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Jüdische Rundschau · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 158 JUEP1SCHE RUNDSCHAU Nr. 15 Reisebriefe aus Syrien Im Frühling des Jahres 1013 hat der bekannte Oriciilforschcr Dr. Martin Hart man 11, Merlin, eine längere Studienreise durch Syrien gemacht. Er lc«tc seine Beobachtungen in Brieten nieder, die jet/t gesammelt in Buchform erschienen sind (Berlin, Verlag von Dietrich Reimer). Das Buch, das jedem an der Entwicklung des nahen Orients Interessierten zu empfehlen ist, enthält ein Vorwort, zehn Briefe (aus Haifa, Damaskus, Beirut, Haina, Tripolis, Lattakie, Horns, Aleppo und von Bord des Schiffes) und einen Epilog. Das Vorwort ist eine knappe Skizze der geschichtliclicn Entwicklung Syriens, aber eingestellt in die ticsamtgeschichte des Islam. Schon hier sprechen sieh des Verfassers Sympathien und Antipathien deutlieh aus: seine innige Neigung gehört den Araber n, deren Sprache ihm, wie er einmal bemerkt, zur zweiten Muttersprache geworden ist und denen er hohe Qualitäten zuerkcmit; dagegen hält er von den Fähigkeiten der Türken gar nichts und tritt, zwar nicht ausdrücklich, aber durch die, ganze Tendenz seiner Darstellungen, der in Deutschland herrschenden Türkenbegeisterung mahnend entgegen. Die Türken sind, nach llartmann, ein unproduktives Volk, dessen politische Erfolge nur auf die Zerrissenheit der andern und auf die Hilfe niehttürkiseher Staatsmänner zurückzufiiliien sind; die heutigen türkischen Politiker seien •köpf• und stcuerlos, zudem sei der in Anatolien als bäuerliche Bevölkerung lebende Kern der Türken völlig verseucht und dekadent. Die Zukunft in Syrien gehöre den Arabern. Ueherall, wohin llartmann kommt, studiert er mit besonderem Interesse die arabische n a t i o n a I e Bewegung. Diese Bewegung krankt ja an sehr vielen liebeln. Unter den Arabern herrschen kleinliche, persönliche Interessengegensätze, die es zu einer durchgreifenden Aktion nicht kommen lassen und es der türkischen Herrschaft immer wieder ermöglichen, durch Ausspielung der einzelnen arabischen (truppen gegeneinander jede wirksame Zusauniieufnssung aller nationalen Elemente zu hintcrtrcibeii Wir erfahren viele höchst lehrreiche Details von den einzeliicn Zentren der Bewegung und von ihren hervornagendste« Führern, llartmann seihst verleugnet seine Sympathie für die Bestrebungen keinen Augenblick; er ist für eine weitgehende׳ Autonomie der Provinz. Syrien mit einem kräftig ausgebildetcn Provinziallandtag; allerdings meint er, dal! wirklich gute Erfolge nur erzielt werden könnten, wenn an die Spitze der einzelnen Verwaltungszweige tüchtige europäische ״Beiräte“ gestellt würden. Man wird das Gefühl nicht los, daß auch ein so günstiger Beurteiler dem Arabertum nicht allzuviel zutraut, wenn cs sich selbst regiert, und daß schließlich die Türken, wenn sie sicli in jeder irgend wichtigeren Sache von Europäern leiten ließen, auch nicht weniger taugen würden, als die Araber. Diese haben vor jenen gewisse persönliche Fälligkeiten voraus: Lerneifer, Fleiß, Regsamkeit; aber andererseits sind sie in so viele Parteien und Fraktionellen gespalten, ja diu Clans und Sippen und Gefolgschaften scheinen eine so grolle Rolle zu spielen, daß man nicht allzu große Neigung bekommt, die Hoffnungen Hartmanns zu teilen. Jedenfalls: diese Seite seiner Beobachtungen ist für uns die interessanteste. Der Zionismus muß seihst die nationale Bewegung