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Jüdische Rundschau · 1914-05-21 · Heft 21 (21.5.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 21 (21.5.1914)
Date
1914-05-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seile 219 Die antizionistische Utopie I Zweiter offener Brief! an die Herren Dr. Landauer und Dr. Weil von Dr. Gustav Krojanker Meine Herren! Im ersten Teil Ihrer Schult ״Die xiomstisclu• Utopie“ hatten Sie die Dinge betrachtet unter der Voraussetzung des erreichten zionistischen /!eis. Nun aber kommt Ihr stärkster Hieb: das Ziel selbst nämlich ist unerreichbar, utopisch. Ich muH Ihnen zuzeiten, dall sich gegen ilic Ausführbarkeit «iiscics Projekts eine }•rolle Keilte von LmwäruSvn machen lallt, die im allgemeinen ebensowenig exakt zu widerlegen sind wie der Gegner sie beweisen kann. Aber Ihre Proplic/cuuigcii liest man mit dem staunenden Bemerken; Ausgerechnet, Denn gerade daran soll unser Vorhaben scheitern, dai'i bei uns die sozialen Gegensätze, die zusammen- (allen mit denen /wuschen Ost- und Westjuden, zu einer unüberbrückbaren Kluft führen werden. Bewie-!וו wird diese Behauptung teils induktiv, teils deduktiv. Induktiv; es werden im wesentlichen Rellin aus Kongrcßprotokollcii z.itiert, in denen itaturgemäß Meinungsverschiedenheiten zwischen bürget־- liehe 11 und sozialistischen Zionisten zum Ausdruck kommen. Aber, meine Herren! Sie sind bisher in Hirni Zitaten (bis auf den andauernd und au wichtigen Stellen falsch zitierten Kuppin, der 1«MM weder /ioni<t noch Leiter des Palastinaamtes war) sachlich und korrekt vorgegangen. Sie sollten doch bei Ihrer wissenschaftlichen Schulung sieh klar sein, dall man so alle s beweisen kann. Ich verpflichte mich, Ihnen durch Zitate aus Kongrefiprotokollen zu bcweisen, daß die Bewegung infolge des Widerstreits zwischen praktischen und politischen Zionisten langst in die Brüche gegangen ist. Was Sie geben, sind Meinungsverschiedenheiten, die selbstverständlich sind, und die bei uns nicht eher, sondern weniger als anderswo einen Bruch herbeiführen werden. Und damit sind wir bei Ihrem deduktiven Beweis. Deshalb nämlich wird der Klassengegensatz bei uns besonders stark sein, weil er kein Gegengewicht in nationaler und staatlicher Tradition findet. Umgekehrt, meine Herren! Die jüdischen Proletarier, die nach Palästina gehen, tun das nicht aus wirtschädlichen, sondern nationalen Motiven. Und wenn diese einen Klassengegensatz überbrückcu können, so nirgends mehr als in tmsern Siedlungen, die mit den! nationall n Gedanken sieben und fallen. Lin mir nahestehender Augenzeuge berichtet, dall ein Arbeiter im Namen seiner Kollegen Franz Oppenheimer, als er in einer Kolonie seine Siedltmgsgeiuissensehaft propagierte, darauf hinwics, daß sie soziale Reformen nur von einem wollten, der auch national auf ihrem Standpunkt stünde. Man kamt eigentlich zunächst kaum verstehen, wie Sic aus der zionistischen Literatur gerade hernusleseii können, daß unser Ziel an Klassengegensätzen scheitern müsse. Aber kleine Proben Ihrer materialistischen Geschichtsauffassung, die Sie in der Broschüre reichlich geben, und eigene Erinnerung helfen auf. Sie habe», erfüllt vom sozialdemokratischen Ideal, die Dinge nicht ganz vorurteilslos gelesen. Das ist selbstverständlich. (Auch wir Zionisten, crlüllt von einer Sache, lesen oftmals anders als Objektivität es verlangt.) Aber dann hätten Sie doch ausreichendere Beweise bringen müssen. Bis dahin werden Sie gestatten, daß wir die Dinge gerade umgekehrt selten. Ich wiederhole: unter allen Einwänden gegen die Erreichbarkeit unseres Ziels waren wir auf den