Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 231 reiner Form, die keiner Schwierigkeit aus dem Wege ^inyen. Uebcr unser Verhältnis /um IXmtschtum hat niemand so tief, so stark und erlebt gesprochen. Hier merkt man, daß sich die Tragik der mehrfachen Kultureinflüsse nicht mit dem billigen Spott unserer Gegner beseitigen läßt. Solche Erörterung dient der sehr nötigen Vertiefung unserer Idee. Allerdings darf man nicht ni ängstlich sein, wie Koseiiblüth es ist, wenn er den Wert der Klärung in den Gegensätzen nach ihrem Einfluß auf die Vertiefung der zionistischen Idee beurteilt. Hall ist nur dann erfreulicher als Gleichgültigkeit, wenn aus ilun Achtung sich entwickeln soll. Das oft sehr [chendige Geplänkel zwischen neutraler und liberaler Jugend, unter dem unsere allein wichtige Judentinusaiischauung nicht gelitten, hat aufgehört. Innerlieh sind -- mindestens in der Verbands 1 e i t u 11 g aus den Neutralen längst K. C, - Tendenzler, wenn nicht volle Liberale, geworden. Suchte doch I)r. Apfel in Frankfurt die Neutralität des Zcntralvcreins damit zu beweisen, dal! von 35 000 Mitgliedern ganze!01 Zionisten ausgetreten seien. In Hamburg wird vielleicht der Jugendhimd Anschluß an die nichtnationaljüdische Turnerschaft von 1002 finden. Duldet das die Verbandsleitung, so erscheint der radikale Austritt der Zionisten aus dem ganzen Verbände als die einzig richtige Folgerung. Erfreulich ist die Entwicklung freilich nicht, die unsere Gegner zur ״Sammlungsparole“ geführt hat. Der Vergleich der nationaljüdischen mit der Jungdeutsclilandbewegung hinkt. Dort schafft man nutisozialistische Stimmung und kann sich auf zwei!)riitel des deutschen Volkes berufen. Weil die deutsdmationale Idee solche Macht hat und so anerkannt ist, bildet sie die Grundlage der deutschen Jugendarbeit in ihrer Verteidigungsstellung gegenüber der Sozialdemokratie. Wir können vorläufig nur in der einzelnen Persönlichkeit revolutionär wirken, der EJan einer alles revolutionierenden nationaljiidischen Jugendbewegung ist Zukunftsmusik. Massenpsychologisch ist der Zionismus eine Evo- 1 u t i o n. Die eigene Vertiefung und die stetige Arbeit, mag sie auch nur langsam zu Erfolgen führen, bleiben die Hauptsache, Wir müssen die zionistischeu ,,Fuxenexamiiia“ verschärfen, um geeignete Elemente der Propaganda fcrnzuhalten. Das zionistische Streben ist vielseitig. Wie bisher soll für immer das Bekenntnis /.um Baseler Progranim Voraussetzung der S c 11 e k e 1 Zahlung sein, für den Nationalfonds aber soll jeder Jude herangezogen werden. Feuerring will nicht die Idee der Erneuerung auf dem Niveau einer Sammelbüchse enden sehen. Aber der Weg kann doch vom Nationalfonds zum Schekel führen, umgekehrt ist er unmöglich. Die Gegner setz.cn ja auch alles daran, unsere Palästinaarbeit mit dem Worte ״national‘‘ z.u diskreditieren. Trotzdem werden verständige Juden unsere Systematik mit ihren Erfolgen der Chalnkah vorziehen. Hoffentlich gelingt cs der Form unserer Propa- Rauda, das Vorurteil zu beseitigen, wir eigneten uns nicht zu sachlichen Auseinandersetzungen. 1 - Oeffentlichkeit Zum Leipziger Delegiertentag. Unsere Delegiertcntage können nur von kurzer Dauer sein, und wenn auch zuweilen dabei zu viel geredet wird, so kann in dieser beschränkten Zeit doch nicht alles gesagt werden, was nötig ist. Wenn die Diskussion des D.-T. selbst zum Kern der Dinge gelangen soll, ist eine Vordiskussion in unserm Prcßorgan, in der ״Jüdischen Rundschau“, und an־' geregt durch diese auch in den Ortsgruppensitzungeil nötig. Trotz dieser von mir selbst erkannte״ Not- Wendigkeit möchte ich dem an mich gerichteten Ersuchen, mich zur Einleitung oder Vorbereitung dieser D.