Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 241 folgen keine ökonomischen Eroberungszwcckc kolonialpolitisclicr Art, daher war für uns der Charter die Ucbcrtragiing von Reehtstu^nueu von einem uns fcriilicgendcn Gebiete auf unsere grundvcrschiedene Aufgabe. Wir suchen keine politisch und Ökoiiomisch von uns abhängige Rrovinz, kein Hinterland für die Industrie irgend einer Metropole. Wir exporticren nicht Kapital zur Ausbeutung der Rcirhtiimer und Einwohner des Landes. Wir streben nicht danach, Palästina uns wirtschaftlich gleichsam zu unterjochen und die ökonomisch herrschende Oberschicht im Lande zu werden. Wir wollen Menschen exportieren und sic nach Palästina bringen. Kolonisation ist ein Ökonomischer Prozeß der Verpflanzung von Menschenmassen nach einem neuen oder dünnbevölkerten Lande. Sie bezweckt den Aufbau einer neuen Wirtschaftsgcmcinschalt und die Verwurzelung der ei״- wandernden Massen im Siedlungsgebiete. Dazu müssen zwei Voraussetzungen erfüllt werden. Die neuen Einwanderer müssen von den Quellen der Produktion Besitz ergreifen, sic müssen nicht nur bildlieh, sondern wörtlich im Erdreich Wurzel schlagen, sich ein hinreichend breites landwirtschaftliches Fundämmt schaffen, auf dem erst ein wohnliches Gebände errichtet werden kann. Dann aber müssen es arbeitende Menschen sein, die das Land erschließen, denn nicht die Genießenden und Wirtschaftlieh oder politisch Herrschenden, sondern die Arbeitenden geben dem Lande sein nationales Gepräge, ihnen gehört seine Zukunft. Nur die geschlossene An- Siedlung von Menschen, die den Pflug führen, an Werkzeugen und Maschinen Hand anlegen, bedeutet die Aufrichtung und Sicherung des Volkstums in einem neuen Siedlungsgebiete. Diese Sätze gelten um so mehr für unser Kolonisationswerk in Palästina, als wir mit einem Menschen- und Auswandererclement zu tun haben, das in seiner großen Mehrheit aus wirtschaftlich Schwachen und Besitzlosen besteht, die im Einwandcrungslaiulc Arbeitsgelegcnheit suchen, Jede Sicdlungsmcthode müssen wir daher von dem Standpunkt kritisch beurteilen, ob sie in der Tat die Bedingungen für eine derartige An- Siedlung von arbeitenden jüdischen Massen schafft. Die sogenannte Privatinitiative entspricht diesen Voraussetzungen nicht. Sie ist überhaupt kein neues Wort in unserer an tastenden Versuchen ziemlich reichen jüdischen Kolonisationsgeschichtc. Die vom privatwirtschaftlichen Standpunkt als erfolgreich, weil gewinnbringend, geltenden Methoden der bisherigen Palästinakolonisation wurden in ein Schema gebracht und zu einem ״System“ erhoben. Dabei wurde nicht einmal geprüft, ob das», was für Einzelne oder Gruppen ökonomisch vorteilhaft ist, auch für die Gesamtheit des Volkes einen Gewinn bedeutet. Die Privatinitiative verdankt ihre Popularität dem Kampfe gegen die Siedlungsphilantropie und admiuistrativc Vormundschaft, die der Selbstverwaltung und wirtschaftlichen Selbstbestimmung der Kolonisten weichen mußten. Doch cs wäre trügerisch anzunehmen, daß durch die Ueberwindimg jener Hemmtiissc eines gesunden Fortschritts und die Beseitigung von Miilstiinden, die mit dem Wesen der Philantropie und der administrativen Verwaltung nicht ursächlich und nicht immer Zusammenhängen, alle Probleme der Palästinaarbeit gelöst worden wären. Die Grimdübel der bisherigen Kolonisation wurden durch die Unschädlichniachung der