Ihren am wenigsten gefaßt. Nachdem Sie niedergerissen haben, meine Herren,?eigen Sie, was sie selbst bejahen. Ihr positives Programm lautet Assimilation. Und da Sie es vortragen, klingt heftiger als vorher ein Ton der Anklage gegen uns durch. Verwerfliche Würdelosigkeit nämlich sei kein notwendiger Bestandteil der Assimilation. ltn Gegenteil: nur über jüdisches Sclbstbewußtscin, über würdige Betonung der eignen Art ginge der Weg. Würdelose Assimilation könne höchstens hemmend wirken. Ich glaube in aller Bescheidenheit äußern zu dürfen, daß in diesem Ihrem letzten Kapitel so ziemlich jedes Wort ein Fehler ist. Meine Herren, wenn wir generalisierend einen verächtlichen Assi- U'ilantentyp aufgezeigt hatten, waren wir uns dabei wohl bewußt, daß es eine Assimilation auch ohne alle jene Verwerflichkeit geben kann. Allerdings nicht gerade auf Grund Ihrer (höchst oberflächlichen) Argumentation. ״Die Zionisten wollen die euro- Päischen, die Assimilanten die jüdischen Charakter-?üge eliminieren; warum ist das eine verwerflicher als das andere?“ Muß ich Ihnen das wirklich bcantworten? Schon in Ihrer vorsichtigen Betonung der ״europäischen“ Charakterzüge liegt eigentlich die Antwort. Der Wurzelboden ist deutsch und jüdisch und französisch. Und dieselben Keime geben verschiedene Blüten, die (trotz aller gemeinsam eure- Päischen Kennzeichen) das Merkmal des Mutter- 1»<kIhn tragen, Ls handelt sich nicht um gleich- I berechtig»• Faktoren, die man nach Belieben aus- «Hier ciiischaltcii kann. Wem! Sie doch die Dinge "eiliger berechnen und mehr fühlen wollten! (Außerdein aber ist die ganze Lrngeslclhiiig falsch, du natürlich für den Zionisten gar kein (irttnil besteht, die ,,europäischen Charakterzüge“ eliminieren zu müssen.) Tiot/dcm aber haben Sie in der Sach!.• Recht. Audi ich kann mir einen durchaus hochstehenden I vp des Assimilanten v<» sicllen, Nur daß er ganz .׳Inders aiisM hauen w ird als Ihre Konstruktion. Auch ich nämlich kann mir einen Menschen vnrstdleii, der nach hrkciminis des Prohlems, die unter geistigen 11ml seelischen Midien gewonnen wurde, den Weg der Assimilation bcsclircilct, hesclneitel! muß, da ihm zum Zionisten die Hauptsache fehlt: die Liebe I zur jüdischen Sache und der Glaube au sie. Einem solchen ,Menschen In;nicht gew iß nichts von verwerflicher Würdelosigkeit anziihaften. Aller der I'all wird mflucht selten sein, Wie sagen Sie? lieber naelulriiekliehsle Betonung der jüdischen Ahkiuitt geht der Weg zur Assimilation. Ach, meine I lenen Rechner, Sie machen einen ganz, kleinen Rechenfehler. Zu dieser naclulrücklii'licn Betommg nämlich, zur Erkenntnis seiner jüdische» Eigenart und zum jüdischen Sclhstbcwiilltxcin müssen unsere Massen erst erzogen werden. Ich bestreite, daß Sie mit Ihrem Assiinilatiousprograinm das können, Ls wird (fürchte ich) iiieinaml sieh die Mühe machen, sein jüdisches Selhstbewulllseiu zu heben, nur um nachher desto wirksamer sieh aufgehen zu können. Und Sie haben mich einen ganz kleinen Faktor übersehen. Nämlich den: daß in . einen; Menschen, der seine Abkunft üaehdrüeklichst betont, auch so eiwas aufflammen wird wie Liehe zu der Art, die aus seiner Abkunft stammt. Er braucht deshalb noch nicht zu uns zu kommen; vielleicht reicht seine Schwungkraft und der Glaube au die Sache nicht hin. Er mag dann vielleicht Ihren Weg gehen. Aber cs wird ein Schmerz in ihm sein und ein nicht gelöster Konflikt. Solchen Typ des Assimilanten kann ich mir vorstellen. Nicht aber den Ihren, der seine /Abkunft betont, weil er sie so letzten Endes zweckmäßiger aufgeben kann. Menschen sind keine Rechenmaschinen, sondern von