Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 209 schrittlern, Abwchrvereinlcrn und der jüdischen Geldaristokratic bekämpft wird, ab. Er verwirft es, /u- {pulsten der 1 lehmig des äußeren Glanzes einer dünnen jüdischen Oberschicht den Zusammenhang mit dem öcsaiutjudcntum zu verleugnen, und ist bei der inneren Dnwahrhaftigkeit der augenblicklichen Abwehrpolitik von ihrer völligen Nutzlosigkeit für die Bekämpfung des Antisemitismus überzeugt. Er verlangt von Parteien uml Vereinen, die wirklich jüdischen Interessen dienen wollen, ein ehrliches Eintreten nicht mir für den jüdischen Einjährigen, der nicht Leutnant wird, sondern auch für den jüdischen Ausländer, der nicht naturalisiert wird, und für den jüdischen Kurgast, dessen Kaftan Pcnsionsbesitzem mißfällt. Die antizionistische Utopie Offener Brief an die Herren Dr, Landauer und l)r. Weil voir Or. Gustav Krojanker 1. Meine sehr geehrten Herren! Arg verwöhnt sind wir Zionisten von unsern Gegnern. Bisher nämlich kamen sie voll harmloser Liebenswürdigkeit mit Pamphleten, aus denen jede Spur von Fähigkeit, Ehrlichkeit und Anstand nicht ohne Sorgfalt getilgt war. Solche Polemik wird aus ihren Bedingungen verständlich. Oelescn nämlich werden die Schriftwerke des Antizionistischen Komitees doch nur vomVerfasser und den nächsten Urhebern. Die anderen, die zum ersten Frühstück damit erfreut werden, blättern sie höchstens durch und müssen deshalb auf jeder Seite beschimpfende Kcmsiitze finden. Ein einheitlicher Gedankengang widerspräche dem Zweck. Sie, meine Herren, haben nun mit dem bishörigen System gebrochen. Das war unpraktisch, da Sie auf diese Weise nur von Zionisten gelesen werden. Es begründete aber auch andererseits Ihren Ruf. Denn das geänderte System hat viel Verblüffung in unsere Reihen getragen. Staunend gewahrtem wir bei der Lektüre Ihrer Schrift (betitelt ״Die ziomstische Utopie“) Leute, die nach Kenntnisnahme der zionistischen Literatur ihre Anschauungen mit Ehrlichkeit, Fähigkeit und Anstand zum Ausdruck zu bringen wissen. Daß uns dieser Umstand verdutzt bat und (vielfach) den sachlichen Inhalt stark überschätzen ließ, ist der einzige Schaden, den uns das Antizionistisclie Komitee bisher in Wahrheit zugefügt hat. Um so dankbarer müssen wir Ihnen dafür sein, daß Sie aus spaßhaftem Geplänkel endlicli eine Attacke gemacht haben, die uns Anlaß bietet, für künftige Fälle von erhöhter Kriegsbereit- Schaft zu sein. 11. Sie wollen eine systematische Kritik unserer Bewegung ״auf Grund einer Erkenntnis ihres gedankliehen Aufbaues" geben. Unbeschadet einer späteren Erörterung, ob diese Art der Beurteilung als hinreichend bezeichnet werden kann, werden wir uns also damit zunächst auscinandcrzusctzen haben: und zwar Zug für Zug (ohne es uns etwa bequem zu machen, indem wir die Rosinen aus dem Kuchen polkcn). Natürlich aber kann man sich im Rahmen eines Artikels nicht auf alle Einzelheiten ein lassen. Das würde eine Broschüre gleichen Umfangs erfordern. Sie stellen sich auf den konsequenten Standpnnkt, daß die Judcufrage theoretisch durch die Assimilation oder den zionistischen Weg zu beantworten sei und deshalb beide Antworten einer Betrachtung unterzogen werden müßten. Das Re- 1 sultat Ihrer ersten Untersuchung (die beiläufig fast I die Hälfte Ihrer ganzen Schrift