Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 230 JÜEDISCH E RUNDSCHAU Nr. 22 Man erwäge dieses: Die Kinder der ״ersten“ Zionisten in Deutschland wachsen heran, und wir wissen an diesen Gesinnungsgenossen ihre edle Opferbereitschaft für unsere Idee und ihr stetes Eintreten für dieselbe zu schätzen; die zionistische Organisation ist diesen Männern gegenüber, die fortwährend in Kampfesposition standen und die Kleinarbeit leisten mußten, verpflichtet, ihnen wenigstens die Möglichkeit zu geben, die Kinder in jüdischer Wirklichkeit zu erziehen, damit diese Kinder späterhin auch in unserem Lager verbleiben. Ohne mich auf ein Prinzip versteifen zu wollen, möchte ich sagen: liier kann ein Stück Gegenwartsarbeit geleistet werden. In der Gemeindepolitik sind für die nächste Zeit unsere Chancen meiner Meinung nach nicht sehr günstig, aber wir vervielfachen unsere Aussicht auf Einfluß und Macht, wenn wir der jüdischen Oeffentliehkeit nicht nur Menschen mit jüdischem Interesse, sondern auch mit jüdischem Wissen und Wissen von jüdischen Dingen präsentieren. Nur dann können wir Erfolg haben. Und zu den dringendsten Kultur,iingaticn rechne ich auch diese: Die Erweiterung der Hamburger Literatur-Gesellschaft, Es darf uns nicht genügen, ein Buch durch den Zufall eines Loses zu vergeben. Nein, sondern mit Absicht und Zweck müssen wir in jedes jüdisch e Maus jüdische Bücher von unserer Seit c h i n e i n t r a g c n. Ich meine die Einrichtung von guten, jüdischen Büchereien und denke mir die Literaturgesellseliaft auf dem Prin/ip der deutschen Dieliter-Geiläehtnisstiftung aiifgi'baiit, und llaiul in Hand mit dem Jüdischen Verlag geltend. Diese Bücher sollen keine parteipolitische Tendenz besitzen, sondern sie sollen nationalen Clinrakter und echt jüdische Basis hesitzen. (Chndgadja als Vorbild.) Ein Konflikt mit dem Litcraturvcrein wäre nicht zu befürchten, da dieser in den Großstädten keine- Bibliotheken führt, und in den Kleinstädten wäre eventuell nach Ucbcreinkunft zu handeln. 1111 übrigen würde eine Konkurrenz nur anregend wirken. Diese Bibliotheken müssen echte Volksbibliotheken sein mul mit l esehallen verbunden werden. (Jede zionistische Zeitung wird es freudig begrüßen, ein Freiexemplar liefern zu können.) Eventuell wäre ein Anschluß an die Toynbcehallcn zu suchen und zu versuchen. Dann würden wir Einfluß' auf die deutschen Juden gewinnen, und das tut bitter not. Wir machen uns gar nichts vor, wenn wir sagen, daß wir auch gleichzeitig ein großes Stück jüdischer Arbeit damit leisten. Wir würden dann sicher Eingang in das deutsche Judentum finden, den wir heute nicht besitzen; denn die bisher zu uns kamen, waren stets (wenn wir von einem nicht sehr bedeutenden Teil der anderen absdien) diejenigen, die am fähigsten für sittliche Begeisterung waren und am tiefsten über sieh nachgedacht hatten. Aber dem Gros der deutschen Juden sind wir noch fremd. Es bedurfte erst der Schamlosigkeit der antizionistisclieu Erklärung, um uns beim deutschen Judentum ״sympathisch zu machen“. Was wir bedürfen, ist der Eingang ins jüdische Haus (sofern es noch vorhanden ist). Die Pforte dafür ist das jüdische Buch, und unser jüdisches Buch wird dann die Stütze des jüdischen Hauses werden. Und bedenken wir dieses: Es waren vor allem zwei Männer, die unser