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Jüdische Rundschau · 1914-04-17 · Heft 16 (17.4.1914) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 16 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 167 nicht; es wäre aber auch keiner. Denn die Leitung einer üemeindc hat die Jugend zu beeinflussen damit sie gutjüdisch werde und ihrem Volke treu bleibe. Da» dem jüdischen Turnverein die Subvention bisher bewilligt wurde, ist dem Herrn B, H. ein Versehen, das aber verzeihlich ist, ״da mog• licherweise bei einer Anzahl liberaler Repräsentanten, deren Votum gewöhnlich auch die andern bestimmt’ die Auffassung geherrscht hat, da» es sich um die Subvention eines der interkonfessionellen Turnvereine handelte“. Meine Herren Repräsentanten, Sie haben da einen Verteidiger, der Sie in Grund und Boden verteidigt: er behauptet, daß nur zwei, drei von Ihnen sich eine Meinung bilden und die andern! ein־״ fach gedankenlos mitstimmen; und jene bilden sich ihre Meinung so leichtfertig, da» sie einen Jüdiselten 1 um verein, der sich in seinem für einen Repräsentanten gewiß leicht erreichbaren Statut sogar jüdisch-national nennt, für interkonfession c 11 halten. Aber B. H. gibt noch eine Möglichkeit zu: da» der Turnverein dem Banne verfiel, weil seit einem Jahre seine Leitung in den Händen des V. J, St., ״dieser eine gedeihliche Entwicklung des Judentums hemmenden Studentenkorporation“, gelegen sei, Die ״übergroße Mehrheit der Kölner Synagogengemeinde“ scheint ja eine heillose Angst vor einem einzigen V. J. St. er zu haben. Der Höhepunkt der Darlegungen des Herrn >B. H. ist aber folgendes: ״Vielleicht ist cs übrigens seitens der nationaljüdischen Leitung des Turnvereins auch nur ein wohlüberlegter Trick, um unruhige Elemente einzulullen, da» sie ihren Mitgliedern eine turnerisch und sportlich g a n z, vortreffliche Ausbildung zuteil werden läßt, die sogar in nichtjüdischen Turnerkreisen Ancrkenming findet. Im Grunde genommen werden diese Zionisten, die selbstverständlich der edlen Turncrei höchst gleichgültig gegenübcrstclicn, ihre Hebungen rein mechanisch abwickeln und d a -1 bei ihren phantastischen Utopien nachjagen.“ Wenn ich ein liberaler Jude wäre, würde ich es vorziehen, von diesen Zionisten, die dabei ihren phantastischen Utopien nachjagen, eine vortreffliche Ausbildung zu erhalten, als von einem paritätischen Verein, dessen Tendenz ״ganz nach dem Herzen eines für die Assimilation begeisterten, liberalen Juden“ ist, eine schlechte. Freilich, cs ist nur ein wohlüberlegter Trick. Es ist auch nur ein wohliiberlegter Trick, daß unsere Sport-, Wandcr-, Rudervereine sportlich Vorzügliches leisten; es ist ein wohlüberlegter Trick, daß die jungen Leute in unseren Jugendmul Studcntcnvercinen eine vorzügliehe jüdische und allgemeine Schulung erhalten; es ist ein wohlüberlegter Trick, daß unsere Organisation nach innen geschlossen, nach außen machtvoll dasteht; cs ist ein wohlüberlegter Trick, daß die Kolonien in Palästina blühen und gedeihen. Das alles sind wohlüberlegte Tricks, um unruhige Elemente cinzulullen; all dem stehen wir selbstverständlich höchst gleichgültig gegenüber und wickeln es mechanisch ab, wobei wir unseren phantastischen Utopien nachjagen. Alaaf, mein Köln! Nach und nach erkennt er, daß sich bei ihm mir die Bücher geändert haben, das