Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sei e 200 1UEPISCHE RUNDSCHAU Nr. 10 ökonomische Arbeit organisierte, 11er ihrem sozialen Leben ein Rückgrat gab. Nie wieder haben sie ein ähnliches (knie hervorgebracht. Man mag sieh zu den Verfechtern materialistischer Geschichtsauffassung stellen wie man will: die Wirtschaftsgeschichte des jüdischen Volkes gibt ihnen recht, hundertmal recht. Ein einziges Mal, als die Juden sieh ansehickten, für (ienerationen, für viele Generationen sieh ein I laus zu schaffen, da fand sieh auch der Haumeister, der dem Werk Sym• metric und praktische Hrauehbarkeit verlieh. Nie wieder ist ein ähnlicher aufgetreten. Hei keiner späteren, äußerlich noch so glänzenden Wirtschaftliehen Regeneration eines Teils der Juden hat sieh ein Mann gefunden, der verstanden hätte, die Hlüte zur Frucht gedeihen zu lassen. Und nach Ansicht der Materialisten wäre eine solche Erscheinung unmöglich gewesen. Ikiin es fehlte ja immer an hestandverleihenden Elementen. Au der Hlüte nagte schon immer der Wurm, der das Wachsen der Frucht unmöglich 'machte: Jeder noch so glänzende wirt• sehaftliehe Aufschwung trug den Keim zum Boykott, zur Depossedierung in sich. Und wird es tun, solange die Juden umherirren im Gallith, ohne die Wohltat einer öffentlich-rechtlich gesicherten I leimstättc in Palästina. Die Wandervogelfrage Der höchst zweifelhafte Beschluß des Frankfurter Hundestages des Wandervogel veranlaßt eine ganze Menge von ״Stellungnahmen'‘, auf die wir demnächst ausführlich cingchen. Heute wollen wir nur eine Enuuziation verzeichnen, die der ״Zentralverein■ deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ im Berliner Tageblatt gegen die Resolution des Neuen Jüdischen Gemeindevcreins und gegen den Jüdischen Wanderbuml Blau-Weiß losliißt. Sie lautet:• ״I. Wir verurteilen die auf dem Frankfurter Bundestag von der Bumlcsleitung abgegebene Frklärung wegen ihrer inneren U u w a h r 11 a f I i g * keit auf das schärfste. '1. Trotzdem halten wir vorderhand ein unterschiedsloses a 11 g e ui e i 111' s Ausscheiden aller Juden aus den neutralcu Wandcrvogelvercincu zurzeit nicht f ii r g e - boten. Vielmehr muß jetzt, nachdem die Hundesicitung eine durchaus uuliefriedigemle Stellung׳ eingenommen hat, der Kampf in deneinzelnen (innen und Ortsgruppen zum endgültigen Austrag gebracht und eine klare Stellungnahme jeder einzelnen Ortsgruppe herbeigeführt werden. Dies kann nur geschehen, solange noch Juden in diesen Gruppen und Gauen mittätig sind und an der Klärung ein Interesse haben. I. Dort, wo mit Rücksicht auf das Gebaren der e i 11 z e I - neu Ortsgruppe ein Ausscheiden der Juden hiernach notwendig wird, sind die vorhandenen neutralen jüdischen J u g e n d v e re i n e in ihren Wunderriegeu zu unterstützen. I. N a t i o n a I j ü d i s c h e Wanderbünde befürworten wir nicht.“ Wir haben den peinlichen Eindruck, als ob diese Erklärung in ihrer Halbheit, Inkonsequenz und in ihrem Streben, eine offene Entscheidung zurückzuhalten, dem Frankfurter Wandervogelbcschlull verzweifelt ähnlich sähe. Interessant ist auch, daß das Präsidium des dem Zentrulvercin bekanntlich sehr nahestehenden Verbaudes der neutralen J u g e n d v e r e i n e ebtn eine scharfe, offizielle Erklärung veröffentlicht, die ein allgemeines Ausscheiden aller Juden aus dein Wandervogel für absolut geboten hält. AUS ALLER WELT Die Wiederbewaldung Palästinas Hie Entwaldung in Palästina inacht von Jahr zu Jahr Fortschritte, ohne daß bisher ernste Maßregeln dagegen ergriffen werden. Die größten Feinde des Waldes sind die