Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 166 J U E D l 5 C H E RUNDSCHAU Nr. 16 Das neue Palästina iiat diesmal in gestoigerter Fröhlichkeit das Frühlingsfest begangen, und zu den alten Erzählungen vom Auszug aus dem Lande der Knechtschaft wird man jetzt die neue hinzufügen: von der Befreiung der hebräischen Schulen und des hebräischen Geistes, Und wir sind überzeugt, dall die gesamte Zionistische Organisation sich in dieser Stirnniung eins fühlt mit Palästina. Per Weg, den der Zionismus uns gezeigt hat, ist zu klar für die gesamte Organisation, als daß wir uns wieder verirren könnten. Die Aufgabe des Zionismus besteht nicht darin, das Volk irgendeinem Einzelwillen anzupassen. Umgekehrt, die Großen, wenn sie wirklich. Suchende sind, werden ihr Volk finden und seinen Willen allmählich respektieren lernen. Palästina hat die erste Lektion erteilt. Neues vom Wandervogel Seitdem an dieser Stelle zuin letzten Male vom Wandervogel berichtet wurde, sind neue antisemitische Hefte der ״Führerzeitung" erschienen. Ihre Lektüre sei allen empfohlen, die sich fiir die Psychologie des Judenhasses interessieren. Gewiß, au dem Idealismus der Waudervogelführer kann nicht gezweifelt werden; daß er national orientiert ist, werden w i r ihm nicht zum Vorw urf machen. Aber er ist ein ßeispiel, au dem wir zeigen können: das ist der Geist, den wir nicht meinen. Nur selten bricht ein hellerer, freundlicherer Gedanke durch: friedliche Scheidung in gegenseitiger Achtung und Anerkennung. Jm großen und ganzen ist dieser Nationalismus auf eine dunkle Formel abgestellt: Gennanomanie. Die Urteile über das Judenturn sind so sehr vom Geiste Philipp Siaufts erleuchtet, daß jede richtige Beobachtung aus dem Rahmen fällt. Die theoretische Grundlage ist der Rassenstandpunkt, und niemand sieht ihre Schwäche. Von den feineren Erkenntnissen des Nationalismus, die gerade der zionistischen Literatur zu verdanken sind, weiß man nichts. Ebensowenig oder fast nichts von der jüdischen Retiaissuneebcwegtmg seihst. So ist der Gesamteindruck ein trüber! Und wenn man liest, wie etwa germanische Sittlichkeit und jüdische Unsittlichkeit, germanische Ehrlichkeit und jüdi-ehe Verlogenheit gegcnübcrgcstellt werden, so muß man bei diesem Mangel an Objektivität lind tieferem Verständnis daran zweifeln, daß diese Menschen die Bringer einer neuen Kultur Sein können, fiir die sie sich halten. Ein Flugblatt des Hammerbrmdcs nimmt sielt der Angelegenheit freundlich an, daß der Speise nicht die Würze fehle. Dort wird auch eilte von uns gebrachte Mitteilung aufgegriffen und antisemitisch verwertet. Wir hatten von dem Protest des ״Deutsehen Wandervogels, Gau Groß-Berlin“ gesprochen, der ein paritätisches, von einem jüdischen Referendar geleitetes Unternehmen sei, in dem schon heute das Verhältnis von Juden und Nichtjuden 1:1 =״-׳ sei. Es war angedeutet worden, daß die Nichtjuden diesen Verein allmählich verlassen würden. Hierzu schreibt mir Herr Referendar Walter Bergmann, indem er Menachem Von M. J. Berdyczew ski. (Aus dem Hebräischen übersetzt von Josef L i 11.) *In fremdem Lande weilt er, fern von seinem Volke und seiner Heimat, fern von seinen Eltern und seiner Almen Tradition; er bcfleilligt sich des Studiums an einer Hochschule als wissensdurstiger Jünger, dem die Erkenntnis zum Lebensinhalt ward. Er luft nichts mehr von dem, was