Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 176 IUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 17 Gesetzt mm den Palt, cs wäre gelungen, die Lösung■ der Judenfrage durch den Zionismus als immöglich zu erweisen, daun wiirc doch die logische und tatsächliche Folge noch keineswegs, daß das Judentum durch die Assimilation zerstört werden müsse. Das ist das Merkwürdige an der Schrift: erst diskutiert sie lange, warum ein bestimmter Vorsuch, das Judentum durch Reorganisation und Regeneration zu erhalten, scheitern müsse, und schließlieh erklärt sie, daß sic auf seine Erhaltung gar keinen Wert lege, sic sogar nicht einmal wünsche. Wem aber schon sowieso nichts an der Lrhaltung des Judentums liegt, der bedarf der Ratschläge nicht mehr; und wer sich für ein lebendiges Judentum cinsetzt, der wird doch mit einem Zerstörung»• program m nichts anfangen können, sondern andere Mittel der Lrhaltung suchen, wenn er den Zionismus für utopisch hält. Daß der Zionismus eine Utopie sei, wird vornchmlich durch Rückschlüsse von zukünftigen Lreignissen bewiesen, die sich — zu diesem Zwecke die Verfasser vorher in Gedanken ausmalen. Die Verfasser konstatieren, daß die zionistische Lösung der Judenfrage großen Schwierigkeiten begegnet; sie halten diese Schwierigkeiten sogar für so groß, daß sie die l Inmöglichkeit, sie zu belieben, prophezeien Zu dürfen glaubten. Darum empfehlen sie den assimilatorischen Weg zur Lösung des l’roblems, Zugleich aber erkennen sie rückhaltslos an, daß er für die c 111 s c h e i d e 11 d c M a j o r i t ä t des jiidischcnVolks, das osteuropäische ״Proletariat“, gar keine Lüsung bedeute. Aber den paar westeuropäischen Juden, an die bei der Diskussion ihrer numerischen Schwäche wegen erst in zweiter Reihe zu denken ist, denen könnte, meinen die Verfasser, auf ihre Weise geholfen werden. Und von dieser geringen Anzahl sind noch alle die abzurechnen, die als Zionisten und Nationaljudeu, als Orthodoxe oder sonst positiv gerichtete Juden für das Programm der Assimilation schon nicht in Frage kommen. Da die Verfasser selbst ausdrücklich erklären, daß die Assimilation für den Kern des jüdischen Volkes im Osten die Lösung der Judenfrage nicht bedeuten könne, werden sie vermutlich einverstanden sein, wenn ich ,,auch“ die Assimilation als einen utopischen Lösungsversuch des Problems bezeichne. Und bei dieser Alternative: ״Zionismusutopie Assimilationsutopie“, empfehlen die Verfasser nicht ohne praktischen Verstand dein einzelnen, dem lästigen Problem einfach aus dem Wege zu gelten, indem er sieh für seine Person ״assimiliert“ und sein Geschick von der Menge derer trennt, für die das Problem überhaupt von ernstlichem Interesse ist. Wir glauben an die Zukunft und die Lrhaltung unseres Volkes, weil wir in der Geschichte nicht bloß ein Spiel der miteinander ringenden Wirtschaftsgruppen und der Intrigen geschickter Staatsmänner sehen wie die Herren Landauer und Weil (S. 28 ff,), sondern weil wir jede moralische Macht als erlieblicher und fester gegründet anschen, als eine auch größere wirtschaftliche; und die 11111׳ ralische Macht gerade zeichnet unsere zionistische Bewegung aus. Ls genügt darum nicht, nachzuwciscn, daß der Weg, den der Zionismus gehen will, nicht praktisch und nicht opportun sei. Um für den assimilatorischen Schlachtplan zu erwärmen, genügt der Nachweis allein nicht, daß sein Schlachtfeld ebener und seine Armee von Vcrstaiidesargumenten stärker sei. Das ist der Grund, warum man bei der Lektüre der kleinen Schrift höchstens eine leise, verständlich formale Befriedigung empfindet: sic behandelt den Zionismus