Land wartet seiner, er hat seine Scholle, sein Haus, sein Einkommen. Während frische, rotwangige Kinder um mich herum spielen, erzählt mir die Frau, die aus St. Louis hierher gekommen ist, wie glücklich sic und ihre ganze Familie sich fühlen, aus der Business-Ilölle Amerika erlöst zu sein, hier auf diesem Paradies den Pflug führen zu dürfen, wo cs keine Großstadtmartern, keine Wechsel, Schecks, keinen Lärm, keine Mietskasernen und keine Nahrungssorgen gibt, wo der Kinderzuwachs willkomnicncs Glück mul keine dräuende Last ist. Und wieder scheint mir das Bibclwort Wahrheit zu sein, daß Israel ewigen Bestand hat. In diesem Lande klingt es hoffnungsvoll. Die Welle unseres Blutes und unsere Sehnsucht zeigen uns den richtigen Weg. Man kann sich dagegen sperren und kann sich auch absichtlich der besseren Erkenntnis verschließen; an uns aber, die wir der Zukunft dienen und an sie glauben, ist cs jetzt, aus der Gedankenwelt die des Wollcns zu zimmern, ehe cs für alles zu spät ist. Mannheim. Dr. 011 o S i 111 o n. Eine hebräische Universitäts- Bibliothek zu Jerusalem ln deutscher Uebersetztmg: ״Die Kolonie Sarona bei Jaffa (Anlage deutscher Bauern) sucht einen geeigneten J u - den, der die Bewachung der Kolonie mit ihren Baiimpflanziingeii und Feldern übernehmen würde. Geeignete Bewerber werden gebeten, sich sofort an den Leiter der Kolonie, Herrn Johannes Wennagel, zu wenden." Zurück! Ein Volk steht auf, das andere verschwindet; aber Israel bleibt ewig. So lautet es stolz, der Zukunft sicher; eine Botschaft, gegründet auf dem festen Fundamente des aus uralten Zeiten lieberkommenen, Gilt diese Bürgschaft ewigen Seins auch heute noch? Auf welche Tatsachen stützt sich jetzt ihre Berechtigung? Auf diese Frage muß die düstere Antwort folgen: auf keine; im Gegenteil: unangreifbare Zahlen reden unerbittlich von Niedergang, ja von Auflösung der Westjuden. Wir wollen von Mischehe und Taufe ganz abschcn, weil cs sich hierbei um Elemente handelt, die verloren gelten wollen. Bei den anderen aber, die Juden bleiben wollen, steht folgendes fest: ln den Großstädten übersteigt die Geburtenzahl nur deswegen noch die Sterbczahl, weil frisches Blut vom Osten und vom Lande der Stadt zuströmt. Hört dieses auf und das Reservoir der Zufuhr vom Lande her ist jetzt schon so gut wie erschöpft — dann haben wir das Schauspiel des Absterbens bei lebendem Leibe. Ein Volk, das sich selbst sein Todesurteil gesprochen hat und vollstrcckt, das den Willen zum Weiterleben verneint, das die geheimnisvollen Quellen ewigen Werdens, ewiger Verjüngung, den Urquell alles Seins selbst und bewußt verschließt. Alle die vielfachen Einzelerscheinungen, Ehelosigkeit, Rückgang der Kinderzahl, Mischehe und Taufe gesondert zu zeigen, würde zu weit führen; auf die Tatsache allein, daß wir uns auf dein Aussterbeetat befinden, kommt cs für diese Darlegung zunächst «11 r au. Ein Ding aber müssen wir mit aller Deutlichkeit liervorhebeii: den unheilvollen, verderblichen Einfluß der Großstadt; der Westjude von heutzutage ist ja nun einmal zum Bewohner der Großstadt gcworden, ist der lockenden Sirene unrettbar ins Garn gekommen und glaubt noch, wunder wie klug dabei gehandelt zu haben. Uns Zionisten schmerzt dies doppelt, weil wir im Gegensatz zu vielen anderen in der großstädtisehen Entwicklung unmöglich den Gipfelpunkt des Vorwärtsschreitens zu Besserem erblicken können, weil uns etwas im Blute liegt, das erzählt und raunt von eigenem Land, von Bäumen, von der Natur, die weit draußen liegt und nicht nur an Sonntagen besucht werden sollte, sondern mit der wir 1ms wieder vermählen wollen, um auch dem Unglückliehen Volk ohne eigene Scholle das Glück einer Bodenständigkeit cmporwachscn zu sehen. Ein Bild steigt in mir auf, ein Bild glückhafter Wimschlosigkcit und