ausmacht), ergibt die Möglichkeit, ja Unabwendbarkeit der Assimilation I der westeuropäischen Juden. I Dieser ganze Abschnitt hat viel von einer Wind- I nuililcnpoleinik an sich. Daß unsererseits eine U11- I Möglichkeit der Assimilation aus physiologischen I Gründen nicht behauptet wird, betonen Sic nach 1 längeren Erwartungen selbst. Um so eingehender 1 glauben Sie gegen die Argumente der Schriftsteller I ',ergehen zu müssen, die eine Unmöglichkeit der < Assimilation aus soziologischen Gründen behaupten. 1 Irh fühle mich nicht berufen, die Verteidigung dieser ■ Autoren zu führen. Und habe es auch gar nicht nötig, ■ da die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit 1 der Assimilation eine im zionistischen Lager (heute I ״och) strittige ist und cs auch sein kann, da ihre | Beantwortung nach der einen oder anderen Seite [1 Ü״S nicht im geringsten tangiert. Sic gehen über jj diese Tatsache mit verwunderlichem Schweigen hin- I *eg; Sic bekommen es sogar fertig, bei Ihrer Be- II *eisführung über die Möglichkeit der Assimilation j| Jlieiihaber kontra Lichthcim zu zitieren; will sagen: I einen Zionisten gegen den anderen. Vielleicht sind jpie sich dessen bewußt gewesen; haben aber jeden- ■ ׳alls dann von diesem Bewußtsein keinerlei Gebrauch ■ gemacht. Und hier liegt der Kernfehler Ihrer Aus- ■ ׳ührungen, der sich auf Schritt und Tritt rächt. Sie haben zwei gute Druckbogen im Kampf gegen eine Theorie verbraucht, die nur von einem leit der Zionisten vertreten wird. Diese. Tatsache luitton Sie nicht nur erwähnen, sondern auch in den Kreis-ihrer Betrachtungen ziehen müssen, Dann wären Ihre weiteren Erörterungen anders ausgefallen. (Vielleicht wäre Ihnen dann auch etwas vom Fehler Ihres eigenen Assimilationsprojekts aufgedämmert; davon später.) III. Dann wären Ihre weiteren Erörterungen anders ausgefallen . . . Ihr nächstes Kapitel nämlich wird mm im höchsten Maße gewaltsame Gednnkcnkonstruktion. Sie fingieren das zionistische Ziel als erreicht und fragen nach den Folgewirkungen des so bestehenden jüdischen Gemeinwesens für die Juden der Diaspora, * Zunächst für Westeuropa. Die Schriftsteller, die die Unmöglichkeit der Assimilation vertreten, haben eine Reihe von Argumenten dafür beigebraciit, daß die Erreichung unseres Ziels auch für die Zurückbleibenden Verbesserungen mit sich bringen werde. Indem Sie sich mm gebärden, als ob mit diesen Argumenten ein höchst wichtiger und immanenter Teil des zionistischen Programms gestützt werde, geben Sic' mit viel Aufwand eine Widerlegung dieser Argumente und kommen zu dem Schluß, daß nicht eine Verbesserung für die in Westeuropa Zurückblcibendcn der Fall sein werde, sondern daß das, was wir als Lösung anbieten, nur ein Mittel sein könne, ״um die Lage weit unhaltbarer zu machen als sie heute ist.“ Die nächste Nummer der ״Jüdischen Rundschau“ erscheint als Sondernummer Zionistische jhsgend!as־beii mit einer Anzahl informierender und programmatischer Beiträge über Jugendarbeit Jugendpropaganda Jugendorganisationen von den bewährtesten Führern unserer :: :: :: Jugendarbeit :: :: :: Bestellungen wolle man umgehend richten an den Verlag der ״Jüdischen Rundschau" Berlin W IS, Sächsische Straße 8. Preis der Nummer 0,10 Mk. 100 Exemplare 6 Mk. Ich halte nun Ihre Widerlegung der von zionistischcn