Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 168 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr 16 ״Mutter, ich will die vier Fragen tun,“ ״Wohl, mein Kind, frage; ich werde hören und ant . . Da beginnt sie plötzlich zu husten, Der Kleine aber beginnt: ״Vater, ich will dich fragen . , Sofort merkte er den Fehler und unterbrach sich, Mcnuchah aber konnte sich nicht langer halten: heiße Tranen strömten aus ihren Augen, tiefes Schluchzet) brach aus ihren Herzen, Und auch bei den Schwestern und bei dem Knaben ist das Maß voll und sie vereinigen ihre Tränen. Mcnuchah aber endete mit einem schweren, klanglosen Lachen: ״Fhi hast dich geirrt, mein Kleiner, du hast dich geirrt,“ Und der Kleine lächelte unter Tränen: ״Ich habe mich geirrt.“ Sogar die Schwestern halfen lachen, und alle lachten mit Aufbietung aller Kraft, so daß sie die Köpfe unter dem Tische verstecken mußten. Und als sie zu lachen aufhörten und die Köpfe hoben, fanden sie sich alle betrogen. Jeder wollte die andern hintergehen und ward seihst hintergangen: die roten Augen und die nassen Wangen verrieten alles. Tod Lucian Brunners Wien, 15. April. (Telegramm.) Unser Gesinnungsgenosse Lucian Brunner ist heute gestorben. Lucian B r u 11 n e r s markante Persönlichkeit ist in der jüdischnationalen Bewegung Oesterreichs seit vielen Jahren hervorgetreten. Lucian Brunner, ein bekannter Finan/mann, dessen scharfe Kritik auch in der General- Versammlung der Oesterreichisch-Ungarisclien Bank sieh immer Beachtung erzwang, war ein Demokrat von unerschütterlicher Uebcrzciigung, einer der ganz wenigen, die in Oesterreich das demokratische Programm vertreten und den Gedanken Adolf 1' i s c h hoffs treu blieben. Mit seiner demokratischen Uehcrzeugung vereinte Brunner zielhewiillte Arbeit für die jüdischnationale Idee. Mehrmals wurde er als jüdischnationaler Kandidat für den R e i c 11 s 1 a t aufgestellt. In der Bukowina wurde ihm nur durch die skrupclloscn VX'ahlmauövcr der Antisemiten das Mandat vorenthalten. In Mähren kandidierte Brunner gegen den getauften Professor Redlich.!Jeherall errang sich Brunner die Anerkennung und Unter- Stützung der gesamten Demokratie durch sein euergisches Auftreten gegen die Mächte der Reaktion in Oesterreich. Lucian Brunner kam auch der /ioiiistischen Organisation immer näher und hatte schon vor längerer /eit seinen Anschluß au die Zionistische Organisation vollzogen. Er war auch Delegierter auf dem Wiener Kongreß. In Wien ist Brunner auch als hochherziger Förderer der zionistischen Stildcntcnsclinft und der von ihr gegründeten Mensa judaica, aber auch anderer jüdischer Gruppen, wie vor allem des Hausiererstandes in hochherziger Weise tätig gewesen. Sein Tod reißt eine tiefe Lücke in die Reihen unserer österreichischen Gesinnungsgenossen. Mit ihnen werden auch die Zionisten Deutschlands B r u n - ners Wirken nicht vergessen. Unsere Freunde haben ihn geachtet, unsere Gegner haben ihn gefürchtet. Auch eine Antwort Von Salomon Prcczep, Leipzig. Die Wogen des Kampfes im Sprachenstreit haben sich geglättet und der Erfolg ist trotz aller spitzfindigen Auslegungen der Gegner auf seiten der Zionisten. Nicht nur hat ihnen die berüchtigte Erklärung unschätzbaren Agitationsstoff auf lange Zeit hinaus geliefert, sondern auch das hebräische Schulwerk ist aus dem Kampfe als unverhoffter Gewinn hervorgegangen; denn cs hat sich von