Wese n der Sache aber unverändert geblieben ist; und daß er noch auf Pfaden der Wüste umherirre. Was frommt ihm alles Wissen und Denken, das doch mir wie ein Schatten der Dinge ist, die ihm fehlen? Was bieten ihm-alle Linien und Umrisse der Ersclieinimgen in dem Leben und der Welt, wenn er von jenem Leben und jener Welt selbst nichts hat? Seine Seele ist leer von jedem nährenden Inhalt, sein Dasein ist leer, da er nichts zu erleben vermag, sein Herz ist ohne Liebe und Sceleugemeinschaft; nur sein Gehirn ist voll und sinnend, cs umfaßt und weiß, baut und zerstört oder es spielt mit Gedanken wie im Spiel der Wellen. Er hat kein Volk und kein Volkesscluien, er hat keine Eltern und keine Eiternnähe, cs fehlt ihm Liebe und Liebesschmerz; er sitzt fern von allem, was sein war, in einem fremden Lande, das ihm zum eigenen geworden und doch fremd geblieben ist. Ein Fremdling ist er dort und hier, in den Schulen der Väterlehre und an den Lchrstätten anderer Völker; ein Fremdling ist er in der Welt und im Leben, und hat nichts von allen Lebensopfern. Er sieht sich als Bürger der ganzen Welt an, als Bürger aller Erkenntnisse und Gedanken, aller rnenschliehen Fragen und Bedürfnisse; in Wirklichkeit aber hat er nichts, gar nichts. Soll er zurückkehren, zurückkehren dahm, von wo er kam? Aber jener Ort ist kein Platz mehr für ihn, dessen Luft ist nicht seine Luft. Während er daran denkt, fühlt er aufs neue den ganzen tiefen Gegensatz zwischen seiner Seele und jener Art Leben, Ein trauriger seitei Von Jchuda Steinberg. Aus dem Hebräischen von Hugo Herrmann. Als am Rüsttag des Peßachfcstes die Sonne sank, trat Menuchah, die Witwe von Reb David Friede mit ihm! — in ihr Haus, Sic verkroch sich in einen Winkel der Stube und saß, in Trauer versunken, auf der Bank. Niemand war daheim. Der ,,Kleine“, ihr einziger Sohn, war noch im Bcth- Hamidrascb, ihre Töclucr waren bei den Nachbarinnen und nur sie selbst saß allein in der leeren Stube und rang mit der Einsamkeit. Sie rang nicht mehr, sic war bereits unterlegen. Das ganze Haus brütete in verdrossener Dumpfheit, alles war, als ob es nicht an seinem Platze wäre. Die große Lampe schien nicht in der Mitte der Decke zu hängen, sie flackerte und blinkcrtc wie zornig tmd leuchtete überholl. Die Wände schienen zu sagen: ״Wir möchten uns dehnen und alles zerstören lind zudecken; aber es lohnt nicht der Mühe.“ Alles, was auf und was an dem Tische stand, war wie hingeworfen und in einer Trödlerbudc zum Verkauf gestellt. Die Einsamkeit lastete schwer und dumpf. Sie hatte versucht auszugehen; aber draußen fühlte sic ihren Kummer!nur noch mehr. Feierlich und still ruhte die Gasse, Licht in allen Fenstern, festlich geputzte Mädchen gingen umher und erregten ein fröhliches Geräusch. Auf ihrem Herzen aber lag ein Gewicht von Blei. Sic konnte keinen Augenblick vergessen, daß dies ihr erster Peßach war. Sie war ja überhaupt nicht vergeßlich; sie hatte auch den ersten Peßach vor fünfzehn Jahren noch nicht vergessen. Als ob es gestern gewesen wäre, so sah sie cs vor sielt. Bald nach ihrer Hochzeit war es. Zehnmal hatte sie das Hessebett für ihren David zurcchtgemacht und es war ihr nicht nach Wunsch gelungen. Es war ihr niemals seiner würdig erschienen. Plötzlich blitzte ihr ein Gedanke auf: sic würde ihm das kleine Kissen ■zu Hiiuptcn