er vormals gesucht; nichts ist ihm geblieben von der Väter Erbe und ihren Büchern; nichts von alledem, w׳as jene w׳ollen und denken, schaffen und erstreben; er hat aber auch mit dem ihn umgehenden Leben nichts zu tun. ln einer Großstadt Deutschlands lernt er — in Vergangenheit und Zukunft von ihr getrennt, und doch ihr durch ein Etwas nahe . . . Er ist arm und besitzlos. Verfügt mir über ein Stück Schwarzbrot und ein wenig Warmwasscr in seiner Dachstube in einem abgelegenen Stadtviertel. Er hat auch keine Freunde und Bekannten, und niemand versteht ihn recht; doch ist er reich an Verlangen und Streben, das seine Seele erfüllt. Die gewaltigen Gedanken der Großen aller Zeiten, die Geistesschätze aller denkenden und erkennenden Völker und Gemeinschaften stehen jhm jetzt offen und alles ist ihm zugänglich. Er braucht jetzt nur nach der Bibliothek zu gehen, und alles, was sein Geist verlangt, steht ihm frei. Er braucht nur in die Hochschule zu gehen! da durchdringt man voraussetzungslos alle Gebiete zunächst überzeugend nachweist, daß ich seinen Einfl'tiß auf den Verein übe!׳schätzt hätte; ״Es ist unrichtig, daß bei uns zwischen Juden!und ״Christen ein Verhältnis von 1:1 herrschte. Wahr ist vielmehr, daß der Prozentsatz der Juden nach ganz neuen Feststellungen etwas über 12 0'״ ausmacht. Beweis dafür auch die Führerschaft: Mädchenabteihmg: 25 Christen, 4 Juden; Knabenabtcilimg: 12 Christen, 2 Juden. Die Christen übrigens keine Taufehristen. Es hat demnach iin Jahre 1913 eiua Verminderung des jüdischen Prozentsatzes stattgefumlcn, die im Jahre 1914 angehalten hat.“ Diese Zahlen, schreibt Herr Bergmann, lassen erkennen: ״Daß wir in schärfster Weise uns von dein Wege, den Sie 'uns vorausgesagt haben, ferngehalten haben, fernhalte״ und (enthalten werden, und zwar in bewußter — an eine Aeußerung von Ihnen anknüpfend intendenziöser Weise.“ Ich habe Herrn Bergmann geantwortet, daß ich nach wie vor nicht glaube, daß sich ein ernsthaft paritätischer Wandervogel auf die Dauer in Berlin halten wird. Ob freilich die Juden die Christen, oder diese jene verdrängen werden, kann zweifelhaft sein. Unterdessen rückte der Bundestag des Wandervogels heran. Die Zwischenzeit benutzte das Zentralvereinshlatt noch schnell dazu, um gegen den Jiidisehen Wuudcrbimd ״Blau-Weiß" das vielleicht schon etwas abgegriffene Wort von der ״freiwilligen Rückkehr ins Ghetto“ zu schleudern! Zu dieser ״freiwilligen Rückkehr“ entschloß sich aber auch, unbekümmert um seinen mächtigen Protektor, der neutrale Jugemlbund in Berlin. Er gründete - unter Berufung auf den Antisemitismus des Wandervogels — eine Schülcrwandcrabteihmg. Pas wäre gleichgültig, wenn er nicht gleichzeitig ein Rundschreiben verbreitet hätte, das unwahre Behatiptungen über den ״Blau-Weiß“ enthält. Dieser Angriff ist interessant, weil er zeigt, daß der neutrale Jugendvcrbaud seine Reserve immer mehr aufgibt und entschlossen ist, Jugendorganisationen, die er für zionistisch hält, offen zu bekämpfen. Sachlich muß aber erwidert werden: es ist unrichtig, daß der Wamlerhund ״Blau-Weiß“ zionistisch ist und parteipolitischen Zwecken dient. Allerdings wählt er seine Führer aus der zionistischen Jugend aus, weil er glaubt, daß sie die Elite der jüdischen Jugend ist. Weil Opportunisten und solche, die sich als Ausgeschlossene, ins Ghetto Zurückgestoßene fühlen, mit