Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Ganz vereinzelt sind endlich in der Orthodoxie Naturen, die die letzten und kühnsten Ziele der religiösen ■Autarkie, ein credo quia absurdum, ein sacrificium intellectus erstreben — sie haben die Masse des deutschen orthodoxen Juden• tunis, das auch dem ״Neuchassidismus“ bis jetzt sehr kühl gegenübersteht, nie ergriffen. Nun aber, den verschiedenen Strömungen der Orthodoxie liegt doch e i n Wille zugrunde. Der Wille zur Aufrechterhaltung der Tradition, zur Bindung des einzelnen an sie. Die erzichcrisclic Bedeutung dieses Willens, der den einzelnen in einen bestimmten Kreis von Formen und Pflichten sicher hin• entstellt, ist nicht zu unterschätzen. Es ist wahr, die Forderung der Orthodoxie verlangt in ihrer verpflichtenden Kraft viele Opfer an freiem Menschentum, und manche Naturen sind an ihr einfach zerbrochen, — aber cs geht uns hier ja gar nicht um den Wert der Orthodoxie für das Individuum, sondern um ihre Bedeutung als Gcmeinschaftsfaktor. Zum Teil stehen beide gewiß im Gegensatz: gerade die religiöse ״Behaglichkeit“, die dem einzelnen eine sichere Beruhigung bietet und seine Seele vor jeder Aufwülihuig bewahrt, also eigentliche Persönlichkeitswerte nicht entwickelt, ist Zweifellos für den Zusammenhalt einer Masse von der robustesten Wirkung; keine Bildung in der Welt ist so frei von aller Problematik, fühlt sich so wenig in Frage gestellt — wie die des Philistertums. Und darüber hinaus läßt sich sagen: soweit die Orthodoxie den einzelnen von der Problematik des Daseins erlöst, ihm gleichsam einen seelischen Ruhepunkt verschafft, zu dem er immer wieder, nachdem er die Fordcrmigeii seines Tages unbekümmert erfüllt hat, sich zurückziehen kann, soweit gewährt sie der Gemeinschaft eine eminente Sicherheit, wie es der einzige ernsthafte Antisemit, Paul de l.agarde, so wahr gesehen hat: ״Die, Sabbathfeier ist ein wahres Atemholen des inneren Menschen, das allein dein Juden sein rastloses Leben erträglich macht.“ Nun aber ist sich ja die Orthodoxie in ihren besten Köpfen längst selber zum Problem geworden, und hat noch keine zwingende, weitere Kreise fortreißende Lösung gefunden. Ihr Versuch, eine Einheit ihres Judentums in philosophisch gerichteten Anschauungen zu finden, ist daran gescheitert und mußte daran scheitern, daß eine Masse verschiedenartigster und aus den verschiedensten Tendenzen heraus entstandener Forderungen mit dem gleichen Anspruch der Verpflichtung nuftraten und sic infolgedessen keine Idee gefunden hat, die die einzelnen religiösen Inhalte aus eigener Kraft umwertend »eu ziisammcnbiiidct und organisch zusammciisehlicfSt. Soweit sie aber die europäische Kultur als einen selbständigen Kreis »eben den! religiösen Judentum anzuerkennen, ja zu for• deru wagte, hat dieses zwar für einen Teil ihrer Anhänger seine alte Kraft, die von der Oemütswclt der Formen ausgehl, behalten, aber in weitem ymfaiigc hat die neue Forderung anflösend gewirkt, und die europäische Welle das jüdische Dasein überflutet und vielfach hinweggeschvvemmt. Wenn dies der Zustand der beiden ״religiösen“ Parteien ist, kann man da wirklich Guttmann glauben, daß der Religion des Judentums öle Macht innewohnt, selbst die an das Judentum zu fesseln, die dieser Religion als solcher fernstehen? Das ist konstruiert. Wie sollte es geschehen? Daß die religiösen Massen des jüdischen Ostens einen so geheinmis• vollen Zauber nusüben, Ist nicht wahrscheinlich. Eine irgendwie