der Araber so stark in sein Kalkül ziehen, daß die Aufschlüsse, die ein so erfahrener Orientalist gibt, die entschiedenste Beachtung erheischen. Hartnmnn spricht auch von der jüdischnationalen Bewegung. Im ersten Brief, aus Haifa, nimmt das jüdische Technikum den meisten Raum ein. Zunächst wird die bestellende (seither durch eine rein hebräische Schule ersetzte) vierklassige Vorbereitungssehule erwähnt, ״in der, wie ich mich überzeugen konnte, in Deutsch, Arabisch, Rechnen und Geschichte ausgezeichneter Unterricht erteilt wird, in den letzten beiden Fächern in hebriiischer Sprache, die die Kinder ohne irgendwelche Schwierigkeit handhaben“. (Nach den Oktoberbcschlüssen des Kuratoriums wäre der Unterricht in diesen Fächern, wenigstens in dem ersteren von beiden, ״aus pädagogischen Gründen״ deutsch erteilt worden.) Er fragt dann nach dem Betrieb des reelmikums selbst. ״Diese Frage führt sogleich tief hinein in das Problem, dessen energische Lösungsversuche bei ihrem ersten Bekanntwerden in breiterer Oeffentlichkeit vor etwa zwanzig Jahren bei den meisten ein ungläubiges Lächeln hervorriefen, bei nicht wenigen auf schroffen Widerstand stießen. Ich meine die Bewegung, die als Zionismus bekannt ist, und die in ihren Anfängen aufs engste mit dem Namen des Wieners Dr. Ifcrzl verknüpft ist. Für die f liascii, die diese Bewegung durchgemacht hat, ist hier nicht der Ort. Es sei nur festgestellt, daß der (imndgeil,•inke, die Schaffung eines neuen Israel im Heiligen Lande, in einer Richtung eine erstaun- '1' , י' V« rwirklichn n g gefunden hat: in der Schaffung größerer jüdischer Ocmeinwcscn mit selb- I ständiger Verwaltung und in der Durchsetzung des Hebräischen als Verkehrssprache, namentlich als Seluilsprache unter den Juden in Palästina. Es ist hier eines Mannes zu gedenken, der für die sprachliehe Evolution unermüdlich gearbeitet hat, des Schriftstellers Bcn-Jehuda in Jerusalem. In den zahlreichen Kindergärten wird nur Hebräisch gesprochen. Wie es in der Vorbereitungssehule in Haifa gehalten wird, die sich zu der Mittelschule am Technikum auswachsen soll, habe ich schon erwähnt.“ Nun sollte man meinen, daß llartmann auch am Technikum selbst der hebräischen Sprache einen gewissen Raum gönnen würde. Indes fährt er mit unbegreiflicher Inkonsequenz fort: ״Im Technikum selbst kann von der Verwendung des Hebräischen als Unterrichtssprache nicht die Rede sein. Die Schüler müssen die Kunstausdrüeke sofort in einer der Weltsprachen erlernen. Auch ist progrninmäßig der Besuch der Anstalt Angehörigen anderer Konfussinnen gestattet, es wird sogar solcher lebhaft gewünscht. Als Unterrichtssprache kann selbstverständlieh, da die Anstalt eine deutsche, und da auch in der Mittelsehule das Deutsche unter den fremden Sprachen die erste Stelle einnehmen wird, nur das Deutsche in Betracht kommen. Die Reichsrcgicr 1111 g, die der Anstalt ihren Schutz gewährt, hat das volle Recht, auf dem deutschsprachlichen IJ11- (erricht in allen Fächern des Technikums zu bcstehen. Eine solche Forderung hat nichts zu tun mit dem Verhältnis, das /wischen der Alliance Israelite und der französischen Regierung besteht. Die Anstalten der Alliance sollen dem Prestige Frankreichs dienen, sie gelten nicht mit Unrecht geradezu als Mittel politischer Agitation. Abgesehen davon, daß dieser Zustand leicht zur Reihung mit den orientatischen Länderregicrimgen und mit «lern sclbstbewullteren Bestandteil der Bevölkerung geführt