als einen Lösungsversuch zur Judenfragc, kritisiert ihn mit viel Fleiß und Verstand und stellt dann ein Gegenprogramui auf, von dem sie selbst sagen muß, daß cs seine Aufgabe nicht erfülle. Und um diesen harmlosen Nachweis zu führen, verfahren die Verfasser mit anerkennenswerter wissensehaftlieher Gründlichkeit. So beginnen sic mit der Begründung des Zionismus durch die Rassentheorie. Mit dankenswerter Offenheit erklären sie zugleich, daß übrigens der Zionismus selbst den gedanklichen Zusammenhang mit der Rassentheorie durchaus ablehne, und daß seine Wortführer von Anfang an dieselbe 11 i e nt a I s zur Begründung ihrer Darlegungen herangezogen hätten. Dagegen betonen sie mit Recht, daß die Antisemiten das sehr häufig tun. Ich beglückwünsehc Sie, meine Herren, zu diesem Sieg über unsre gemeinsamen Feinde! Die tatsächlich vorhandenen Verschiedenheiten zwischen Juden und Nichtjuden spielen für die Verfasser und ihre Assimilatioiisplänc keine Rolle. Sic bestreiten nicht geradezu ihre Existenz - - das geht nicht —, aber sonst ist alles einfach und schön, wie die Logik selbst: wir wollen uns ״assimilieren'', d. h, unsere Eigenart aufgeben - natürlich, weit wir sie für schlechter halten als die der anderen. Zu diesem Belnif müssen wir Mischehen schließen. Man muß den Verfassern zugestehen, daß sie ihr Programm ernst nehmen. Ist die Mischehe nötig ״~ nun denn die Mischehe! Wir anderen Juden, und darin werden mir gewiß viele durchaus nichtzionistisch Gesinnte zustimmeu, fühlen uns immerhin, auch wenn wir uns nicht als die Krone der Schöpfung betrachten, immer noch sehr respektabel in unserer jüdischen Ligenart. Und mir für meine Person scheint es ungerecht, daß wir, was uns das liebste ist, die Wesensart unserer Litern aufgehen sollen, bloß weil die Herren l.antlauer und Weil keine der bisher vorgeschlageiicu Lösungen der Judenfrage als praktisch befunden haben. Daß der Antisemitismus den Fortgang der Assimi- Intimi nicht wesentlich behindere, ist eine der kühnen Behauptungen, au denen die Broschüre reich ist. Die Sache ist die: Der Antisemitismus nimmt zu und die Mischehen, also die Assimilation, nehmen auch zu, wie die Statistik (S, 21) zeigt, Also: eines hindert das andere nicht. Aber mit der Zunahme der Mischehen ist doch nur zu beweisen, daß in bestimmten Kreisen des deutschen Volkes die Abneigung gegen die Juden immer mehr weicht, nämlich in den ״Kreisen der freien Berufe" (S. 22), ״wo die geistige Unabhängigkeit ries Individuums von den Anschauungen der <)Öffentlichkeit (Antisctnitisinns) im Vergleich zu früheren Epochen weit entwiekelter ist“ (S. 2rr). Tatsache ist auch, daß der seltöiie alte Stolz, der sonst den Juden eigen war, im Seilwinden ist und der sie sieh im allgemeinen vor den Volksverwandten derjenigen, die sie hallten, zuriickhnltcii ließ, Ls geht einem eben mit der Statistik wie mit dem Messer; der eine schneidet ins Brot und der andere in den Finger. Trotzdem der Antisemitismus angeblich die Assimilation nicht behindert, ist es im Interesse der Assimilanteu, seine Bedeutung möglichst zu verrittgern, und so hört denn auch das erstaunte Volk (auf S, 3U f,), daß die antisemitische Reaktion ihre Entstehung wesentlich der Aeitderung der Getreidepreise infolge der Fortschritte der Kolonialwirtsehaft lind ähnlichen schönen IFingen verdanke. Ist denn der Antisemitismus eine so einzigartige Erscheinung Ein Heine-Roman Stilgcbaucr: Harry. Es scheint jetzt Mode zu werden, daß nicht adäquate Köpfe sieh au verstorbene Größen heranmachen. Wie Schirokauer den unbezähmbaren Drang fühlte, Lassalle ״künsterisch zu gestalten“, so hat