Schriftstellern gebrachten Argumente für absolut nicht stichhaltig. Wäre sie cs aber — und hier liegt der Kern müßte immer noch Ihr Schluß ganz anders lauten. Ich zeige zunächst die Haltlosigkeit Ihrer Wideriegung. Um drei Punkte handelt es sich. Gegen den ersten, daß die durch Abwanderung geminderte Zahl der Juden ein Sinken des Antisemitismus zur Folge haben werde, machen Sie selbst kaum Einwände. Um so mehr gegen den zweiten: es werde nämlich nicht (wie wir behaupten) der Antisemitismus sich aus Respekt vor unseren schöpferischen Leistungen andern. Sie glauben, liier uns durch uns selbst widerlegen zu können, da ja wir gerade immer betonen, daß man ein instinktives Gefühl nicht durch Aufkliirtmg über kulturschöpferisclic Fähigkeiten bescitigen könne. Es bestellt aber ein Unterschied zwischen dem Gefühl der Fremdheit und dem der Verachtung. So gewiß das eine (ohne restlose Assimilation) nicht verschwinden wird, so gewiß ist das andere keine notwendige Begleiterscheinung des Fremdhcitgefühls. Ich weiß, daß der Assimilant das Anderssein bekämpft; wir Zionisten jedenfalls nur die Mißachtung. Und weiter drittens: Sie bestreiten überhaupt die Möglichkeit eines Zustandes, in dem eine fremdnationalc Minderheit in das nationale Wirtschafts- und׳ Geistesleben eines Volkes eingesprengt ist. Ich gebe zu, daß sich darüber streiten läßt; kann aber Ihre apodiktische Gewißheit nicht ohne weiteres teilen. Ein hervorragender Kenner solcher Dinge wie Sombart urteilt: ״So kann man sich wohl denken, daß auch ein Judenvolk, das sich wieder als nationaler Körper fühlt, doch nur zum kleinen Teil in Palästina, zum größeren jedoch in der Diaspora lebt." (Zukunft der Juden, S. 63.) Aber Argumente hin, Argumente her. Selbst wenn Sic recht hätten, dürften doch gerade Sie, die auf 36 Seiten die Unabwendbarkeit der Assimilation bewiesen haben, nicht zu dem Schluß kommen, daß die Erreichung unseres Zieles die Lage in der Diaspora unhaltbarer machen werde; sondern zu dem, daß mm wahrscheinlich die Assimilation noch schneller vor sich gehen könne. Und zwar hier an dieser Stelle müßten Sie das sagen; nicht erst 70 Seiten später an einem logisch ganz unmöglichen Platz. Das kommt von Ihrer irrtümlichen Anschauung, daß die zionistische Theorie mit der Unmöglichkeit der Assimilation stehe und falle. Nicht darauf nämlich kommt es uns an, die Juden in Westeuropa zu erhalten und ihnen erträgliche Zustände zu schaffen ((»!!schon es sehr schön wäre, wenn auch dies sieh erreichen ließe); sondern darauf: das Judentum zu erhalten. Und wenn denn schon in Westeuropa die Assimilation unabwendbar ist, so haben wir doch in miserm Zentrum wieder eine lebensfähige, von Assimilation nicht bedrohte -׳׳׳' jüdische Gemeinschaft. Ihre Entwände, meine Herren, berühren uns nicht. Sie hätten sich fragen müssen: wie kommt c־s, daß man Zionist sein kann, mag man nun an die Unabwendbarkeit oder an die Unmöglichkeit der Assimilation glauben. Dann hätten Sie sehen müssen: daß man das zionistische Ziel erstrebt, nicht weil man logisch die Unmöglichkeit der Assimilation hier oinsieht, sondern weil man das Judentum erhalten will. Ihre rein gedankliche Konstruktion hat Ihnen den Weg zur Erkenntnis versperrt. Sic hätten sich Ihre ersten 47 Seiten ersparen können; sie berühren uns nicht. IV. Nachdem