Fleisch und Blut. Nein, meine Herren, gegen die Masse der Assimilauten wird auch in Zukunft zutreffen, was wir mit schmerzlichem Spott gegen sie geäußert haben! Daß cs einzelne anderer Art gibt, haben wir nie gcleugnet. Mir scheint, man wird eher Ihre Assimilationsinethode ״antizionistisclie Utopie“ nennen dürfen als Sie imsern Weg eine ״zionistische Utopie“. Kleines Scharmützel excstl Aber noch auf der Wahlstatt möchte ich einen Epilog halten, Ich habe mich einleitend vor der Art Ihrer Polemik verneigt. Es wäre unrecht, wollte ich jetzt mit meinen Einwänden gegen eben diese Art zurückhaltcn. Dies uni so mehr, als Sie an der Spitze ihrer Broschüre einen Satz von mir zitierten, der Forderungen an die Kritiker des Zionismus stellt, denen Sic nachzukommen versprachen. Ich glaube nicht, daß cs Ihnen gchingen ist. Denn ztir Beurteilung des Zionismus genügt nicht eine Erkenntnis seines gedanklichen Aufbaues (dem Sie auch nicht gerecht geworden sind). Offenheit gegen Offenheit. Es bleibt (bei aller Anerkennung) etwas reichlich Unsympathisches um Ihre Art, die Dinge z.u beurteilen. Ich will mich dabei nicht einmal gegen Ihre materialistische Auffassung wenden, wie sic sicli in Einzelheiten äußert. Denn ich glaube, auch Sic wissen, daß Ihre kurze Geschichtskonstruktion, die Sie auf ein paar Seiten geben, in ihrer völligen Einseitigkeit den Dingen nicht ganz gerecht wird und daß die Hochwclle des Antisemitismus in Deutschland auch noch andere Gründe hat als die Erhöhung der Kornpreisc. Mich stört diese Auffassung, soweit sie in der ganzen Betrachtungsart zunr Ausdruck kommt. Ich meine diese ״wissenschaftliche Objektivität", mit der Sie eine Frage behandeln, die Sic innerlich angcht oder angehen muß. Ich meine diese Art kühler Gedankenkoustruktion, die (ich kann mir nicht helfen) etwas von geistigem Sport an sich hat. Ich werde den peinlichen Eindruck nicht los, daß Sie heute oder morgen über jede andere Frage öffentlichen Interesses gleichermaßen eine (zweifellos gescheute) Broschüre loslassen könnten. Da ich das niederschreibe, höre ich bereits Ihren spottenden Einwand: wir Zionisten klagten die einen an, weil sic zu unsachlich; die andern, weil sie zu sachlich seien. Aber ich habe Ihnen ja gezeigt, daß unter dieser ״Sachlichkeit“ auch Ihr gedanklicher Aufbau gelitten hat. Was Sic bejahen, ist eine rechnerisch einwandfreie Kalkulation, die nur daran leidet, daß Sie vergaßen, Faktoren cinzustcllcn, die in keinem' Rcchenexcmpcl Platz finden. Mag sein, daß Sie selbst in Ihren jüdischen Eigenschaften immer nur solche sahen, die Ihnen den Aufstieg erleichterten oder erschwerten. Mag sein, daß cs Ihnen unbegrciflich ist, wenn Menschen aus Liebe zur gleichen Art ihre ganze Kraft ciusctzcn, ihr eine Zukunft zu schaffen. Aber wie töricht ist es daun, wenn Sie schreiben, Sie gingen dien deswegen gegen uns vor; es würde nämlich viel Energie und gute '1 atkräft auf eine unmögliche Sache vergeudet. Sakonstruieren schon wieder und begehen deshalb wieder einen Rechenfehler. Energien nämlich, meine Herren Rechner, sind keine Dinge, die;!priori vorhanden nun behellig von einer Sache auf die andere übertragen werden konnten. Denn diese Energien - das vergessen Sie hat unsere Idee erst geweckt; hat aus «,prüdestem Material Lunken geschlagen, Und was da an latenten Kräften geweckt wurde, ist nicht verjoren seihst wenn die Sache es sein sollte, Entscheidet der letzte Erfolg? Oder nicht vielmehr die Tatsache, daß Menschen, die sonst meist ohne wirkliche innere Notwendigkeit auf allen möglichen (iebieten herumarbeiten, aus innerem Muß sich ganz einzuset/en gelernt