Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Seife 199 Depossedierungen Von Egon S. S i 11 g c r. Das Probien! des Kampfes ums tägliche Brot, 11 as die Leidenschaften auch des Fischblütigsten pro- \o/iert, kann von den unmittelbar Beteiligten da, wo es mit all seiner Brutalität und all seinen Schrecken auftritt, niemals objektiv gewürdigt werden. Wenn die Sorge um sein I laus, um seine Familie alle Gedanken und Kräfte des Menschen absorbiert, dann ist er nicht geneigt, zu philosophieren und den Mysterien des Problems als solchen nachm• hangen, ״ein — dann handelt er. Handelt aus den subjektivsten Empfindungen und unter dem zwingendsten Mull, das uns beherrschen kann. Und das ist gut so. Das ist gesunder, wirtschaftlicher Egoisimis, der die Quelle aller Wohlfahrt des einzelnen und - unter günstigen Umständen, von der Vcrmiiiit geleitet — auch der Gemeinschaft, des Staates ist. Alle sozialen Erhebungen, alle Errungenschaften der sozialen Partei basieren letzten Endes auf diesem Egoismus, nicht etwa auf rationalistischen Enviigungen kritischer Theoretiker, die hier nur darstellen und leiten, ,niemals aber im eigentlichen Sinne produktiv wirken können. Aber auch die objektive Darstellung des Problcms ist wichtig, die Erkenntnis der Motive, die cs Hervorrufen, notwendig zur dauernd erfolgreichen Beseitigung. Ihre! aus dieser Erwägung heraus liillt sich der neuerliche Judenboykott in Polen betrachten, nicht zum Zwecke unmittelbarer Abwehr — sie ist Sache der Beteiligten und der hinter ihnen stehenden Organisationen — sondern zur richtigen Ein- Schätzung vom Standpunkt des Geschichtsplnlosophen, des fruchtbar wirkenden jüdischen Politikers. Depossedierungen der Juden in einem gewissen Stadium des sie betreibenden Volkes sind alt, ebenso alt wie die Versuche, Juden ins Land zu rufen, da wo sich Städte, wo sieh Wohlstand und Kultur erst bilden sollen. Schon im spätrömischen Kaiserreich waren Juden die Kaufleute, die den Warenverkehr zwischen dem Osten und dem Westen des Reiches organisierten und leiteten; sie blieben in ihrer Stellung, als die Germanen sieh allmählich die Herrschaft über grolle Teile des römischen Reiches eroberten, ja sie wurden immer mehr als Kulturfaktoren ersten .Ranges geschätzt und geehrt. Zweifellos war ja die erste Zeit des germanischen Mittelalters eine Periode des Niederganges in Wirtschaftlieber und kultureller Hinsicht, wenn mau sie mit den voraugegaugeneu Jahrhunderten des römischen Imperiums vergleicht. Und da waren es eben die Juden, dank ihrer Handelstätigkeit, dank ihrer kulturellen I lohe, die alte Kulturclemcntc aufrecht erhielten, die Keime zu neuer Kultur verbreiteten und verpflanzten. Ihr Einfluß auf die Städlebildung war noch im späteren Mittelalter derart, daß der Bischof Rüdiger von Speyer im Jahre 1081 in seinem Judenprivilegiiim ganz offenkundig sagte: ״Da ich aus dem Flecken Speyer eine Stadt machen wollte — - — habe ich die Juden aufgeiiommcn,“ Durch ihren weitverbreiteten Handel lehrten sie das Volk JU EDI SCI 1_E R UN!)SCHAU die Knuden-, die Marktproduktion, ohne die das Zusammeiiwohnen einer großen Anzahl Menschen auf einem eng begrenzten Raum, wie es eben die Stadt darstellt, ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und das Beispiel Rüdigers von Speyer .stellt nicht vereinzelt da. Von Kaiser Heinrich iV. stammt ein allgemeines Jmlcnprivilcgiiim, und noch im Jahre 1252 sagte der Kölner Erzbischof: ,,Wir glauben, daß es nicht wenig zum Wohlstand uiui uns zur Ehre beitragen wird, wenn die Juden, welche sich uns