Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1914-05-29 · Heft 22 (29.5.1914) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651869-2651892--09667-2667010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

B13 S«1U 64 JUEDISCHE KUNDSCHAU Von dem Material über Geburten und Mortalitiit liegen vorläufig die Wahlen folgender judiiischcr Siedlungen vor: Einwohnerzahl Geburten Mortalität Anmerkung! Rischon le-Zion 16-1700. dirunter ca. 200 Jemeniten 41 15 Murlalllit vor Ankunft der Je* mcnilen Ö—». Rechobolh 700 17 11 Jemeniten nicht Inbegriffen. Ekron 373 11 1 Gedera 188, darunter 38 Jemeniten 4 2 1 Kliul, l Qrel» von 90 Jihrcn. Ain-Üanim 190 7 3 Von den Städten sind vorläufig mir die Zahlen über Hebron veröffentlicht worden. Danach betrug dort unter OSO jüdischen Einwohnern (350 Aschkenasim und 039 Scpharthni) die Geburtenzahl 19, die Todesfälle 21, darunter 7 Kinder• kranldieiten, 0 Fälle von Typhus und 6 von Marasmus senilis, Nach weiteren Referaten über medizinische Fragen von Dr. Puchowskl und l)r. Krinkin befaßte sich die Vcr- Sammlung mit dem vorgclegten Vertragsentwurf für die An- Stellung der Aerzte in den Kolonien. In den neuen Vorstand wurden gewählt l)r. Puchowtiky als Vorsitzender, Dr, Krinkin als Stellvertreter, Dr, llorochow und Dr. Lcvontin als Sekretäre und Frau Dr, Borochow 01s Bibliothekarin. Von besonderer Bedeutung war die Trachom-Konferenz, die in Jerusalem abgeh alten wurde und drei Tage dauerte, Nicht weniger als M Referate, waren vorgesehen Nr. 21/22 und wenn auch einige ausficlcn, so boten doch die übrigen Vorträge im Verein mit praktischen Vorführungen und den in der Konferenz dtirchgefülirten Operationen Anregung und Belehrung in Fülle. Von den Beschlüssen seien hier folgende erwähnt: 1. Die Trachom-Konferenzen sind jährlich abzuhalten; 2. es sollen Kurse zum Studium der Trachom-Krankheit eingerichtet werden. Diese Kurse sollen etwa einen Monat dauern und den Acr/.tcn soll dabei Gelegenheit geboten werden, sich in der Technik der Operationen zu vervollkommnen. Für die Dauer der Kurse sollen die teilnehmenden Atr/tc Tagesgelder erhalten; 3. besondere Hedstationen sollen für die Kinder der Armen, die am meisten der Gefahr der Tradmm• Krankheit ausgesetzt sind, errichtet werden; ■1. Schwertern sollen die Häuser der Armen besuchen und jeden Trachom- Fall der Trachom-Kommission melden, die dann einen Arzt zur Heilung entsendet; 5. für Schwestern und Feldscher sind Trachom-Kurse einziiricliteii; 6, für trachomkrankc Kinder sind besondere Kindergärten einziirichten. — Ferner sprach die Konferenz den Wunsch aus, daß jede Schule einen Schularzt anstelle, Die Konferenz arbeitete auch eine Verordnung aus über die Aufnahme der Schulkinder und deren Behandlung in Fällen von Trachom. So sieht der Feldzug aus, den die jüdischen Aer/t!• Paliistinas gegen die böse Augenkrankheit führen wollen. Nachdem Voranschlag sind für diese großzügige Aktion ca. 100 000 Frts. notwendig, Die größere Hälfte dieses Betrages erscheint bcrcits gedeckt. Ueber Radikalismus und Opportunismus Von Dr, Oswald Löbl, Karlsbad Es wurde in letzter Zeit vieles über diese Begriffe geschrieben und manches gute, wahre und tüchtige Wort hierbei gesagt. Wenn ich heute mit meinen Betrachtungen über das Thema nachgeliumpelt komme, so geschieht es in dem Bewußtscin, daß die folgenden Auseinandersetzungen