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Jüdische Rundschau · 1914-05-21 · Heft 21 (21.5.1914) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 21 (21.5.1914)
Date
1914-05-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sei'e 220 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 21 charakteristisch ist, der nationalen Lebensanschauung widerspricht. Daher will die frcidcutschc Jugend eine grundlegende Umgestaltung des Lebens, eine Lebensreform; nichts wirkt so verderblich wie die nationale Phrase derer, die immer Gott und Volk im Munde führen und dabei den Interessen ihres Genusses nachgehen. Auf allen Gebieten des l.ebcns muß der Nationalismus den Kampf gegen die Schäden aufnehmen, die die Nation bedrohen: gegen die Vergiftung der Gesundheit, gegen die Verunstaltung der Natur, gegen die Preisgabe der Volkssittcn und die Gleichmacherei der Zivilisation. Das Wesen des Volkes muß wieder seinen reinen Ausdruck finden in einem unverfälschten Verhältnis zu Natur, Leben, Gott. Es gibt nur eine nationale Religion. Wir würden wünschen, daß endlich unsere zionistische Jugend in ähnlicher Weise verstehen lernte, wozu Nationalismus verpflichtet. Daß Volkstum kein äußerlich gegebenes Attribut ist, sondern die tiefste, Generationen verbindende Macht, wissen auch die, welchen an äußeren Merkmalen des Volkstums nichts abgeht und die trotzdem nationale Not empfinden, weil der Geist der Nation in Fesseln liegt. Uns gibt erst diese Einsicht das Verständnis für das Wesen unserer Gemeinschaft, unseres äußerer Volkstumsmcrkmnlc entkleideten Volkes; zugleich aber muß sie uns auch die Lehre geben (und w׳ir müssen sie hören), wo jeder echte Nationalismus, wo «ler Zionismus an/.nfangcu hat, Robert Welt seit. Blau-Weiß und seine Gegner Von Dr. Adalbert Sachs, Berlin Durch das heftige und unerwartete Erwachen des Antisemitismus im Wandervogel, das auch die wdtbürgcrlielisten jüdischen Kreise wieder von der immer lebendigen Kraft des Judenhasses überzeugen mußte, haben sich erstauulichcrweise die großen deutschen Organisationen jüdischen Glaubens mit dem Troß ihrer Zeitungen zu den schärfsten Angriffen auf — den jüdischen Wanderbund Blau-Weiß veranlaßt gesehen. Es ist eines der traurigsten Paradoxa unseres an Paradoxen reichen jüdischen Lehens, und es wird dem von jüdischen Problemen nicht beschwerten Beobachter völlig unverständlich bleiben, «laß diese Männer sieb vor jeder feindlichen Regung von außen immer mit einem drohenden Ausfall gegen «len ,,inneren Feind“ helfen wollen. Denn obgleich der neutrale jüdische Jugemibimd ein Verbleiben jüdischer Wanderer im Wandervogel für ganz ausgeschlossen und der Zentralverein deutscher Staatsbürger mir für bedingt möglich hält, sprechen beide doch dem Blau- Weiß-Bund mit herzlicher Einmütigkeit jede Daseinsbcrechtigung ab mit dem Begründen, er sei zionistisch. Der Mauptvertrcter aller liberalen Juden wirbt also sogar umgekehrt mit leider unerwiderter Sehnsucht um den Wandervogel und verdammt den Blau-Weiß- Bund, und er müßte doch eigentlich uns, den ״Glaubensgenossen‘‘, einen näheren Platz, an seinem zerrissenen 1 lerz.en gönnen als jener Versammlung von Judenhetzern. Der jüdische Wamlerbund Blau- Weiß, der sieh die Erziehung der jüdischen Jugend zur Aufgabe macht, hat es bisher vermieden, sich an öffentlichen Streitigkeiten zu beteiligen. Wir bodauern es besonders, daß wir ert auf jen״ semitische liehe warten mußten, tun in jüdischen Blättern einer Aufmerksamkeit zu begegnen, die uns zur Erwiderung zwingt. Aber liier dürfen wir nicht schweigen, weil unsere Gegner zwar nicht ausgesprochen, aber mit merklichem Augenzwinkern den Verdacht erwecken, als seien wir eine Unterabteilung der Zionistischen Organisation oder, was für sie nicht weit davon liegt, ein jüdisch-nationaler Abzweig des Deutschen