früheren Auswüchse nicht aus der Welt geschafft. Das jüdische Sicdhmgsw'crk ist in seinem Wesen keineswegs gesund. Drei Schlußfolgerungcn und Feststellungen kennzeichnen die Mängel der bisher befolgten Methode: a) Die These von der Möglichkeit der u n - mittelbaren Umwandlung von Städtern in Bauern hat sich als völlig undurchführbar erwiesen. b) Die jüdische Landwirtschaft ist einseitig, der Ackerbau ist zumeist technisch rückständig, er beruht auf arabischen Arbeitsmethoden und ist daher unrentabel, c) Die soziale Grundlage des neuen Jischuws ist unhaltbar, da sic jüdische Grundbesitzer und Plantatoren arabischen Arbeitskräften gegenüberstellt. So tragen die privatwirtschaftlichen jüdischen Siedlungen im Lande kapitalistische Zersetzung ins arabische Dorf, während gleichzeitig die ökonomische Kapazität und Aufnahmsfähigkcit des Landes für arbeitssuchende jüdische Einwanderer unerträglich vermindert wird. So war der Kampf um die Selbstverwaltung, so notwendig er auch w׳ar, nur eine Episode in der Entwicklung der Palästina-Siedlung. An den wichtigsten Tatsachen der Kolonisation hat die Privatimtiative nichts geändert, ja sic ignoriert sie nach wie vor, denn sie vermag diese schmerzlichen Fragen unseres Siedlungswerkes nicht zu lösen: Weder das Problem der Erziehung zur Landwirtschaft, denn sie will gar nicht sclbstarbeitende Bauern oder Pflanzer schaffen, noch das der jüdischen Arbeit, denn ihre ganze Agitation basiert auf dem Nachweis der Rentabilität von Wirtschaften, die auf niclitjüdischcr Lohnarbeit beruhen. Und wenn die privaten, Gesellschaften notgedrungen im Stadium der Okkupation und Vorbereitung zu jüdischen Arbeitern greifen müssen, so lehrt schon die Erfahrung der :illerletzten Jahre, daß das System mit eherner Konsequenz, oft gegen den Willen der Beteiligten, zur Heranziehung der billigsteu, das heißt, der nicht jüdischen Arbeit führt. Man kann eher sagen, daß die Privntinitntivc auf dem Wege ist, die Hebel zu vervielfältigen, die an den bestehenden Siedlungen nagen und ihren Wert sehr vermindern. Kein Wunder, daß in Palästina Spaniiimgen erzeugt werden, und eine Stimmung der Verzweit hing in der Mitte der Arbeiterschaft entsteht, die in dem Kampf in Scdjora und in, den,■Anträgen bei der letzten Laiidarbeiterkonfcrcnz, sämtliche privaten Kolonien zu verlassen und Ländereien für private Ge- Seilschaften nicht zu okkupieren, zum Ausdruck gekommen sind. Niemand wird die erzieherische und ökonomische Bedeutung der privatwirtsch״f11 icl 1 en Siedlungsaktion in Abrede stellen, die größere Kapitalien für Palüstina-Diiteriiehinungeii zu gewinnen vermag und die Zionisten daran gewöhnt, tiefer in die Tasche zu greifen und sogar ihre Existenz mit Palästina zu verknüpfen. Aber der Zionismus, der nationaKvirtschaftliehe Zwecke in Palästina verfolgt, kann sich mit der privaten Initiative nicht identifizieren. Ja, er darf sie nicht fördern, solange durch sic nur die Interessen einer beschränkten Schicht von Besitzenden befriedigt werden, die sich im Gegensatz zu den Zielen und Aufgaben der nationalen Kolonisation befinden; solange durch sie nur die Produktivkräfte des Landes entfaltet werden, das Land aber dem Volke verschlossen bleibt, , Der auf privatwirtschaftlichem Interesse beruhenden Initiative müssen wir die nationale und soziale Initiative cntgegenstelicii. Denn nur sie kann