Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 198 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 19 Ein Vorschlag zur Umgestaltung der B. Z. V. Von Dr. Egon Rosenberg, 1, Vorsitzenden der B. Z. V. Die Ürgamsatioiisform der Herliner Zio• nistiscticn Vereinigung (B. Z. V.) ist beute noch dieselbe, wie sie vor zelin Jahren war. Aus dieser Tatsache allein kann man schlichen, daß die Organisation der B. Z. V. in verschiedenen!,unkten reformbedürftig sein muß. Die Entwicklung, sowohl die äußere, wie auch die innere Entwicklung unserer Bewegung, schafft Bedürfnisse, denen die alte Organisationsform der B. Z. V. nicht zu entsprechen vermag. Es kommt noch hinzu, daß unterdessen Berlin der Sitz der Leitung geworden ist, was bedingt, daß für die B. Z. V. ganz besondere Aufgaben erwachsen, die anderen OrtsgriipjHm nicht, oder nicht in demselben Maße, Zufällen, und andererseits erfüllt die Leitung der Organisation auch Aufgaben, die früher von der B. Z. V. geleistet wurden. Was zunächst als Mangel unserer Organisation auffhllt, ist eigentlich einer ihrer bedeutendsten Vorzüge. Die B. Z. V. ist sehr groß geworden. Diese erfreuliche Erscheinung bringt cs jedoch mit sich, daß in dieser großen B. Z. V. der Konnex zwischen den Mitgliedern und der Konnex /.wischen der Leitung und den Mitgliedern ein viel zu geringer ist. Dieser Konnex ist aber eines der wesentlichsten Momente in jeder Organisation. Die meisten unserer Mitglieder stehen im praktischen Leben und sind von den Aufgaben des Alltags reichlich in Anspruch genommen. Man kann von diesen nicht verlangen, daß sic aus sieh heraus die zionistischen Energien entwickeln, die wir von jedem unserer Mitglieder erwarten müssen, denn die Anregungen, die ihnen gelegentlich in großen, allgemeinen, mehr der Demonstration dienenden Vcranstaltungcn gegeben werden, sind zu gering und zu wenig nachhaltig. Wirksamer könnte ihnen mir der häufige Konnex mit Gleichgesinnten geben, und diesen Konnex zu schaffen, ist der B. Z, V, nicht möglich, solange sie nur eine sich über ganz Berlin erstreckende große Allgcmeiiiorganisation darstellt. Die kleinen Ortsgruppen haben cs darin besser. Dort macht der persönliche Zusammenhang der Mitglieder einen regen Austausch der Meinungen und vor allem den lebhaften Wunsch nach solchem Meinungsaustausch geltend. Dort ist auch, da die Aufgaben ja dieselben sind wie in unserer großen Organisation, jedem einzelnen inehr Gelegenheit gegeben, persönlich positiv mitzuarbeiteii. Dort kann auch ein gewisser gesellschaftlicher Zusammenhang der Zionisten bestellen und kann wieder Ausgangspunkt zur Anregung neuer Arbeit und zur Gewinnung neuer Mitglieder werden. In dieser Gegenüberstellung ist der Vorschlag, den ich hier den Berliner Gesinnungsgenossen unterbreite, im Prinzip schon enthalten. Dieser Vorschlag geht dahin, die Aufgaben der B. Z. V. zu teilen, einmal in allgemeine Aufgaben, die selbst- Die Emanzipation der Juden in Schleswig-Holstein von Rechtsanwalt Dr. Victor zu Wandsbek. Die Jahrhundertfeier der preußischen Judenemanzipation, die am 11. März 1912 so geräuschvoll begangen wurde, als wenn die preußischen Juden wirklich ״von der Knechtschaft in die Freiheit“ geführt wären, hat uns das große Geschichtswerk über jene immerhin bedeutungsvolle Zeit, das von verschicdcncn Seiten in Aussicht gestellt war, nicht geschenkt. Die Juden Schleswig-Holsteins, die erst am 14. Juli 1863 als letzte