unseren Jungen nicht fröhlich, nicht Wanderfiihrcr sein können, sondern nur die, die aus freiem, freudigem Entschluß die jüdische Gemcinschaft wählen. Allen Führern ist aber jede direkte oder indirekte zionistische Propaganda streng untersagt, und dieses Verbot wird bei uns heiliger gehalten, als die Neutrfalitiit im Jugeiidbiind. Und Ostern svar Wa nde rvoge 11 a g in Frankfurt a. 0.1 Die Osterglocken läuteten, man war ernst und feierlich gestimmt, und in dieser Stimmung, in der man alles genau so sagt, wie man es meint, beschloß man dcbattclos: ״Der ״Wandervogel“ (E. V.) ist auf Grund seiner Satzungen in politischer und konfessioneller Hinsicht neutral. Die Buudesleitung hat darüber zu wachen, daß die Satzungen beachtet werden. ^^11|י,|י||יייי,*,"|לי|יייי|",י|י""|^|י,יייי,!ייייי? des Wissens mul Erkennens, der Naturgchcimnissc und der Geschichte, der Religion und Philosophie. Dort kann er alles erfassen und das Wesen der Seele erkennen; dort ergründet man di« Weltseele wie ein konkretes Ding und lehrt auch die Seelengcheimnissc. Und der Geheimnisse der Seele sind vielerlei, ihre Werte sind mannigfaltig und Ihre Wünsche sind zahlreich: sic hat viele Rätsel und viele Wunder, viel und verschiedenartig in ihrer Deutung. Und er seihst, er, der bis zum achtzehnte» Lebensjahre und darüber in den vier Ellen der trockenen Halachah verweilte, bei Lehrgegenständen, die den Menschen nichts lehren, er, dessen Augen bisher nichts geschaut und dessen Seele nichts gekannt: er sitzt jetzt an der Pforte der Wissenschaften, er sitzt und lauscht allem Erhabenen und Machtvollen darin. Alles, was er ehemals besaß, ist ihm genommen worden, und alles ist ihm neu gegeben. Er hat alles verloren und alles gefunden. Alles hat er selbst zerstört, und jetzt baut er alles selbst. Der Gedanke, daß er Herr ist seiner selbst und aller Anschauung und Erkenntnis, die er zu erfassen und in Selbstdenkeii fortzusetzen vermag, dieser Gedanke verleiht ihr» eine Ruhe, die er bisher nicht gekannt und die seine Vorfahren nie geahnt haben. Seine Eltern wandeln im Dunkeln, seine Landslcute wandeln im Dunkeln, alle ,ihre Bücher undj Taten sind in Finsternis gehüllt und all ihr Denken und Sinnen ist eitel; nur er weilt hier als ein Freier: er hat Augen zum Schauen und Ohren zum Hören, ihm sind alle Schätze der Gedankenwelt gegeben. Sie kann also unter keinen Umständen dulden, daß von Gauen oder Ortsgruppen allgemein Beschlüsse gefaßt werden, die dahin lauten, daß Juden grundsätzlich nicht aufgenommen werden. Sic wird alles hm, um zu verhindern, daß im ״Wandervogel“ die Religion oder die Rasse der Juden beschimpft werden. Andererseits denkt die liiiudesleituug nicht daran, die persönliche Freiheit der einzelnen Wandcrvogclvcrcinc einzuschränken. Sic lehnt es also eiitschfe- <1 c n ab, da einzugreifen, wo eine Ortsgruppe von Fall zu Fall durch Mehrheitsbeschluß die Aufnahme von Juden ablehnt, etwa weil besonders ausgeprägte Rasse 11 eigentümlichkeiten mit der Art des ״Wandervogels“, die aus dem Tiefsten des deutschen Wesens hervorgegangen ist und in der deutschen Vergangenheit wurzelt, unverträglich erscheinen.