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Jüdische Rundschau · 1914-05-21 · Heft 21 (21.5.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 21 (21.5.1914)
Date
1914-05-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 218 J U E Dl SC H E RUNDSCHAU t Nr. 21 Wichtiger als die politische Propaganda die sich an die Generation der Alten wendet , grundsätzlich von ihr verschieden, ja, in einem gewissen Gegensatz zu ihr stehend, ist die J u - gendarb eit eine besondere Aufgabe der Organisation. Sic will, soweit es sich um die jüngere Jugend handelt, keine politischen Ansichten vermitteln. Aber auch in den rein zionistischen Jugendorganisationen der erwachsenen, politisch mündigen Jugend steht die Parteierziehung im Hintergründe. Die Jugendarbeit will menschliche Wirkungen erzielen. Sie will Menschen schaffen, die im reiferen Alter — frei von den opportunistischen und feigen Hemmungen der alten Generation zum Leben überhaupt, und daher auch zum Zionismus, mutig und selbständig Stellung nehmen. Ihr Ziel ist also ein allgemein pädagogisches. Unsere Jugendarbeit ist Jugendpflege. Es ist endlich an leitender Stelle in diesem Blatte mit erfreulicher Deutlichkeit ausgesprochen und begründet worden; der Schwerpunkt unserer Bemühungen liegt in der Jugendarbeit. Noch ist dieser Gedanke nicht Wirklichkeit geworden. Wir leiden unter den Wirkungen des falschen Grundsatzes, dali unter der Jugend mir die Jugend arbeiten könne. Er hat die Jugendarbeit in den Hintergrund gedrängt, weil die Persönlichkeiten der führenden Zionisten sie nicht gedeckt und geleitet haben. Die 1״!♦enden Männer der Ortsgruppen stehen ihr fast überall fern und überlassen sie einem jugendlichen Vorstandsmitglied oder einer Kommission. So erscheint sie noch immer als quantite negligeable gegenüber der allgemeinen Propagandatätigkeit. Man vergleiche hiermit die deutsche Jugendbewegung: Pfadfinder, Wandervogel und Jungdeutschlandlnind werden von angesehenen Männern geleitet, und auch in den Gruppen sind nicht bloß Jugendliche am Werke. Mindestens muß die treibende Kraft überall eine führende Persönlichkeit sein. Aber auch in die Erziehungsarbeit können sich Aeltere mit Jugendlichen teilen. r in der praktischen Verteilung der ideellen und finanziellen Kräfte muß es endlich zum Ausdruck kommen, daß wir die Jugend erziehen, nicht die Alten gewinnen wollen. Wie oft hätten im organisatorischen Interesse längere Besuche bei zionistischen Jugendgruppen oder nationalen Jugendvereinen notgetan. Aber es fehlt an finan- »eilen Mitteln! Während Hunderttausende für die Jugend in Palästina geopfert werden, versiegt die Jugendarbeit in der Diaspora. Das ist ein Mißverhältnis, weil Palästina die Diaspora braucht. Wir müssen eine großzügige Jugendpolitik־ treiben und sollten von der deutschen Regierung lernen. Dort hat man die Bedeutung der Jugendarbeit erkannt, ln der nationalen Jugendpflege hat sich die deutsche Regierung das erste wirksame Kampfmittel gegen die Sozialdcmokratie geschaffen. So könnte unsere nationale Jugendpflege das erste wirksame Kampfmittel gegen die Assimilation werden. Leider ist es auch in zionistischen Kreisen, deren Orientierungsquelle trotz allen Zornes das ״Berliner Tageblatt“ bleibt, zu wenig bekannt, mit welchen Hilfskräften die deutsche Jugendbewegung ausgerüstet ist; daß sie über viele vorzügliche Jugendzeitschriften verfügt; daß ihr außerordentliehe staatliche Mittel durch Subventionen und durch Vergünstigungen gewährt werden. Der Plandfinderbund hat im letzten Jahre n000 10;:׳ Mark seines Etats aus ordentlichen Mitteln, dagegen 70 000 Mark aus ״Zuwendungen“ bcstritten. Wir aber können in Städten mit großen Ortsgruppen nicht einmal 15 Mark monatlich zur Subvention einer Jugendzeitschrift aufbringen! Aus der deutschen Jugendbewegung sollten unsere führenden Männer eine Lehre schöpfen! Ciewiß entscheidet in