Sie so dargetan haben, daß der Zionismus keine Lösung der westeuropäischen Judenfrage bedeute, führen Sie denselben Beweis für Osteuropa. Denn es werde der Natur der Dinge nach in absehbarer Zeit eine viel zu geringe Zahl von Ostjude״ angcsicdelt werden können, als daß der Zionismus sich die Lösung der Judenfrage nennen, könne. Mir scheint, der Streit geht hier um Worte. Sie haben gegen unsere Arbeit für die Ostjuden nichts einzuwenden. Sic geben außerdem selbst zu, daß Ihre sonst so gepriesene Lösung der Assimilation hier völlig versagt. Glauben aber uns totschlagen zu können, wenn Sie beweisen, daß wir keine ״Lösung der Judcufrage“ lierbcifüliren. Für uns liegt die Judenfrage darin begründet, daß wir überall als Minorität unter Majoritäten leben und infolgedessen teils der Auflösung anlicimfallen, teils unsere besten Kräfte nicht frei entwickeln können. Und diese Frage ist wesentlich gelöst, wenn cs uns gelingt, irgendwo eine jüdische Majorität zu schaffen, die als festbegründeter Bestand die Möglichkeit zu freier nationaler Entwicklung hat. (Unbeschadet der Tatsache, daß dann neue Judenfragen entstellen und andere übrigblcibcn werden.) Aber abgesehen von diesem Grundeinwand, der sich um Worte (und noch nicht einmal definierte Worte) dreht, werden Sie auch der Bedeutung unserer Bewegung für die Ostjuden durchaus nicht gerecht. Sie fingieren zwar einerseits das zionistische Ziel als erreicht, sprechen aber andererseits dauernd von den augenblicklichen Kolonisatioiismöglichkciten und -erfolgen. Wie kann man in wenigen Jahren Millionen ansicdeln? Aber unsere Arbeit legt den Grund dazu. Und sie scheint der einzige Ausweg zur Hilfe auch vom rein praktischen Standpunkt. Amerika verschließt immer mehr seine Tore. Die auf philanthropischer Basis versuchten Kolonisationen sind gescheitert. Wir geben nur Wenigen augenblickliche Hilfe; aber jeder Schritt in dieser Kleinarbeit ist der Grundstein für einen großen Bau, der vielleicht auch nicht für alle, aber für die Mehrzahl in Betracht kommen wird. Sie hätten, da Sic unser Ziel als erreicht betrachten, seine Bedeutung in diesem Stadium beurteilen müssen, nicht aber in der Anfangsarbeit. Außerdem vergessen Sic, was jetzt schon die Hoffnung auf unser Ziel und die Mitarbeit daran für große Massen unseres Volkes moralisch bedeutet. Der höhnische Ton, in dem Sie dies Kapitel schließen, steht Ihnen nicht an. Sie wissen uns nichts, aber auch gar nichts Besseres entgegen zustellen. Sic erkennen unsere Arbeit sogar an; verspotten sie aber im selben Atemzug, -da sie nicht sogleich Großes leisten kann. Nun, meine Herren, diese Arbeit, für die Sie sich selbst cinsetzen, würde schneller vor sich gehen und fruchtbarer sein, wenn wir uns nicht noch außerdem sehr energisch mit Verfassern antizionistischer Rroschürcn hcrumzuschlagen hätten; wenn die geistige und pekuniäre Kraft all unserer Volksgenossen uns zur Seite stünde. Daß das für diesen Teil der Arbeit der Fall ist, wünschen Sie selbst. Ich muß gestehen, daß ich dann an Ihrer Stelle eine andere Propagandamethode wählen würde, als die Abfassung einer antizionistischen Broschüre, in der ich sclbstgcwünschte Arbeit verspotte, nur weil der Natur der Dinge nach ihr Erfolg vom Endziel noch entfernt ist. (Ein zweiter Brief folgt in der nächsten Nummer.)