himmlischer Ruhe. Auf hohem Bergeskamm liegt Poriah, tief unten blaut der Tiberins-See, der Pflug geht über jüdisches Land, es ist Eigentum einer amerikanischen Gesellschaft. Jeder, der ca. 700 Fra, jährlich zahlt, kann sich daran beteiligen, Nach 10 Jahren gibt die Besitzung ihren vollen Ertrag, der Eigentümer .kann dann kommen, Von Heinrich Loewe. Als der XI. Kongreß in Wien beschloß, daß in Jerusalem eine Universität mit hebräischer Unterrichtssprache eröffnet werden solle, da verstand und fühlte man überall die tiefe Bedeutung dieses Be- Schlusses, der die Wissenschaft und die höchste Kultur dorthin zu tragen bestimmt ist, wo einst das jüdische Volk eine eigene Weltanschauung schuf, die die Welt eroberte mul noch lebendiges Zeugnis ablegt, welche hohe Kultur der hebräische Stamm auf seinem eigenen Hoden geschaffen hat. Jetzt gilt cs den Beschluß des Kongresses in die Wirklichkeit um/uset/en. Die Universität soll entstehen. Sie soll eine Zuflucht der heimatlosen jüdischcn Wissenschaft, der nicht minder ruhebedürftigeu jüdischen Forscher, aber auch der von den Hochschulen ausgeschlossenen jüdischen Studenten sein. Aber wir würden uns im größten Irrtunie bcfinden, wenn wir uns durch die Not des Augenblicks dazu verleiten ließen, in der zukünftigen Universität nur eine Anstalt zu sehen, die eine höhere Schule als das Gymnasium darstellt. Eine Universität muß in erster Linie eine Forsch ungs- Stätte sein, wo der Student an den Forschungen und und gelehrten Arbeiten des Professors tcilzunchmen hat, um an ihnen zu lernen, selbständig Wissenschaftliehe Arbeit zu leisten. Die Universität ist in erster Linie der wissenschaftlichen Arbeit und Forschung gewidmet und erst in zweiter Reihe der Heranbildung der Schüler. Und hierauf müssen wir bereits bei der Einleitung der ersten Schritte bedacht sein. Die gelehrte Arbeit und ihre Methode ist aber eine grundverschiedene je nach den Wissensgebieten. Während man hei den reinen und angewandten Naturwissenschaften zuerst einmal der Anschauung und des Experimentes bedarf, sind die Geistes- Wissenschaften darauf angewiesen, dauernd an das anzuknüpfen, was andere Köpfe früher erdacht und was fleißige Hiimle in allen Jahrhunderten erforscht und geschrieben haben. Man kann nicht Literaturgeschichte, sei es hebräische oder deutsche oder allgemeine, treiben, ohne daß man außer der eigentlichen Literaturgeschichte die Quellen dieser Wissenschaft, d. h, die Literatur seihst, durchforscht. Dazu gehört, daß man diese Literaturen zur Hand hat. Man kann weder jüdische noch allgemeine oder irgendeine besondere Geschichtswissenschaft pflegen, wenn man nicht außer der darstellenden historischen Literatur und dem reichen Schatze wissenschaftlicher historischer Forschung, der in Büchern und Zeitschriften vorliegt, das geschriebene und gedruckte Q u c 11 e n m a t c r i a 1 zur Hand hat. Es ist auch unmöglich, juristische Forschungen zu treiben, ohne in jedem Augenblicke auf Literatur und Quellen zurückgeheu zu können. Und dasselbe gilt von allen Geisteswissenschaften. Und auch die reinen und angewandten Naturwissenschaften können der dauernden Benutzung der einschlägigen Fachliteratur keineswegs entraten. Daher ist die erste Vorbedingung jeder Universität die große wissens c 11 a f 11 i c 11 e Bibliothek. Als die Universität zu Berlin eröffnet wurde, da hatte die lkrlinee Königliche Bibliothek bereits ein Leben von änderthalb Jahrhunderten hinter sich. Ucbcrall war zuerst die Bibliothek da, an die sich die wissenschaftliche Forschung anlehnte, und später entwickelte sich aus ihr die Universität. Denn es kann sehr gut Bibliotheken, auch große Bibliotheken geben, wie z. B. in Hamburg, ohne daß notwendigerweise eine Universität

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