legen, worauf sie als Braut, vor der Trauung, beim Bedecken gesessen hatte. Dann trat sie ein wenig zurück, betrachtete das Bett und war vergnügt. Wie lang aber wurden ihr die ׳Stunden! Die Männer versenkten sieh heute, schien ihr, allzu tief ins Gebet. Sie konnte sieb nicht mehr halten und ging aus, wie um zu spazieren, ihre Augen aber suchten die Männer, die aus den Giißchen kanten, worin das Bcth-I lamidrnsch stand. Und sie fand ihren David unter den Männern und sie gingen zusammen heim. Auch damals war es ihr schwer geworden, draußen zu warten. Sie wollte sich schnell mit ihm hinein* flüchten in ihr ״Reich“, Und dann —׳ o Jahre! —, dann hatte er verlangt, sie solle die vier Fragen tun. Da lachte sie laut auf und auch er lachte. Die Vorschrift verlangt es doch so: wenn ein Mann keine Kinder hat, ist die Frau verpflichtet zu fragen. Und es war ja nicht schwer. In ihrer Jugend, ehe ihr kleiner Bruder größer geworden war, hatte sie immer an den Seifer* übenden die vier Fragen an ihren Vater gerichtet. Jedes Wort war ihr noch gegenwärtig. So stimmte sie denn zu und begann zu fragen: ״Vater, ich will dich fragen . . der als Trennungsscheide zwischen Vätern und Söhnen sich erhebt. Er kann das nicht aufrichten, was er niedergerissen hat, und er will cs nicht aufrichten; er kann seine Scclcnfreihcit nicht ersticken, das brächte seinem Herzen keine Ruhe. Fand er doch alles, indem er alles verlor. Seine Seele herrscht jetzt unbeschränkt, weil er Herr all seiner Gedanken und Vorstellungen ist. Aller in der Welt aufgespeicherte Reichtum ist für ihn bewahrt, obgleich er von diesem Reichtum nichts hat; er ist Herr über alles, weil er nur Herr einer kleinen Ecke ist. Viele Gräber liegen auf seinem Lebensweg diesseits und jenseits, und nach alledem lebt er in allem, mit allem. Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Martin H a rt m ann, Reisebriefe aus Sy r ie n. Verlag Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin, 1913. M. 3.—. Eduard König, Dasantisemitische Hauptd o g in a. A. Marcus und E. Webers Verlag (Dr. jur. Aibert Ahn), Bonn, 1914. M. 1.50. Dr. Joseph Unna, Oberlehrer, M a 1 m o n i d c 8. Ein Lebensbild für die jüdische Jugend. Verlag Louis Lamm, Berlin, 1914. Dr. Felix A. Theilhaber, Die Schädigung der Rasse durch soziales und wirtschaftliches Aufsteigen, bewiesen an den Berliner juden. Da lachte er aus vollem 11.dse, ״Was sprichst du da? ,Vater . . Bin ich denn ein Vater?“ Und er lachte und sie lachte und ihr Lachen läutete durcheinander. Es war ein Fehler, den sie begangen hatte, aber ein erfreulicher, ein angenehmer Fehler, der ihr noch viele Jahre Vergnügen machte. Jahr für Jahr am Sedcrabend, wenn sie sich dieses Fehlers erinnerten, lachten sie von neuem. Bis artif dieses letzte Jahr . . . Jahre voll Lachen und Freude hatte sie mit ihrem David erlebt. Noch im vorigen Jahre — er war schon krank. Sie betete immer zu Gott, er möge dem Lachen und der Freude in ihrem Hause kein Ende setzen. O wie unklug, wie närrisch war sic doch gewesen! Hätte sic nur um langes Leben für ihn gefleht! Mochte doch ihr Leben schwer und mühselig sein, voll Kummer und Leiden, wenn nur ihr David lebte! Ein Strom von Tränen brach aus ihren Augen. Tränen über Tränen kommen und rinnen still, alles schweigt; es ist, als ob alles auf sie blickte