der Bevormundung der europäischen Philanthropie, die vermeint, für das Geld, das sie gibt, zugleich auch die Seele cinzuhandeln, emanzipiert. Alle Anstrengungen der Gegner, von ^cr faö'oscn Resolution des Zcntralvereins bis •,.ur Erklärung der sogenannten Notabein von des ״Hamburger Israelitischen Faniilicnblattcs“ Gnaden, haben nichts gefruchtet und nur dem Gesamtjudenturne Schaden zugefügt. Anstatt den Kampf mit Wort und Schrift im jüdischen Lager auszufechten, haben cs Juden für nötig befunden, die nichtjüdische Ocffcntlichkcit aufzubicten, indem sic Juden als schlechte Patrioten anschwärzten. Nun ist es intercssant, einer Antwort zu gedenken, die in einem analogen Falle Theodor Wolff in einem ״Die Lcipjuger Schlacht“ überschricbenen Leitartikel im ״Ber- A1,C.r T״Kebla“״ vom 28י Juli 1913 den Heber- und Alldeutschen gibt, die diesem Blatte, anläßlich des Xll. Deutschen Turnfestes, Mangel an Patrio- 11 smus, undeutsches Gefühl und u 11 nationales Empfinden vorwarfen. Diese Aul- "j * ü! cn . 8'cb d'e Herren israelitischen Ucber- und Alldeutschen, die Assimilantcn und Antizionisten, Hie doch Parteigänger und Leser des ״Berliner Tageblattcs" sind, von ihrem Lciborgan sagen lassen, merken und rot nnstrcichcn, damit sic nicht fürderhin leichtfertig anderen den Patriotismus absprechen. Die Antwort lautet; ״Sollten sie der Meinung sein, mit den üblichen Mitteln ihrer geistigen Schatzkammer und z, B. mit den Lieblingsworten ״undcutsch, antinational“ irgendwo einen Eindruck zu machen, so gingen sie vollkommen fehl, denn jeder anständige Mensch wird auf diejenigen, die aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ihm sein Vatcrlandsgcfühl absprechen, immer nur mit herzlicher Verachtung wie auf den Träger einer recht lumpigen Gesinnung hinunterschauen. Wenn sic sich schwitzend ereifern wollen, so ist ihnen das ja gestattet. Es ist ihnen gestattet, jene turnerische Bewegung auszufültren, die man mit einem etwas derben technischen Ausdruck ,den Buckel runtcrrutschen' bezeichnet.“ Ein seltener Erfolg Ohne Uebertreibimg darf man behaupten, daß das ״Chad Gadjahuch“ des Jüdischen Verlages einen Erfolg erzielt hat, der jüdischen Büchern nicht oft beschießen ist. Unsere Partciprcssc wie die extremen nntizioiiistischen Organe (z. B. das ״Hamburger Israelitische Familicnblatt“), die äußerste Orthodoxie (Israelit), die hebräische Presse, die ״liberalen Jiidenzcitimgen“ (Neue Freie Presse) — sie alle haben das Büchlein mit geradezu begeisterten Besprechungen begrüßt. Bemerkenswert für den Widerhall, den das Buch gefunden hat, ist die Tatsaelie, daß bis jetzt, kaum fünf Wochen nach Frscheinen des Buches, bereits gegen 50 Rezensionen erschienen sind. Jeder Fachmann weiß, daß es sonst oft Monate und sogar Jahre dauert, bis Bücher rczensiert werden. Durch diesen Erfolg ermutigt, sicht sich der, Jüdische Verlag veranlaßt, eine ganze Serie solcher ״Festschriften“ heraiiszugehen. Als nächster Band wird Ende des Sommers ein C 11 a 11 u k a h b u c 11 hcrauskommeii. Bei dieser Oclegcnhcil verweisen wir auf den Inseratenteil, in welchem der Jüdische Verlag einige interessante Urteile über seine Novitäten nütteilt, sowie auf wertvolle Neuerscheinungen fremder Verläge aufmerksam macht. fl US ALLER WELT Pogrom« n ruhen in russischen Dörfern ln dem Dorf P a b i a 11 i z e hei I.odz erschien am l'L April die Frau eines Hausknechts in der Synagoge und trat auf den Rabbiner mit den Wollen zu: ,,Gehl mir meinen Knallen heraus, den Ihr zum Schächten geraubt habt.