Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 208 Nr. 20 J U EPISCH E RUNDSCHAU Leben ergibt, weil nur er aus wahrem innerem Bedürfnis die Verbindung mit einer neu entstehenden jüdischen Kultur — und sei cs auch nur mit ihren Anfängen! — suchen wird. Er allein wird über die Disharmonie hinwegkommen, die so viele zerbrochen und in ihrem innersten Wesen verunstaltet hat, weil sic die Beziehungen zum alten traditionellen Judentum verloren haben und verlieren mußten, ohne einen genügenden Ersatz an anderen jüdischen Werten zu finden, Er allein wird hier seinen Zionismus leben können — hüten wir uns davor, Halbe zu er• ziehen, die später scheitern. Die Mitarbeit an einer Reihe von neutralen Organisationen hat uns zu Kompromissen ge• zwungen, hat uns häufig veranlaßt, vom geraden Wege, d. h. von einer klaren Herausarbeituug unseres Programms, abzugehen. Die Differenzen, die zwischen uns und der bewußten Assimilation bestehen, sind jedoch so groß, daß wir immer bei gemeinsamer Arbeit auf strittigen Gebieten Konzessionen machen müssen, weil wir sehr oft gar nicht verstanden werden, weil das, was auf der anderen Seite häufig als großes Entgegenkommen uns gegenüber betrachtet wird, mit Naturnotwendigkeit von uns als lächerlich ge• ring angesehen werden muß. Die Kompromisse schwächen jedoch die Stoßkraft einer jungen, werdenden Bewegung, das wissen unsere Gegner. Sie haben darum — und zwar sie alle — jene merkwürdige Teilung von der ״radikalcn zionistischen Leitung“ oder von einem ״radikalen zionistischen Grüppchcn“ und der ״friedfertigen“ Masse der deutschen Zionisten erfunden, weil sie auf diese Weise Spaltung in unsere Reihen zu tragen oder uns für Koni• promissc gefügiger zu machen hoffen. Es wird keine schönere Aufgabe für den Leipziger Dole• giertentag geben als erneut die unbedingt nationalc Grundlage unserer Organisation fcsizulegen. Gleichberechtigung Von Dr. Ernst Hamburger. Die diesjährige Beratung des Militärctats hat uns die übliche Rescrvcoffizicrsdehatte gebracht, die von dem fortschrittlichen Abgeordneten Gut heilt mit der wirkungsvollen Betonung der systematischen Vcrfassungsverletzung gegenüber den Juden seit nun* mehr 30 Jahren eröffnet wurde. Der derzeitige Kriegsminister gab — ein kleiner Fortschritt das Verf a s s 11 n g s w i d r i g e des Zustandes zu, daß seit so langer Zeit kein jüdischer Einjähriger befördert worden sei, bestritt aber, daß der vcrfasstuigswidrige Zustand durch verfassungswidrige Maßnahmen veranlaßt und aufrecht erhalten würde und bewies durch diese Antwort, daß ״eine gewisse Veranlagung zur Rabulistik des Talmuds“, die der Graf Westarp für blutmäßig erworben hält, auch bei echtprcußischcn Leuten Vorkommen kann. Auf jeden Fall wird sich in den tatsächlichen Zuständen nichts ändern, und dem Abg. Gothcin wird weiter• hin Gelegenheit geboten werden, in Artikeln im ״Berliner Tageblatt“ auseinanderzusetzen, daß dem Kriegsminister eigentlich das Gehalt verweigert wer• den müßte. Es trug nicht zur Erhöhung des Niveaus der Debatte bei, daß Herr M ü 11 er-M c i 11 i 11 g en in Erwiderung einer Rede des Antisemiten Rupp-Marbürg sich zu der Behauptung veranlaßt fühlte, daß Antisemitismus und Zionismus auf eine Stufe zu stellen seien, da sic beide auf dein Boden des konfessionellen 9der Rassenfanatismus erwüchsen. Diese Vergleichung der beiden Bewegungen macht sich auf den ersten Blick sehr schön, ist aber, wenn man ihr auf den Grund geht, höchst oberflächlich und falsch. Wenn man selbst von allem Theoretischen absieht, das diese Strömungen scheidet, wenn man