Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Religion und Nation als Gemeinschaftswerte des deutschen Judentums Von Moses Calvary Es scheint, als ob die Frage nach den Beziehungen von Deutschtum und Judentum in dem deutschen Juden so• bald nicht zur Ruhe kommen wird. Der ständige Blick auf das Deutschtum, die unruhige Besorgnis, wir konnten in einen inneren Konflikt mit ihm geraten, verwirren dabei oft den Betrachter. So sollten gerade wir Zionisten einmal riiliij״; erwägen, welche Momente sein ' Seelenlebens denn in dem deutschen Juden ein Gefühl jüdischen Zusammenhangs bewirken, — wenn freilich auch dabei der Hinblick auf seine Beziehungen zum Deutschtum nicht gänzlich auszuschalten sein wird. Den äußeren Anlaß bot mir ein Aufsatz von Dr. Julius Guttmann im Januar- und Fcbruarhcfte der K. C.-Blättcr: ״Der Begriff der Nation in seiner An- Wendung auf die Juden." Denn auch seine Argumente sind im wesentlichen dem deutschen Judentum entnommen. Ein unmittelbarer Anlaß, sich mit ihm zu beschäftigen, läge für einen Zionisten vielleicht nicht vor. Der Verfasser betont mehrfach mit aller Entschiedenheit, daß seine Auslühruiigen die zionistische Lösung der Judenfrage nicht berühren, da diese von Fragen der internationalen Politik abhängig sei. |:m so entschiedener wendet er sich gegen den jüdischen KiiUuniationalismus — es ist fraglich, ob er an Achad Da.mi oder au das Alljudentum denkt — und endet mit der Alternative: politischer Zionismus oder religiöses Judentum, ein drittes gibt es nicht. Wer den Zionismus rein wirtschaftlich begründen will, könnte sich damit zufrieden geben. Aber wenn wir uns in den letzten Jahren der nationalen Grundlage unserer ßewe• gung immer stärker bewußt geworden sind, so liegt uns die Verpflichtung ob,!uns mit dem Verfasser über diese Grundläge auscinandcrzusetzen; denn seine Ausführungen erheben sie!» weit über den Durchschnitt der uns bekämpfenden Literatur und versuchen, dem Problem der Juden als Nation ׳,aclilich und gründlich in wissenschaftlicher Form gerecht zu werden. Bevor ich aber auf seine einzelnen Ausführungen eingehe, scheint es mir nützlich, eine Frage vorwcgzunchmen, die ihrer Bedeutung nach eine gesonderte Behandlung beaiisprecht, Guttmann betont, daß die wahren Grundlagen eines Gemeinschaftsbewußtseins nur in sächlichen Lebens- Inhalten zu suchen seien. Einen solchen sachlichen Lebens- ','halt des Judentums erblickt er allein itt der Religion. Der Religion ist er bereit, einen geradezu magischen Zauber zii/usprechen, noch heute sei sie, und sie allein, imstande, auch das Gefühl derer an das Judentum zu binden, denen per- ן sonlich die Religion nichts bedeute. Mir scheint, wer eine so gewagte, überraschende Behauptung auistcllt, der muß sie irgendwie aus der Gegenwart psychologisch zu begründen versuchen. Es fehlt aber auch der leiseste Hinweis, was Guti- 1 ann eigentlich unter jüdischer Religion versteht. Deswegen sei zunächst der Versuch gemacht, die beiden religiösen Bekeimtiiissc des deutschen Judentums, das liberale wie das orthodoxe, auf ihren gemeinschaftsbildenden Charakter hin zu untersuchen und ihnen das nationale Bekenntnis gegenüberzustellen. ׳1 Dem religiösen Liberalismus gerecht zu werden, ist darum nicht ganz leicht, weil auch die ganz indifferenten Kreise des deutschen judentiuus sich dem Namen nach zu ihm bekennen ׳ und er noch nie den ernsthaften Versuch gemacht hat, sie abzuschüttein; dennoch muß es versucht werden. Man macht jhm den Vorwurf, er sei gänzlich an dem modernen Protestantismus orientiert: mit Unrecht, wie mir scheint. Der Vorwurf richtet sich wohl im wesentlichen gegen die moderne Bibelkritik, deren Ergebnisse freilich im großen und ganzen von dein jüdischen Liberalismus akzeptiert worden sind. Aber, um nur ein Beispiel anzuführen, es ist ja bckaimt, daß diejenige Behauptung der Bibclforschung, die der jüdischen Tradition am stärksten widerstreitet, die Lehre von der nachmosaischen Herkunft des Pentateuchs in seiner jetzigen Gestalt, gar nicht erst auf den Protestantismus zu warten brauchte: sic stammt von Ibn Esra und Spinoza. Ueberhaupt ist es bedenklich, den unlogischen Begriff einer ״protestantischen Wissenschaft" zu verwenden, schließlich entscheidet doch das Bewußtsein der einzelnen Forscher nach dem wahren oder vermeintlichen Wahrheitsgehalt, und wenn die Ergebnisse protestantischer Forscher der Kritik bedürfen, so bedürfen sie ihrer nicht vom Standpunkt des Judentums, sondern von dem der Wissenschaft aus. Die Forderung einer voraussetzungslosen, auch von jüdischen Voraussetzungen unabhängigen, Forschung wirkt jedenfalls, so wenig sie in Wahrheit durchführbar Ist, reinigend auf das wissenschaftliche Gewissen und könnte ein Gemeinschaftsbewußtsein jüdischer Forschung erzeugen oder verstärken. Dasselbe gilt von der Hauptriclihmg des jüdischen Libera* lismus, der ja heute weniger von geschichtlich-bibclkritischen als von ethisch - philosophischen Fragen ausgeht. Daß er, genau wie der Protestantismus, siel: an den großen Denkern orientiert, ist an sich natürlich, beide verarbeiten eben europäische Werte, und man kann nicht einmal behaupten, daß die liberalen Rabbiner darauf verzichten, innerhalb Europas an einer selbständigen, jüdischen, geistigen Welt teilzunehmen. Aber der Inhalt ihrer Lehre kann nicht eigentlich die jüdische Gemeinschaft stärken. Das Wesentliche ihres Judentums besteht in der Besinnung auf die Propheten. Aber wenn man denn eine Kontinuität der jüdisch-religiösen Ent- Wicklung behauptet: niemals standen die Propheten im Mittelpunkt der jüdischen Religion des Mittelalters, weder bei den i