Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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April ׳ä 1 j vj H ^־/ ך / .o, Nissan 5674 XIX. Jahrgang. AUFRUF Die Zionistische Organisation hat sich in dem Kampf für den Oeist unseres Erncuciungs- Werkes in Palästina bewährt. Jeder einzelne Zionist hat das Bewußtsein der hohen Verantwortung in sich aufgenommen, die die gesamte Zionistische Organisation für die nationale Zukunft unseres Volkstums trägt. Die Zionistische Organisation ist das organisierte nationale Judentum. Sie ist der lebendig gewordene Wille des jüdischen Volkes, in den das Wollen der Unzähligen einströmt. Wiederum rufen wir jetzt unsere Oesinnungsgenossen in aller Welt auf zur großen Musterung. Hundertdreißigtausend Schekelzahler haben zum Elften Zionistenkongreß ihre Delegierten entsendet. Aufs Neue ist es Pflicht jedes Zionisten, das verpflichtende Bekenntnis zum zionistischen Ideal abzulegen. Die Entrichtung des Schekels bedeutet das immer neue Gelöbnis, mit restloser ,Hingabe mitzuarbeiten an der Erfüllung unseres zionistischen Programms. Der Zionismus verlangt von jedem einzelnen Juden, der sich mit uns in der zielbewußten Arbeit für unser Ideal der Erneuerung unseres Volkes in Palästina eins fühlt, vor allem dieses Bekenntnis der Solidarität: den Schekel. Zionisten!! Unser Programm und unsere Stellung im jüdischen Volke haben uns schwere Verantwortung auferlegt. Eure Pflicht ist cs, zu beweisen, daß das jüdische Volk in unseren Reihen steht. Eure Arbeit kann und muß uns immer wieder das Recht erwerben, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen. Sorgt dafür, daß niemand, dem unsere Hoffnungen teuer sind und der unser Wirken achtet, außerhalb unserer Reihen bleibt. Fester als je muß sich die Zionistische Organisation Zusammenschlüßen! Größer als je muß die Zahl unserer Mitarbeiter werden! Hingebungsvoller als je muß der Eifer sein, der unsere Arbeit trägt! Wir stehen im Kampf für unser Programm. Wir müssen unsere Scharen zählen. Wir brauchen die Kraft der Zionist!- sehen Organisation. Sammelt den Schekel! Das Actions־Comit6 der Zionistischen Organisation Warburg Tsclilenow Hantke Jacobson Levi.'i Sokolow ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina." Baseler Programm. Alilwardt Vor wenigen Tagen hat man in Leipzig den berüchtigten Antiseniitciifülirer Hermann AI11 war dt, den ״Rektor aller Deutschen“, zu Grabe getragen und in allen deutschen Blättern waren Nachrufe zu lesen, die zu vergleichenden Rückblicken auf die Geschichte des deutschen Antisemitismus einluden. Man hat auch jetzt noch nicht den Namen des Mannes vergessen, dem es besser fast als allen seinen Gesinnungsgenossen in Deutschland gelungen war, die Instinktc des deutschen Pöbels gegen die Juden aufzupcitschen und dem wüsten Radauantisemitismus Anhänger zu werben. Allerdings war der entlassene Gcmeindeschul-Rcktor kein vorsichtiger Politiker; und als er sich mit seinen Bescluildigungen nicht auf jüdische Persönlichkeiten beschränkte, sondern auch Beamte und andere hohe Persönlichkeiten augriff, mußte er Schiffbrach leiden. Aber nicht das ist heute noch interessant, wie er seine lärmenden Feldzüge gegen ״jüdischen Einfluß“ und Jüdische Korruption“ inszenierte; interessant ist heute nur noch die Tatsache, daß der Volksrcdncr Ahl wardt Beifall und Unterstützung in Kreisen fand, die sich im Lichte der (!)Öffentlichkeit nicht gern an seiner Seite sehen ließen. Ahlwardt war lange Zeit hindurch ein Instrument in der Hand von Personen und Parteien, die durch ihn den Antiseinitismus schüren, durch ihn den nationalen Chauvinismus entfachen ließen. Und das allein ist es, was dauernd in Erinnerung bleiben wird; daß ein Ahlwardt und eine Ahlwardtschc Methode Erfolg hatten - - und haben. Denn noch heute besteht das Tivoliprogramm, bei dessen Annahme auf dem konservativen Parteitag stürmische Hochrufe auf Ahlwardt ertönten. Die Namen Ahlwardts, Stöckers, Piickicrs und der anderen Antisemiten der 80er und 90er Jahre sind nicht nur im Gedächtnis des deutschen Judentums eiugegraben. Allerdings waren die deutschen Juden die zunächst durch den Berliner Antisemitismus Betroffenen. Von Berlin schlug aber die antisemitische Welle über die Grenzen Deutschlands hinaus nach Oesterreich, wo Schönerer und Lueger die