jetzt Edward Stilgcbaucr notwendig an Heine herumdichtcn müssen. Diese Notwendigkeit entstand aber offenbar nicht so aus einem Ditrchdnmgensein von der Persönlichkeit Heines, das nach Gestaltung dringend verlangte, sondern aus der Erkenntnis, daß Heines Leben, für Backfische sentimental und nicht ohne Süßigkeit bearbeitet, eine ganz zugkräftige Sache werden könnte. Wir wollen uns für jeden Fall das Rezept merken. Man ergreife eine Hcincbiograpltie und vermerke die notwendigen Daten auf einem beiliegenden Papier. Man wähle sodann aus den Werken des Dichters die bekanntesten und wirksamsten Gedichte, um sie immer zitieren zu körnten, wenn einem seihst nichts einfällt. (Ein Gedicht van Heine wirkt immer. Ls ist, wie wenn Librettisten eine irrsinnige und stockende Handlung durch plötzlich eingelegte Couplets zu beinüntehi suchen.) Endlich versäume man nicht, all die bekannten Namen vorzubriiigen, die irgendwie in des Dichters Leben eine Rolle gespielt haben, Man lasse Grabbe auftreten und E. T. A. Koffmann, Schlegel und Richard Wagner; man lasse all die bekannten Gestalten aus den ästhetischen Salons der Berliner Juden Revue passieren. Merkt Ihr was? Jede Charakterisierung und Eigenschöpfung wird hier unnötig, weil wir für all diese Namen bereits feste Begriffe mitbriugeu, Namen machen Leute. Man verfehle nie, sich dieses ebenso einfachen wie wirksamen Tricks zu bedienen, Und die I lauptgestalt? Aus dem Acrmel will ich sie Euch schütteln. Schließlich, bitte, kennt man doch seinen Heine: wcltschmcrzlcrisch war er und voll Ironie; nachdenklich lind wehmütig; scharf und witzig; und bei alledem doch eine so liebenswerte Gestalt voll Dieliterglut: kurz wie geschaffen für junge Mädchen; was fürs Herz. (Stilgcbaucrs Heine hat mitunter eine peinliche Aehnlichkcit mit Alexander Moissi.) Ernsthaft gesprochen: einer so hohen Aufgabe zu genügen wie dieser: das Problem Heine wahrhaft künstlerisch zu gestalten, wird es eines wenigstens halbwegs adäquaten Geistes bedürfen. Andere werden an dieser Aufgabe notwendig scheitern müssen. Sofern sie aber mit Ernst an iltr Problem gegangen sind, sterben sie in den Sielen und haben Anspruch auf eine austiindige Leichenrede. Stilgchauer jedoch, der schon so manchen Kitsch auf seinem Gewissen hat, ist hergegangen und hat den Namen Heine nach Art eines Mnclicrs nusgeschlaehtct; hat ihn für Töchterschulen zu rechtgestutzt und Wirkungen für sicli hcrausgeschundcn, die nicht von ihm! stammen. Mag er sonst getrost den deutschen Romanmarkt bein der jüdischen Geschichte, daß man nach ganz besonderen, nur in diesem Einzclfall vorhandenen Motiven suchen mußte? Und nun siehe gar Seite 33! Max Nordau hat einmal gesagt, daß das Gelingen der ״Assimilation" schon deshalb unmöglich sei, weil die entscheidende Majorität der Juden durchaus Wert lege auf die Erhaltung ihrer Eigenart. Daß man die Wahrheit dieser Behauptung bestreiten könne, ist mir wirklich noch niemals in den Sinn gekommen. Ich finde das auch deshalb erstaunlich, weil cs doch nur einer kleinen Enquete in München bedurft hätte, um die Verfasser zu belehren, daß die Juden allenthalben mit Recht im Geruch des zähen Konservatismus stellen, und weil sic wissen mußten, wie sehr jüdische Väter, die selbst weder orthodox noch nationaljüdisch sind, lediglich aus• der unausrottbaren Liebe zu ihrem Volke und seiner Art, ihre Kinder am Judentum zu halten suchen und bitterböse werden, wenn es ihnen nicht immer gelingt. Nocli weniger getrübt durch Sachkenntnis sind die Ausführungen der Herren Landauer und Weil über Palästina. Aus gelegentlichen Aciißcrungen, die sie den