beiseite läßt, daß der Antisemitismus fundiert ist auf der sogenannten •Rassenthcoric, d. h. also dem Rasscnschwindcl der Gerinanomanen, während der Zionismus eine rassenmäßige Begründung seiner Ur- Sachen und Ziele aufs schroffste ablchnt, so ist doch schon der Unterschied in der Art der Wirksamkeit der beiden Bewegungen jedem klar: Der moderne Antisemitismus ist eine Erscheinung, die ihr Dasein den Instinkten des!niedrigsten Hasses verdankt, den wirtschaftliche und nationalistische Gründe wach• gerufen haben und am Leben erhalten; er äußert sich demgemäß jn einer gegen ein anderes Volk gerichteten feindlichen Gesinnung und Betatigung — daher wird stets der Name Antisemiten treffender sein als die Decknamen Deutschvölkische oder Christlichaozialc Partei. Der Zionisnrus dagegen bemüht sich, an historische, nie aus der Gedankenwelt des JucHihims entschwundene Momente ankniipfend, eine glücklichere Zukunft des jüdischen Volkes hcrbcintfü'iren. Er arbeitet für . ein Ideal, niem.uideiii zu Leide. Nicht Haß, sondern Liebe ist seine Grundlage, und hierin liegt die einzigartige Steilung des jüdischen Nationalismus der Gegenwart, die ihn prinzipiell von allen anderen nationalen Strömungen unterscheidet, die Deutschland durchziehen. Mag für alle diese das Wort gelten, das Junius einmal in der ״Neuen Rundschau“ ausgesprochen hat, daß der Nationalismus im Grunde doch nur idealisierter Haß sei: der Zionismus weiß sich frei vom Haß gegen das Deutschtum und er• weitert auch nicht die Kluft, die zwischen den Mit• gliedern der verschiedenen Völker und Konfessionen Deutschlands besteht; er lehnt es allerdings ab, den anfänglich breiten Pfad der Assimilation zu betreten, der schließlich doch nur durch den Eingang der Kaiser Wilhdnv-Qedäclitniskirchc ins Land der Verheißung führt. Herr Müller und die ganze fortschrittliche Volkspartei sind nicht zufrieden mit lins; sie kennen keinen Unterschied zwischen jüdischem und deutschem Volk, sie kennen ,nur deutsche Staatsbürger; und eben weil sie die Frage falsch stellen und das Problem schief anschcn, weil sie dreißig Jahre lang im Chor wiederholt haben, dieses Problem sei kein Problem, es gehe gar kein jüdisches oder •deutsches Volk, darum richten sie auch rein gar nichts aus, und darum setzen Sie nicht einmal den Renonimicr-Reservcleutnant mosaischer Konfession durch. Die Juden- Politik dieser demokratischen Partei, wie sie sich noch zuweilen nennt, ist undcmokratisch und un• wahr. Sie ist undcmokratisch, weil sic eintritt für die Gleichberechtigung einiger Spitzen der jüdischen Bourgeoisie, während sie für die ׳Masse der Juden, die unter der Ausweisungspraxis der Behörden und der wachsenden Judenfcindsehaft im Bankwesen und in der Industrie leidet, nur die Bemerkung übrig hat, daß der Antisemitismus fast tot sei. Sie ist unwahr, weil sie in ihren eigenen Reihen Juden nur mit äußerster Vorsicht avancieren läßt, um der ״Volks- Stimmung“ nicht zu sehr ins Gesicht zu schlagen, und'weil sie in ihren eigenen großstädtischen Doinanen den versteckten Antisemitismus ruhig und ungestört seine Wege gehen läßt. Das muß immer und immer wieder den Libe- 1ralcn vorgelialten werden. Wir verkennen durchaus nicht, daß der offene mul pöbelhafte Radauanliseniitisnius von ihnen bekämpft wird, daß sogar die oifene Sanktionierung der versteckten Judenfi'indsclinft ihre Mißbilligung findet, wie die erfrischende Rede des Landtagsnilgeordneten Knuzow hei der Verhandlung über Jugendpflege im preußiselten Ahgcordiietenliause (11. Mai) beweist. Aber mit Reden - und seien sie noch so schön ־- richtet mau nichts aus, wenn man in seinen eigenen Reihen die Fehler, die man tadelt, in verschleierter Form begeht, und der Beifall des ganzen Hauses, der I ierrn Kanzows Rede begleitete, und seine inhaltlich mit den Rednern rechtsstehender Parteien übereinstimmende Anschauung gibt (loch bei der Zusammen- Setzung «cs Abgeordnetenhauses mancherlei zu denken. Dieser Beifall zeigt, daß gerade die Parteien, die den Antisemitismus verewigen wollen, ihre Ziele mehr bedroht sehen durch das wütende Gekläffe eines Stauff als durch den Stoß der Liberalen gegen ihre eigene Position, und mag Herrn Kanzow die Bestätigung dafür liefern, daß er äußerst diploinatiscli gehandelt hat, die durch die antisemitische Verhetzung bedrohte Einigkeit der bürgerlichen Jugendbewegung mit der ״Gefahr der sozialistischcn Jugendorganisation" zu verkoppeln. So stehen wir vor der Tatsache, daß die Instinkte der herrschenden Klassen, wie ihr Beifall zeigt, hier einmal den Antisemitismus für einen Moment zugunsten der Bekämpfung der Sozialdemokratie opfern und die Juden als Sturmbock gegen diese benutzen und ihn bei der nächsten Gelegenheit zu eben deinselben Zwecke wieder um so heftiger auflcben lassen, wenn sic ihre agitatorische Phrase von der ״Vcrjtidung der Sozialdemokratie“ brauchen können. Und die Liberalen? Wie wenig Sinn sie im Grunde doch für unsere notwendige und berechtigte Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz als deutsche Staatsbürger, u n b e ־ schadet unserer jüdischen Zusammengehörfgkeit und für alle Klassen, haben, dafür ist ein kleiner Aufsatz bezeichnend, der sich in den Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus (vom 6. Mai) findet. Um nämlich gegen ungerechtfertigte Angriffe geschützt zu werden, und um der Verdächtigung antisemitischer Regungen von vornherein die Spitze abzubrechcn, hat die Ortsgruppe Kudowa des Zcntral-Vcrbandes der Pensions- und Logierhausbesitzer diesem Vereine direkt von einem Beschluß Kenntnis gegeben, der in einer gegenseitigen Verpflichtung besteht; ״Personen, die durch ein unordentliches, vernachlässigtes Aeußcrc auffallcn, in den Grundstücken nicht zu dulden, aber auch das Tragen des Kaftans in den Häusern nicht in’chr zu geatattcn.“ Wer den Kaftan beibehalten wolle, so fährt die Zuschrift fort, würde in mehreren rituellen Häusern auch künftig aufgenommen werden, falls er sauber aussähe. Da nun diejenigen, die sich äußerlich vernachlässigen, ״hauptsächlich aus Gegenden stammen, in denen noch der Kaftan getragen wird, so wird auch dieses Kleidungsstück durch unsere Maßnahmen getroffen. Gegen diese und alle anderen unsauber gekleideten Leute richtet sich unser Beschluß aber nur deshalb, weil sic in bezug auf Reinlichkeit auf einer sehr niedrigen Kulturstufe stehen, so daß die anderen Gäste und insbesondere auch die gebildeten jüdischen Kreise, die wir sehr schätzen (gesperrt in den Mitt. d, Abwehr-Vereins, im Brief offenbar unterstrichen, d. Vcrf.), durch jene Leute belästigt und immer mehr verdrängt werden. Ein Verbot, das sich nur gegen den unsauberen Kaftan richtet, würde aber praktisch undurchführbar sein . . Die Ortsgruppe Kudowa sendet diesen Brief offiziell an den Abwehrverein, damit nicht Fcmcrstchcndc in Ln• kenntnis der Kudowaer Verhältnisse an diesen Maßnahmen Anstoß nehmen, und weil sie sich ״das Wohlwollen aller einsichtigen und gebildeten Juden erhalten" will. Wer sich von schönen Phrasen nicht düpieren läßt, erkennt auf den ersten Blick, daß der Beschluß der Pensionsbesitzer von Kudowa sich gegen das Tragen des Kaftans richtet, und