Berlincr Lehren begeistert aufnahmen, und selbst in Rußland und Rumänien lernte man von dem Spektakel, den die antisemitischen Radaubrüder in den Berliner Kneiplokalen vollführtcn. Mit Ahlwardt ist nun wieder einer der Schöpfer und Repräsentanten des modernen Antiseinitismus verschwunden. Man wird sicli aber darüber im Klaren sein, daß die antisemitische Strömung, die auch ihn bis in den Reichstag hiuaufgetragcn hat, seit jenen Tagen im ganzen deutschen Volk — und weit darüber hinaus — festen Grund gefunden hat. Heute lächelt man vielleicht hie und du über solche Gestalten, die mit der einfachen Regiekmist eines Ahlwardt und P ü c k 1 e r den Antisemitismus in die Massen trugen. Aber man kennt bessere und sicherere Mittel, den Antisemitismus zu verankern, Die ganze deutsch völkische Erziehungsmethode ist auf den antisemitischen Grundton abgestinunt und es ist kein Zufall, daß selbst so idealistische Bewegungen wie die des ״Wandervogels“ antisemitisch geworden sind. Und uns interessiert vor allem die Frage, ob die Juden in den letzten 25 Jahren cinschcn gelernt haben, daß der Antisemitismus nicht nur eine Versammlungsphrase im Munde überspannter Demagogen ist; ob sie eingesehen haben, daß diese Phrasen doch keinen Anklang finden könnten, wenn die Instinkte der Masse nicht antisemitisch wären. Auch heute noch ist sich die Mehrzahl der Juden über die wahren Stimmungen im deutschen Volke durchaus nicht klar. Und wenn es irgendwo aufdämmert, wenn man bcgreift, daß der Antisemitismus eine Tatsache ist, mit der man rechnen muß und die man nicht übersehen darf, so begnügen sich auch heute noch viele Juden damit, daß doch der ״Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ Sitzungen abhalte und Resolutionen fasse. Statt sich klarzumachen, daß die Zukunft unserer Gemeinschaft erst dann von Leuten wie Ahlwardt und Genossen nicht wird beeinflußt werden können, wenn wir sie als unser eigenes Leben gestaltet haben, das die Gesetze des jüdischcn Wesens formen als ein natürliches, nationales, freies Sein auf eigener Scholle. Der Rückblick auf ein Lcbciisscliidwal wie;!!v Hermann Ahlwardts, kann uns zeigen, daß uns lange noch nicht Sicherheit und Ruhe gewährt ist. Auch in Deutschland brennt noch die Flamme des Antisemitismus, die Ahlwardt mit entfacht hat, kräftig weiter. L- Die zionistische Utopie Die Herren Dr. Landauer und Dr. Weil haben uns vor Pcßach eine Broschüre geschenkt, der sie den schönen Titel: ״Die zionistische Utopie“ gaben. — Wir Zionisten danken ihnen für diese Gabe. Zeigt sie uns doch, daß es keine bloße Legende ist, wenn erzählt wird, daß cs auch unter den Assimilanten ״anständige“ Menschen gebe. Diese Fest- Stellung ist gerade für uns Zionisten von besonderem Wert. Die Assiniilaiitcn, vor allem, ihre berufenen Vertreter im ,,Antizionistischen Komitee,“ haben uns bisher nur mit Pamphleten und Inseraten bekämpft; ilire Broschüren erscheinen anonym — man weiß warum — und zu einer Vertretung ihrer Anschauungen bat sicli keiner jener Unternehmer bereit ge• funden,. die ilire jüdische und allgemeine Lebens׳• anschauung durch Zeitungsanzeigen dem vcrehrlichen Publikum anpreisen. So empfehlen wir vor allem den Herren von drüben die neue antizionistische Broschüre cindringlichst zur Lektüre, damit sie sehen, was für vernünftige Dinge sie hätten sagen können, wenn sic nur Lust und Fähigkeit hätten, geistige Dinge mit geistigen Waffen zu vertreten. Die Herren Verfasser brauchen sich ihrer Streitschritt nicht zu schämen und lassen sic darum auch unter ihrem Namen erscheinen. Es ist eine fleißige Arbeit. Die Verfasser haben viel gelesen und nachgedacht und hätten ihren Gegenstand zweifellos gemeistert, wenn er, der Zionismus, ein Wissenschaftlichcs Thema wäre, zu dem ihr Rüstzeug, nämlich Fleiß und Verstand, ausreichen könnte. So aber haben sie sich auf allerlei astrologische Darlegungen einlasscn müssen. Der Zionismus wird aus seinen künftigen Konsequenzen beurteilt. Zuerst wird die realpolltische Unmöglichkeit einer starken jüdischen Siedlung in Palästina ״nachgewiesen“, und dann heißt es: Wenn eine solche Gründung trotzdem' möglich wäre, so würden die Konsequenzen dieser Gründung, also dicZukuriftdcrZukunft, den Zweck nicht erfüllen, dem zuliebe das Ganze unternommen wäre, nämlich: Die Lösung der Judenfrage.