Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1914)
- Date
- 1914-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang, Diese Nummer gehört der Jugend. Wir Zionisten hatten von Anbeginn das Bewusstsein, dass wir das junge jüdische Volk seien. Da die erste zionistische Generation herangereift ist, muss sic lebhaft empfinden, dass sie die Fackel der Idee weiterreidien muss: der neuen Jugend. Dass sie dafür sorgen muss, aus dieser Jugend wahrhaft eine neue, jüdische Jugend zu machen. Der Leipziger Delegiertentag soll beitragen, diese Erkenntnis zu fördern und in Taten umzuschaffen: diese Nummer der ״Jüdisdtcn Rundschau״ soll dem Delegicrtcntag Vorarbeiten. Der Zionismus blickt in die Zukunft; darum kanri nur eine zionistische Jugend für den Sieg unserer Sache bürgen. Die Redaktion der ,Jüdischen Rundschau Propaganda und Jugendarbeit Zum Leipziger Delegicrtentag. Von Felix Rosenblüth, Berlin I. Die gegenwärtige Stellung des Zionismus innerhalb des deutschen Judentums wird durch drei Ereignisse beleuchtet: die Zionistcnrcsolution des Zentralvereins, den Schulkampf und jenes grolle Inserat, in dem einige Herren die gleichmäßig gute Qualität ihres Judentums und ihres Deutschtums anpriesen. Das sind Zeichen der Zeit, die gedeutet werden müssen. Wohlgesinnte Gegner, die es als das erste Gebot des Judentums betrachten, daß es in der christlichen Gesellschaft den Schein unauffälliger Ruhe bewahre, halfen den Zorn mit freundlichen Worten zu glätten gesucht: ,,Heißsporne liier - Heißsporne dort!“ ln zionistischen Kreisen hat man vereinzelte Stimmen gehört, die vor einer übermäßig radikalen Propaganda warnten. Die Warner im eigenen und im fremden Lager verkennen den Sinn der Bewegung, die in jenen drei Ereignissen sich nicht vollendet, sondern ihren Anfang genommen hat. in Wahrheit ist das deutsche Judentum zum ersten Male seit dem Erscheinen des Zionismus von einer tiefen Erregung ergriffen. Das heilsame Gift des Zionismus beginnt, in dem kranken Körper der deutschen Judenhcit zu wirken. Herzls Worte: ״Der Zionismus fegt als ein reinigender Sturm durch die ganze Juden- Heit“, beginnen erst jetzt, Wirklichkeit zu werden. Der Zionismus war bisher verhältnismäßig unbeachtet. Er wurde übersehen und übergangen. Nun dringt er allmählich in das Bewußtsein der deutschen Judenhcit ein. Man beginnt den Zionismus zu verstellen, in seiner Tragweite zu begreifen. Erst jetzt konnte eine Schrift wie ״Die Zionistische Utopie“ erscheine״. Die K. C,-Blätter haben füc ihre Leser endlich ein Thema gefunden, um sie in fesselnden, manchmal sogar gründlichen und durchdachten Aufsätzen zu unterhalten. Das Thema aber heißt: Zionismus. Nichts ist für die Situation so bezeichnend, wie die Tatsache, daß sich der K. C. im Laufe der letzten zwei Jahre vollständig am Zionismus orientiert hat. Er ist heute im Grunde nichts ״Der Zionismus erstrebt für da* jüdische Volk die Schaffung einer Öffcntlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. anderes, als der vom Zcntralverein unterstützte, akademische Vortrupp der dcutschnationalcn Assimilation. Die Verschärfung der Gegensätze ist nicht in Zufälligkeiten der zionistischen oder gegncrisehen Taktik begründet. Die Ciegen.sätzc s i!1 d klarer 11 n d b e w u ll t e r g c w o r den, weil die Erkenntnis des Zionismus klarer u n d b e w u ll t e r w u r d e. Audi der Schulkampf ist aus dem Gegensatz der geklärten Anschauungen entstanden. Das ist das Resultat oder wie liier wiederholt werden mag — der Beginn einer natürlichen Entwicklung. Je mehr die Erkenntnis des Zionismus wächst, um so ziclbewullter und tatkräftiger wird die Gegnerscliaft der führenden Männer der Assimilation. Durch eine Aenderung der zionistischen Taktik wird diese Entwicklung nicht beeinflußt werden, es sei denn, daß inan die Idee zur Pliilanthropic verflüchtigen wollte. ,,Natioualjudentum“ ist nur ein Wort, das man als eine Fahne — höher oder — als einen Fetzen Tuch - - tiefer einschätzen kann. Aber der Inhalt dieses Wortes ist eine Realität, und gegen sie würde sich der Kampf richten, wenn man das Wort preisgäbe: Der Zionismus kräftigt die Sonderstellung des Judentums innerhalb des Deutschtums. Gegen diese nackte, reale Wahrheit wird und muß sieh die Assimilation in steigendem Malle wehren. Denn sie fürchtet für ihre vitalsten Interessen. Wer die Situation nicht völlig mißverstehen will, muH erkennen: Die Ansichten der deutschen Juden über den Zionismus waren früher nicht mildere, sondern gleichgültigere. 