anvertraucu uml in der I loffmmg auf unseren Schutz und unsere Gnade sich unserer Herrschaft unterwerfen wollen, auch wirklich dieses Sclmlzcs teilhaftig werden,‘' So sehen wir die Juden als wirtschaftlich und kulturell wertvollen F'aktor gewürdigt und geehrt bis etwa zmn Jahre 1:100. Da setzte eine autijüdischc Bewegung ein, der Tausende zum Opfer fielen. Wer nicht getötet wurde, den raubte man aus und vcrbannte ihn, mul er konnte von großem Glück sagen, wem! ihm gestattet wurde, sich in der Nähe einer Stadt wieder aimisiedeln. Denn bei all den mannigfaeheii Gewalttätigkeiten und Brutalitäten dieser Zeit tritt die eine Tendenz doch immer deutlich in den Vordergrund, die Juden den Städten und damit den städtischen Berufen fern zu halten. Die mannigfachen Schulden, die Private und Kommunen an jüdische Bankiers hatten, wurden von Königen und Fürsten für null und nichtig erklärt oder auf einen so geringen Prozentsatz reduziert, daß sie etnent vollkommenen Vemiügcnsvcrlustc ihrer Ausleiher gleichkaineii. Und warum geschah dies alles? Nun, die Annullierung der den Juden geschuldeten Gelder entspricht wohl in etwas der marxistischen Auffassung von der Entstehung des Zukuuflsstaates: Die Zahl der wirtschaitlieh Hilflosen war so groß geworden, daß sie sich zum gemeinsamen Vorgehen gegen die wirtschaftlich Starken mit der Aussicht auf Erfolg verbinden konnten. I )er Kampf, der sich nach marxistiselien Grundstä/en aber innerhalb wohlgeordneter Organisationen ohne Blutvergießen vollziehen sollte, ward liier von seiten der Schuldner mit brutalster Gewalt, dem ,Machtmittel der moralisch Inferioren, geführt. Einem anderen Motive aber entsprang die Vor* drüngung der Juden aus den Städten, im Laufe der Jahrhunderte hatte das Wirtsvolk — das man nach Zollschans Vorschlag wirklich mit mehr Recht ein Volk von Parasiten nennen müßte — doch von seinen Lehrmeistern soviel gelernt, um sie entbehren zu können. Dazu hatten die Kreiiz/iigc dieser Jahrhunderte internationale Handelsbeziehungen herangebildet, von denen die Juden eo ipso ausgeschlossen waren — man benötigte die durch Jahrhunderte geschätzten Lehrmeister im Augenblick nicht mehr, und man dankte ihnen — indem man sic dcposscdicrtc. Einige Jahrhunderte später — nach dem dreißigjährigen Kriege lag wieder einmal alle Kultur darnieder. Das blühende Handwerk, der Handel lag brach: was der Krieg nicht vernichtet und verbraucht hatte, das wurde von seinen Besitzern iingstlieh im Kasten aufbewahrt; niemand wagte sein Geld in wirtschaftlichen Unternehmungen gleichviel welcher Art auzulvgc». Da erschienen wieder die Juden, die »ach der Vertreibung aus den Städten die I iausimr auf dem Lande geworden waren. Scheu, , aber intensiv arbeitend, näherten sie sich anfangs den Kleinstädten, tun endlich auch ihre Vcrbindungen bis in die Großstädte wieder ausziidehnen, wo sie den Handel und das Gewerbe wieder entstehen ließen und von Kiilturwerten der dem Krieg vorangegangenen Periode zu retten und zu erhalten suchten, was eben noch zu retten war. — Analog ihrer Tätigkeit zur Zeit der beginnenden Germanenreiche. Seit jenen Tagen, also seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, ist es den westeuropäischen, speziell den deutschen Juden relativ gut gegangen. In der Kunst, in der Wissenschaft, in der Industrie, im Bankwesen sind sic die Führer — oder sind es bis vor ganz kurzer Zeit doch in besonderem Maße gewesen. Der aufmerksame Beobachter kann mich hier schon wieder einen Rückschritt erkennen: Die Namen der jüdischen Aufsichtsräte, der jüdischen Direktoren an den großen Aktiengesellschaften gehen zurück. Und es ist eine oberflächliche Wertung dieses Symptoms, wenn man sagt: ״Endlich überwindet die Aristokratie ihr Vorurteil, endlich sieht sie iin wirtschaftlichen Beruf eine standesgemäße Be- Schädigung.