letzter Linie die Kraft der Idee, und in einem finanziellen Ringen mit der Assimilation werden wir vielleicht immer unterliegen müssen. Aber das deutsche Beispiel zeigt, welche Kraft einer finanziell gesicherten Jugendbewegung innewohnt. Unter den Jugendvereinen haben wir die eigentlich zionistischen von denen zu scheiden, die bloß in der Interessensphäre der zionistischen Organisation liegen. Die Entwicklung der zionistischen Vereine ist zufriedenstellend. Aber an der anderen Gruppe hat sich die Kunst der Jugendpolitik noch zu erproben. Wir brauchen Jugendvereine, die, ausschiießlieh von Zionisten oder Nationaljuden geleitet, innerlich nichtzionistisch, jedoch bewußt jüdisch sind. Auch hier kann die deutsche Jugendpflege zum Beispiel dienen. Sie ist innerlich unpolitisch, und es ist wahr, daß im Jungdeutschlandbund nie ein Wort über Parteifragen fällt. Der Jungdeutschlandbund ist frei von aller Politik, und als einzige Garantie fordert die deutsche Regierang, daß er von national gesinnten' Männern gcleitet wird. Das Verhältnis der zionistischen Organisation zur Jüdischen Turnerschaft muß mutatis mutandis — das gleiche sein, wie das der dcutsehen Regierung zum Jungdeutschlandbund. Sie muß die Turnerschaft unterstützen, ohne Gegen- Rüstungen zu verlangen, ohne die Forderung der zionistischen Agitation aufzustellen. Sie muß in wirklicher Objektivität darauf bauen, daß zwischen der körperlich-geistigen Erzichungsarbeit der Turnerschaft und nationaler Gesinnung ein natürlicher, wenn auch nicht unmittelbar in die Erscheinung tretender, Zusammenhang bcsteht. Zweifellos erzieht die Turnerschaft ihre Mitglieder nicht zu Zionisten. Aber sie erzieht Menschen, die für jüdisches Fühlen und Denken Verständnis haben, Menschen, die an der jüdisehen Gemeinschaft instinktiv hängen. Sie fördert.in der Jugend eine kraftvolle menschliche und daher natürliche, jüdische Gesinnung, Wie der erzieherische Einfluß des Jungdeulschlandbundes im späteren Leben oft versagen wird, so wird die Turnerschaft auch Assimilanten erzcugen. Aber die zionistische Organisation muß den freien Blick dafür haben, daß sie trotz alledem ein Bollwerk gegen die Assimilation ist. Die Gegnerschaft der Assimilanten gegen diu Turnvereine hat ihre Gründe, obwohl diese Vereine parteimäßig so gut wie nichts leisten. Noch objektiver und freier muß die Stellung der zionistischen Organisation zur Blau-Weiß-Bewegung sein. Denn in der Turnerschaft handelt es sich zum großen Teil um Erwachsene, hier aber um Kinder. Die Blau-Weiß-Bcwegung verträgt es aus inneren, pädagogischen Gründen ain allerwenigsten, mit zionistischer Agitation erfüllt zu werden. In ihrer politischen Unabhängigkeit muß sie dein ״Wandervogel“ gleichen, der sich sogar dem Jungdeutschlandbund nur unter großem Widerstreben, aus Zweckmäßigkeitsgründen, angeschlossen hat. Schon hat sich auf der anderen Seite eine entsprechende Entwicklung vollzogen. Die neutraten Jugendvereine sind der ״Juugdeutschlandbund“ des Zentralvereins. Man muß es dein neutralen Verbände zugestehen, daß er seine Unabhängigkeit entschieden wahrt. Er wird auch vom Zentralerem und den Logen vorläufig finanziell nicht so großzügig unterstützt, wie er cs verdiente. (Immerhin großzügiger, als unsere Jugendbewegung von unserer Leitung!) Aus den neutralen Jugendvereinen werden auch Zionisten hervorgehen, aber im allgemeinen werden sie uns den deutschen Staatsbürger jüdischcn Glaubens bescheren. Sie sind ein Bollwerk gegen den Zionismus, die natürliche Interessensphäre des Zentralvercins. Die Wandervogclfrage ist für den Zentralvercin schnell gelöst: wozu haben wir unsere neutralen Jugendvereine? Dieser neutral-assimilatorischen Jugendpflege muß die nationale entgegenwirken. Unvcrrückbare Grundforderung ist, daß die Leitung ausschließlich in unseren Händen liegt. Zweifellos werden diese Organisationen von unseren Gegnern