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Jüdische Rundschau · 1914-05-21 · Heft 21 (21.5.1914) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 21 (21.5.1914)
Date
1914-05-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Seite 221 Die neue Jugend 1 Von Dr. Paul Michaelis. I>ic KroJ.lc״ Umwälzungen, die das Judentum durch den Zionismus in den letzten 15-20 Jahren erfahren hat, haben naturgemäß auch einen Teil der jüngeren Generation mitgerissen. Zur selben Zeit machten und machen sich auch in der dcutsehen Jugend Strömungen geltend, die eine neue Jugend schaffen wollen. Unter den vielen Bewogungen Jimg-Deutschlands verdient die von Dr. (iustav Wynckeii ins Leben gerufene und schon zu beträchtlicher Blüte gelangte die verständnisvolle Beachlmig aller Zionisten, besonders der piidigogiscl! interessierten. I>r. Wynckcn interessiert uns Zionisten aus zwei < 1 rümleii: um1 seiner neuen, schonen Ideen willen und wegen seiner Mitarbeiter und Verehrer. * Zunächst seine Ideen: Was Dr. Wyuekcu will, hat er in seinen Schriften ausgesprochen’*); und dasselbe verkündet er immer wieder in dem von ilun herausgegebenen Organ; Die Freie Schulgemeinde. Jetzt liegt seine neueste Schrift vor: ״Die neue Jugend. Ihr Kampf um Freiheit und Wahrheit in Schule und Elternhaus, in Religion und Erotik.“ (Zweite Auflage, München 1<)M.) Wynckcn protestiert gegen die Massenerziehung und manche Mangd am öffentlichen Schulwesen. Fr will mit seiner Freien Schulgemeinde die Liebe zur Schule wieder Wicken, will sie zur Statte der Gesundheit machen, will sie im Interesse der Schüler vor die Stadt, in Gartenstädte oder in den Waldgürtel legen. Die Schule soll das Reich der Jugend werden, die sieli eine Schiilverhissung schafft, als der ,,organisierte Wille der Jugeiui zur Schule“. Der Lehrer ist der Kamerad des Schülers, beide sind tätig; die ״Arbeitsschule•‘ ist geschaffen. Ziel des Unterrichts ist die Frarbeitung eines zusammenhängenden Weltbildes. Als Musterscliule besteht bereits die Freie Schulgemeinde Wickersdorf, hoch oben auf dem 11111ringer Walde. Wir Zionisten, die wir in Palästina ein neues Sch ul werk schaffen wollen, müssen Wynekens Be- Strebungen anerkennen und werden von ihm leinen. Dr. Wynekens Arbeit interessiert uns aus einem zweiten Grunde: Wegen seiner Mitarbeiter und Voreiner. Wyncken, welcher der Jugend zum Worte verhelfen will, zeichnet verantwortlich für den ,,Anfang, Zeitschrift der Jugend“, der seit dem Mai FBI erscheint. Der ״Anfang“ vertritt Wyuekcits Ideenkreis, auch wenn sich Dr, Wyncken mit dem Inhalt der einzelnen Beiträge nicht immer identifiziert. Fs soll an dieser Stelle nicht der ״Anfang“ kritisiert werden, der viel Gutes enthält, weil er der Wahrheit dient; hier soll fcstgcstellt werden, daß ein Teil seiner Mitarbeiter Juden sind. Als Zionisten erheben wir zwei Fragen: Wieweit kann sich ein Jude an dieser Bewegung der neuen dcutsehen Jugend beteiligen und daran mitarbeiten? Warum halten sich die jüdischen Mitarbeiter des ״Anfang“ von der jüdischen neuen Jugend fern; warum sind sie nicht in unseren Reihen zu sehen? Wenn wir auch annehmen können, daß jene Mitarbeiter in jüdischen Dingen einen liberalen Standpunkt vertreten, so können wir uns doch mit ihnen verständnisvoll auscinandersetzcn (im Gegensatz zu den anonymen, oberflächlichen antizionistischen Broscliürcnschreibcrn), weil sie etwas Neues, Großes und Schönes wollen. Wenn wir die neuen Bewegungen der deutschen und jüdischen Jugend mit Verständnis würdigen wollen, müssen wir historisch