Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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straffe Zusammenfassung all ihrer Kräfte, sowie durch ihre, machtvolle Entfaltung nach außen hin, durch die sie - was ja zum Teil schon erreicht ist alle anderen Organisationen weit überflügeln muß. Die zionistische Organisation hat erkannt, daß sie auf allen Ciebieten des Lebens arbeiten, nicht etwa nur auf die Landwirtschaft ihr Augen* merk richten, sondern auch die Entwicklung in den Städten beeinflussen muß; nicht zuletzt aus dem einfachen Gründe, weil vorläufig die städtisehe jüdische Bevölkerung in Palästina au Zahl weit größer ist als die ländliche. Die Errichtung neuer jüdischer Stadtviertel, die Ausbildung eines einheitlichen Schulsystems, das keinen Bruch zwischen der Schule des Dorfes und der Schule der Stadt aufweist, wie etwa das System des Hilfsvereins, die Förderung des Handels und Verkehrs durch die Errichtung unserer Bank: all das sind deutliche Beweise, daß bei uns durchans Verständnis für die Entwicklung der städtisehen Siedlung vorhanden ist. Aber gerade bei der Durchführung solcher Arbeiten sehen wir, daß unsere Bevölkerung in den Städten sich noch nicht mit der europäischen messen kann, trotz der Errichtung von Gymnasien, Musikschulen und dergleichen. Unserer städtischen Bevölkerung fehlt, so möchte ich es ausdriieken, die Technik des Lebens. Sie kennt noch zu wenig europäische Erfahrung, europäische Methode. Sie erfindet Dinge, die längst erfunden sind. Sie ist in vieler Hinsicht noch recht unbeholfen und findet zuweilen die größten Schwierigkeiten bei Dingen, die in Europa jeder mit Natürlichkeit beherrscht. Sie hat noch nicht das Leben meistern gelernt. Das hängt natürlich mit dem Milieu zusammen, aus dem der größte Teil der Bevölkerung der palästinensischen Städte herstammt. In russischer Unkultur hat man all diese Dinge, die in Westeuropa zum natürlichen Gebrauch des Lebens gehören, nicht kennen gelernt. Dazu kommt noch ein Fehler, der sich dem Besucher Palästinas nufdriingt: alle Leute ergreifen dort einen anderen Beruf als den, den sie zuvor ausgeübt haben. Wer in Amerika ein Uhrmacher gewesen ist, glaubt das Zeug zu haben, Bauunternehmer in Palästina zu sein. Wer Kürschner in England war, glaubt der Bevölkerung von Palästina das beste Brot liefern zu können. Jedem Touristen, namentlich aber dem jüdischen, wird der schlechte Zustand der jüdischen Hotels auffallcn, auch wenn er seine Ansprüche noch so sehr hcrabdrückt. Und nicht nur die Gewerbetreibenden verstehen vielfach nicht ihren Beruf und kennen nicht ihre Branche, sondern auch auf dem Gebiete des Handels ist die palästinensische Judenhcit durchaus nicht auf der Höhe, obwohl man doch den Juden nachsagt, sie seien ein geborenes Hiiiidlervolk. Es gibt in keinem Ort einen wirklich modernen, europäisch geschulten jüdischen Kaufmann. Diese Aufzählung läßt sich beliebig fortsetzen und läßt uns die sonderbarsten Kuriositäten finden. Das hindert aber den wirtschaftlichen Aufschwung unserer städtischen Sicdelungeu und erklärt die Uchcrlcgenhcit der anderen curopüischcii Niederlassungen, wie namentlich auch der deutschen, in den größeren Städten Palästiuas. So trägt also diese Sache auch einen sehr ernsten Charakter. Ich glaube nicht, daß der geschilderte Mißstand an der mangelnden Begabung der Juden für diese Berufe liegt. Die Umwandlung einer städtischen Bevölkerung in eine ländliche war sicherlich ein weit schwierigeres Stück und ist in einem gewissem Umfange bereits gelungen. Und auch auf den genannten Gebieten haben die Juden ja in der Diaspora Hervorragendes geleistet. Es ist Aufgabe der Organisation und aller Juden, die an dem Aufstieg unserer städtisehen Siedlungen interessiert sind, helfend einzugreifen. Das kann im Lande selbst geschehen durch Errichtung von Fachschulen und Lehrkursen. Die bereits bestehenden Anstalten dieser Art, wie z. B. die Haudwerkcrscliule der Alliance in Jerusalem, haben nicht den erwarteten Erfolg gehabt. Die Handwerkersehulc liefert keine selbständigen Handwerker, die etwa in die Kolonien oiler in die Städte gehen, um sich dort nieder- •/iilasscii, sondern behält ihre Absolventen zum größten Teil in ihren eigenen Werkstätten zurück; und die wenigen, die nicht bleiben, gehen ins Ausland, wie es leider die Alliance- Erziehung