Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651869-2651886--09581-2666918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r SeiUr38 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 14/1« Rdigiousplulosophen noch bei den Moralisten, von der geset/.iieheii Literatur ganz zu schweigen, haben sie eine zentrale Stellung. Das zu sagen gilt heute freilich als ketzerisch; ilemi der Geist Nietzsches und die protestantische Theologie haben die Propheten —• modern gemacht. Die Form ihres Willens wirkt pcrsünliclikcitsgcstaltcud, das ist ihr uncr• set/harer Wert für unsere (lemeinschaft; aher der Inhalt ihrer Lehre, die, bei aller Anerkennung des einmal vorhandenen Volksganzen, ganz aufs Ethisch-Menschliche gerichtet ist, kann nicht gemeinschaftsbihleiid wirken. Der Liberalismus vollends haut sich auch aus ihnen nur eine geistige Welt, die sich hewullt von der jüdischen Leiblichkeit zu emanzipieren sticht, den Juden höchstens als Träger eines bestimmten geistigen Wertes, einer reinen Ethik, gelten liiflt. Der Liberalismus ist wirklichkeitsfremd geworden. Als Treitseltke die Behauptung wagte, dal! bei der judenemanzi• pation Roihscliiklsche Einflüsse mitspielten, konnte sich Ludwig Philipps«!! über den Materialismus nicht genügend entrüsten, der es wagte, den Fortschritt der Idee, den Triumph der reinen Gerechtigkeit, mit so;innerlichen Gewalten verbinden zu wollen, er empfand diese realpolitische Behauptung nicht nur als sachlich falsch, sondern als eine Beleidigung des Judentums, lind noch immer lebt der Liberalismus von einem Kampf gegen die Realität, gegen die Form, von einem überschwänglichen Glauben an die siegende Kraft der reinen sittlichen Idee. Dieser Glaube natürlich soll nicht im geringsten angcfochten werden: es siegt stets die Idee, j., •was in der Welt siegreich ist, kann immer mir die Idee sein. Aber zwischen der siegenden Idee und denen, die sic zum Siege führt, imilS eine lebendige Einheit bestehen. Der ethische Libcralistuus wendet sich an die Menschheit, sie sucht er ausz.u• drücken, nur in ihr kann er und soll er siegen; uns heschädigt aber gerade hier die Frage, wie weit er die Oemciiischaft des Judentums stärkt. Der Liberalismus verkennt die Art der Beziehungen, die zwischen dem reinen Gedanken und der Erscheinung bestehen. Erst vor kurzem hat Mathias Achcr darauf aufmerksam gemacht, daß die Religion nicht die Mutter, — ich füge hinzu, auch nicht die Tochter — der Ethik ist, sie sei vielmehr eine ihrer Erscheinungsformen. (Ich darf vielleicht auch auf meinen Aufsatz im Jahrbuch des Prager Barkochba ״Vom Judentum“ hinweisen.) Das Wesentliche verdeutlicht ein Blick auf die moderne Entwicklung der deutschen Jugendbewegung: sie entstand, im ״Wandervogel“, durchaus als Erscheinung, als Aufruhr irgend einer Jugend, die im Wandertrieb sich auszutoben suchte, und jetzt erst wird allmählich klar, daß eine Idee in ihr siegreich zum Ausdruck gekommen ist, •Ein Gegenbeispiel, den Tendenzen des Liberalismus verwandt, bietet der Freimaurerorden, der dadurch ein gewisses, aber doch keineswegs kräftiges üemeinschaftsbcwußtscin erzeugte, daß er aus sittlichen Ideen heraus sich künstlich Formen zu schaffen suchte. Es kommt dabei an, ob der Liberalismus diese oder lieferten Religion zu stützen sticht, - deuteten ja eine gewisse Anpassung muß vielmehr, als Erscheinungsform jüdischer Leheiisanschauurig, ganz anders im Mittelpunkt stehen. Es genügt nicht, daß sie Träger, sie müßte die Gestaltung jüdischer Ethik sein. nicht sehr viel darauf jene Form der über- - die ״Richtlinien“ bc- ~, die Judcnheit selber Daß sic das nicht ist, liegt im Wesen des modernen Liberalismus. Er ist nämlich nicht etwa eine wirkende sittliehe Kraft, sondern eine Philosophie über sittliche Fragen. .Mit der Vergeistigung der Idee im Bewußtsein schwand ihm der gestaltende Wille, Daß diese Entwicklung eintreten konnte, liegt eben a!1 der Abkehr von der körperlich-icibliehen Judcnheit: nur an der lebendigen Erscheinung kann sich der zeugende Wille entzünden. Wenn es dem jüdischen Liberalismus gelingen sollte, dieses Band von Idee und Erscheimtng zu schlingen, dann erst gäbe cs eine (wahrhaft aus jüdischem DaschmviÜen erstandene Ethik, die wir wahrlieh nicht entbehren können. 