verfahren, müssen auf eine etwa 150 jährige Spanne deutscher und jüdischer Vergangenheit zurückblicken. Die folgende ßetrachtung der deutschen Vergangenheit soll dazu dienen, die jüdische Renaissance unserer Tage besser zu verstehen, denn wir Juden machen jetzt eine ahnliehe Bewegung durch wie Deutschland in den Jahren 1770 bis 1870. Das neue Deutsche Reich ist nicht erst durch Düppel, Königgrätz und Sedan geschaffen worden. Düppel, Königgrätz und Sedan sind die Krone zu dem stolzen Bau, an dem ein Jahrhundert lang gearbeitet wurde. Die Einigungsgedanken reichen weiter zurück. Unter den ״Stürmernund Drängern“, unter den Jüngeren also (1770—1780), machte sich eine starke deutsch-nationale Strömung geltend. Sic wenden sich von dem Fremden ab und verlangen nach nationaler Eigenart. Mit ihnen erhebt Lessing seine Stimme und ruft (in den Literaturbriefen) nach einem deutschen Dichter, der die französischen Literaturgötzen vom Throne stieße. In diese Zeit fallen die Anfänge der Betonung deutscher Art und dcutsehen Wesens. Zur gleichen Zeit packt eine leiden- *) Schule und Jugendkultur. — Der Gedankenkreis der Freien Schulgemeinde. — Was ist ״Jugendkultur“? sehaftlielie Naturbegeisterung die Deutschen. Man beginnt auf die Natur zu achten, beginnt zu wandern und zu reisen. Die Schweiz kommt in Mode (Goethes Schweizcrrcise); das Landleben wird verhcrrlieht (Werthcrs verträumtes Leben;auf dem Lande). ln diesen Sturm- und Drangjahren liegen die Anfange deutscher Kunst und deutscher Naturbcgeistcruug. Die Befreiungskriege bauen diese Anlange weiter aus. Sie befreien Deutschland von dem fremden Joche. Und nicht nur mit Kriegswaffen wurde gekämpft, auch mit den Waffen des Geistes: die Universität Berlin wird in jener Zeit nationaler Begeisterung gegründet; Burschenschaften verbreiten deutsches Wesen, Das werdende, geeinigte Deutschhsnd ist im Ansturm begriffen. Die Jahre 1861, 66, 70/71 setzen dem hundertjährigen Bemühen die Krone auf; mul nach Düppel, Königgrätz, Sedan marschiert Deutschland an der Spitze des germanischen Europa. Als nach den Jahren 1870/71 die Industrie in Deutschluml mächtig ausblühte, trat die ];rolle nationale Sk> geisterung ein wenig in den Hintergrund; Anfänge des Liberalismus machen sich bemerkbar; auch die Naturbegcistcrimg und Wandel Bewegung trat zurück, mußten vor den zahlreich emporwachsenden Fabrik- Schloten weichen. Erst die allerneuesle Zeit, das 20. Jahrhundert, läßt eine größere nationale Begeisterung, eine schwärinerische Nalttrvcrehnmg, einen frohen Wandertrieb wieder auikcumneii. In diese Epoche hinein wurde Wynekens Bewegung geboren. Sic paßt sich dem neu aufflnir.iuciulcii nationalen Geiste an, obwohl sie, unabhängig von ihm, Neues will und schafit. Wie sieben die Juden zu diesen Bewegungen überhaupt, zu der nationalen deutschen Strömung iiisbesondere? Während die Juden des Mittelalters die- Erfüllung ihrer nationalen Ideen darin sahen, daß das jüdische Volk ins Land der Väter znnkkkehre, versuchten die aufgeklärten Juden des späten 18. und i'iühen Bl, Jahrhunderts, aus der jüdischen Nation eine mosaische Glaubensgemeinschaft zu machen. Im Laufe des 10. Jahrhunderts ,glaubten sie, sic müßten sieh der yatioualeu deutschen Bewegung, die sich ■ aus einem gesunden Volksgefühle heraus entwickelt ן hatte, a1ipn.