Wandervogels. Richtig ist allerdings, daß zuerst zionistische Studenten vom deutschen Wandervogel den Wert des Wandcrns auch für die jüdische Jugenderziehung lernten und, wie sic nun einmal sind, nicht beim Reden blieben, sondern einen jüdischen Wanderbund gründeten. Aber nicht zum erstenmal in der jüdischen Geschichte der letzten zwanzig Jahre erkannten zuerst die Zionisten, was uns not tut, und sie färbten mit ihren Schöpfungen in so erfrischender Weise auf die ״neutralen“ jüdischen Vereine ab, daß diese es sich nicht versagen konnten, ihre organisatorisehen und erzieherischen Ideen bis ins kleinste Detail zu studieren und sich anzucigncn. Die Wattder• bewegung erschien uns in der Tat als ein hervorragendes Mittel zur Jugenderziehung, und wir wollten ihre heilsame Wirkung auch auf unsere Jugend übertragen. Aber wir waren keinen Augenblick darüber im Zweifel und haben es immer wieder betont, daß wir eine nationale oder zionistische Beeinflussung der mit uns wandernden Kinder für unerlaubt halten. Wir glauben pädagogisch genug zu sein, um unsere Jugend nicht mit nationalen Fragen zu belasten und das innere Gleichgewicht, das wir ihr gerade geben wollen, durch Bestrebungen zu erschüttern, die notwendig einen politischen und daher polemischen Charaktcr tragen und cs dem reifen Alter schon schwer genug machen, sich zu wahren. Das kann nicht oft genug wiederholt werden, und jeder, $cr cs sehen wollte, konnte sich bei Beobachtung unserer praktischen Arbeit davon überzeugen. Wir haben uns allerdings gehütet, uns um Hilfe materieller oder ideeller Natur an Kreise zu wenden, deren Anschauungen zu unklar erschienen, als daß wir ihnen unsere Jugend anvcrtrnucn dürften, sondern wir hatten den begreiflichen Ehrgeiz, diese Aufgabe aus eigener Kraft zu bewältigen. Denn c i n Ziel unserer Arbeit schwebt uns «allerdings vor, und es wäre unnatürlich, das zu leugnen: Wir hoffen, ermutigt durch die Erfahrung am eigenen Körper und Geist, den jüdischen Großstadtkindern durch den ständigen Umgang mit der Natur Sinn und Herz so zu öffnen, ihr Gemüt so vom Ghetto, das ihnen allen noch .inhaftet, zu befreien, daß sic später, wenn sie sich jüdischen Fragen nicht mehr entziehen können, eine unbefangenere, klarere, tiefer dringende Einsieht mitbringen als sic von Mitgliedern ״neutraler“ Vereine nach unserer festen Ueberzeugung zu erwarten haben. Denn nur die Erziehung kann als eine ernsthafte Aufgabe angesehen werden, welche die Jugend reif für die vorurteilslose Beurteilung der Probleme macht, die das Lehen für jeden, bcsonders aber für das jüdische Volk bereit hält. Die Lebensauffassung jener Kreise aber, die unter ״neutral“ offenbar das Schließen beider Augen vor nackten Tatsachen verstehen und bei ihren Mitgliedern ein Lehen der Vertuschung und der Kornpromisse, der oberflächlichen Bewertung oder gar Nichtbeachtung tiefer geistiger Strömungen voraussetzen, muß als ungeeignet und schädlich für die Heranbildung einer freieren und glücklicheren Jugend abgclchut werden. Im einzelnen ist mit unseren Gegnern leicht fertig zu werden. Der neutrale Jüdische Jugcndbund, dessen Dascinsmöglichkeit zwischen diesen beiden Adjektiven ratlos hin und her pendelt, erfüllte «las Pro- ״ramm des ersten Adjektivs, indem er den Jüdischen Waiiderhund aus heiterem, nur von einer Judcnlietzc leicht umwölktem Himmel angriff. Er verdächtigte unsere Gesinnung, damit der zionistische Schrecken unsere Jugendarbeit nur recht wirkungsvoll schädige. Als wir uns gegen dieses Vorgehen wehrten und den Wunsch ausspraclteit, die, Herren möchten cs nur immer mit ihrer Neutralität so ernst nehmen, wie wir. mit dem Ausschluß alles Politischen aus unserer Bewegung, wurden sie böse und verlangten, wir sollten daun auch den Leiter unserer Bundeszeitung, Herrn Referendar Roscnbli'ith, von uns abschütteln, weil er