im Gebiete des jetzigen Königreichs Preußen die bürgerliche Gleichstellung erlangten, haben ihren Historiker gefunden. Der Verband der jüdischen Gemeinden Schlcswig-Holsteins, der jüngste und vielleicht eifrigste unserer Provinzialvcrbände, hat seinen verdienten Vorsitzenden Dr. Victor-Wandsbek mit der schwierigen Auf• gäbe betraut, eine Geschichte jener Emanzipation und der ihr vorausgegangenen Kämpfe zu schreiben. Mit einer liebevollen Hingabe an den reichen Stoff, der gründlich erschöpft ist, hat Victor diese Auf■ gäbe in der vorliegenden Schrift gelöst, Mit sorg■ faltiger kritischer Würdigung schildert er die lite•!,arischen Fehden und parlamentarischen Kämpf( . jener Zeit um die Judenfrage und zwingt durch sein« lebendige Darstellung, durch seine moderne jüdisch( Auffassung den Leser in den Bann seiner Oedanker und der Ereignisse von damals, Dabei kommt dett Autor allerdings die Geschichte selbst zu Hilfe. Wir wissen, daß die Geschichte des jüdische! Volkes im Galuth sich in ewigen Wicdcrholungei abwickelt, daß die Ereignisse in der Judenfrage verständlich zentralisiert sein müssen. Hierher ge* hört zunächst die allgemeine Propaganda, die durch Versendung von Flugblättern und Broschüren, durch Veranstaltung von großen öffentlichen Volksvcrsammhingen unternommen wird. Ferner die Einziehung und Verwaltung der Beitrüge und Unterhaltung des Bureaus, das alle technischen Aufgaben zu erledigen hat. Was darüber hinausgeht, muß in Sonder-Organisationeii geleistet werden, die vor allem die Möglichkeit haben, ihre Mitglieder straffer zusammen zu fassen und lebhafter an den Aufgaben zu interessieren, als es in einer so großen und allgemeinen Organisation, wie der B. Z. V. möglich ist. Zum Teil ist damit ja schon begonnen worden, indem die B. Z. V, ihre jugendlichen Mitglieder zu einer Sondcr-Organisation zusammengefaßt hat. Dieser Organisation gehört der Zionistische Jugend-Bund, die Stiideiiten-Organisatioiicn, wie Hasmonäa, die zionistischcn Mitglieder der des V. J. St., die russisehen und rumänischen Studenten-Vcrbindungen, die zionistischen Mitglieder der Turn- und Sport-Vereine Bar Kochba, Ifftus und Ivrla und der Herzl-Klub an. Auch eine Organisation der Frauen war geplant, ließ sich jedoch nicht in der Form machen, daß die Frauen-Vercinigiiiig als Untergruppe der B. Z. V. augehört, sondern sie bleibt als selbständige Organisation bestehen, die allerdings nur Schckclzahlcr aufnimmt, die sich jedoch weniger propagandistischen Aufgaben als rein kulturellen widmet. Die Neuorganisation würde sich nufbaucn auf den bereits bestehenden Uiiterorgnnisntioncn und der Schaffung von Bezlrksgruppcn, diese sollen die eigentliehen Träger des zionistischen Lehens in der Ortsgruppe sein, hier soll ein reger Zusammenhang zwischen den einzelnen Mitgliedern vorhanden sein, der sie gegenseitig zur zionistischen Arbeit anregt und anfeuert. Der wichtigste Teil der Propaganda, das sind die kleinen Bezirksvcrsammlungen, wird den Bezirksgruppen anvertraut sein. Vielmehr als in den großen Massendemonstrations-Versammlungen ist es kleinen, verhältnismäßig engen Zirkeln möglich, wirksame Propagaiula zu treiben. Denn bei den großen Massenversammlungen, die auf äußere Wirkung zugcschnittcn sind, geht es kriegcrisch her und mancher, der seine Einwändc gegen unsere Idee in einer kleinen Versammlung ohne Scheu Vorbringen würde und den eine sachliche Antwort dann vielleicht unserer Bewegung