-,sci], und strichen die Gebete für Zion und Jerusalem aus den Gebetbüchern. Falsch angebrachten deutsch-nationalen Geist wollten die Reformet־ und Assimilaiiteu in die mit der jüdischen | Nation verwachsene Religion bringen, um bei Nicht- ן Juden Wohlgefallen zu erregen. Diese Art Juden bezeichnen wir Zionisten mit dem Worte ״Assimilaiiteu“ (Auälmlcr), Wer sich einem anderen assimilieren, aunhiielii will, kann nichts Neues schalten, er alin.t nach. - Weim'er dieses ohne historisches Verständnis tut, ohne die Entwicklung der deutschen Eigenart zu verfolgen, so plappert er nach. Da wir Zionisten etwas Neues wollen, können wir mit jene n Liberalen mir schwer diskutieren, weil ihre Vorbildung in bezug auf die deutsche Vergangenheit gering, ihre jüdischen, historischen und hebräischcn Kenntnisse meistens noch geringer sind. Anders jene Juden aus Dr. Wynekens Gcfolgschaft. Sie haben sielt in eine neue Gedankenwelt hiuciugclcbt, sind für Neues und Schönes empfänglich. Mit ihnen weiden wir verständig, ohne Schlagwörter, diskutieren können. Auch wir deutschen Zionisten sind mit Goethe und Schiller, mit Lessiug und Herder, mit Kant und Fichte groß geworden. Wir genießen deutsche Bildüng, wandern in deutschen Landen, dienen im dcutsehen Heere. Daher haben wir das Recht und die Pflicht, mit dem erforderlichen Takte an der dcutsehen Zukunft mitzuarbeiten. Aber es gibt auch eine jüdische Zukunft; an diese möchten wir die jüdischen Mitarbeiter des ״Anfang•‘ erinnern. Noch ist Wynekens Bewegung nicht in weitere Kreise gedrungen, noch weiß man nicht, wieviel Juden am ״Anfang‘ mitarbeiten. Aber ist cs nicht möglich, daß es den jüdischen Kämpen dort so ergehen wird wie manchen unserer Stamincsgenosscn, die in der deutschen Literatur (Theater) mitarbeiten: Man wird die Bewegung, wenn Juden an erster! Stellen und in größerer Zahl auftreten, ״verjudet“ nennen. (Die neueste Affäre im ״Wandervogel“ beweist, wie stark der Antisemitismus heute noch ist.) Wir Zionisten arbeiten mit Takt und in stolzer Zurückhaltung in deutschen Bewegungen mit, aber nach den Worten unseres wackeren Heinrich Loc we: ״In deutschen Sachen deutsch, in jüdischen jüdisch“. In jüdischen Sachen jüdisch: Wir Zionisten stehen vor einer ähnlichen Bewegung wie das Deutschland zur Zeit des ״Sturmes und Dranges•‘ und der Befrciuugskriege. Wie Deutschland damals, so legen wir Naiionaljiidcn den Grund zu unserem Werke. Wir wecken die Liebe zu unserem Almeiilandc. Zionistisclie Turner wandern, wenn der Frühling kommt, hinüber nach Lrez Israel und ziehen mit hebräischen Liedern durch die Ebene Saron und die Berge Judas. Audi wir sind im Begriff, eine jüdische Universität zu gründen wie Deutschland im Jahre 1810 als Zeichen nationalen Aufschwungs. Und schon hören wir von einem Landcrziehungsheim in Palästina. Wynckcn wird sich freuen, wenn er hören wird, daß seine Gedankensaat i!n Judenlande auf fruchtbaren Boden fällt. Dazu aber brauchen wir jüdische Mitarbeiter und jüdische Mitstreiter. Wir brauchen eine neue jüdische Jugend. Darum sollten auch die jüdischen Mitarbeiter des ״Anfang“ für unsere Gedankenwelt Zeit und Interesse haben: für unsere neue Schule in Patästina. ’ Wir deutschen Juden haben die Glanzzeit Deutschlands erlebt, und tief wurzelt in uns deutsche Kultur. Aber jenseits der Weichsel leben unsere Stammesgenossen im slavisehen Barbarenlande und sehnen sich nach der neuen Freiheit im Ahneulamlc, Einer kleinen Anzahl von ihnen ist cs geglückt, ifi Palästinn festen Fuß zu fassen, und unsere zionistischen Schulen sind von Kindern des russischen Ghettos besucht. Diese Glietlokiiider, aus den Städten iit die freie Natur verpflanzt, Wollen wir nach den besten pädagogischen Gedanken erziehen, zur neuen Jugend. Gering nur ist die