-T.-Diskussionen zu den Fragen ״unseres Auftretens nach außen, unserer Stellung zu den nichtzianistisehen Organisationen in Deutsch-!and, der Begründung des Zionismus in der Propa־ gaiula“ zu äußern, nicht entsprechen und dies hier begründen. Schon vor Wochen nahm ich Vcran* lassung, den Gesclinftsfiihrenden Ausschuß unseres Z.-K. zu bitten, abweichend von aller bisherigen Gepflogenhcit eine nichtöffentliche Sitzung beim D.-T. nb/ulialteu, Man erwiderte mir darauf, daß wir uns absolut nicht zu scheuen brauchten, jede Frage in vollster Oeffentlichkeit zu diskutieren. Gewiß: wir haben nichts zu verbergen und können jede Erörterung im vollsten Lichte aller Oeffentlichkeit vornehmen. Ich frage mich jedoch: Ist cs auch ratsam und praktisch, solches zu tun? in jedem Falle, bei jeder Frage, allein um des Prinzips willen? Ich bin gewiß ein Anhänger unserer demokratischcn, wirklich liberalen Grundsätze und — ihrer Durchführung in praxi (in welchem Punkte wir uns bekanntlich von manchen sich liberal nennenden Organisationen unterscheiden.) Aber ist es richtig, auch Fragen der Taktik, unserer Stellung z.u den anderen Organisationen vor deren Augen und Ohren zu diskutieren, zu erörtern, ohne daß eine Klärung der Dinge im internen Kreise, ganz unter uns, voranging? Diese Klärung ist nicht vorhanden. Wir wollen es gar nicht vertuschen, daß in diesen Fragen noch grolle Gegensätze unter uns vorhanden sind. Wäre dem nicht so, so brauchten wir den D.-T. nicht damit z.u befassen. F.s werden also gegensätzliche Meinungen zum Ausdruck gebracht werden, mit mehr oder weniger Leidenschaftlichkeit. Nun haben wir bekanntlich unter uns das ist ja auch unser Stolz! — immer recht jugendliche Elemente. Auch unter unsern Aclteren und Alten sind viele, auch darauf sind wir mit Recht stolz! - die sich jugendlich impulsiv erhalten haben. Nicht jedes Wort, das dann in der Debatte gesprochen wird, ist sorgfältig abgewogen. Gcichviel jedoch, ob man dies den Worten anmerkt oder nicht, ob die Worte Widerhall finden oder Widerspruch, wir wissen aus Erfahrung, daß jedes Wort, das bei uns gesprochen wird, nachher gegen uns, gegen den Zionismus verwertet, ausgeschlachtet wird. Man fragt nicht nach Zeit und Umständen, unter denen etwas geschrieben und gesprochen, nicht nach dem, der es gesprochen, und nicht danach, was ihm darauf erwidert worden. Bedarf es eines 1k•- weises? Man denke an die Broschüren des Antizionistischen Komitees. Nicht jeden, der sie las, erreichten unsere Erwiderungen (das Spiel selbst zu durchschauen sind doch mir wenige in der Lage), 1 laben wir mm nichts Besseres zu tun, als uns selbst Steine in den Weg zu legen, um sie dann mit Mühsal wieder fortzuräumen . . . bloß uin des Prinzipes willen? Andererseits bleibt im Hinblick auf die zuhörende Oeffentlichkeit docli manches ungesagt, was gerade ausgesprochen werden müßte, um eine wirkliehe Klärung hcrbeizuführcii. Es gibt da Grenzen, die zu überschreiten man sich scheut. Der Artikel ״Leipzig“ in Nr. 18 der J. R. scheint mir dafür ein Beweis zu sein, wegen des darin nicht Gesagten, wegen der da nicht erwähnten Organisationen. Bleiben wir also lieber einmal ganz unter uns und sprechen uns aus, ungestört durch auf Entgleisungen, Unvorsichtigkeiten oder vom Moment eingegebene Uebertreibimgen lauernde (!