Geistesleben in den letzten Jahren befruchtet haben: Acliad-Hnam mul Bubcr. Sie haben uns befruchtet, welche Stellung wir auch zu ihnen nehmen, und wir wissen auch, welche Kraft ihre Ideen für die Verbreitung unseres Gedankens hätten, wenn sie (und viele nmlcrc) in den Dienst der Agitation gestellt würden. Ich sagte: Welche Stellung wir auch zu ihnen nehmen. Es fehlt aber der Boden zu diskutieren, und wir entbehren schmerzlich die Gelegenheit zur Aussprache; wir werden uns daher recht bald entschließen müssen, — was A. Bölun und J. Simon schon lange fordern — eine wissenschaftliehe Zeitschrift im Zionismus herauszugeben, die auch bald kommen muß. Bis dahin ist es aber Sache der Landesorganisation, Mittel zu schaffen, die Diskussion vorzubereiten, und hier ist Gelegenheit und Pflicht dazu. Und für dieses wenige, was ich heute fordere, bedürfen wir einer Zentrale, einer Instanz. Ich hoffe, daß recht viele Anträge auf Ein- Setzung einer Kulturkommission eingellen werden. Und noch einige Bemerkungen für die Diskussion, die hoffentlich recht stark sein wird und weitere Forderungen ergeben wird. Da dieser Delcgicrtentng glücklicherweise keine prinzipielle Finanz- oder Statutenfrage zu behandeln braucht, stellt der Dringlichkeit der Behandlung dieser Fra^c nichts entgegen. Ferner glaube ich, mit meinen Forderungen weder die Kompetenz des Dclegicricntages noch die der Organisation überhaupt überschritten zu haben. Religiös-traditionelle Bedenken werden sich nicht erheben können, denn erstens habe ich nur sehr ״neutrale“ Fragen behandelt, und zweitens bin ich der Ueber/eugung, daß der Tradition nicht nur die ,,gebührende Achtung“ gewahrt werden muß,‘sondern daß all diese Kulturarbeit nur dann Sinn hat, wenn sie an die Tradition a n k n ü p f t, damit sie nicht hilflos in der Luit schwebe. Die Anzeichen deuten darauf hin, daß eine Anknüpfung an die Tradition schon begonnen hat. Man orientiere sich nur über die Arbeiten und Beschlüsse der amenkaiiisehen und kanadischen Föderationen, Ich hoffe, der Delegiertentag in Leipzig wird sieh in Anbetracht der dringenden Notwendigkeit mit der Kulturfrage beschäftigen und Positives bcschließen. Damit der Sommer dafür benutzt werden kann, die Arbeit für den Winter vorzuherciten, Ich schrieb dies in den Omertagen; und diese haben für mich folgenden Sinn: Das Volk wartete, nachdem es' 1111 seinem nationalen Ikfreiungsfeste die Erstlinge seines U o d c ti s vor Gott gebracht hatte, auf den Tag der Ernte, der der Tag der Gesetzgebung, der Tag der Erneuerung des Gesetzes war, und zählte. Und wir warten a 11 f d e 11 T a g d e r E r 11 e u c r 1111 g d e s O c i s t e s, und bis dahin dürfen wir die Tage nicht mir zählen - denn dann würden^ wir leer und und unwirklich werden sondern es heißt im Anschluß an die Stelle, wo das Zählen geboten ist: W’assfthah chag liaseh’vvuoth: Du sollst das Woclicnfcst vorbereite n. M ei r b c 11 S e e w. Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundichau* erscheint als > PaIäsfma>Nummer mit einer Anzahl informierender und programmatischer Beiträge über den Anteil der deutschen Zionisten an der Palästina-Arbeit von bewährte 1 Kennern Palästinaa Bestellungen wolle man umgehend richten an den Verlag der ,»Jüdischen Rundschau“ Berlin W 15, Sächsische Strasse 8 Preis der Nummer 0,10 M. 100 Exemplare 6 M. Nationale Propaganda Zum Leipziger Delegiertentag. Von Dr. Oscar Nathan, Berlin*), Mit •einer Mahnung zum Radikalismus schloß der Poscner Delegiertentag. Erörterungen über Ratiikalismus bilden auch den Auftakt zur Leipziger Tagung. Die!beiden letzten Jahre werden durch Kunstwartdebattc .und Zentrnlvereinsrcsolution, Sprachenkämpf und ״Erklärung“ hinreichend als Kampfesjahre gekennzeichnet. Die nichtzionistischc deutsche Judenheit, soweit sic Einfluß hat und nicht aus theoretischen Gründen zur Neutralität verurteilt ist, steht geschlossen dem Zionismus gegenüber. Trotzdem sind sich alle Zionisten darin einig, daß wir vorwürtsgekommen sind. Zweifel bestehen mir darüber, ob die Methode, die uns in den letzten Jahren zu Erfolgen führte, verdient, die einzige Taktik zu werden. Bei allem Spielraum, den Feuerring und Rosenblütli der Konzilia»/. in der Propaganda zugcstchcn, wünschen sic beide eine radikale Propaganda. Soweit darin die Forderung liegt, daß jedem ein- /.einen die Entwicklung zum Zionismus schwer gemacht werden soll, ist der Gedanke allgemeiner Zu- Stimmung sicher. Aber er enthält mehr, und die schöne Grundsätzlichkeit der Roscnbliithschcn Aus- J führungen macht dieses Mehr besonders deutlich. Das Problem unserer Propaganda soll nach Rosenblüth nicht ihre zufällige Form, sondern ihr notwendiger Inhalt sein. Zunächst muß cs befremden, daß es in einer politischen Organisation eine ״zufällige“ Form der Propaganda geben soll, Propagaullistisch wirken darf nur, wer die politische Technik hinreichend meistert, um überall den Teilinlialt des Zionismus hcrausfinden zu können,‘ für ,*) Wir bringen diesen Artikel, mit dem wir uns nicht identifizieren, gern im Rahmen der freien Ausspräche vor dem Delegiertcntagc, Die Redaktion. den ein besonderes Interesse zu erwarten ist, wer genügend viel Absichtlichkeit walten läßt, weil er alles Psychologische vorher berechnet hat. Keine Taschenspielcrkunststücke, aber auch keine bloße Tempcramcntspolotik. Leider verwenden wir auch noch ah und zu Leute in unserer auswärtigen Politik, die erst in der inneren Arbeit der Ortsgruppen radikal bis auf die Knochen werden müßten. Nur Radikale dürfen auf Außcnposten Verwendung finden, vom nationalen Inhalt unserer Idee darf nicht ein Jota preisgegeben werden. Abc; selbst wenn die ״zufällige“ Propagandaform bedeuten soll, daß die Umstände des Falles die Form der Propaganda bestimmen, ist die These, die Propaganda f o rin sei kein Propagandaprobletn, unrichtig. Vielleicht hat Feuerring recht, wenn er sagt, die Agitation gegen uns wende sich aus Mangel an sachlichen Gegengründen gegen die angeblich immer so tadelnswerte Form unseres Auftretens. Sicher ist aber doch, daß Mißgriffe in der Form unserer Propag.inda von der Diskussion des Sachlichen ablenken und uns um den Grad von Achtung bringen, der unerläßlich ist, wo Sympathie oder gar Liebe entstehen soll. Das Postulat der ״moralischen Erobcrungen“ ist darum ein wesentliches Erfordernis unscrer Taktik. Man sagt nun, die Hoffnung auf größere Erfolge unter der älteren Generation müsse begraben werden und man solle mit der Werbekraft der reinen, unverfälschten Idee an den Stolz und die Begcistcriiugsfähigkeit der Jugend, unserer Zukunft, appellieren. Aller auch die