Zahl unserer inodern-pädagogisch interessierten Lehrer in Palästina. Wir suchen nach einem neuen System, wie wir unsere jüdische Jugend am besten und schönsten erziehen können. Solltet Ihr, jüdische Mitarbeiter am ״Anfang‘', nicht mit uns sinnen und sorgen, wie wir den für alles empfänglichen Boden Palästinas mit pädagogischen Ideen befruchten 2 Das ist ja das Schöne und Erhabene au unserem palästinensischen Schul- und Erzichungswerke, daß wir von vorn anfangeii, daß wir neu aufhaucn können, da noch fast nichts vorhanden ist. Jeder einzelne, der mitarbeitet, legt ein Steindien zu einem stolzen Zukunftswcrkc. Daher brauchen wir auch jeden einzcliieu pädagogisch interessierten Juden, der für Neues empfänglich ist. Ihr jüdischen Mitarbeiter des ״Altfang“: seid in jüdischen Sachen jüdischI Was mir erwidert werden wird, kann ich schon jetzt Voraussagen: Wir wollen keine Trennung von unseren deutschen Kameraden, die jüdische Klee ist uns zu klein im Vergleich zu der aligentein-incnschliehen, wir sind Kosmopoliten. Darauf entgegnen wir: Wenn euch die jüdische Idee zu gering dünkt, so liegt «las daran, daß ihr in eurer ersten Jugend so wenig־ Echt jüdisches gesehen habt. So ist es ja vielen aus unserer neuen jüdischen Jugend ergangen: Unsere Eltern huldigten den assimilatoriscli-jüilischen Ideen; in manclign Familien beschränkte sich die Kenntnis des Jüdischen auf einige Jargonwörter. Ghettogeist. Wir Jungen haben uns davon frei gemacht. Durch Theodor Herzl wurde die jüdische Renaissance geschaffen. Wir, die neue jüdische Jugend, vertieften uns in die Gcschichte unseres Volkes und verfolgten sie, ähnlieh den Männern der italienischen Renaissance des 16. Jahrhunderts, zurück. Dabei entdeckten wir, daß das Voiksbcwußtseiu niemals gestorben war. Es bat stets gelebt, glomm aber als kleine Flamme unter der Asche der ״mosaischen Glaubensgemeinschaft“ dahin. Jetzt, wo die nationalen Empfindungen eines jeden Volkes sich regen, lodert die kleine Flamme empor .und ist schon ein großes Feuer geworden: die Idee der jüdischen Nation ist wieder lebendig. Unsere Idee ist so groß wie irgendeine. Es verlohnte sieh schon, daß ihr, die ihr an einer deutsehen Bewegung mitarbeitet, euch auch mit unseren Problemen ausciiiandersetzt. Es liegt uns fern, euch von eurer Jugendbewegung loszureißen. Aber wir erwarten von euch eine ebenso verständnisvolle Würdigutig unserer Bewegung, wie ihr sic der Wynekens entgegeiibringt. Vielleicht wird dann das jüdische Volkscmpfindcn in euch wach werden. Daun hoffen wir, euch in unseren Reihen zu sehen. Unsere neue Jugend, in Palästina und int Galuth, ist im Begriff, die Sturm- und Drangjahre zu überwinden. Die palästinensische Jugend hat sich uns zugewendet. Mit den Waffen des Geistes, mit der hebräische״ Sprache, führen wir unsere Befrciuugskriege. Wenn dann stolz-jüdischer Geist und hebräische Sprache in unsere Schulen und in unsere Jerusalemer Universität eingezogen sein werden, wenn in den Landerzichungsheimen und den Freien Schulgemeinden von Erez Israel hebräisch gesprochen werden wird, dann wird unser Düppel, Königgrätz und Sedan gekommen sein. Auch wir werden wohl ein Jahrhundert brauchen, bis unsere Träume in Er-! fi'tllung gegangen sein werden; ein jüdisches Zentrum! im Ahnenlaiide, ein einiges Judentum, gefestigt durch das Band der hebräischen Sprache. Erzieher und Pädagogen brauchen wir. ' Ihr jüdischen Mitarbeiter des ״Anfang“, helft mit an unserem Werke: unsere neue Jugend zu schaffen!

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