Hirten und Kohlenbrenner. Die schönsten Watdbcstündc werden niedergebrannt, um Weideland für die Herden zu gewinne״. Mau wüstet dabei geradezu sündhaft mit dem Holze, Die Häume werden in Brusthöhe abgehackt, damit sich die Holzfällcr nicht zu bücken brauchen; kann mau das Holz nicht verwenden, so läßt man es liegen und fällt andcrcs. Angelorstct wurde bisher fast gar nicht; wo es geschah, hat das Weidevieh die Stämmchen längst wieder abgefressen. Dabei ist aber kein Hoden für die Waldkultur so geeignet wie der Palästinas, da er viel Kalkgehalt hat. Was bei einer sachgemäßen Anforstung hier im Lande zu erreichen ist, beweisen die schönen Baumbestände in den deutschen und jüdischen Ansicdlungen. Der vom Jüdischen Nationalfonds ins Leben gerufenen Baumspende ist die Bepflanzung ausgedehnter Landstrecken mit Oe!• und sonstigen Fruclithätimcii zu verdanken. Die Eingeborenen, die den Zukunftswert einer ordentlichen Waldwirtschaft nicht kennen, ziehen mm den Genuß sofortiger Erträge, so gering sie auch sein mögen, vor. Sic entwurzeln hundert• jährige Baume, um sic auf dem Markte als Brennholz loszusclilageii und sich so das tägliche Brot zu verschaffen. , , Die Folgender zunehmenden Ent Waldung machen sieh in großer Trockenheit bemerkbar, Die Land- Wirtschaft hat natürlich den Schaden davon, Ueregelte Waldwirtschaft und Wicdermifforxtung der abgeholzten Gegenden ist deshalb eine unbedingte Not- Wendigkeit. Zu diesem Zweck genügt cs nicht, daß einige Geset/e erlassen werden, die nachher niemand hält.’ Es müßte vielmehr für eine wirkliche Waldaiifsich! gesorgt werden. Auch müßte die Bewölkeruiig über die wirtschaftlichen Folgen der Waldver- Wüstung aufgeklärt werden. Zwei andere Maßnahmen wären zu treffen, um dem Hebel der Entwaldung Palästinas vorziibcugen: I. Wäre durch ein strenges Gesetz das Fällen jedes Enichtb.'iiuiies zu verbieten; 2. wäre an die schiennige Bildung einer Hrcimhol/.-lmport-Ocscliscliaft zu sehreiten. Diese Gesellschaft müßte durch Erniäßigimg der leider sehr bedeutenden Transporttarife Unterstützung finden. Im Sandscliak Jerusalem haben die Behörden hereäts Versuche gemacht, die Wiederbewalduug Pai.istinas allmählich dttrclizuführcii, Mau hat dort eine Pflaiizsclmle zum Zwecke der unentgeltlichen Verfeiliiug von Pflanzen geschaffen, weitere ähnliche Anstalten müßten vom Staate gegründet und gefördert werden. Seitens des Gouverneurs in Jerusalem wurden zwar die Abhebungen bereits verboten, aber zur wirksamen Ausführung dieser Maßnahmen und zugleich zur Ueberwaclumg der Anpflanzungen müßten staatliche Waldhüter ernannt werden. In den Hezirken Jaffa und Gaza gibt cs Dünen, die tausende von (,)iiadratmeteni bedecken. Diese Dünen will man vor allen Dingen zunächst einmal bewalden. Die Bewaldung würde die Eieberatmosphare dieser Gegendeu beseitigen mul dem Sandscliak das nötige Brennholz liefern. Man will den jüdischen Ko- I o n i s t c n in Uisclion le-Zion und anderen jüdischen Niederlassungen die Konzession zur Bewaldung der Dünen erteilen. Jaffaer Chronik ln den Monaten Februar und März wurde im hiesigen Hafen der größte Teil der diesjährigen ()rangenprodiiktioii des Landes nach England und anderen europäischen Absatzgebieten, sowie nach Arnerika und /tun Teil sogar nach Australien verladen. Zu Beginn des Monats Februar waren die erzielten!,reise in Liverpool, dem I fauntahsat/gehiet, sehr ungünstig; diese besserten sielt aber gegen Ende des Monats und während des Monats März, so daß gegen den Schluß sogar recht gute Preise bezahlt wurden, was einen sehr guten Einfluß auf den hiesigen