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Jüdische Rundschau · 1914-04-24 · Heft 17 (24.4.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 17 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 177 Unsere Wege kreuzen sieh nicht, wozu sollten ■wir Federstriche kreuzen? Sie werden gute Broschüren schreiben über alle möglichen Menschheitsfragen, meinetwegen auch über die jüdische Vergangenheit und die jüdische (regen wart. Die jüdische Z u k u 11 ft, an der Sie gar nicht interessiert sind und nicht teilhaben werden, die überlassen Sie ,uns. Sie kennen ja wohl unsere Peilachliaggadah? Sie erinnern sich wohl gar auch, wie der ״Bösewicht‘* fragt: ״Was soll Huch dieser Dienst?“ Und Sie wissen auch, was man ihm antwortet? K. St.-München. Zionismus und Orthodoxie Von Salo S i 1 b c r 11t a n n Herr Hugo Mcrrmann veröffentlichte am 20.. März, einen Beitrag zu dem Thema: Zionismus 1 11ml Religion, betitelt ״Makkabäerfest“, worin die Stellung des Zionismus zur Orthodoxie und Hingekehrt besprochen wurde. Bevor ich auf den eigentliehen Inhalt meiner Erwiderung eingehe, betone ich ausdrücklich, dal) ich mit den dort ausgesprochenen Ansichten durch jus sympathisiere lind im allgemeinen tibercinstimim■. Wenn ich trotzdem zu einer Frwideruug Veranlassung finde, so geschieht liies in, der Voraussetzung, dalt es mir gelingen wird, zu zeigen, aus welchen Gründen die Orthodoxie den Zionismus bekämpft. Die Darstellung des liberalen Judentums durch Herrn Herriminn wird jedermann, der mit der Oeschichte vertraut ist, unterschreiben können. Und nicht minder, was über die Gründer der Reform und über den heutigen Liberalismus gesagt wird. Ich kann es daher sehr wohl verstehen, dalt mau vor einigen Jahren in Berlin Veranlassung hatte, eine Organisation zu gründen, in welcher sieh Angehörige aller Partcirichtungcn, ״Liberale“ wie ״Orthodoxe*“ zusammenfunden (der Nene Jüdische Gcmcindevercin), um der Lntfrenulung vom Judentum nach Kräften entgegenzuwirken. Herr Herrmann beklagt sich nun darüber, dalt die Orthodoxie den Zionismus bekämpft, während das umgekehrt nicht der Lall sei. Ferner beiltt cs, die Orthodoxie werfe, mit einem Schein von Recht, dem Zionismus vor, dal) die Mehrzahl der Zionisten die religiöse Tradition nicht pflegen. In den angeführten kurzen Sätzen ist die eigentliehe Begründung, weshalb die Orthodoxie den Zionismtis bekämpft, schon enthalten. Der Zionismus gibt zu, dal) die Mehrzahl der westlichen Zionisten die religiöse Tradition nicht pflegt, und ferner, da() der westliche Zionismus aus dem Liberalismus entstanden ist (das letztere kann dem Zionismus in jedem Falle nur zur höchsten Ehre gereichen). Die Wurzel des Debets ist wohl hauptsächlich darin zu suchen, dal) der Zionismus an dem allerdings noch immer gutzumachemicn Fehler krankt, dal), ganz hesonders im Osten, viel zu wenig auf die Ligenart des Judentums Rücksicht genommen wird. Die zionistische Propaganda des Zionismus ist überwiegend nur von liberalen und freideukeiulen Personen geführt worden. ‘ Wahrscheinlich gab es keinen auderen Ausweg, da sich innerhalb der Orthodoxie nicht genügend Anhänger gefunden haben dürften, um für den Zionismus zu werben. Und wenn sieh nun auch die persönlich freidenkenden Redner des Zionismus die größte Mühe geben, ihre Vorträge und die sonstige Propaganda in durchaus sachlicher Weise nnz.ulegen, so ist dies in sehr vielen Fällen selbst beim besten Willen nicht ohne weiteres durchfühlbar. Ls ist daher unvermeidlich, dal), bei dev verschiedenartigen Veranlagung der Menschen, auch bei den betreffenden Rednern sehr oft und unwillkürlieh eine gewisse