bekämpft werden, sicher werden sie nur einen geringen Teil der Jugend umfassen. Andererseits gelingt cs aber doch oft, objektiv Denkende davon zu überzeugen, daß sie von zionistischer Parteipropaganda frei sind. Niemals darf jedoch das Vertrauen dadurch erkauft werden, daß man die Leitung selbst neutralisiert. Mit Menschen, die alle Lieder, nur keine jüdisehen zuiassen, mit denen man sich wegen jeder konkreten Maßnahme darüber verständigen muß, ob sie ״jüdischen“ oder ״nationaljüdischen“ Charakter trägt, kann man nicht arbeiten. Es fehlt dann der unbewußt jüdische Geist, und m diesem, nur an diesem hat die zionistische Organisafion ein Interesse. Wenn Zionisten nichtzionistische Jugendvereine leiten, so ist der Erfolg eine Umwälzung der menschlichen und jüdisehen Gesinnung der Juden. Neutrale Jugendvereine hat noch niemand als ein veränderter Mensch verlassen. Das ist keine logische, aber eine psychologische, nur aus der Zusammen- Setzung dieser Vereine zu verstehende Notwendigkeit. Unsere Jugendarbeit wird nur einen kleinen Teil der Jugend ergreifen, aber diese Selbstbeschränkung ist die Voraussetzung jedes Erfolges. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland muß die Arbeit durch erhebliche Subvcntionen großzügig unterstützen. Man suche lieber an anderen Posten des Etats zu sparen. Denn Jugendarbeit ist wichtiger als Propaganda! IV. Die Konzentrierung aller Kräfte auf die Jugendarbeit muß die politische Aufmerksamkeit der Leitung auf eine Frage lenken, die notwendigerweise über kurz oder lang aktuell werden wird: Je mehr wir unter der Jugend zu wirken suchen, um so größer wird die Verantwortlichkeif unserer Arbeit nicht nur gegenüber dem Judentum, sondern auch gegenüber dem Deutschtum. Diese Verantwortung kann nur von verantwortungsfreudigen Männern getra* gen werden. Jedenfalls kann die Frage nicht mit Geschicklichkeit, sondern nur durch Mut und Klarheit gelöst werden. Eine nähere Erörterung dieses Themas mag zurzeit wegen mangelnder Diskussionsreife unangebracht sein. Selbstverständlich aber muß gefordert werden, daß unsere Leitung ihrer Politik eine bestimmte Beurteilung des Problems zugrunde legt. Noch sind die Fragen der Jugendarbeit von vielen Zionisten nicht genügend durchdacht worden. Der Dclcgicrtentng hat keine wichtigere Aufgabe, als ihre überragende Bedeutung für den deutschen Zionismus zu würdigen. Eine Herzl-Gedenknummer der ״Welt“ Am '20. Thamus kehrt der 10. Todestag unseres unvergeßlichen Führers Theodor Herzl wieder. Die ״Welt", als die erste Schöpfung Herzls, will diesen Tag nicht vorübergehen lassen, ohne den Tribut ihrer dankbaren Verehrung unserem verstorbenen Führer zu zollen. Durch eine besondere Hcrzl-Gedcnknum m e r, die am 3. Juli d. J. erscheinen wird, soll von berufener Seite die Bedeutung Theodor Herzls für unsere Bewegung gewürdigt werden. Beiträge der hervorragendsten Mitarbeiter und eine reiche illustrative Ausstattung werden der Herzl- Nummer ein vornehmes Gepräge und bleibenden Wert verleihen. Wir rechnen darauf, daß auch jeder deutsche Zionist es als Ehrenpflicht ansehen wird, die Hcrzl-Gcdcnknummer zu bcsitzen, und richten die dringende Bitte an unsere Gesinnungsgenossen, sich die Verbreitung der Herzl-Gedenknummer angelegen sein zu lassen. Die rechtzeitige Bestellung einer entsprechenden Anzahl von Exemplaren möchten wir besonders den Vereinen dringend empfehlen. Der Preis der Herzl-Gedenknummer beträgt für Deutschland in gewöhnlicher Ausführung 0,60 M., auf holzfreiem Papier, gebunden 1 M. Zionistische Vereine und Vertrauensmänner sowie Buchhändler und Kolporteure bezahlen be» Abnahme von 10 Exempl. 5,50 M. 50 Exempl. 25,- M. ״ -,45 ״ 100 ״ 13,50 ״ 25 Die Nummer wird nur gegen Voreinsendüng des Betrages abgegeben. Bestellungen richte man an den Verlag ״Die Welt“ Sächsische Straße 8.

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