hat, wird man in solcher Beeinflussung kein Heil sehen können; denn es ist damit ein Eingriff in die Entwicklung gegeben, der durchaus ihr natürlicher!.auf gelassen werden muß. Das Deutschtum geht im Orient seinen ruhigen, stillen Weg; es prätendiert weder, ein Moimpol auf die Erziehung und Belehrung der orienta• listhen Völker zu Italien, noch will es Bedingungen schaffen, die der Ausführung chauvinistischer Pläne dienen könnten. Wenn man gesagt hat: Von Belgrad bis Bagdad sind die Juden eine Brücke für deutsche Sprache und deutsche Kultur, so ist das vielleicht etwas zu weit gegriffen. Aber die große jüdische Bewegung, die auf Palästina gerichtet ist, wird sehr wohl Material schaffen können, das in jenem Sinne wirkt. Wir dürfen das Vertrauen zu den leitenden Männern haben, daß sie neben den jüdischnationalcn Bestrebungen, die für sie bei dem Werke in Palüstina in erster Linie stehen, die deutsche Sache fördern werden. Die Reiclisrcgicrtmg und die deutsche Oeffentlichkeit werden ein Auge auf die Betätigung der Anstalten haben, die nach der Leitung und den au ihnen wirkenden Lehrkräften deutschen Charakter tragen.“ Jedermann sieht, in wie merkwürdige Widerspriiehe sieh hier llartmann verwickelt. Der Unterschied zwischen der Wirkung deutscher und franzüsischcr Aspirationen muß für jeden außer vielleicht für den Verfasser ein unlösbares Rätsel bleiben. Entweder muß man der Entwicklung ihren natürlichen Lauf lassen: dann muß das Technikum hebräisch sein; oder mau will die ״deutsche Sache fördern“: das sind dann aber Bestrebungen, die jeder Staat, wenn er sie an einem andern kritisiert, ״Prestigemacherei", ״politische Agitation“ und ״Verfolgung chauvinistischer Pliinc“ nennt. Zum Schluß möchte ich noch eine Interessante Bemerkung Hartmanns zitieren, obzwar sie keine direkte Beziehung zum Judentlmi hat. Aber die Anweiidimg kann sich jeder leicht machen. ״Der Islam ist nun einmal eine moralische Macht, nicht geringer an Stärke als das Christ e 11 - 111111. Nur darüber dürfen wir uns nicht täuschen, dal! die Zugehörigkeit zu einer dieser Kirchen noch keineswegs jene moralische Macht wirksam werden läßt, daß sie vielmehr nur eine Bedeutung gewinnt, wo gewisse andere Bedingungen gegeben sind; die Existenz eines h ö h e r e n V o r א t e 11 u 11 g s I c b e 11 s oder docli die Befähigung dazu, und du völk i s e 11 e r Charakter, der dem Leben oder besser dem Erleben der ״religiösen Wahrheiten“ günstig• ist. Ist das allgemeine Vorstellungsleben entwickelt genug und gibt der Volkscharnktcr seine besondere Kraft dazu, so wird die Gefahr des stumpfsinnigen Dogmatismus, die mit dem Aufbau von Kirchen auf den ältesten religiösen Urkunden des Christentums und des Islam gegeben war, überwunden. Im anderen Lulle geraten die Christen und die Muslime in eine geistige und sittliche Oedc, die sie jahrhumlcrtelung erbarmungslos fcsthlilt," Solche und ähnliche Bemerkungen machen das Buch zu einer interessanten Lektüre für jeden, der Vorliebe für vergleichende Betrachtung der Völker mul ihrer Geschichte hat. , H. Anzeigen als Anzeichen Ein Verlegerprospekt, Für den Weihnachtstisch der israelitischen Familie. ,Soeben erschien’ Der Rat des Heils Eine Mitgabe für das ganze Leben vun Dr. Ludwig Philippson. «tgj* Dritte, ־TSffl von Rabbiner Dr. Hnrlifcbl durrbgettebem׳ Auflage. Elegant gebunden. niese neue Anfluge des beliebten (iesebenkwerkes wurde von l’rof. Dr. Martin Pliilippson, dem Saline des