“ Daun lief sie mit Geschrei aut die Straße hinaus und rief die Bauern zusammen, Diese drangen unter dem Kut ״Schlagt die Juden tot!“ in die Synagoge ein. Andere lieg,innen die Häuser der Juden zu durchsuchen, bis die Polizei diesem Unfug ein Ende machte, Die Frau des Hausknechts wurde verhaftet. Ein ähnlicher Fall hat sich im Dorf Be Inj a Zerkow hei Kiew zugetragen. Dort halte ein Bettler die kleine Tochter eines echten Russen in einen Hinterhalt gelockt und sic ihres Mantels beraubt. Der Russe schlug Lärm und behauptete, dal! die Juden sein Kind gestohlen hätten. In dem Dorl brach aus .Furcht vor einem Pogrom eine Panik aus, die sich erst legte, als das kleine Mädchen weinend auftauchte und den wahren Sachverhalt des Vorganges erzählte. Von den neuen hebräischen Schulen Der Lehrerkörper der hebräischen Knabenschule in Jerusalem hat folgende Grundsätze für die Schule aufgestcllt: 1. Die hebräische Knabenschule ist eine rclig i ö s - n a t i o n :11 e Erziehungsanstalt. 2. Der Bibehmterricht beginnt vom dritten Unterrichtsjahre ab. 1111 Anschluß an den Pentateuch werden Auszüge aus den Kommentatoren Raschi, Rasehbam u. a. 111״ je nach Alter und Reife der Schüler, vorgetragen. 3. Die Bibel wird in der Schule ungekürzt gelehrt, 4. Talmud wird in den letzten drei Schuljahren fünf Stunden wöchentlich unterrichtet. 5. Die hebräische Sprache und Literatur wird in dem Ausmaß gelehrt, daß die Schüler selbständig einen hebräischen Aufsatz schreiben können. (>, Der Unterricht in einer fremden Sprache bcginnt im zweiten Semester des dritten Jahrgangs. Er wird sieben Stunden wöchentlich erteilt. Die Lehrkräf(e sind ans dem betreffenden europäischen Laude zu engagieren. Arabisch wird in den letzten vier Jahren vier Stunden wöchentlich gelehrt. 7. Allgemeine Wissensfiicher werden in hebräischer Sprache nach dem Programm einer städtischen Bürgerschule unterrichtet. Auch die Mittelschule in Haifa wird jetzt endgültig ihr Programm feststeüen. - Im Jerusalemer hebräischen Lehrerseminar haben dieser Tage sechs Schüler das Studium beendet, darunter drei aus Rußlaiul, zwei Palästinenser und einer aus Galizien. Bei dem herrsehenden Mangel an Lehrern werden sic gewiß bald ihre Lehrtätigkeit aufnehmen können. ZIONISTISCHE BEWEGUNG An alle Gruppen Wir bitten die zionistischen Gruppen und Vertraucnsinänncr noch einmal, die Zwischenlciertagc des Peßachfestcs zu einer intensiven Scliekelsammlung auszunutzen. Das Actions-Comitc. Bekanntmachung. Die Generalversammlung der Palästina- R e i s c - G e se 11 s c 11 a f t e. V. in Hamburg wird am Sonntag, dem B). April 1914, vormittags 11 Uhr, im Bureau des Kgl. Notars Dr. Victor, Wandsbek, Lübecker Str. 26, stntttinden. Tagesordnung: 1. Bericht; 2. Wahlen; 3, Verlosung; 4. Diverses. Sämtliche Mitglieder werden hierdurch cingeladen. Der Vorstand Rechtsanwalt Dr. Tannenwald- Hamburg. Bekanntmachung. Die diesjährige Verlosung der Reiseprämien ucr P a 1 ä s t i n a - R e i s c - G e s c 11 - Schaft e. V. in Hamburg findet am Sonntag, dem 19. April a. c. statt. Voraussichtlich werden diesmal zwei Rciscpräniicn zu je 500 M. zur Verlosung gelangen. Die Mitglieder werden iiött. gebeten, um Unkosten und Arbeit zu ersparen, die Beiträge m o gli eilst umgehend an Herrn Rechtsanwalt Dr. Bruno Tannenwald, Hamburg, Kaiscr-Wilhelmstr. Hü, einzusemlcn. Beiträge, welche bis 15. Februar noch nicht eingcgaiigen sein werden, werden unter Anrcchmuig der Kosten per Postnaclinahnic eingezogen. Anmeldungen zu der nächsten Gesellschaftsreise nach Palästina, an welcher unser vorjäliriger Preisträger, Herr R.