mit der Sorge für die Reinlichkeit der Gäste nicht das Geringste zu tun hat. Ich möchte gern wissen, wie sich die Ortsgruppe Kudowa, die ein Verbot nur des unsauberen Kaftans für undurchführbar hält, ihr Verbot der schmutzigen Kleidung Ihm ״allen anderen unsauber gekleideten Leuten“ (!!) durchführen will! Der Be■ Schluß ist eben in dieser Form einzig und allein gegen die Kaftanträger durchzuführen, während alle anderen unsauber gekleideten Leute — diese Zusammenstellung in einem zur Veröffentlichung bestimmten Briefe zu machen, ist unerhört — den Hotelbesitzern von Kudowa in bezug auf ihre Reinlichkeit höchst gleichgültig sind. Einzigartig ist nun aber die Stellung, die der Abwchrverein in der eine Spalte langen Plauderei zu diesem Beschluß einnimmt. Er gibt einerseits zu, daß man über den Wert des Kaftans zur Hebung des Gesellschaft!• bildes verschiedener Ansicht sein kann, bemerkt aber andererseits, daß der Kaftan auf jeden Fall sauber sein müsse — und in bezug auf Reinlichkeit ließen allerdings viele Juden atis dem Osten zu wünschen übrig. Er weiß einerseits, daß die Kaftaiitriigcr in Oesterreich in die Kurräume nicht zugelassen werden, verkeimt aber andererseits nicht, daß der Kaftan eine Nationaltracht ist.י Er gibt einerseits jeder Kurverwaltung das Recht, sich gegen Personen mit schmutzigen Gewändem und unreinen Körpern zu wenden, verlangt aber andererseits, daß sie auch nur den Schein einer ungerechten Behandlung Vermeide. Er ist sympathisch berührt von der Versicherung, daß keine antisemitischen Motive den Beschluß veranlaßt haben, und erwartet im übrigen bei der praktischen Ausführung die Normen der Billigkeit, Gercchtigkcit und H 11 m a n i t ä t. Die Beschlüsse in der Form der Wandervogel- Resolution machen, wie man sieht, Schule. Die so herrlich verklausulierten Bemerkungen des Abwehr- Vereins lassen uns einen tiefen Blick lüncintun in die Seele der Leute, die durch gesperrt gedruckte Normen der Billigkeit, Gerechtigkeit und Humanität imstande sind, die schwierigsten Einerseits — Andererseits zu voller Harmonie zu vereinigen. Zu bedauern ist freilieh, daß der Blick in die Seele doch nicht tief genug eindringt, um uns erkennen zu lassen, wie sich die Herren zu dem Verbot des Kaftans in Kudowa eigentlich und wirklich stellen; indessen gibt es auch eine Kunst und Wissenschaft des Nichtwissens, und diese werden wir bescheiden gegenüber solchen von den geheimnisvollen Schauern der Mystik durchwehten Gedanken — einerseits üben, um uns andererseits einzugestehen, daß einzig und allein das jämmerliche Verhalten der Mehrheit der deutschen Juden, ihre unjüdische Gesinnung, ihre entrüstete Abwehr jedes Zusammenhangs mit den Juden der ganzen Welt, auch den russischen Juden, auch den Kaftanträgem, und ihre Sucht nach Rang, Orden und Titeln diesen unschönen Eiertanz des ״fortschrittlichen“ Abwchrvcr* eins ermöglicht. Wäre es anders, dann würde der Abwehrverein solche Artikel nicht in die Welt schicken dürfen; dann würden sich auch Hotelbesitzer, die offizielle Briefe schreiben, nicht herausnehmen dürfen, ihre Verbeugungen vor den ״gebildeten jtidisehen Kreisen, die wir sehr schätzen“, und allen ״einsichtigen und gebildeten Juden“ zu machen. Wenn man sieht, wie diese Herren vor dem jüdisehen Oelde auf dem Bauche liegen, möchte man ihnen wünschen, sich selbst erst einmal Innerlich zu reformieren, ehe sic Urteile über das Ae u ft er e anderer fällen. Der Zionismus, der für die Gleichberechtigung der deutschen Juden einen ehrlichen Kampf führt, lehnt die Art, wie der Antisemitismus von Fort-