Verfassers, und Rabbiner Dr Ilnebfe|d durchgesellen und der jetzt geltenden Denkweis e e n t s p r e c 11 c n d 11 m g <• ii 11 d e r t. Audi Hiisserlich erhielt das Ruch eine Umgestaltung, die seiner weiteren Verbreitung nützen wird. Gustav Engel, Leipzig. Brief aus Paris Vor etwa drei Wochen kam ein junger Russe hier an. Er zählte vielleicht 19 Jahre und war aus Rußland nach Berlin gekommen; dort fand er keine Arbeit und kam drei Wochen später nach Paris, in Rußland war er in einer Fabrik tätig gewesen und hatte gut verdient. Als er in Paris ankam, hatte er kein Geld mehr. Für die Reise hatte er nicht nur sein Letztes ansgegebeit, sondern einen Teil seiner Sachen, die er noch hatte, ver* kauft. Nur nach Palästina! Nur bis zum Seltilf schickt mich, dort werde ich schein arbeiten; Säcke tragen — ich trage die schwersten doch laßt mich nach Palästina. ״Es ist in Paris nicht einer, der junge Leute nach Palästina sendet oder cs auch nur befiirwortet“, sagte mir Dr. Marmorek. Er sprach wahr. — Paris! — Gestern, im Laucry-Saal, in der zionistischen Ver- Sammlung, in der Professor Weizmann und Sclimarja Lcvin sprachen, eröffnete an Stelle des ״verhinderten“ Dr. Martnorek Dr. Jacobson. ״Die größten zionistischen Ideen gingen und gehen von Paris aus“, verkündete er stolz. Er konnte damit nicht hindern, daß die beiden Redner, die zu dem Pariser Komitee sehr gegensätzlieh stehen, stürmischen Beifall ernteten. ״Nicht die Bank von England und nicht die Deutschlands,“ führte Wei/mann aus, ״bieten die Garantie für den Natioualfonds, Es läßt die Juden gleichgültig, zu hören, der Natioualfonds habe wieder 30 000, 50 000 «nler 100 000 M. an Zinsen zugenommen. Eine Kolonie mehr in Palästina, das läßt aufmerksamer auf- 1 horchen. Die Anlage des Natioualfonds in Palästina bedeutet dessen einzige Sicherheit. Dort beschützt ihn die gesamte Judenlieit, tritt für ihn ein und läßt sich ihn nicht entreißen .... Wir haben jetzt die zweite Etappe im Zionismus. In der ersten wurde sehr Großes geleistet. In heißen Gluten, unter großen Mühen wurden, die Werkzeuge geschmiedet. Jetzt haben wir sie. Jetzt benutzt sie aber a u c h I Jetzt, wo wir Werkzeuge haben, — arbeiten! Arbeiten, - mul nicht mehr auf Wunder warten. Bleibt Ihr hier in Paris, in Berlin oder Petersburg und hofft weiter auf Wunder, träumt auch fernerhin von türkischer Naivität, wir arbeiten in Palästina!‘1 Die Pariser Leitung war etwas deprimiert. Max Norelau und Marmorek waren ja nicht anwesend, aber man fühlte sich doch verpflichtet, Prof. Weizmann während der Pause einige Vorwürfe zu machen. Er trug denn auch diesen Vorhaltungen Rechnung, indem er zum Schluß eine persönliche Erklärung ahgali, daß er nicht das geringste gegen einzelne Pariser Persönlichkeiten im Auge hatte. Sclimarja Levin berührte den Schulstreit. Er erzählte uns auch von den Pionieren des Zionisintts und von dem jüdischen Vater in Rußland, der, als man mit der Nachricht kam, daß sein Erstgeborener in Palästina gefallen sei, und ihn zu trösten suchte, die Mitarbeiter des Sohnes tröstet und ihnen seinen zweiten Solm niitgiht, den Gestorbenen zu ersetzen. Auel» Lqvins Ausführungen gipfelten in dem Gedanken praktischer Arbeit in Palästina. Stürmisehcr Beifall unterbrach ihn oft und übertönte die letzten Worte seiner Rede. Und der Russe, der vor drei Wochen hier ankam tmd so sehnlich nach Palästina wollte, — I t I I

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