Neigung vorhanden sein wird, von der religiösen Tradition abzuleiikcii, die ganz besonders dort nachteilig wirken mul), wo noch ein großer Teil des Judentums der Orthodoxie angehört. Die Allgemeinheit des Judentums ist leider über Ziel und Zweck des Zionismus noch nicht genügend unterrichtet. Sehr oft muß man die Lrfahrung machen, daß über das wahre Wesen des Zionismus eine in jeder Hinsicht falsche Auflassung vorhanden ist. Um! nun dem Ucbel nach Möglichkeit abzuhelfen, wäre es im Interesse der Orthodoxie und des Zionismus sicher erwünscht, wenn die zionistische Zentrale und die zionistischen Ortsgruppen mehr als bisher dafür Sorge tragen wölben, daß sich in Rußland, Russisch- Polen, Galizien und in manchen Gegenden Deutschlands, mithin in allen Ländern, in denen noch eine zahlreiche Orthodoxie vorhanden ist, auch solche Personen der Propaganda annehineii, die dieser Parteirichtung angeboren. Ls würde dadurch vermieden werden, daß ein großer Teil des Judentums von der absurden einseitigen Auffassung beherrscht ist, dal) der Zionismus die religiöse Tradition verwirft. Wenn auch diese Zeilen nicht im Aufträge einer Gesamtheit geschrieben sind, so glaube ich dennoch, dal) mir eine ansehnliche Zahl orthodoxer Juden und auch der Zionisten bcipfliehteti W'crden. Zweifellos hat die Orthodoxie in sehr vielen Fällen Veranlassung, dem Zionismus hilfreich zur Seite zu stehen, und dort, wo es nicht erforderlich ist, strikte Neutralität zu wahren. Die einsichtige Orthodoxie wird sielt dessen sicher bewußt sein; wenn ich nicht irre, ist noch vor kurzer Zeit von derselben liervorgchoben worden, daß der Zionismus eine ans Begeisterung hervorgegangene und von hohem Idealismus entfachte Bewegung ist. Der Höhepunkt Die Herren vom antizionistischen Komitee und ihre tüchtigen Anhänger prüfen jede jüdische Angelegcnhcit allein von dem Standpunkt aus: Was wertleu die anderen dazu sagen? Die Frage; ״Was werden die Juden dazu sagen?“ taucht niemals auf. Wozu auch? Das jüdische Gefühl erschöpft sieh ja darin, nur ja nicht aufzttfalleu, positive jüdische Interessen - abgesehen von der Wohltätigkeit und der Gemeindeverwaltung ■ kommen ja gar nicht in Betracht. Was für diese Wächter des Judentums als erlaubt gilt, darüber belehrt uns Herr Ludwig Fulda, der sich in einem Feuilleton über seine amerikanische Reise im ״Berliner Tageblatt“ vom <). April ll)14 folgende Stilblüte gestattet hat: ״Als ich nach fünfwöchiger Rundreise in New York wieder eintraf, rüstete mau sich dort zum Wcihuaclitsfest. Und der Siegcszttg der deutschen Kultur in den Vereinigten Staaten, den ich allenthalben hatte beobachten können, wurde mir dort noch einmal in einem (rauten Simtbilue bestätigt. Der deutsche Liclitcrbaiun nämlich hat nicht nur allmählich die I iätiser im ganzen Lande erobert, sondern ist auch zu offiziellen Ehren gelangt. Die Stadt New York läßt neuerdings alljährlich die größte Tanne des Staates fällen, pflanzt sie auf dem Madison Square auf, schmückt sie und versieht sie von oben bi« unten mit elektrischen Kerzen, Gern hätte ich noch unter diesem mächtigen Weihnachtsbaum das amerikanischc Volk sielt freiten sehen. Dennoch bereue I -- — — - - - ich es nicht, daß mich just am Heiligen Abend die alte Heimat zurtickcmpfiiig. Der Baum, der dort angeziindet auf mich wartete, war gegen den auf dem Madison Square geradezu winzig. Auch freute sich nicht ein ganzes Volk darunter, sondern bloß eip kleiner Junge; nur daß es zufällig der meine war.