-A. Meyer-Bonn, teilnimmt, nimmt die unterzeichnete Stelle gern entgegen. Neu hinzutretende Mitglieder nehmen au der diesjährigen Verlosung teil. Palästina-Rcisc-Gcscllschaft e. V, in Ha m b u r g. Der geschäftsführende Ausschuß i. A.: Dr. A. Chwolles, üahrcnfcld, Mozartstr. 34. JUGEND-BEWEGUNG Berlin. Zionistischer Jugcndvcrcin. Am Donnerstag, dem 9. d. M., sprach an Stelle des Herrn Dr. Wolff, welcher verhindert war, Dr. Heinrich Löwe über den .Zionismus bis zu den Kongressen“. Auch dieser Abend war von mehr als 511 Mitgliedern hesucht und verlief zur Zufriedenheit aller. An I >r. I.öwes Vortrag soll sielt der Zyklus ״Geschichte des Zionismus“ anreihen. Der nächste Abend - Donnerstag, 23. d. M., Burg-Hotel, Burgstraße - wird die Entwicklung von Moses Hess bis zu llcrz.l bchandeln, am 30. er. spricht Herr Po llack über H c r z I seihst. Die bisherige Entwicklung des Vereins ist günstig mul entspricht den Erwartungen. Aber es ist unbedingt erforderlich, «laß sich alle Berliner Zionisten und Zionistiuucn Unter 30 Jahren daran gewöhnen, keinen dieser Donnerstag-Abende auszulassen! In Kürze beziehen wir voraussichtlich unser neues Heim, eine schöne Fünfzimmcrwohnung, in der Nähe des Bahnhofs Börse. Aber die Unter- Stützung aller tut not! Für Zuschriften gelten folgende Adressen: Allgemeines, Anmeldungen usw.: Bureau, SW, Friedrichstr. 40. Fachabteilungen (Schach, Wandern, Tennis usw.): Herr W. Sand, N58, Wörther Str. I. Sämtliche Korrespondenzen auswärtiger Jugendvereine sind zu richten an: Heinrieh Margulies, N 113, Wisbycr Str. 74. TURNEN und SPORT Posen. Der Jüdische Turnverein P o s c n (im Verbände der Jüdischen Turnerschaft) vcranstaltctc am Sonntag, dem 5. April, in der städtischen Turnhalle am Grünen Platz ein öffentliches Schauturnen. Schon lange vor Beginn war der Zuschauerraum dicht gefüllt. Pünktlich um 8 Uhr marschierten die Männerriegen in die Finde und alles folgte in gespannter Aufmerksamkeit den Darbictungen. In bunter Reihe zeigten dann die Frauenriegen, zwei Fechterpaare ihr Können; ein besonders schönes Bild boten die von allen Teilnehmern aufgeführten Freiübungen. Den größten Beifall löste acr ״Gewchrsprung“ und ״Wippen im Sprungtuch“ aus. Den Clou bildeten die Kürübungen der ersten Männerriege am Barren und Reck; hier hot jeder einzelne eine Glanzleistung. Die Gesamtleitung lag in der. Händen des ersten Turnwarts Herrn Moritz Sachs. — Die Veranstaltung hat dazu beigetragen, jüdisclie und nichtjüdischc Kreise auf das wirken des Vereins hinzuweisen. Es verdient noch Erwähnung, daß alle Schichten der jüdischen Gemeinde und deren Ver* tretcr der Einladung gefolgt waren. Es waren ferner von allen nichtjüdischen Turnvereinen Leiter und Mitglieder entsandt worden, deren Urteil einmütiges Loh war. Am Abend hielt ein Kommers bis nadi Mitternacht einen großen Teil der Mitglieder beisammen. Rechtsanwalt Dr. Kollcnschcr gab in zündenden Worten seiner Freude Ausdruck. Humorvolle Reden von seiten des Komtncrsleiters Referendar Hausen und Herrn, Georg Karcski erhöhten die frohe Stimmung.