Markt hatte. Die Exporteure kanten dadurch in die Lage, ihre bei Beginn der Saison ciiigcgangcncn Verpflichtungen zu erfüllen. Für die Oraiigciikistenfahrikation wurden bedeutende Holztmngeii cingeführt, so daß sehr große Vorräte vorhanden sind, von denen ein betrachtlieber Teil wohl erst in der nächsten Saison verarbeitet werden wird, Die Mclil/uftihrcit aus europäischen und tiirkisehen Häfen haben in Anbetracht der günstigen Aussiebten für eine gute Getreideernte sehr abgenoinincn, Da die Spütregcu rechtzeitig eiligetroffen sind, rechnet man auf eine sehr gute Getreideernte und somit auf ein recht reges Exportgeschah in Gerste nach England. Die eingetroffenen Spiitregen kommen auch den Sommersaaten, wie Sesam und Mais, sehr zustatten. Die Touristen- und Pilgersaison kann nach versehiedenen schlechten Jahren wieder als gut hezeichnet werden, was hauptsächlich für Jerusalem von größter Bedeutung ist. Bemerkenswert war die große Anzahl jüdischer Touristen aus allen Erdteilen, die am verflossenen Pcßach-Feste die Straßen von Jerusalem füllten, so daß die Hotels alle Ankömmlinge nicht bergen konnten und' viele von ihnen Privatquartiere aufsudten mußten. In letzter Zeit ist eine starke Abwanderung des arahiscli-läiidlicheii Elements nach Nord- und Südamerika zu verzeichnen. Nachdem in früheren Jahren die christliche Bevölkerung, und zwar lumptsächlich aus den Städten Bethlehem und dem henaeliharten Bedschaln, das Hauptkontingent stellte, folgen jetzt mich die mohammedanischen Lamileute aus der Umgebung von Jerusalem, Die, Ursache der starken gc~y!r bitten unsere Abonnenten bei Ldels1®p»tol €ul0 ₪13GiTJQ0S®13 der Rundschau an die neue Adresse bei dar zuständigen Postanstalt sofort zu beantragen Nur dann ist es möglieh, daß In der Zustellung des Blattes :: keine Unterbrechung eintrltt :: Jüdische Rundschau G.my. Berlin W15, Sächsischest!8 .־ Auswanderung ist der Mangel an geeigneter Beschältigung. Die Auswanderung der arabischen Bevölkermig findet ein gewisses Gegengewicht in der Zu- Wanderung des jüdischen Elements, doch vollzieht sich diese meist nach der Stadt Jaffa und den benachbarten jüdischen Kolonien, (Nach der ״Deutselten Levante-Zeitung",) Vom hebräischen Gymnasium in Jerusalem Seit fünf Jahren besieh! in Jerusalem ein von zionistischer Seite gegründetes (iyiniiasiuni mit aus- .schließlich hebräischer Unterrichtssprache. Die Anstillt umfaßt gegenwärtig vier Vorbercitungs- und sechs (iyinnasialklassen. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen belauft sich zurzeit auf etwa 150. Fast alle Schüler stammen aus Jerusalem. Ihre Eltern gehören den verschiedensten Jerusalemer jüdischen Gemeinden an: cs gibt unter ihnen Russen Und Polen, Spaniolen, Hucharcr, Grusiner, Jemeniten, Perser und Moghrehiner. Die Anstalt stellt durchaus auf dem Niveau einer europäischen höheren Schule. Die Lehrgegenstände sind: Geschichte, Geographie, Arithme* tik, Algebra und Geometrie, Naturgeschichte. Physik und Clicinie; Bibel, Talmud, jüdische Geschichte, hebräische Sprachlehre und Literaturgeschichte; Lngik und Psychologie; Französisch, Arabisch Türkisch und Latein (Deutsch ist fakultativer Unterriclitsgegeustand); Zeichnen, Gesang, Turnen und Handarbeit (für die Schülerinnen), Die Zahl der Lehrkräfte beträgt 16. Die meisten von ihnen haben ihre Studien an europäischen Universitäten beendet. Direktor des Gymnasiums ist Herr l)r. Salonton S c 11 i II e r. Der Jahresetat der Anstalt beträgt gegenwärtig etwa 40 000 Francs. Türkische Verwaltungsbeamte über die jüdische Kolonisation in Palästina In