nutiziouistisclu׳ ältere Generation hat ihre Jugend. Ihr Vorkämpfer, der K. der bis vor wenigen Jahren jede Arbeit mit nichtakademisehen Juden exklusiv vermied, hat die Entwicklung der neutralen Jugendbewegung in antizionistischc Bahne» gelenkt, gibt in ihr die ■Parole zum Anschluß an die innerlich von ihm abhängigen nicht nationaljüdischen Turnvereine aus und ist bestrebt, die Zionisten gesellschaftlich zu deklassieren. Wegen dieser Verbindung von Jung und Alt im gegnerischen Lager gibt es heute kein besonde res Problem der Jngemlpropagamla. Ihr Inhalt bleibt für Junge und Alte gleich. Nur die Form ist verschieden, weil das Wirken unter der Jugend von bestimmten psychologischen Erfahrungen ausgehen muß. Die Form der Propaganda ist nur iusofern gleich, als sic den Gegner - soweit er es im Einzclfallc־ verdient -- nicht vor den Kopf stoßen darf. In dieser Auffassung hegt heute für manchen Zionisten die Bemäntelung einer Schlappheit in der Betätigung, wenn nicht gar in der Gesinnung. Noch viel unberechtigter ist cs aber, daß mancher Gegner über den ״Radikalismus der zionistischen Leitung“ klagt, wenn diese in irgendeinem Einzelfalle mit der erforderlichen Rücksichtslosigkeit handelt. Mit dem unwahren Schlagwort vom Radikalismus der Leitung müßte endlich aufgeräumt werden, denn Radikalismus als Gcsinmingsinhalt ist heute Gemeingut aller Zionisten. Politik ist die Kunst des Möglichen. Man muß von der zionistischen Werbearbeit eine ehern radikale Gesinnung fordern, aber die radikale Betätigung darf man nicht als die einzig mögliehe und richtige betrachten. Die Kunst 'des Möglichen setzt den Sinn für das Geeignete, Opportune voraus. Eine Politik des Opportunismus ist noch lange nicht Kompromißlerei, kann man doch aus Opportunismus radikal reden und handeln. Sobald wir felsenfest auf die radikale Oesinuung unserer Propagatoreu bauen können, dürfen wir die Wahl des Mittels ruhig ihnen überlassen. Der gewandte Politiker zieht alle ihm zu Gebote stellenden Register, aber er nutzt keines ab. Durch die Satire wird gerade der für sie so empfängliche Jude empfindlich verletzt, wenn sie ihn trifft. Wir bckommen niemanden dadurch, daß wir ihn vor den Kopf stoßen. Der Mann, der Zionist wird, nicht, weil er von Herzls Argumenten überzeugt ist, sondern weil Herzls Worte gegen Mauschel ihn schwer treffen, kann uns gestohlen bleiben. Jeder soll die reine Wahrheit hören, wir wollen den gärenden Most des jungen Judentums nicht verwässern. Aber Feinfühligkcit in der Propaganda ist geboten, gerade weil wir qualitative Erfolge erstreben. In dem Hause so manches jungen Assimilanten brennt seit zwanzig Jahren der Wcihnachtsbaum. Gesichtspunkte des Stolzes sprechen für den Einzelnen in seiner Uneingcweihtheit nicht mit. Und doch geben uns solche Leute zu, daß die K. C, - Tendenz als Selbst- Zweckjudentum nicht genüge. Ein großer Teil unserer begeistertsten Jünger stammt aus diesen Kreisen. Wir haben sic vornehm behandelt und überzeugt, deshalb kamen sic zu uns. in neuerer Zeit hat besonders Calvary diesen Leuten gegenüber den richtigen Ton gefunden, dabei hat er doch gleichzeitig so tief auf uns alle gewirkt. Hier konnte man in vornehmer Form, suavitcr in modo, aber doch durchaus fortitcr in re, ein Bckenntnis zum Judentum lesen. Reine Ocdankcn in N /