meist mit sich bringt. Noch besser wäre cs, wenn wir uns bemühten, geeignete junge Leute, die für ein bestimmtes HandwerkInteresse und Fähigkeiten zeigen, nach Europa zu bringen, um ihnen hier eine tüchtige Ausbildung angedeihen zu lassen. Aber auch für junge Zionisten;ms Europa bietet sich in den palästinensischen Städten ein weites Feld der Betätigung, wenn sie in ihrem Fach tüchtig sind und über einiges Kapital verfügen. Die Un- Zufriedenheit, die wir in Palästina gerade bei manchen aus Westeuropa cingewandcrtcn Eiementen finden, ist auf jene erwähnten Mängel zurückzuführen. Das Fiasko so mancher Unternehmung in Palästina erklärt sich lediglich daraus, daß Menschen eine Sache begonnen haben, von der sie nichts verstanden. Noch ganz abgesehen von dem Mangel an der spezifisch palästinensisclicn Erfahrung. Gerade auch die deutschen Zionisten könnten dem Lande unendlich viel nützen, wenn sie darauf hinwirkten, daß jene Ausbildung, von der ich sprach, in Deutschland vor sich gehe, weil gerade hier durch Erziehung zur Exaktheit, Sorgfalt und Sauberkeit (Eigenschaften, die noch vielfach der palästinensischen Bevölkerung fehlen), das erreicht werden kann, was wir für Palästina brauchen und wovon wir uns für die Entwicklung des Landes außerordentlich viel versprechen. In Palästina selbst schätzt man auch die Errungenschaften deutscher Zivilisation und Technik höher als die anderer Länder. Die Vorliebe für Frankreich, die infolge der Wirksamkeit der Alliance anfänglich in der palästinensischen Bevölkerung vorherrschte, ist längst im Schwinden begriffen. Sie hat in zivilisatorischer Beziehung im Grunde nichts gebracht, sondern nur bei vielen das Bedürfnis nach Luxus erregt und die Kolonien vielfach demoralisiert. Die Jugend, die seinerzeit aus den Kolonien nach Paris ging, um dort zu lernen, ist größtenteils gar nicht zurückgekehrt, weil ihr natürlich das Lehen in Paris viel besser behagte und sie im Strudel der französischen Assimilation einfach unterging. Das ist bei einer Ausbildung in Deutschland nicht zu befürchten. Die jüdische Jugend, die sich z. B, nach Berlin wendet, findet ja liier von vornherein ein national-jüdisches Milieu, das in ihr das Bewußtsein aufrecht erhält, daß sie den Aufenthalt hier nach Kräften benutzen muß, um reich an Erfahrungen und Kenntnissen in die Heimat zurückzukehren und dort zum Segen des Landes zu wirken. Schon jetzt haben wir einen gar nicht so kleinen Kreis von Palästinensern in Berlin, die durchaus den Zusammenhang mit der Heimat aufrecht erhalten und den Aufenthalt in Deutschland nur als etwas Vorübergehendes ansehen. All die kleinen Unschönheiten, über die wir uns in Palästina beklagen, werden schwinden, wenn gut ausgcbiklctc Kräfte im Lande dem modernen Fortschritt dienen werden. Jeder, der das Land besucht, wird alsbald von einem Ge* fühl ergriffen, nach dein er sich so lange gesehnt und das er im Gallith stets entbehrt hat; von dem Gefühl der Freiheit. Tatsächlich empfindet die Bevölkerung dort, daß sie in freier Luft atmet. Der palästinensische Kolonist steht in selbstsicherer Ruhe auf seinen beiden Füßen, sein Sinnen und Trachten ist nicht wie bei dem Juden des Galuth beherrscht von der Rücksicht auf die anders geartete Umgebung. Das Leben der Juden ist liier endlich wieder harmonisch geworden. Die Mühen und Schwierigkeiten, die uns die Eroberung des Landes bereitet, werden reichlich aufgewogen durch den unendlichen Gcwinn. Wenn wir aber dieses Gefühl im täglichen Laufe des Daseins nicht so auskosten können, so liegt das eben daran, daß das Leben noch zuviel Ecken und Kanten hat und uns so vielerlei Schwierigkeiten, oft auch kleinlichster Art, bc* reitet. Diese müssen wir überwinden, und wir können sie leicht überwinden durch System und Organisation, durch die Anwendung der Emmgcnschaften Europas auf dem Gebiete der Technik und Zivilsation. Dann wird unser Volk in Palästina nicht nur ein Leben in Freiheit fuhren, sondern auch ein Leben in Schönheit. Privatinitiative und nationale Kolonisation Von S. Kaplansky, Köln. Die ״Jüdische Rundschau" hat anläßlich des De- Icgiertentages der Zionisten Deutschlands eine Diskussion über alle Fragen eröffnet, die im gegenwürtigen Augenblick die Anhänger des Zionismus bewegen. So sei es mir erlaubt, der freundlichen Aufforderung der Redaktion Folge zu leisten