näherbringen könnte, wird sielt scheuen, in der großen Versammlung sich der Gefahr einer glänzenden Abfuhr auszusetzen, die ilint mit Recht ^׳utcil werden muß. Aber auch das Publikum, das wir in solchen kleinen Versammlungen haben würden, wäre von vornherein geeigneter für die Agitation als es das, durch Plakate und Annoncen in die großen Versammlungen gezogene ist, bet dem meistens die Sensationslust größer ist, als das wirkliche Interesse an den! Austausch der Meinungen. Wenn die Bezirksgruppen eine Versammlung veranstaltcn, dann muß natürlich jedes Mitglied der Gruppe die ihm geeignet erscheinenden Leute zur i '!"■"■"י L LJ.".".!1 » ■ין חוו ■WM —— II .ווו■ die sich bei allen Völkern zu den verschiedensten Zeiten und an den verschiedensten Orten abspiclcn, nur mannigfache Formen und Gestaltungen der gleichen Entwicklung sind. Und doch gewährt es einen besonderen Reiz, wenn man wieder eine zufällige Seite des großen Buches der Geschichte aufschlägt und darin die Bestätigung dieser Wahrheit findet. Wenn der liberale Führer Lock in der Stände- Versammlung von 1835 sagte, das Parlament müsse sich eist mit der allgemeinen Lage des Landes befassen und nicht mit den ״mosaischen Glaubensgenossen“ beginnen, so erinnert das wohl an den gegenwärtigen rumänischen Ministerpräsidenten, der auch mit den Wohltaten seines Liberalismus alle eher beglücken will als die Juden. Wenn der Dichter Gutzkow 1811 zwar schreibt, die Emanzipalion der Juden sei als Prinzip unter den Gebildeten schon längst entschieden, wenn er aber doch das ״Vorurteil“ für begründet hält, das sie ihnen praktisch versagt, so wird man — mutatis rnutandis — viele Parallelen hierzu in den Eiertänzen finden, die moderne liberale Politiker aufführen, um ihre judengegnerische praktische Haltung mit ihren Prinzipien in Einklang zu bringen. Die Herren vom antizionistischcn Komitee werden In den Quellen jener Zeit schon sehr vieles finden, was ihnen heut noch als Nahrung dient. Allerdings mit einem großen Unterschiede. Damals fand man ihre Anschauungen noch nicht bei den Juden, sondern nur bei den Judengegnern. Die Juden bildeten unter Führung von Steinheim1 und Riesser eine geschlossene Phalanz. Darin liegt gerade das Erhebende jener Zeit, daß die Juden Schleswig-Holsteins ״in zähem1 Kampfe Schritt für Schritt ihre Position gebessert haben, ohne auch nur ein Tüpfelchen ihrer Eigenart aufzugeben oder den Judenfeinden Konzessionen zu machen." Die Emanzipation ist Ihnen nicht als Preis für die Einladung empfehlen und man wird dann von vorn, herein weit empfänglichere Zuhörer versammeln. Auch die Beschäftigung mit inneren zionistischen Problemen ist in den kleineren Bezirksgruppen leichter und mit größerem Erfolge möglich. Der Zusammenhang der Mitglieder wird auch den Wunsch nach solcher Betätigung lebhafter gestalten, weil hier wieder die persönlichen Beziehungen die Möglichkeit gegenseitiger Anregung gewähren. Natürlich wird man dieses Arbeitsgebiet nicht immer und ausschließlich den Bezirksgruppen vorbehalten. Aus einer gewissen Ockonomic der Kräfte wird man sich gezwungen sehen, Vortragszyklen für mehrere Oruppcn gemeinsam oder für die allgemeine Ortsgruppe cinzurichtcn. Aber wo es immer möglich ist, den Kreis um den Vortragenden enger zu schließen, sollte man es nicht versäumen. In den Bezirksgruppen kann auch das entstehen, was in der allgc'mcincn B. Z. V. von vielen mit Bedauern verinißt wird, ein