und Teilnahme an ihrem Schmerz empfände. Stoßweises Schluchzen klingt in der Stube, wie wenn an der armen, unglücklichen Seele gerissen würde. So sitzt sie verzweifelnd, versteckt in irgend einem Winkel. Es scheint, daß sie der Welt zürnt, daß sie nicht einmal den Platz einnehmen will, der ihr gebührt. Da hörte sie Schritte. Menuchah nahm den Zipfel ihrer Schürze und trocknete ihre Tränen ab. Ihre Kinder sollten nicht merken, daß sie geweint hatte'; sic wollte ihnen das Fest nicht stören. Selig sind sie, die schon ein wenig vergessen haben, ״Ach, meine Augen schmerzen,“ begann sie zu klagen, noch ehe sieh die Tür öffnete, um die Ursachc ihrer Tränen zu verbergen. Aber niemand tritt ein. Sie hatte doch deutlich die Haustür gehen gehört, dann Schritte, und nun war wieder alles still. Das waren ihre drei Töchter, die cs, wer konnte wissen weshalb, nötig fanden, noch einen Augenblick im Vorraum, vor der Tür, stehen zu bleiben. Dann traten sie eifrig sprechend und schwätzend ein. ״Dieser Wind!“ klagt die erste. ״Alles ist draußen voller Staub.“ ״Ich habe die Augen voller Tränen davon.“ ״Auch meine Augen sind voll Staub,“ sagt die zweite und die dritte. Indessen hörte man es klopfen und der ״Kleine“, ein Knabe von zwölf Jahren trat ein. ״Ein gutes Fest, Mutter,“ grüßte er laut von der Tür her. ״Ein gutes Fest dir, mein Liebling,“ antwortete Menuchah mit etwas fremder Stimme und mit Betonung jeder Silbe. Der Kleine wirft einen Blick auf das Hessebett, wagt aber nicht, geradezu hinzuschauen. Er weiß, daß heute er dort sitzen muß. Er geht rund um den Tisch. Zwar weiß er genau alles, was zu tun ist, von ״Kadesch“ bis ״Nirzah" aber . . . Die Schwestern sprechen laut und eine unterbricht die andere. Das macht ihm etwas Mut und er entschließt sieb zu beginnen. ״Kadesch,“ fängt er an, wie ein Erwachsener. Menuchah und ihre Töchter setzen sich an ihre Plätze, der Kleine heendigt das Kidduschgebet, ״Rachaz“, ״Karpas“, ״Jnchaz“. Nach ״Ha lachma“ aber verändert er seine Miene und wird wieder zum Kinde, da er sich zum Ohre der Mutter beugt. Gekrönte Preis-Arbeit der Gesellschaft für Rassenhygiene. Verlag Louis Lamm, Berlin, 1914. M. 1.—. Karl Joel, Die philosophische Krisis der Gegenwart, Rektoratsrede. Leipzig, Verlag von Felix Meiner, 1914. M. 1.40. Max Nord au: Doktor Kolin, Ein Lebenskampf. Vierte Auflage. Berlin W, Ernst Hofmann ft Co. M. 2,40. Prof. Dr. H cimbc rg er-Bonn: Das Wahlrecht ausländischer Juden in preußisehen Synagogengemcinden, Gutachten. Verlag des Vereins für die jüdischen Interessen Rheinlands (E. V.), 1913. Alfred Kno bloch, Gläserne Wände. Roman. Berlin, Verlag von Morawc und Scheffelt. 4 M. (5,50 M.). Richard Wagner, Ausgcwählte Schriften über Staat und Kunst und Religion. Leipzig, Breitkopf und Härtel. 1,50 M. (2,— M.) Arthur Landsberger, Das Ghettobuch, die schönsten Geschichten aus dem Ghetto. München, Georg Müller. Gustav W y n e k en, Die neue Jugend, ihr Kampf um Freiheit und Wahrheit in Schule und Elternhaus, in Religion und Erotik. München, Georg G. Steinicke, Dr. L. Frei, Katechismus der monistischen Welt* anschauung, frei nach Häckels Lehre. Brackwede i. W״ Dr. W. Breitenbach. (—,60 M.) Mary A n t i n, Vom Ghetto ins Land der Ver- . heißung. Roman. Stuttgart, Robert Lutz. J

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