11 Das Problem unserer Propaganda ist also nicht ihre zufällige Form, sondern ihr notwendiger In 11 alt. Ucber die Form der Propaganda ist nur folgendes /usagen: Propaganda ist Kampf gegen falsche Ansichten, aber ein Kampf, der den Gegner erobern, nicht vernichten will. Der Zionisimis stellt der Assimilation gefühlsmäßig nicht so gegenüber, wie etwa die Sozialdemokratie der Bourgeoisie. Unsere Propaganda ist falsch, wenn sie nicht tiberzeugt, sicher falsch, wenn sie nicht überzeugen will. Jede äußere Form der Propaganda ist zulässig, die dieses Ziel nicht aus dem Auge verliert. Sie kann konziliant, aber auch aggressiv sei״. Man denke an Herzls Mauschel! Dieses Kunstwerk ist in höherem Sinne auch eine Propagandasclirift. Herzls Worte: ״Kein wahrer Jude ist Anti/ionist, nur Mauschel ist es“, werden jeden Anli/iontsten schwer treffen, aber Herzls Gründe können ihn gewinnen. Schwieriger ist die Frage nach dem Inhalt der Propaganda, und 1111 r s i e hängt mit der geschilderten klareren Entwicklung der Gegensätze zusammen. Die zionistische Propaganda wird vorläufig immer schwieriger werden, je älter und bekannter der Zionismus wird. Man weiß heute vom Zionismus fast in allen jüdischen Kreisen mindestens so viel, daß er ein heiß umstrittenes Problem ist. Das genügt, um den Sieg gegen die vorsichtige, jüdische Skepsis immer schwerer zu machen. Dein Zionismus wirkt erst jetzt eine bewußte Agitation entgegen. Die allgemeine Aufrüttelung der Geister muß dem Zionismus schließlich zugute kommen. Aber zunächst hemmt sie den mühelosen Fortschritt und zwingt zu größeren Kraftanstrengungen, Unsere Propaganda kann nicht siegen, wenn sie dein Kampf und der Auseinandersetzung ausweicht. Sic wird den mit Zweifeln und Bedenken erfüllten Nichtzionistcn nur überzeugen, wenn sie gerade an seine Zweifel anknüpft. Mit anderen Worten: in den Mittelpunkt der zionistischen Propaganda wird durch uns oder gegen uns immer mehr die natioualjüdische Frage gerückt werden. Unsere!*ropaganda ist untauglich, wenn sie den Zionismus als eine nationaljiidische Bewegung nicht zu begründen weiß. Verlcgenheitsargumcnte können der wachsenden Klarheit unserer Gegner nicht standhalten. Sie haben schon begriffen, daß man mit dein Zitieren von Kaiserreden den jüdischen Nationalismus nicht erschöpfend begründen kann, — und sie werden noch mehr begreifen. Ferner liegt in der Situation.ein neuer Grund dafür, unsere Propaganda mit nationaljüdischen Inhalten zu erfüllen. Der Forderung der bewußt nationalen Propaganda kann man ein sachliches Argument cntgcgenstellen. Man sagt - in einer gewissen Diasporaskepsis , es käme nur auf die jüdische Entwicklung in Palästina an. Man solle das deutsche Judentum finanziell für Palästina interessieren, solle es aber im übrigen in Ruhe lassen. Der Schulkampf beweist aber, daß die Assimilation ihre Ideen auf Palästina überträgt. Eine antinationale Diasporajudenheit mißbraucht ihre finanzielle Macht sogar in Palästina. Palästina braucht eine Diaspora, von der es verstanden wird. Schließlich ist folgende Erkenntnis notwendig: Je problematischer für den deutschen Juden die Stellungnahme zum Zionismus wird, um so mehr sinkt die Bedeutung der Versammlungsagitation. Wir haben es in Deutschland fast durchweg mit einem intellektuellen oder kaufmännischen, jedenfalls mehr oder minder gebildeten Publikum zu tun. Und der Gebildete ent* scheidet umstrittene Fragen ungern in Versammhingen. Die großen Versammlungen gewinnen immer mehr den Charakter zionistischer Dcmonstrationen und Tagungen. Als solche werden sie immer wertvoller - im übrigen für die Agitation nie entbehrlich werden. Aber eine notwendige Forderung ist die Schaffung einer guten Broschürenliteratur. Diese Literatur muß Einzelfragen behandeln und darf sich nicht auf zusarnmen fassende Programmerläutcningen beschränken. ״Die Juden als Nation“, ״Antisemitismus und Zionismus“, - kurzum, all die bekannten Versammlungsthemen sind die Titel dieser dringend erforderlichen Schriften. Daß darüber hinaus eine wirklich wissensc 11׳ a f 11 i c 11 c Vertiefung des Zionismus auch politiscli von Wert wäre, ist in diesem Blatt von anderer Seite wiederholt ausgesprochen worden. Agitation ist Popularisierung Wissenschaftlieber Arbeit und kann auf die Dauer ohne neue wissenschaftliche Anregung nicht leben. ln jedem Falle wird ein entscheidender Teil des Kampfes um den Zionismus am Ende literarisch ausgetragen werden. Auch die Sozialdemokratie spricht zu dem Gebildeten am eindringlichsten durch Bücher.'