“ Mau stelle sich vor, ein jüdisch empfindender Mitarbeiter des B. T, würde über seinen Chanukahleuchtcr so schreiben - - wollen, der Parität wegen. Das wäre im Berliner Tageblatt undenkbar: aber daß ein Jtitle so — naiv sein Judentum vergißt und treuherzig vor aller Oeffentlichkeit christliche (jebräuehe übt, und daß das B. T. dies seinen jüdiselten Lesern kaltblütig Bietet tind daß die jüdischen Leser das gar nicht merken, das sollte eigentlich das Höchste sein. Aber es ist noch nicht die Höhe. In dem Leitartikel des ü. T. vom 10. April 1011, Verfasser: Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm- Gedäehtniskirehc, Nithak - Stalin, steht noch ganz etwas anderes. Der Artikel heißt^Karfreitag“. Und in diesem Artikel heißt es; ״Der Justizmord von Jerusalem ist ein loderndes Fanal, das warnend durch die Geschichte leuchtet: Wehe der Ungerechtigkeit.“ Drei Zeilen weiter werden als die Richter Jesu von Nazareth die höchsten Autoritäten in Staat und Religion bczeichnet. Damit nur ja niemand glaube, die Römer seien es gewesen, die diesen Mord begingen. Und auch das lassen sicli die Juden bieten. Es ist merkwürdig: vor dem Antisemitismus, den die Zionisten verursachen könnten, fürchtet man sich so, dalt man seitengroße Annoncen in die Welt setzt, und den Antisemitismus von heute, der schon da ist, den schluckt mau herunter, ohne ihn übelzunehmen. Königshütte. Rechtsanwalt Lachmann. Berliner jüdisches Schulwesen ln Nr. 3 des ״Gcmcindcblattcs“ gibt die jüdische Gemeinde Berlin eine zusamiuenfasscudc Ucbcrsicht über die Wirksamkeit ihrer Schulverwaltung während der letzten tlrei Jahre. Wir entnehmen dem Artikel folgende Ausführungen: , ״In erster Reihe ist ’ hier des Religions- Unterrichts zu gedenken. Auch in der Berichtszcit ist an dessen Aushau weiter gearbeitet worden. Zunächst sind zwei neue Religionsschulen errichtet worden, die 11. in Neukölln, die 12. in den Räumen der Knabenschule, Orolic Hamburger Straße 27. Die Einrichtung einer (icmeindereligionsschule in Neukölln war durch das Wachstum der dortigeu jüdischen Bevölkerung geboten. Mit der Einrichtung der 12. Rcligionsschtilc ist gleichzeitig zum erstenmal der Versuch mit einer Gemeinde-Unterrichtsaustnlt lediglich für die hebräischen Disziplinen gemacht worden. Das Bedürfnis für eine solche schien deshalb gegeben, weil die meisten jüdischen Vorschulkinder Berlins den Rcligionsunterrieht mit Ausschluß des Hebräischen in der Volksschule selbst erhalten *) und für sie demzufolge nur ein Erg änzungs unterricht im Hebräischen notwendig ist. Die Schulverwaltung war auch überzeugt, gerade in jener Gegend den Wünschen vieler Eltern entgegenzukommen, wenn sie ihnen Gelegenheit böte, ihren Kindern eine Ausbildung in den hebräischen Disziplinen angedeihen zu lassen, die über dasjenige Wissensmaß hinausgeht, welches unsere Religionsschulen sonst dar/.ubicten imstande sind. Besondere Schwierigkeiten macht die unterrichtliehe Versorgung der Kinder in denjenigen Vororten, wo ihre Zahl zu klein ist, um die Errichtung einer *1 Das heißt wohl christlichen? (D. Red.) Die Erzählung behandelt dasselbe Iheina, das Tolstoi in seinem nachgelassenen ״Lebenden Leichnam“, und das neulich Herbert Eulenberg in ״Belinde“ auf die Bretter geführt hat. Ein Totgeglaubter kehrt nach Jahr und Lag zurück und erfühlt, daß seine Trau, als Witwe, wieder verheiratet ist. z\m nächsten Morgen soll die Beschneidung ihres Erstgeborenen stattfinden (nachdem ihre erste Ehe kinderlos geblieben ist). Um ihr Glück nicht zu stören, flüchtet er aus der Heimat, lebt einsam, traurig, meidet die Menschen und das Leben, bis er am gebrochenen Herzen stirbt. Zwei Welten sind es. Während der verbummelte Tolstoisclie Held nur sein eigenes zerstörtes Glück betrauert, tritt ■bei dem frommen