äste*. Breslau. HugoSch achtel. Eine Gefahr Zum Leipziger D c 1 c g i c r t e 111 a g. Es ist nun einmal nicht zu vermeiden, daß durch das rapide Wachstum einer Bewegung wie der tmsrigen sich doch liier und da Mängel cinschlcichcn, die am Anfang noch mit geringem Kraftaufwand zu beseitigen sind, späterhin jedocli sich zu ernsthaften Schädigungen des Ganzen ausvvaclisen konnten. Etwas derartiges scheinen nun einzelne Formen unseres Vereinslehens aufzuweisen. Die Dinge, die hier zu besprechen sind, machen unserer Ortsgruppe schon lauge das Lehen sauer, aber wir waren bis jetzt geneigt, rein lokalen Zufälligkeiten die Schuld daran beizumessen. Doch einige Berichte aus anderen Städten lassen erkennen, daß man es hier mit einem weit verbreiteten Ucbcl zu tun habe, So rühmt ein Bericht das starke jüdische Leben der Stadt, fährt aber dann fort: Allerdings leiden die einzelnen Veranstaltungen unter dem Zuviel des Gebotenen, ln einer Besprechung eines überaus gelungenen Purimfestes einer zweiten Stadt wird zugegeben: Obwohl es zuerst schien, daß infolge der zahlreichen Veranstaltungen der einzelnen Vereine eine allgemeine Feier nicht möglich sein würde. Lassen Sie mich Ihnen ein klassisches Beispiel solch eines ״jener kleinen und kleinsten Vereine“ vorführen, von denen zwar immer behauptet wird, sie allein bewältigten die gesamte Arbeit, während die Ortsgruppe sich der stillen Selbstgenügsamkeit hin■• gebe. In Wirklichkeit aber sind gerade sie cs, die das Gedeihen der Ortsgruppe nach Möglichkeit hemmen. Es ist immer die gleiche Geschichte: Unter all den jungen Menschen, in denen der zionistische• Gedanken Feuer gefangen hat, ist einer, bei dem es heißer und stärker glüht und ihn zu ersticken droht, wenn er die innere Spannung nicht durch Betätigung nach außen entladen kann. Mit Leichtigkeit sind die Freunde und Genossen zu überzeugen,’ daß in der von ihm propagierten neuen Gründung das alleinige Heit mul die Zukunft, womöglich der gesamten Weltorganisation, zu finden ist. Kein Mensch und keine höhere Instanz prüft die Existenzmögliehkeit und die Notwendigkeit des jungen Vereins, niemand ist da, der im gegebenen Falle die Gründung verhindert. Mit großem Eifer gelit’s an die Arbeit, denn es gilt nicht nur das leitende Programm zur Durchführung zu bringen1, sondern man will sich auch vor allen Brudervereinen auszeichnen. Wer prüft da immer gleich, ob der ganz.e Erfolg nicht auf Einbildung beruht und nur auf Kosten der anderen Organisationen errungen wird. Wer sieht, daß die ganze Arbeit nichts ist als ein Umfüllen des alten Weins in neue Schläuche und somit eine ungeheuerliche Verschwendung an Geld, Zeit, und was noch schlimmer, an Arbeitskraft bedeutet. In den Kursen sitzen dieselben Leute wie in allen anderen Vereinen, denn man läßt ja wahllos jeden hinein, ganz gleich, ob er Mitglied ist oder nicht. Natürlich leidet der geordnete Betrieb darunter, denn bei der Menge ziemlich gleichartiger Veranstaltungen ist cs beinahe unmöglich, stets pünktlich und regelmäßig da zu sein. Der Vorstand besitzt aucli den ״Gästen“ gegenüber keine Macht, um energisch einschreiten zu können, und sogar auf die Mitglieder, die ja gewöhnlich noch anderweitig mitarbeiten, ist eine Einwirkung schwer möglich. Was aber ist der Gewinn eines solchen Kursus? Grade das Gegenteil von dem, was wir erstreben! Nämlich anstatt gesunde und empfängliche Juden zu erreichen, die auf allen Gebieten ihrer Kultur gut Bescheid wissen, dabei frei von dem seichten Viclwisscn des dekadenten Assimilanten sind, statt solcher Menschen haben