letzter Zeit hatten wir mehrfach Gelegenheit, Acußcrungen hoher Verwaltungsbeamter in Syrien und Palästina zu vernehmen, aus denen hcrvorgelit, daß man in Regierungskreiscn das zionistische Kolouisationswerk und seine Bedeutung für die Türkei zu würdigen weiß. Der Wali von Beirut besuchte dieser Tage S a f e d und die nahe jüdische Kolonie R o s c I! - P i n a 11. Er war über den herzliehen Empfang, der ihm von der jüdischen Bevölkerimg bereitet wurde, sehr erfreut. Mit besonderer Anerkennung äußerte er sich über die jüdische Schul- Jugend, die, nach seiner Ansicht, die jüdische Bevölkeruiig in der Türkei zu großen Hoffnungen berechtige. In einer Unterhaltung mit dem Leiter der zionistischen Bankfiliale (Auglo-Palestine Company) in Safcd, Herrn Karniol, drückte der Wali seine Freude über das segensreiche Wirken dieses Finaiizinstituts aus. Er besuchte auch das indische Krankenhaus in SafeiJ. Als die Reisegesellschaft jüdischer Studenten und Turner vor kurzem dem Kaim.ikam von Safcd einen Besuch abstattete, sagte dieser: ״Die Juden und die Moslims sind stammcsverwamlt und müssen immer llaiul in Hand gehen. Das Land bietet Raum genug und steht den Juden offen.“ In Judäa hatte die jüdische Kolonie Ri sc hon le-Zion Gelegenheit, den Jerusalemer Gouverneur, Magid Schcfkct Bcy, und den Kaimakam von Jaffa zu begrüßen. Der (louverneur kam in Heglei• timg seiner Gemahlin und seiner zwei Sühne. Die Gäste bcsiicblen die Anlagen, Pflanzungen und die Kellereien der Kolonie und unterhielten sieb bei einem Tee, der ihnen in den Btireaiiräumcii des Kellers gereicht wurde, über eine Stunde mit den älteren Kolonisten. Der Gouverneur versprach, in einem Monate für einen oder zwei Tage wiedcrzukoinmeii, da die Kolonie ihm sehr gut gefallen habe. Jüdisches Kunstgewerbe in Palästina Professor Boris S c 11 a t z., der Gründer und Leiter der jüdischen Kiinstgcwcrbcschiilc ״Bezalcl“ in Jerusalein, bat in einer Reihe amerikanischer Städte Ausstellungen der Erzeugnisse dieser Anstalt arrangiert. Die letzte Ausstellung des ״Bczalcl“ in Ainerika wurde am 15. April in der Clinton Hall in New York geschlossen. BezakT'-Auxstellimgen fanden ferner statt in New York in dein (großen Madison Square Garden, in Baltimore, Chicago, St, Louis und Cincinnati. Andere Städte konnten nicht mehr besucht werden, da zu viele Waren verkauft worden waren, und die Käufer die erworbenen Gegenstände der Ausstellung nicht länger überlassen wollten. Der finanzielle Erfolg der Ausstellung war ein sehr guter. In New York betrug die Bareiunahmc, ohne die Summe, die für Eintrittsgelder cingenonimen wurde, ungefähr 401)0 Doll,, in Baltimore (1000 Dollar, in St, Louis 2500 Doll., in Chicago 'J(KK) Doll, und in Cincinnati (1000 Doll. 1111 ganzen ungefähr 30 0(X) Doll. Der moralische Erfolg der Ausstellung war noch viel bedeutender. Viele, die früher nicht mit den zionistischen Bestrebungen sympathisiert haben, bewundern jetzt die Unternehmungen des Zionisimis in Palästina. Die ״Bczalcl" ־ Waren haben viele Kunstkenner lebhaft interessiert, und von vielen Kunsthändlern sind Bestellungen eingeiaufen. Professor Schatz hat cs verstanden, eine Anzahl amerikonischer Fabrikanten für Palästina zu interessieren, so daß sie es jetzt als Feld für industrielle Unternehmiingcfi betrachten. Die zionistische Föderation Amerikas hatte alle Vorbereitungen, die für die Ausstellungen nötig waren, getroffen. In einer Anzahl von Städten, wie in Baitimore und Cincinnati, haben «ich auch angesehene Nichtzionisten dem Komitee angcschlossen und ihm , wertvolle Dienste geleistet.