gottcsfürchtigeu Juden das bohrende Bewußtsein hervor, ein ehrbares Paar in die Sünde gestürzt zu haben, und durch sein jetziges Schweigen wird das sündige Zusammenleben■ noch weitergeführt. Die natürliche naive Liebe zu seiner Frau erlaubt ihm aber nicht, sie mit ihrem zweiten Manne dem Unglück und der Schande preiszugeben. Der moderne Europäer führt Selbst die Losung herbei, er greift aktiv ein. Ein Schuß befreit ihn und seine Frau. Nicht so der Gläubige. Ihm ist auch der Gedanke an Selbstmord ebenso eine Sünde — Gott ist gerecht und seine Wege, er weiß was er tut, und alles ist zum Besten des Menschen — er kann nur resigniert den erlösenden Tod erwarten und ihn durch Psalmen und Gebete herbeirufen. Dem Inhalte entspricht auch die eigenartige Form. Eine der wenigen volkstümlichen Erzählungen der hebräischen Literatur. Die Sprache ist klassisch mul überall im Stile der alten gottcsfürchtigeu rabhinischen Schriftsteller gehalten. Kunstvoll operiert der junge Erzähler mit Zitaten aus der Bibel und den Erbauungssehriftcn, volkstümlichen Erzählungen und Wendungen, streut ethische Tiraden und nioraliselie Sentenzen aus, daß man einen alten jüdischen Abraham a Santa Clara oder Mendele Moehcr Sforim als Verfasser sich denken kann. Aber nicht nur stilistisch steht Agnon hier dem Altmeister nahe, auch in psychologischer Empfindung, feiner Bcohachttmgsgabe, ethischer Schilderung und Volkskenntnis erinnert er an ihn. Mit einigen Worten, wenigen Strichen, zeichnet er lebende, echte Bilder, schildert mit besonderer Feinheit tiefempfundene, eigenartige Seeicnzustünde. Ueherall epische Ruhe, die doch von Wärme und Gefühl durchdrungen ist. Es ist zu erwarten, daß der junge Erzähler,, dessen Talent von Brenner entdeckt wurde und sich auf dem Boden Palästinas entwickelt hat, in seinen weiteren Schöpfungen uns weniger das welke Galuth und mehr das werdende frische Leben in Palästina schildern wird. M. J a r d e n i. * Heinrich von Kleists Werke, in sechs Teilen. Herausgegeben, mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Professor Dr. Hermann (iilovv, Dr. Willy Atantliev und Dr. Wilhelm Waetzoldt. Mit einer Biographie von Dr. Adolf Wilbrandt. (10 1d e ne K I a s s i h e r -B i b I i o t h e k. Deutsches Verlagshaus Bong & Co. In der vorliegenden Ausgabe der rühmliehst hekannten Goldenen ■Klassiker-Bibliothek kommt die erst in jüngerer Zeit voll gewürdigte Tätigkeit, die Kleist als politischer Journalist in jener schicksalsschweren Periode entfaltet hat, zu ihrem vollen Recht, indem die Herausgeber alle irgendwie bedeutenden Aufsätze dargeboten haben. Die Dichtungen Kleists, die erst durch die netteren Forschungen aus langjähriger Entstellung befreit werden mußten, werden hier in der jetzt gesicherten reinen Fassung und in ihrem vollen Umfange vorgclcgt. Dazu wird von den Briefen eine so reichliche Auswahl gegeben, dal) mit ihrer Hilfe Kleists Leben von Katastrophe zu Katastrophe" verfolgt werden kann. Aus der Hempelschen Ausgabe wurde Adolf Wilbrandts berühmtes, mit dem intuitiven Verständnis des Dichters gezeichnetes Lebensbild herübergenommen und sachliche Berichtigungen, die inzwischen neuere Forschung notwendig gemacht hat, in Anmerkungen hinzugefügt. Die Bände sind geschmückt mit einer Wiedergabe des einzigen beglaubigten Klcistbiides von Krüger, sowie den interessanten Faksimilebcilagen eines Briefes und eines Gedichtes. Da trotz der vortrefflichen Ausstattung der Preis für zwei stattliehe Leinenbände nur 3.50 Mark beträgt, so dürfen wir hier eine wirkliche Volksausgabe von ]Geists Werken begrüßen. 1

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