nur sehr wenig mit der Tendenz zu tun haben, die die bisherigen Darlegungen kenuzeiehnctc, Dort hat es sieli um eine Frage der Taktik, des Taktes, wenn man will, um moralische Prinzipieit gehandelt. Vielleicht, daß auch ich hierauf zu sprechen kommen werde, doch vorerst gilt es, eine Klarlegung der Begriffe zu erzielen, gilt es, diese Begriffe als Erscheinungen, als Seinsarten zu erfassen, nicht als Prinzipien, als Tendenzen. Meine Fragestellung lautet also nicht: Sollen wir radikal oder sollen wir opportunistisch sein? Sie geht vielmehr dahin: Was ist das Wesen und die Bedeutung des Radikalismus einerseits, was andererseits die des Opportunismus? Welches sind die innerlichen Erscheinungsformen des einen und des anderen, was läßt ratlikal sein und was bewegt zum Opportunismus, welches sind die notwendigen Wirkungen des einen oder anderen Seins? Radikal sein heißt nun dem Ursprung des Wortes nach: mit einer Sache verwurzelt sein, oder nach der Aktivität hin betrachtet: aus der Verwurzelung mit einer Idee oder Sache heraus handeln. Ist die Idee auf die Umgestaltung irgendwelcher Zustände gerichtet, so heißt sie dann radikal, wenn sie diese Zustände bei der Wurzel, bei ihrem Kernpunkt anfnflt, wenn sie das Mark der Dinge trifft. Das scheint mir das Wort Radikalismus in seiner Reinheit zu bedeuten, also subjektiv einen Verwurzelten, einen mit seiner Idee Einigen, in ihr sicher Ruhenden; objektiv eine Bewegung mit einem bestimmten, klaren, unabweisbaren Zielpunkt. So uufgefaßt, ist es unmöglich, Radikalismus mit dem zu identifizieren, was auf Parteimärkten als Dutzendware feil- ’ geboten wird. Wer Scelenkcnucr ist, weiß sofort, daß es I sich da um etwas Seltenes, Großes, weil Elementares handelt, 1 In diesem Sinne kann jede Idee im Radikalismus gipfeln. I Sic mag uns an und für sich noch so widerstreben, uns J ihrem ()runde oder Ziele nach feindlich sein; kommt sie wahr-! liaft radikal in einem Menschen oder in einer Bewegung I zum Ausdruck, so wird uns ihre Grandiosität vielleicht um s<> 1 mehr erschauern lassen, aber ihre Grandiosität wird sie für 1 unseren Geist über ihren Zweck hinauswuchsen lassen und j ganz zu innerst unsere Anerkennung erringen, auch entgegen j unseren Prinzipien, unseren eigensten Instinkten. 1 Der Radikalismus trägt die Suggestion in sich, als suh- * xjektive wie als objektive Erscheinung. Von einer radikalen Natur geht eine Atmosphäre aus, die in alle Poren zu dringen; scheint, alles in sich eintaucht, bannt, bezwingt: das große Rätsel der Persönlichkeit. Eine ähnliche Suggestivitat liegt in der Bestimmtheit, die der radikalen Bewegung wesenhaft ist. Der weiß cs, der Gelegenheit hatte, zu fühlen oder zu beobachten, wie jemand durch eine ganz einfache Begleitj bewegung seiner Hand, mit der er einen Gedanken \erdeutlichen will und in die er die ganze Idee zu legen scheint, wie er die Aufmerksamkeit, die Augen aller, ja ich möchte fast sagen, alle Sinne auf diese Handbewegung gebannt hält, bis die Linie beendet ist und er die Hand sinken läßt. Momentan ist sich dessen vielleicht niemand bewußt geworden, daß er im Banne einer Linie gestanden hat, die an sieh durch nichts sich von anderen unterschied, sondern ihr Wesen durch ihre Bestimmtheit, durch das Ziel, dem sic unverrückbar zustrebte, erst erhielt. Aber cs war hierzu 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.