geäußert habe, nur Zionisten könnten Führer im Wanderbund sein. Wer aber unsere obigen Darlegungen verstanden hat, der wird in diesem Widerspruch keinen mehr sehen können und es verstehen, wenn wir Herrn Rosenbliith nicht nur nicht abschüttcln, sondern uns sogar noch fester verbinden. Wir müssen cs dem Jugcndbund überlassen, ob er dein Wort von Männern, deren einzige Schuld in der Erziehung einer jüdischen Jugend liegt, glauben will oder nicht. Inzwischen möchten wir 1 ihm bescheiden raten, seine überschüssige Kraft nicht in Angriffen auf uns zu verschwenden, sondern lieber seiner eigenen — uns eiligst nachgegründeten — Wandcrbcwcgimg zuzuwenden, um damit dem dcutsehen Wandervogel neue, unerbetene Kämpfer für Gerechtigkeit zu erziehen. Dem Zcntrnlvcrcin ist offenbar das Schimpfwort ״Zionisten“ noch nicht stark genug, Er findet uns gegenüber plötzlich «len Mut, den wir seinem Auftreten gegen die christliche Umwelt bisher vergeblich gewünscht hatten, er nennt uns feige und jammert, daß wir — die Rückkehr ins Ghetto vorbercitcn. Dieses Argument hat allerdings den Vorzug der Neuheit, und der kleine Moritz, der es sich cinfallcn ließ, streicht sieh wahrscheinlich schmunzelnd seinen witzigen Vollbart, Uns aber will es scheinen, als war hier doch der sonst so Kluge dumm genug, nicht klug zu sein und sein eigenes Gebresten dem gesünderen Gegner anzudichten. Denn so sehr er selbst sich vermutlich von diesem herrlichen Aphorismus bestechen ließ, so werden ihm doch auch die treueren seiner Anhänger, wenn sie nur einen Funken Gerechtigkeit besitzen, hierin nur mühsam folgen können. Und er muß cs eigentlich auch selbst durch all die Jahre endlich gelernt haben, daß wir gerade das jüdische Volk aus jenem Ghetto befreien wollen, welches immer noch eine so schielende Tendenz wie die des Zcntralvcreins ermöglicht, jenes Sowohl — Als auch, in dem wir das wahre Ghetto, den ererbten geistigen Fluch unseres Volkes sehen, jene Instinktlosigkeit, die trotz der gar nicht miözuverstehenden Resolution des Wandervogels dem ״Juden raus!“ ein tapferes ״Wir bleiben, tretet bitte heftiger 1“ ent» gegcnzusetz.cn hat, Es ist wirklich so, der Zentralverein hat cs geschrieben: Er will seine Jugend nur aus der! offen antisemitischen Zwcigvercincn aus* treten lassen, In den anderen, die jene ihre Brüder nennen und nur zu mitleidig sind, um etwas Aehnliebes zu unternehmen, sollen jüdische Kinder geruhig bleiben, leuchtende Fackeln der Neutralität, die für das Wahre und Gute zu verbrennen wissen. Humorvoll aber wird die ganze Angelegenheit durch die bekümmerte Acußcrung des Zcntralvcreins über das undeutsche Wesen dieser Resolution, ״daß doch diese Bewegung hicht den Mut gehabt, ihre Meinung in deutlicher Weise, sondern nur unter Kautclcn auszusprechen“. Wir können ihn trösten: In einer öffentlichen Versammlung des neuen Jüdischen Gemcindcvcrcins ist cs von Führen« des Wandervogels deutlich erklärt worden, sic hätten ein Mißverständnis dieser durchaus judcnfcindlichcn Resolution für unmöglich gehalten und jene milde Form nur gewählt, um unnötige Schärfen zu vermeiden. Aber dem Zcntralvercin wird auch dies noch nicht deutlich genug sein, und er wird mit einer erstaunlichen Ghettokraft weiter auf den germanischen Messias warten. Das ״Berliner Tageblatt“ hat bis vor kurzem diesen Messias in Herrn Neucndorf gesehen. Dieser Herr wurde von ihm beim ersten antisemitischen Wetterleuchten im Wandervogel als Kronzeuge dafür angeführt, daß eine so herrliche Bewegung «loch nicht so uniiberalc Dinge wie den Judenhaß züchten werde. Aber Herr Neuendorf ist sehr falsch verstanden worden, ynd nichts hat ihn gehindert, sich auf die Seite der Antisemiten zu stellen. Das Tageblatt konnte nur betrübt von der ungeheuerlichen Tatsache Kenntnis nehmen und hat es, asthmatisch wie cs ist, leider nach dieser