wir dann nervöse, überanstrengte, blasierte Leute, denen noch künstlich der letzte Rest von Frische genommen ist. Kein Wunder, daß auch das Interesse erkaltet, je weiter der Kursus fortschreitet, kein Wunder, daß aus analogen Gründen die Mitgliedsbeiträge immer unregelmäßiger eingche», denn auch in pekuniärer Hinsicht ist der einzelne über Gebühr belastet; und selbst da, wo das Geld mit Leichtigkeit aufgebracht wird, muß man sich fragen: Gibt’s bei uns nicht wahrhaft wichtigere Dinge zu fördern, als noch einen Verein mehr! Allmählich rächt sich auch bei dem Gründer die ״״ökonomische Arbeitsweise. Er wird müde und unlustig, und die Reaktion wird um so erschlaffender sein, je intensiver die vorhergegangene Anspannung war. Auf diese Weise büßen wir unsere Besten ein und verbrauchen mehr Führer als wir haben. Schon beginnt sich der Mangel an brauchbaren Leuten, die geneigt sind ein Amt zu übernehmen, fühlbar zu machen! Die wenigen aber, die an der Spitze stehen, arbeiten sich in Grund und Boden und haben keine Zeit, vollkommen auszurcifen. Das alles wäre in dem Augenblick anders, in dem das Zentralkomitee einen festen Plan des Ausbaues der Organisation veröffentlichte und das aufgestellte System zur Norm erhöbe und weiterhin etwa folgende Anordnungen erließe: Jeder Zionist kann nur Mitglied eines Vereins sein, selbstredend muß ihm Dispens bewilligt werden, wenn es sich z. B. um Uebcmahmc eines Referates oder Kursus bandelt. Vereine zur körperliehen Ertüchtigung werden von dieser Bestimmung nicht getroffen. Die Teilnahme an Kursen ist nur Mitgliedern möglich, Gästen nur in besonderen Fällen und auch dann nur gegen Zahlung eines kleinen Betrages. Hierbei spielt weniger das Geld eine Rolle als die bekannte These von dem Wert derjenigen Dinge, die Gegenleistung heischen und der Menge als solcher nicht zugänglich sind. Durch diese Abschließung wird auch die Beeinflussung des Einzelnen vvirkungsvoller. Weitere Forderung: Alle großen Vorträge können nur von der Ortsgruppe veranstaltet werden; denn das Mißlingen einer einzigen Veranstaltung kann einem kleinen, lebensfähigen Verein den Ruin bringen. Gleichzeitig wird so jede Ueberfüttcrung vermieden. Will eine andere Vereinigung irgendeine Veranstaltung größeren Stils inszenieren, so bedarf sie hierzu der Zustimmung der Ortsgruppe, dadurch wird vielleicht doch vermieden, daß man vier Pürimfcicrn mitinacht und achtmal Cliamikali feiert. Wie soll man es aber mit rein national jüdischen Vereinen halten? Sie können und dürfen doch der Ortsgruppe nicht botmäßig werden. Ist auch gar nicht notwendig. Sic sollen sich mit ihr nur über die rein technischen Fragen verständigen, denn die Ortsgruppe hat doch neben den tendenziösen auch noch ein Interesse an den zionistischen Mitgliedern dieser Gruppen. Sollten sich diese Vereine aber gegen Erwarten in keinerlei Verhältnis zu uns setzen können, so müßte unbarmherzig den Zionisten die Mitarbeit untersagt werden. Auf diese Weise würden wir in jeder Hinsicht rationeller arbeiten, unseren Feuerköpfen wären solche Beschränkungen Schule und Wertmaß zu gleicher Zeit, und die Wirkung nach außen wäre außerdem nicht zu unterschätzen. Gleichzeitig würden leichtfertige Elemente von uns fcrngchattcn, wcm’s aber ernst um unsere grolle Sache ist, der wird froh sein, ihr ein Opfer durch Selbstüberwindung bringen zu dürfen, jedenfalls wären wir dem Zentralkomitee dankbar, wenn es auf dem Delcgiertentag über diese Dinge verhandelte und allgemein bindende Beschlüsse faßte. Ch. C. M.