und wird cs unternehmen, die erzieherische Arbeit zu vollbringen, die 1 a n d w i rt s ch a f 11 i ch -1 e ch - niscltc Umwälzung einzulciten, die Arbeits - und Wirtschaftsformen zu erproben, kurz all das zu tun, was zur Schaffung einer auf Eigenarbeit aufgebauten Landwirtschaft und der anderen Voraus- Setzungen für eine organisch anwachsende Massen- Siedlung erforderlich ist. Gewiß muß cs auch in Palästina möglich sein, seinen privaten Vorteil zu finden, rentable Kapitalsanlagcn zu machen, ohne dabei zu den Interessen der jüdischen Gesamtheit in Widerspruch zu geraten. Jeder Zionist wird es als eine Ehrenpflicht ansehen, zum zehnten Todestage Theodor Herzls seine Verelming für unseren großen Führer dadurch zu dokumentieren, daß er zu einer Stärkung der Organe und Institutionen beiträgt, die Hcrzl geschaffen hat. — Die erste Schöpfung Theodor Herzls und das wichtigste Instrument unserer Propaganda ist unser Zentralorgan die ״Welt“, die das Andenken unseres großen Führers am würdigsten dadurch zu feiern glaubt, daß sic die Hcrzl-Gcdcnknummcr der ״Wc 11“ zu einer gediegenen Werbeschrift für den Zionismus gestaltet. — Die Beiträge, die bereits eingegangen oder in Aussicht gestellt sind, rechtfertigen die Erwartungen, die die zionistisehe Oeffcntlichkeit an diese Gedenknummer knüpft. Der Erfolg der Hcrzl-Gcdcnknummcr hängt ausschließlich von ihrer Verbreitung ab. — Deswegen möchten auch wir nochmals an unsere Leser die dringende Bitte richten, sicli für die Verbreitung mit allen Kräften cinzusctzen. — Die Zeit ist sehr kurz, denn im Hinblick auf den starken Umfang muß die Auflage spätestens am 20. Juni festgesetzt sein. ־— Es können daher nur jene Bestellungen berücksichtigt werden, die bis zum 20. Juni d. J. cingchen. — Die rechtzeitige Bestellung einer entsprechenden Anzahl von Exemplaren möchten wir besonders den Vereinen dringend empfehlen. Der Preis der Herzl-Gcdcnknummcr beträgt für Deutschland in gewöhnlicher Ausführung 0,60 M., auf holzfreiem Papier, gebunden 1 M. Zionistische Vereine und Vertrauensmänner sowie Buchhändler und Kolporteure bezahlen bei Abnahme von 10 Excmpl. 5,50 M. 50 Exempl. 25,- M. ״ -,45 ״ 100 ״ 13,50 ״ 25 Die Nummer wird nur gegen Voreinsendüng des Betrages abgegeben. Bestellungen richte man an den Verlag ״Die Welt“ Sächsische Straße 8. Freilich wird es auch in Palästina für private ,Ge- Seilschaften durchführbar sein, sich von nationalen und sozialen Erwägungen leiten zu lassen, ohne dabei den Gewinn ihrer Mitglieder zu kürzen. Aber auch dies werden erst die nationalen Siedlungs-Institutionen ermöglichen, wenn ihnen das jüdische Volk die Mittel dazu geben wird. Der Zionismus hat aber mir dann das sittliche Recht, an die Mitarbeit und Hilfe des ganzen Volkes zu appellieren, wenn er seine Institutionen nicht in den Dienst der Selbstsucht der wirtschaftlich Starken stellt; wenn er in Palästina nicht eine dünne Schicht von Grundbesitzern und Pflanzern schafft; sondern, wenn er den land- und arbeitshungrigen Volksmassen eine Existenz der Arbeit und Freiheit in Palästina begründet. Informationen über Palästina Von Davis T r i c t s c h , Berlin. <%■ Wie man hört, bereitet sich in Rußland eine Aus- Wanderung nach Palästina vor, die über alles bishörige — wenigstens über die Auswanderung der letzten Jahre — weit hinausgehen dürfte. Viele haben nun die größten