11. Dein ernsthaften Liberalismus gegenüber steht als zweite an einen, religiösen Inhalt sielt bindende Gemeinschaft die jüdische Orthodoxie Deutschlands. Sic ist nicht so einheitlich, wie sie dem Fernstehenden erscheint, verschiedenartige Faktoren, wesensverschiedene Männer gaben ihr das Gepräge. Da das Wirken dieser Männer noch heute lebendig ist, kann man an ihnen nicht vorübergehen. Als das Judentum zu empfinden begann, daß seine gewaltsamc Europnisierung es in seinen Grundfesten zu erschlittern drohte, machte Samson Rafael Hirsch den Versuch einer Erneuerung, auch er natürlich getragen von Tendenzen seiner Zeit, die auch in der christlichen Welt — ich erinnere an Grenzer — iltre deutliche Parallele haben. Die einfache Rechtgläuhigkeit, wie sie noch heute, ohne das Bedürfnis einer Neuorientierung, gewisse Kreise besonders des ländliehen Judentums beherrscht, genügte ihm nicht. Er fühlte üas Bedürfnis, die religiösen Formen wie das religiöse Schrifttun» aus einem gedanklichen System heraus zu erklären und zu vergeistigen. (In diesem Bedürfnis nach geistiger Interprvtation lag im Grunde das Zugeständnis, daß die Lebenskraft der religiösen Form, die Selbstverständlichkeit, mit der sie einst Gemüt und Willen erfaßt hatte, verblaßt sei; aber 'das wußte er keineswegs.) Das Ergebnis leidet an einer von der Wärme der Rhetorik kaum verhüllten Künstlichkeit, will es nicht sowohl von der religiösen Cirundkraft des Enthusiasums, wie von einer philosophisch angehauchten Geistigkeit bestimmt ist: ein Führer des Berliner traditionellen Judentums sah den Grundfehler seiner Lehre mit Recht darin, daß er Symbolikcr sei, ohne Mystiker zu sein. Viel stärker mit dem lebendigen, unvergeistigten Judentum verwachsen war Israel Hildesheimer, das beweist schon seine enge Berührung mit dem Judentum Osteuropas, seine Betonung des Tahmtdlcrncus, sein Anteil an den Bcst'cbimgcn Kalischers mul der Kolonisation Palästinas: es ist kein Wunder, daß beide Männer, wenn sic auch in Fragen jüdischer Politik zusammen arbeiteten, kein engeres Verhältnis zu einander, kaum .rechtes Verständnis für einander gewannen. Wenn das Judentum Kirschs von einer gewissen Feierlichkeit nicht loskam, eignete dein jüdischen Leben Israel Hildesheimers mehr FamiiieuUaftigkcit, mehr unmittelbare Hingabe an die | Selbstverständlichkeit der jüdischen Daseinsformen, wie er denn überhaupt weit weniger rückwärts gewandt war. 1.« j Gegenteil hatte er durchaus den Willen, sich mit der Wissen- 1 seliaft seiner Zeit, soweit sic in seinen Gesichtskreis trat ( und seine Aktivität ihm wissenschaftliche Betätigung erlaubte, auf deren Grundlage auseiiianderzusctzeii, und nicht ihr eine Wissenschaft aus eigener Machtvollkommenheit entgegeuznsetzen. Eine eigentliche innere Verknüpfung der beiden Welten — Thora und moderne Bildung — ist aber von!hm und seinen Schülern mir vereinzelt versucht worden, sie stehen als zwo' getrennte ideale Forderungen nebeneinander. Die Einflüsse beider Männer schneiden sich heute vielfach, und werden drittens begleitet von einem Judentum, dem das Bedürfnis, sich Rechenschaft zu gehen, fern ist, und das im wesentlichen in der religiösen Form aufgeht, Ich war einmal zugegen, als an einem Feiertag von einem ehrsamen Minjan noch rasch vor Tisch Minehoh heruntergehetet wurde. Lm Herr aus der Gemeinde fragte darauf zweifelnd den eiligen Vorbctcr, ob Gott nicht von einein solchen Schnelligkcits- < rekord wenig erbaut sein würde. ״I wo," war die in jovialstem Tone mit Achselzucken gegebene Antwort, ״der Mann kamt folgen!“ Von der Gctragenhcit Samson Rafael Kirschs bis hierher ist sicherlich ein weiter Weg, aber auch diese für den Außenstehenden vielleicht nur groteske Wendung will richtig verstanden sein. Sie ist ein freilich in solchen Formen seltener Ausdruck jener religiösen Behaglichkeit, die nicht gerade die kompliziertesten, aber keineswegs die schlechtesten Männer des orthodoxen Judentums beherrscht, Männer, die zum lieben Gott im allgemeinen in einem geinütlich-familieu״ haften Verhältnis stehen, und dennoch die besonderen religi- Ösen Weihestunden durchaus emsthaft erleben, (Es Ist ja