haben? Meine Herren, über .die theoretischen Grundlagen würden wir uns schon einigen. Sic ,würden etwas naehlassen und wir auch. Denn so wenig Sie w erden behaupten wollen, der Weisheit letzten Schluß entdeckt zu haben, so wenig gehen wir vor, unsere theoretische Grundlage unwandelbar iti Erz gegossen zu haben. Darüber würden wir uns schon einigen. Aber eine letzte Kluft besteht zwischen Ihnen und uns: wo wir mit lebenswahrer, lebeuswarmer, ichmäßiger Leidenschaft lierangehen das behandeln Sie auf Grund eines Kccheiicxempeis. Vom Wesen des Nationalismus Eine Bemerkung 111 der Festschrift, welche deutsche Jugendvereine anläßlich ihrer Jahrhundertfeier auf dem Hohen Meißner herausgegeben haben’), spricht auch der bekannte Marburger Philosoph Paul Natorp, dessen Beitrag wohl als der bedeutendste bezeichnet werden kann, ״Freundeswortc" über die Stellung des einzelnen zum Volk. Diese Worte könnten wir vielleicht als einen echten und guten Peßaeh Spruch annehmen. Natorp sagt, nachdem er die Schäden des heutigen Gemeinschaftslebens gekennzeichnet hat, und ein Leben der Natürlichkeit und Wahrhaftigkeit als die Forderung der Jugend allen unechten und verkrümmten Lebensformen der Zeit entgegengestellt hat: ״Gewiß ist schon das ein Großes, daß man durch die entschlossene, deutliche Abkehr von dem allen am gegenwärtigen Zustand eine scharfe, tätliche Kritik übt. Dennoch wäre das alles zuletzt vergehlieh, wenn man nicht den klaren Weg fände und beschrifte, nicht bloß als einzelner dem allen zu entrinnen, nicht bloß sich selbst innerlich davon frcizuhalten oder frcizumachen, sondern die Schäden von der Wurzel aus zu heilen, einen besseren Zustand, ein gesundes, wahrhaftes Leben der ganzen Nation wirklich herbeizuführen. Denn darüber wolle man sich doch ja keiner Täuschung hingebeu: kein einzelner wird frei, kann dauernd auch nur innere (gcscl1u׳eige äußere) Freiheit behaupten, wenn er in einer durch und durch u 11 ־ freien Gesellschaft zu leben und zu wirken genötigt ist. Hier heißt es: alles oder nichts; an die Nation ergeht der Ruf der Freiheit, oder er ertönt vergeblich auch den! einzelnen. Es gilt, das Uebcl bei seiner tiefsten Wurzel zu fassen: ernstlich der ganzen Nation das hohe Gut der Freiheit, der inneren Sclbsthcit und Eigenheit und damit Wahrheit und Echtheit und Natur zu erringen. Eine freilich gewaltige Aufgabe, der mit Zupfgeige, neuer Kleidung und ähnlichen, an sich uiiveräclitlichcn Dingen offenbar nicht beizukommen ist. Doch ist es an sich ganz in der Ordnung, daß ein jeder zuerst einmal bei sich selbst anfängt und zu seiner inneren Befreiung die Wege einschlägt, die ihm offen stehen.“ Die ״freidcutschc“ Jugendbewegung, die eine völlige Krisis in der deutschen Jugend bedeutet, will mit wahrem Nationalismus Ernst machen; ״wir wollen auf dem Hohen Meißner der Befreiung des Vaterlandes vom fremden Joch mit dem Gelöbnis gedenken, uns innerlich und äußerlich von allem freizumachen, was auf unserm eigensten Wesen als fremdes Joch lastet.“ (Wann war Peßaeh für jüdische Jugend ähnlich aktuell?) Der wahre Sinn des Nationalismus aber, das können wir aus diesen Blättern lernen, ist das Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinschaft. Es gilt eine Entscheidüng zwischen Egoismus und Nationalismus; wer letzteren gewählt hat, der muß verstehen, daß er sein Leben von nun an nicht von Gewinnsucht und Vergnügungssucht leiten lassen darf, daß die frivole Art der Lebensführung, die für den ״Liberalen“ ’) ״Freideutsche Jugend“, verlegt bei Eugen Dicderichs in Jena. 1913, 2 M. ✓

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