“ Wer diese Resolution verstehen will, dem braucht sie gewiß nicht erklärt zu werden. Vielleicht wird jetzt auch der Zentralverein f ü r jüdische Wanderorganisatioiicn sein. Der richtige Geist kann dort natürlich nur herrschen, wenn die Kinder wissen, daß die ״Rückkehr ins Ghetto“ keine ״freiwillige“, sondern eine unfreiwillige war. Wir aber heben immer svieder hervor: Der Jüdischc Wandcrbtind ״Blau-Weiß“ in Breslau und Berlin bestand längst, bevor sich die ersten Anfange der Wnmfervogelaffäre zeigten, — jener Affäre, die das deutsche Judentum aus seinen Illu« sionen reißen könnte, wenn es an seiner geistigen Befreiung ein Interesse hätte. Felix Rosenblüth (Berlin). Entlarvung der Zionisten Die Kölner Gemcimlcrcprüscntanz hat sich unvergänglichen Ruhm erworben. Sie hat dem jüdisehen Turnverein die durch mehrere Jahre bewilligte Subvention entzogen, weil er nach seinem Statut jüdisch-national ist. Der Beschluß wurde nach einer seiir lebhaften Debatte gefaßt, in der einzelne Repräsentanten Gelegenheit hatten, ihre tiefe Kenntnis jüdischer, insbesondere zionistischer Dinge leuchten zu lassen. Es gab sogar eine theoretische Diskussion über den Begriff ״Assimilation“, in der das letzte Wort ein Herr hatte, der behauptete: Assimilation komme von dem lateinischen Wort ״assimilarc“, und das bedeute Gleichstellung, könne also n u r in politischer und sozialer Be- Ziehung gemeint sein. Ich hin zwar sonst kein großer Lateiner, aber ״assimilarc“ heißt ähnlich machen,!und das kann wohl vor allem anders verstanden werden. Die theoretischen Erörterungen und die darauf beruhenden Beschlüsse der Kölner Repräsentanten lassen uns kalt. Warm werden wir erst, und vor Vergnügen, wenn wir ein ״Eingesandt“ im Kölner Israelitischen öcineindeblatt lesen, worin ein B. Ft. Zu der Angelegenheit Stellung nimmt. Er stellt fest: ״Es kann wirklich nicht gegen die liberalen Mitglieder der Repräsentanz der Vorwurf erhoben werden, daß sie sich bemüht hätten, die jüdische Jugend im Sinne irgendeiner religiösen oder politischen Idee beeinflußt zu haben." Diesen Ruhm verdiene» die scharf antizionistisch wirkenden Herren zwar Mögen sie ihre Wege gehen — der scinige führt nach anderer Richtung. Mögen sie auch fernerhin in den finsteren Gassen verbleiben — ihm leuchtet das Licht der Erkenntnis. Das Wissen ist ihm teuerer als alles, als alle Opfer seines Volkes und dessen Heiligtümer, als alle ihre Leiden und Freuden, auch als all ihr Sehne״ und Glauben. Das Wissen ist ihm teurer als alle Opfer der Welt, als alle Schätze und Reichtümer, die nur Böses erzeugen. Er, Menachem, braucht nur Brot zur Nahrung und ein Winkclchen zum Aufenthalt, ein Kleid zum Anziehen und ein Lampenlicht zum Lesen; er bedarf nur der Gedanken und der Gedankenfreiheit. Sie, die Väter, sitzen drinnen und er draußen; sic sind die Vielen, und er ist der Einzelne, der Ketzer der Vielen; das Seine ist aber größer als das Ihre; sie haben nichts, er aber hat alles, alles. Nach langer Zeit aber, als er viel gelernt und vieles durchdacht hatte, da begann er wiederum zu verlieren. Anfangs Geringfügiges, dann eine Orundläge nach der anderen, bis zum Ende. Er fing an, hinter die Vorhänge des Wissens und die Hülle der Weisheiten zu dringen. Er sah die Opfer der Bildung und die Grüfte des Wissens, ln den Tiefen seiner Seele regt sich die Empfindung, daß das Leben selbst über allen Lebensanschauungen steht. Dort im Herzensinnersten fühlt er andere Bedürfnisse und andere Wünsche, die bisher auch in der Hochschule der Wissenschaft erstickt waren, ebenso wie im Lehrhaus der Halachah. I