״ Das ist eine falsche Deutung: es ist eben einmal wieder die Zeit gekommen, wo der Schüler ausgclcrnt hat und wo er seinem Lehrer dankt dadurch, daß er ihn depossediert. Wir sehen also an Hand der Geschichte, daß derlei moderne Ausplünderungen der Juden ganz alter Herkunft sind, daß sie den Juden der Diaspora mit Naturnotwendigkeit von Zeit zu Zeit treffen, genau so, wie im Mittelalter, genau so wie wir es jetzt in Palen sehen: Sechs Jahrhunderte lang hatte der Pole als Ackerbauer gewirtschaftet, und der Jude, den man oft genug ins Land gelockt hatte, organisierte den I landel und betrieb das Gewerbe. Sechs Jahrhunderte lang hatte man, entsprechend der verschiedenen Kulturhöhe, stillschweigend in diesem Zustand die naturgemäße Arbeitsteilung erkannt und respektiert. Da plötzlich ließen landwirtschnftiiche Krisen und wachsende wirtschaftliche Erkenntnis den Bauern den Bereich und den Beruf der Stadt aufsuchen: Er sah eine Verbesserung seiner Lage in der Handelstätigkeit, die sich der Jude durch Generationen im Laufe von sechs Jahrhunderten aufgebaut hatte. Er ließ sich die Resultate intensiver Tätigkeit auf dem Gebiete des Handels genau erklären — und er dankte seinen Instrukteiiren, indem er sie boykottierte oder ihnen das Dach über dem Kopf anzündete. So geschchcn zu Pontncw im zweiten Dezennium des zwanzigsten Jahrhunderts! Die Materialisten lehren, daß die Taten eines Helden in der Geschichte und seine Ziele geboren werden aus den wirtschaftlichen Bedürfnissen seiner Zeit heraus. Die Juden habe״ einmal einen Helden geboren, ein Genie, dessen Arbeit heute noch wirkt: Das war Moses. Damals, als die Juden sich ihr Fand erwarben, in dem sie wirtschaften, in dem sie hart arbeiten wollten, da war der Mann da, der ihre etwas, was man jn der hebräischen Literatur noch nicht kennt. Das vorliegende Buch bedeutet den ersten umfassenden Versuch zu einer solchen, und ist deswegen seht willkommen, wenn es auch alle Mängel eines ersten Versuches hat. Es behandelt A. Mapu, M. J. Lebensohn, Juda L. Gordon, P. Smolenski, M. L. Lilienblum, R. A. Brandes, M. D. Brandstetter, M. Z. Manne, S. J. Abramowitz (M. Mocher Sforim), Achad Fiaam, Ch, N. Bialik, Jeh. Steinberg, M. S. Feuerberg. Es ist eigentlich nur eine Aneinanderfügung von einzelnen Monographien über diese Dichter und Deuker, die Rabensohn gibt, ein liieinamlerarbeitcn der einzelnen Richtungen und Strömungen ist nicht versucht, der Verfasser hielt dies, wie er selbst schreibt, für ״überflüssig“. Ebensowenig ist eine eingehende Würdigung der Stellung unserer neueren Literatur im und zum jüdischen Leben gegeben; cs bleibt beim einzelnen Dichter stehen, wie denn das Buch ohne weitere Einleitung mit den Worten beginnt: A. Mapu wurde 1808 geboren . . . Ein weiterer, besonders für deutschsprcchcndc Juden fühlbarer Mangel ist, daß schwerere Worte — das Buch ist ja für die Jugend gedacht — nur russisch erklärt .werden. Die beigegebenen Bilder der Literatoren sind so schlecht, daß sie besser wcggcblicbcn wären. Aber obzwar wir das Buch in manchem tadeln müssen, ist es uns doch als Nachschlagewerk und als Versuch einer Literaturgeschichte herzlich willkommen. Wenn unsere hebräischen Bücher mehr gekauft und mehr gelesen werden würden, könnten sie auch mehr bieten. Vorläufig sind die Zustände