romantisch-pietätvolle Beziehung des indifferenten Judentums zur Orthodoxie ist in Deutschland nirgends bemerkbar. Und geht vom religiösen Liberalismus eine starke Wirkung aus? Wenn Kompromißler und Gcmeiiidcgeschültigc der Gegenwart den Namen der Propheten mißbrauchen, um die Lebenskraft der jüdischen Religion darzutun, so macht das doch höchstens einen kläglich-wchmiitigcn Eindruck. Wo ist in der Mehrzahl der Juden die Religion lebendig, die so weithin faszinierend wirken soll? III. Einen solchen Einfluß vermag ich auch den! dritten sacliliehen Inhalt des jüdischen Bewußtseins nicht zuzuschreiben, dem Gedanken des jüdischen Volkstums. Guttmann freilich hätte ihn als sachlichen Faktor unbedingt unterstreichen müssen, und nicht so ohne weiteres erklären dürfen: ״Der Anspruch nach einem nationalen Eigenleben liegt dem Judentum völlig fern.“ Denn er erklärt ja ausdrücklich, daß die bewußten Motive, die den einzelnen an seiner Gemeinschaft fcsthaltcn, wirklich als Grundlagen der Gcmciiischaftsbildung zu gelten haben. Ein solch bewußter sachlicher Inhalt ist aber heute für weite Kreise das Nationalgefühl. Es wäre ganz äußerlich, in diesem Zusammenhang die religiöse und die nationale Forderung in einen Gegensatz zu stellen. Der nationale Gedanke ist ebenso gut Inhalt einer Lcheiisanschammg, wie die Werte, die wir als religiös zu bezeichnen pflegen. Nicht darum handelt es sich vorerst, die wirkliche Bcrecliti- Rung der nationalen Erklärung des Judentums zu prüfen, so wenig ich soeben die einzelnen Forderungen des Liheralisntus und der Orthodoxie nach ihrem sachlichen Wahrheitswerte diskutierte, Nur das ist zu betonen: neben das Bekenntnis zur Ethik, neben das Bekenntnis zur Thora stellt sieh als drittes das Bekenntnis zum Volkstum. (Daß jedes dieser Bekenntnisse Elemente des anderen in sich aufzimehmcn bereit ist, ändert au ihrer grundsätzlich verschiedenen Grundk'gung nichts.) Es ist ersichtlich, daß dem nationalen Bekenntnis die Hemmungen des Gcineinschaftsbcwußtseins fehlen, die dein Liberalismus und der Orthodoxie anhafteten. In der nationalen Forderung sind die Idee des Volkstunis und die Tatsache des sinnenfälligen. Volksdaseins un* mittelbar aufeinander bezogen: das natürliche Volksdasein soll durch die Idee des Volkstums zum innerlich bewegten nationalen Dasein erhoben werden, In der nationalen Idee ist die Tendenz, vorhanden, Formen und Gedanken nach dem Gesichtspunkt allein auszuwählen, zu beleben, oder zu bilden, ob sic das Volkstum fördern oder nicht. Endlich ist die nationale Idee allgemein genug, um organisierend und vereinheitlicliend auf die Fülle des von Europa licraiiflutendeii Stoffes zu wirken. Keineswegs kann darum das nationale Bekenntnis schon alle die persönlichen Werte ersetzen, die von der Religion ausgehen mögen. Das bloße Bekenntnis zum Volkstum hat an sich noch wenig Wert. Hier sollte nur darauf hingewiesen werden, inwieweit cs, und cs allein, theoretisch die Ansprüche befriedigt, die wir an einen gemelnschnftsblUlenden Inhalt des Judentums zu stellen hätten. Weitere Fragen erheben sich sofort. Ist wirklich der sachliche Inhalt einer Forderung für den Aufbau einer Gemeinschaft ausschließlich bestimmend? Entspricht dem theoretischen Bekenntnis zum Volkstum eine Tatsächlichkeit des deutschen Judentums? Welche Forderungen stellt dieses Bekenntnis selbst? Die Fragen können in engerem Anschluß an Guttmanus Ausführungen beantwortet werden; das sei einem zweiten Aufsatz vorbehalten.