zionistisches Gesellschaftsleben. Es braucht weiter nicht ausgeführt zu werden, von welchem Wert ein gesellschaftlicher Zusammenschluß der Zionisten für die gegenseitige Anregung zur zionistischen Arbeit und für die Gewinnung neuer Mitglieder wäre. Die mannigfachen Aufgaben, die sich den Bezirksgruppen bieten, erfordern natürlich viel mehr Kräfte als jetzt sich mit den Aufgaben beschäftigen, die gegenwärtig von der B. Z, V. ausgeführt werden. Solche Arbeitskräfte sind aber vorhanden und müssen nur zur Arbeit herangezogen werden. Man müßte geeigneten Persönlichkeiten Arbeitsgebiete einrüumcn, und es ist dann kein Zweifel, (lall sich für diese Arbeiten geeignete Kräfte finden werden. Dem muß bei der Organisation der Bezirksgruppen Rechnung getragen werden. Sic müssen, wie eine Ortsgruppe, selbständig organisiert sein, mit einem eigenen Vorstand, der die Geschäfte leitet und der die den Bezirksgruppen zugewiesenen Aufgaben erfüllt. Natürlich darf unter der Schaffung der Bezirksgruppen nicht die Gesamtorganisation der B. Z. V. leiden. Vor allem muß dafür gesorgt werden, daß sie, von welchen Faktoren sie auch zu erfüllen seien, einlieitlich ausgeführt werden. Dies läßt sich erreichen, wenn 'man den Vorstand der B. Z. V. so zusammensetzt, daß er aus fünf bis sieben Mitgdiedern besteht, welche sich ausschließlich der Arbeit der Zentrale zu widmen haben und außerdem muß jede der Bezirks- und sonstigen Untergruppen durch ein Mitglied im Vorstand vertreten sein, der gemeinsam alle Angelegcnhciten berät. Die Vorschläge, die hier unterbreitet werden, sind kein absolut feststehendes Programm, sie lassen sich, wie mir selbst bewußt ist, in mancher Beziehung abändern und es kommt auf Einzelheiten auch nicht an. Das Prinzip der Zentralisierung der Aufgaben und der Dezentralisierung.der Ausführung soll bei der Organisation der B. Z. V. berücksichtigt sein. Wir werden demnächst Gelegenheit haben, in einer Mitglicder-Versammlung diese Vorschläge zu besprechen. Assimilation gewährt worden. Darauf können sie mit Recht stolz sein. Die Lektüre der Schrift, die jenen Emanzipationskanipf auf Grund reichlichen Quellenmaterials schildert, sei allen denen angelegentlichst empfohlen, die für die staatsbürgerliche Stellung der Juden Sinn und Verständnis haben. Sic wird ihnen eine reiche Vermehrung ihres Wissens und damit eine Stärkung im weiteren Kampfe bringen. Posen. MaxKollenscher. Erez Israel (Reisebriefe aus Palästina von Nachum Goldman n.) fm Frühjahr 1913 durchwanderte eine Schar junger nationaljiidisclicr Studenten und Turner Palästina von Süden nach Norden, in freier, ungebundener Wanderlust, mit Rucksack und Wanderstab. Während diese begeisterte Jugend hoffnungsfroher Zukunft voll an Land ging, betrat gleichzeitig eine Schar alter, gedrücktcr, kranker Ostjuden den Boden Palästinas, die jeden Zukunftstraum ausgeträumt hatten und weiter nichts suchten als ein Grab im Lande der Väter. An diese Episode mußte ich immer denken; wie diese zwei Typen desselben Volkes auseinandergerissen sind durch das Elend des Galuthlebens, als Ich mit freudigem Interesse Goldmanns Buch ״Erez Israel" durchlas. Das Zwiespältige, das Unausgeglichene, das dort in Palästina unter unseren Augen mit tausend Schwierigkeiten ringt, um etwas Anderes und Natürlicheres aus sich heraus zu werden, das gewinnt in Qoldmanns Buch Farbe und Leben; wir begreifen, wie unendlich schwer es sein muß, aus dem Lande mit