Bedenken, ob nicht durch diese Einwanderung in Palästina allerlei Verlcgcnhcitcn entstehen werden. Das Land ist nicht groß genug, um plötzlicli für eine größere Zahl von Einwanderern, die meist ohne hinreichende Mittel kommen, gerüstet zu sein, und cs ist zu befürchten, daß cs zu schweren Mißständen kommt, die schließlich ungünstig auf das gesamte Palästinawerk zurtickwirken würden. Nun will mir scheinen, daß hier ein Fehler im System liegt, und daß cs Aufgabe der an der jüdischen Einwanderung nach Palästina interessierten Organisationen sein müßte, diese Elnwanderung vorzubereiten und zu regu- 1 i c r c 11. ( Nun meinen wieder manche, daß man bei eintretendem Bedarf eben die notwendigen Schritte zu unternehmen habe. Mir aber will es scheinen, daß Organisationen, di c ständig an dieser Einwanderung interessiert sind, auch eine ständige Tätigkeit zur Vorbercitung und Regulier ring entfalten müßten. Demi die Auswanderung vollzieht sich ja nicht einfach iin Momente der Notwendigkeit, sondern lange vorher formieren sich in den Köpfen der Leute die Pliinc dazu. Es wäre daher schon aus diesem Grunde erforderlich, diejenigen jüdischen Schichten, die man je nach Eignung oder Nichteignung in Palästina haben oder nicht haben möchte, dauernd über das Land usw. zu unterrichten. Auf diese Weise ließe sich erzielen, daß geeignete Leute viele Jahre, bevor die Frage für sic aktuell wird, auf ilire Eignung — und ungeeignete ebenso auf ihre Nichtcignung hingewiesen werden. Es würden in beiden Richtungen falsche Ideen über Palästina vermieden, und in vielen Fällen eine besscre Vorbereitung für das Land, sowohl in ideeller wie in materieller Hinsicht bewirkt werden. Es wäre nötig, ganz systematisch mittels der jüdischen Zeitungen und eventuell auch besonderer kleiner Schriften, Flugblätter usw׳, das jüdische Publikum der Auswandcrungslünder über palästincnsische Verhältnisse auf dem laufenden zu halten. Eines w׳üre allerdings schwer zu erzielen, nämlich, unbemittelten Leuteil Möglichkeiten der Niederlassung n a c 11 zu wc i s c n. Und doch ist selbst diese größte Schwierigkeit nicht unüberwindlich. Sie ist nämlich dadurch zu überwinden, daß man endlich anfängt, möglichst breite Schichten bemittcltcr Auswanderer für M o d a 1 i t ä - t c n de rU ebc r si cd 1 u n g zu interessieren, bei denen auch Unbemittelte in großer Zahl eine Existenz fi n d c n können. Hierbei bandelt es sicli der Hauptsache nach um landwirtschaftliche und industrielle Untcmehmungen. Die industriellen sind im Kreise der Palästinafreumle noch immer sehr unpopulär, weil man mit merkwürdig falschen und einseitigen Ideen über Palästina, über die Juden und über die Kolonisation an diese Bestrebungen hcrangctrctcn ist. Immerhin will ich in Anbetracht der mangelnden Popularität industrieller Möglichkeiten an dieser Stelle darauf verzichten, auf solche hinzuweisen. Es ist auch viel instruktiver, zu zeigen, w׳ie sehr das Systematischc auch auf dem allgemein anerkannten Gebiet der land Wirtschaftliehen Kolonisation versäumt wurde und noch wird. Es hat eine Zeit itn Zionismus gegeben, wo alles auf die politische Frage gestellt war und Fragen des Systems der Kolonisation völlig unaktuell schienen. Es lag aber in der Hauptsache daran, daß keine Methode gezeigt wurde, die an sich einen Anreiz zu großzügiger Tätigkeit hätte bieten können, und für