Erschütterung ganz vergessen, den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens ein Licht in dieser Finsternis aufzustecken. W i r entnehmen aus allen diesen traurigen Vorgangen nur immer von neuem die tiefe Berechtigung eines Jüdischen Wanderbumles. Wir halten uns mit diesen Ausführungen für hinlänglich gerechtfertigt und werden in Zukunft auf keinen Angriff, woher er auch komme, mehr antworten, sondern unbekümmert unseren Weg gelten. Nur eines möchten wir zum Schluß, um jeden Rest von Unklarheit bei unseren Freunden zu beseitigen, noch genau darlegen: Unsere Stellung zum Deutschen Wander« vogcl. Wir haben uns über diese Bewegung eigentlieh nie den Kopf zerbrochen, sie kam für uns, «lic wir in jüdischer Arbeit Immer neue Aufgaben und neue Befriedigung finden, nicht in Frage. Sie war und ist uns nur insofern sympathisch, als auch sie, gleich uns, ihrem Volk eine neue ungebrochene Jugend erwerben will Und das Nationale in gesunder Weise zu betonen schien. Seitdem aber dies Nationale in den gemeinsten Judenhaß «ungeschlagen ist, seitdem angeblich gebildete Menschen, Studenten, ihre Führerzeitung durch die unflätigsten Beschimpfungen gegen uns verunreinigt haben, ist für uns der Wandervogel ein für allemal gerichtet. Es regt uns nicht weiter auf, denn wir glauben die Tiefe solcher Strömungen zu kennen und haben nie an einem latenten Antisemitismus im Wandervogel gczweifelt. Aber wir waren der Meinung, daß eine so mächtige deutsche Bewegung auch eine Handvoll Juden verdauen kann, ohne ihre Individualität bedroht zu fühlen, und die Absonderung, zu der uns die bittere Not treibt, schien uns dort nicht ganz so dringend. Daß nun gar diese Leute, denen man doch Verständnis für nationale Gesinnung und nationale Rcnaissanccbestrcbungcn auch bei anderen Zutrauen mußte, cs nicht für nötig hielten, sich wenigstens vorher flüchtig über da9 moderne Judentum zu orientieren, daß sie gar keine Ahnung davon haben oder haben wollen, wieviel aufrechte Juden es gibt, die auf ihren Wandervogel pfeifen, das haben wir allerdings nicht erwartet. Mit diesem für Studenten schmachvollen Vorgehen scheidet die akademische Jugend des Wandervogels aus der Reihe gebildeter denkender Gegner, die man achten kann, aus. Wir aber nehmen aus diesem traurigen Tiefstand von Kreisen, die sieh für berufene Vertreter deutschen Geistes halten, einen neuen, wenn auch nicht den wichtigsten Beweis für die Notwendigkeit unseres Wanderbundes. Unsere Jugendorganisationen Zionistische Jugendgruppen •&4 Baramolpunhto der 7.l0Di«ti8rht n Jugend. 81© bestreben «ich, Ihr© Mitglieder duron Vortinntaltung von Kn r»*>n, Vorträgen und Di-kuaaionon Ober dio Fragen de* modernen Judentum* und Übor jOdisnho O0»chichto mit den Orundlag©n do* ZionUmoa vertrant cu nmchrm (Moiohzeiug wird di© körporlioho Ausbildung daroh Turnen, Sport und Wondorn gepflegt. Dnnobon boatohnn folgende tipoziolorganisfvUoriuiit If 7 \l (Karton ZionUtUohor Vorbin• Im■ mm• w dangen) Ist dio Vertretung dor *do* tiiRllachon Sludonten*. ©* boaweckt neben dor i’tloge dor QoaoUigkoifc für nie *ionistUcb© and körporlicho, Ausbildung •olnor Mitglieder Borge za tragen. Der B. J. C. (BundJfldiaenorOorporatlonen) ist dor Homrnolpunkt aller j(idi*ch0n Btudonton, dio *loh bownaat ul« Judon fühlen und an dor Entwioklung ciao* lebendigen Judentum* mitorlioiton wollen. Der Herzl-Bund H#1*l - OluS« * orKiinlidarton jnnRrn Kftiiflfmt«. Er wi 1 auf d״r flriindlajte nl״or itraflen Dl«riplln und dor Bnndo.brItdorUohkait «oino Mltglloilor nationaliüdlaah oriiiohon und «10 ln dim Wtand *otron, In <l»r nloni«tl«ch9a BowoKunf« und im IlkiUohon t״<bon Ilirim Platz niiaaufilUon. Die Jüdische Turnerschaft Ä» Tum•» Bnorfc. und itudorvoreiue, welche auf dom Boden de» NaUonaljadontarai atehon. ן (r

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