auf dem hebräischen Büchermärkte für das jüdische Volk beschämend. Wenn man die schwierigen Verhältnisse bedenkt, unter denen heute hebräische Bücher erscheinen, muß man dem Verfasser für das Geleistete nur dankbar sein. Prag• Hugo Bergmann. dem Mcnscheumateriat, das ihm zuströmt, den Edelstein zu machen, wie ihn unsere unendliche Liebe zu Erez Israel erträumt. Was ist an unserer jüdischen Geschichte nicht interessant und packend? Vielleicht das Ergreifendste erleben wir aber jetzt. Alle Probleme des öffentliehen Lebens, die man in den Staaten Europas entweder bereits gelöst hat oder in Ruhe in einem geordneten Staatsleben sich ausreifen lassen kann, stürmen in Palästina gleichzeitig auf uns ein und erheischen Stellungnahme, Erfassung, Lösung. In Palästina drängt sich eine völlig verschiedenartige Menge; extreme Freigeister und fanatische Chalukahjudcn, Anhänger der sozialistisch-anarchistisehen Theorien aus Rußland, und kapitalistischphilanthropische Juden aus -England oder Nordainerika; ihnen allen ist Erez Israel heilig, nur jedem in einer anderen Bedeutung, und alle wollen sie die Lösung der Fragen in ihrem Sinne sofort und restlos. . ln die Schwierigkeiten dieses gegenwärtigen Zu- Standes führt ,Goldmanns Buch, das die Frucht eines mehrmonatlichen Aufenthalts im Lande ist, in außerordentlich kluger und scharfsichtiger Weise ein. Das Buch ist voll von Subjektivismus; ״doch sag׳ ich nicht, daß das ein Felder sei“; Qbjektivitat ist etwas für ein Lebensalter, in welchem man auf eigene Mitarbeit Verzicht leisten will, und wer von uns jungen Zionisten will das tun gegenüber Palästina, das voll steckt der schwierigsten, der Entscheidung harrenden Probleme? Da taugt keine abwägende Objektivität. Werden wir #dle diese Fragen aber wirklich zu erörtern und zu lösen brauchen? Bringt uns Palästina nicht selbst von sich aus die Erfüllung in der ju״gen, jn den Kolonien geborenen Generation; aind diese herrlichen jungen Menschen, die gebaren wurden auf jüdischem Grund und Boden im jüdische״ Laude, und ganz ruhig und selbstverständlicli nichts weiter sind und sein wollen als jüdische Bauern, sind sie nicht Diener am Lichte unserer Befreiung und Verjüngung? Brauchen wir da noch zu suchen? Ich verweise auf die Schilderung, die Qoldmann von der Sabbathnacht in Rischon le-Zion gibt; wie liier das Brausen hoffender Jugend mit der liimmlischen Schönheit einer palästinensischen Vollmondnacht sich verbindet; wer von dieser Beschreibung nicht ergriffen wird, der vermag wohl kaum zu verstehen, wie wir Zionisten dem Schönsten dienen, was ein Menschenleben erfüllen kann, einer freien, freudigen Jugend im eigenen, freien Lande. 1111 Dienste dieser Idee ist Goldmanns Buch geschrieben, mit eigenen Gedanken erfüllt, die nicht jeder anzunclunen braucht, aber durchglüht von heiliger Liebe zu Erez Israel. Dr. S . . . n. Dr. M. Rabensohn: Geschichte der neuesten 11cbritischen Literatur von A. Mapu bis M. S. Feuerberg. Lehr- und Lesebuch für Haus und Schule. Mit Bildern der Schriftsteiler. Wilna, Verlag A. H. Rosenkranz und M. Schriftsetzer. 1913. 347 S. (Hebräisch.) Rubel 1.35. Merkwürdig genug: während die Kritiker aller Sprachen und Literaturen Juden sind, hat die hebräische Literatur keinen berufenen Kritiker, niemanden, der von einer Warte aus ständig das Werden des hebräischen Schrifttums verfolgen würde und ihm neue Wege wiese. Selbst in der führenden hebräischen Monatsschrift, dein Flaschiloach, erscheinen Kritiken und Würdigungen nur zufällig und ohne System. Und ebenso ist Literaturgeschichte 1