und auf eine Frage hinzu weisen, die auf vielen guten Zionisten schwer lastet und in den Mittelpunkt der Aussprache gerückt zu werden verdient. In den Beratungen des bevorstehenden Delegiertentages in Leipzig wird Palästina voraussichtlich einen breiten Raum cinncfnncn. Es ist nicht zu leugnen, daß in den letzten Jahren das Land Palästina auch den westlichen Zionisten nähergerückt ist. Der für die Gebiete jüdischer Massensiedlung und Massennot so charakteristische Landhunger ergreift auch die Juden des Westens. Man kann aber nicht sagen, daß mit dein wachsenden Interesse für Palästina auch das Verständnis für Wesen und Aufgaben der Siedfuiigsnrbeit tiefer geworden wäre. Wir sind erst auf dem Leidenswege zur Wahrheit, der mit verhängnisvollen Irrtüinern gepflastert ist. Die dem Chartcrismus eigentümliche Vorsteihmg, daß die Besiedelung eines Landes in erster Linie ein politischer Erwerbs- oder Eroberungsakt sei, ist überwunden oder verlassen. Der Chartergedankt war der Irrtum eines großen Geistes, von, dem man, wie Hcrzl über die Fehler genialer Persönlichkeitcn, sagen kann, daß sie der verheerenden Naturgcwalt des Nils gleichen, der das Land überschwemmt, um es fruchtbar zu machen und reiche Ernte zu bringen. Man hat erkannt, daß cs irrig ist, in bestimmten politischen Sicherungen die Voraussetzimg jeder Siedlungsaktion zu sehen. iXmrt cs handelt sich uns nicht um die Festsetzung der politischen Souveränität über ein Siedlungsgebiet, sondern um die wirtschaftliche Besitzergreifung des Landes. Der Grundgedanke, daß die Verwirklichung des Zionismus, die Erreichung Palästinas, vor allein ein ökonomischer Prozeß ist, wurde aber sehr bald verstümmelt. Um die wirtschaftliche Er- Schließung des Landes zu fördern, wird die Schaffung von ״privaten Interessen", die privat wirtschaftliche Kapitalanlage in Palästina propagiert. Damit ist aber der frühere Irrtum, daß man die Judenfrage durch den völkerrechtlichen Besitz eines Laudes lösen kann, durch eine Abart dieses unhaltbaren Gedankens ersetzt, durch die Vorstellung, daß man die ökonomische und kulturelle Judennot beseitigt, wenn man in Palästina den privatrechtlichen Besitz von Juden vermehrt. Die sogenannte Privatinitiative, die Investierung von jüdischen Kapitalien, die Stärkung des jüdischen Besitzes im Lande, werden als die lange gesuchte, nunmehr gefundene Methode der Ko- Ionisation bezeichnet, die cs uns ermöglichen soll, den jüdischen Auswanderern in Palästina eine gastliehe Stätte der Arbeit zu bieten. Diese Irrlehre von der Eigeninitiative und der privatwirtschaftlichen Durchdringung ist gefährlicher als der Chartcrismus. Denn dieser bedingte Untätigkeit, während die Propaganda der Eroberung Palästinas durch Kapitalsanlagen zur Entfaltung der Kultur und der Produktivkräfte des Landes zweifclsohne heitriigt, die aber lediglich den Einhcimischen und höchstens einer kleinen profitsichcren jüdischen Minderheit, nicht aber dem jüdischen Volke zugute kommen kann. Beide Methoden, der Charterismus und die privatwirtscliaftliche Initiative, so verschieden sie auch sein mögen, sind auf denselben grundlegenden Irrtum zurückzuführen, auf die Ver- Wechslung der Aufgaben und Wege der Kolonial- Politik mit denen der Kolonisation spo* litik. Die Kolonialpolitik beruht auf dem Export von Kapital aus dem wirtschaftlich hochstehenden, kapitalstarken iMuttcrlande nach dem ökonomisch unentwickelten, kapitalarmen Koloniallande, Ihr Zweck ist die Monopolisierung des Bezugs der Roh prod u k t e der Kolonie für die Metropole, die Sicherung von Absatzmärkten für die heimische Industrie, vielleicht auch die Erleichterung der Nahrungsm i 11 c 1 z u f u h r nach dem Mutterlande. Die Kolonialpolitik bedeutet stets und überall die ökonomische Unterwerfung der Kolonie unter die wirfschaftlichcn Interessen des Mutterlandes, Raubbau an den natürlichen Schätzen des Koloniallandcs, erbarmungslosc Ausbeutung der Einheimischen, Weil diese Politik schrankenlose I lerrschaft und Exploitation voraussetzt, mußte ihr ein politischer Erobcrungsnkt vorausgehen, brauchten die gewinnsuchenden Kauf- und Industrieherren einen Charter, einen Freibrief für ihre Willkürherrscbaft. Die Kolonisationspolitik oder gar unser Siedlung*- werk in Palästina haben mit den Zielen und Methoden dieser Kolonialpolitik nichts gemeinsam. Wir ver*