Protokollen der Ziouistenkongresse entnehmen, schließen sie sehr allgemein, daß Palästina eine soziale Hölle sei, wo die Arbeiter mit den ״Kapitalisten“ wütende Kämpfe führen. Später wird es noch schlimmer werden, sagen die Herren. Gellen Sic doch erst hin und schauen Sie: dann werden Sie sehen, daß die hebräische Nationalkultur, die Sic, wie so viele Tatsachen, glattweg bestreiten, bereits existiert, daß die ,Arbeiter nicht unzufriedener sind als in Deutschland auch, und daß das palästinensische Kolonisationswerk in seinem Bestand durch die sozialen Verhältnisse ebensowenig gefährdet ist wie das Deutsche Reich, und daß Sie aus den Protokollen des preußischen Abgeordnetenhauses nach Ihrer bewährten Methode, Gedanke, Wort und Tatsachen in ihrem Wirklichkcitswcrt einander glciehzustcllen, mit Sicherheit den Ruin des preußischen Staates beweisen müssen, Haben Sie je geglaubt, wir Zionisten meinten so oimc jede Mühe im Handumdrehen kolonisieren zu können, wie Sie offenbar assimilieren zu können meinen, und wir hätten, wie Sie, alle praktischen Schwierigkeiten nur auf der Gegenseite, und alle Erleichterungen auf der unseren erblickt? Es würde mich tief erschüttern, wenn Sie, mit der Gabe wirklicher politischer Fernsicht versehen, uns mit einer vernünftigen Begründung zeigen würden, die Sache geht nicht weiter. Vorläufig aber, und zumal da Ihre Sachkenntnis in diesem Punkte in gar keinem rechten Verhältnis zu der Entschiedenheit Ihrer Meinung stellt, halte ich mich auch daran, daß die Preußen und Bayern trotz aller Streitfälle auch miteinander leben können, und daß seihst kleine Staa* ten wie Montenegro die Gefahren und Schädigungen großer Kriege überstellen wenn Sie einen gesunden Lebensmut haben und Lebenskraft. Daß heim jüdiscltcu Volk diese vorhanden sind, scheint mir selbst angesichts Ihrer Schrift noch sicher. Um meine Pflicht als Kritiker nicht zu verletzen, muß ich hier noch bemerken, daß es wissenschaftlich unzulässig ist, die erste Auflage eines Buches zu zitieren, wenn die zweite Auflage anderes besagt, Sie hätten das bei Kuppins Buche beachten sollen! Aber Sie haben sich ja offenbar das Studium der palästinensischen Verhältnisse überhaupt sehr leicht gemacht. Meine liehen Herren! Assimilieren Sie sieli soviel Sie wollen, und überlassen Sic uns, aus der jüdischen Zukunft zu machen, was wir daraus machen können. reichern; hier aber hat er für ein großes Publikum (wie es Leute ä la Stilgebauer haben) unseren Heine in einer Form zurcchtgckitscht, in der dieser Dichter nun bei jenen Leuten fortlcbcti wird. Deshalb ist es au uns, liier eine künstlerische Gewissenlosigkeit zu konstatieren, die sieli besser au anderen Objekten austoben würde. Dr. Gustav Krojanker. A 11 m e r k u!1 g der R e d a k t i o 11. Ein wirklich lebendiges und umfassendes Bild von Heines Persönlichkeit erhält man aus der großen von Friedrich Wirth besorgten Ausgabe der Briefe Heines, wovon der erste Band soeben bei Oeorg Müller in München erschienen ist. S. J. Agnon: Und das Schiefe wird geebnet. Erziihlung. Jaffa 5(172, Verlegt von J. Ch. B r e 11 n c r. (I I e b r.) Ein kleines Büchlein, das die Merkmale eines originellen, bedeutenden Talents unverkennbar trägt. Und wer diese Erzählung mit dem so maggidiscltmittelalterlich nussehenden Titelblatt mit einer gewissen Erwartung in die Hände nimmt (denn von einem Werke, das Brenner zum Verleger hat, darf man etwas erwarten), wird nicht enttäuscht sein; er wird seine Erwartungen mehr als erfüllt scheu. Von der ersten Seite ois zum Ende hat man die Empfindling, ein eigenartiges starkes Talent vor sich zu haben. t Z