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Jüdische Rundschau · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 156 JUED1SCHE RUNDSCHAU 9 Nr. 5 ו I s I II ‘!•fl 2»זי׳׳י^ ^«־־׳■""ץ בל s£0 Mflll—ווודר-״ןז Pessacli im Kaukasus Von Zewi Knsdai*). Mit dom Neumond des Nissan beginnt man den Weizen für das Peßacluuahl zu > malilen, und wahrend des Mahlens steckt man in der Mühle Wachskerzen an, l>en Weizen aber bewahrt man im Haus von den Monaten Thamus und Ab her auf, wo in jenen Gegenden die Weizen• ernte beendigt wild. Denn bei ihnen besteht bis heute der Gebrauch, daß die armen Frauen hinter den Schnittern her auf die Felder sammeln gehen, sogar zu den Nichtjuden; was sie aufgelesen haben, dreschen sic jeden Abend aus und verkaufen es für Mazzothmchl, Sie backen die Mazzoth in einem geräumigen Backofen, der unten breit und oben schmal ist, wie ein umgekehrter Topf. Wenn er mit Stroh oder Mist ausgeheizt ist, legen die Frauen, die den Teig kneten, die Mazzoth an seine Wände an. Jeden Abend stellt mau Wasser für den folgenden Tag zurecht, Daun sammeln sich die jungen Frauen um! die Mädchen im Backhause, wo sic in der Arbeit abwechseln. Sie sitzen voll Erregung und Spannung auf dem Boden, kneten den Teig in einem kupfernen Gefall, walzen ihn aus und lassen ihn ״radeln“. Dann bringen sic ihn schleunigst in den Backofen. Wahrend der letzten Woche vor dem Fest herrscht große Bewegung, Die Frauen machen sich au ihre große Arbeit, säubern, reiben, putzen, waschen. Das wichtigste ist ihnen, daß sic die Kupfergeräte recht schon und glänzend machen; darauf wird bei den Völkern des Kaukasus, die viel kupfernes Geschirr verwenden, großer Wert gelegt. Aber auch den Sattel und das Zaumzeug putzen sie gründlich und hängen es in den Winkeln ihrer Wohnung auf. Die Männer aber beschäftigen sich eifrig damit, das Charnez zu verbrennen; von der Sitte, das Chamez, zu verkaufen, wissen sic dort nichts. Denn sie nehmen alles ernst und streng, Am Erew l’ellach fasten alle erstgeborenen Söhne, cs gibt für sie keine Befreiung durch Loskaufen oder durch Beendiguug eines Studienabschnittes. Vom Mittag au j sind sie mit der Vorbereitung des Karpas und des j Qiaroßeth beschäftigt, das sie alle acht Tage als j einen richtigen Gang aus einer großen Schiissel essen. Wenn sich der Tug neigt, ziehen die Männer 1 ״Frciheitsgewäuder" mit weiten bauschigen Acrmeln an, stecken einen kurzen Speer in ihren Gürtel — manche nehmen auch ihre Pistolen — und gehen in das Bcth-Hamidrasch zu Gesang und Gebet. An diesem Abend singen sie nämlich, alle das große Loblied Wort für Wort zusammen mit dem Vorsänger. Kehren sie aber heim, so finden sie ihre Hütte bereits zu Ehren des Festes mit ' vielen Kerzen beleuchtet. Die alten Frauen hüllen j sich in ihre Tücher, die jungen Frauen aber mul die Mädchen in Linnen- und Webestoffe und flechten Rosen und andere Blumen in ihre Locken und Zöpfe. Sie holen eilig, was sie vorbereitet haben, gebratene Gänse, gestopfte Truthähne, Mazzoth, Maror, eine Schüssel Charoßeth, und bringen es# ihren Männern ndfch dem Hause des Rabbiners. Denn es ist bei ihnen Sitte, daß sich viele Familien im Hause eines der ״Gelehrten" versammeln; es kann aber auch bei einem einfachen Familienvater sein, wofern er gut hebräisch kann und die Hagadah in ihre (tatarische) Sprache ni übersetzen versteht. So sitzen sie denn nach ihrer Art auf dem Boden und der Gelehrte übersetzt ihnen mit vieler Innigkeit die Hagadah. So wie früher der Brauch war, daß sich mehrere Familien zu einem Lammlein ansagten und in einem Hause zum Scder versammelt waren, so ist es bei ihnen noch heute, daß immer reinige Familien Zusammenkommen. Das fördert ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihre innige Brüderlichkeit sehr. Es ist ein schönes Bild, wie sic dasitzen, gekleidet in ihre Freiheitsgewänder, so breit und bauschig, den Gürtel um ihre Lenden und den kurzen Spieß an der Seite. Sie sitzen in einer Reihe, geordnet wie Soldaten, die nach dem Kampfe ruhen. Zwischen den Reihen sind kostbare persische Teppiche ausgebreitet, für die das Wort der Megülah gilt: ״Weißes Zeug und purpurblaucs Tuch, eiligefaßt mit Schnüren von Byssus und Purpur.“ Und ) Aus: Chad Gadja, Das Peßachbtich, Jon Hugo Herrmann. Jüdische^ Verlag. (Preis M. 3,—, in Leinenband M. 5,--,) auf ihnen stehen prächtige Leuchter mit brennenden Kerzen. Die Frauen, die das ganze Jahr in ihre Zimmer zurückgezogen sind, kommen zum Seiler mit unverschleiertem Gesicht und geschmückt mit goldenen Ohrgehängen und köstlichen Ringen von Saphirstcln und Diamanten; um den Hals tragen sic goldene und silberne Münzen auf einen blauen Faden gereiht, um die Lenden silberne Kettcngürtel; die jungen Frauen aber und die Mädchen tragen Rosen und sonstige Blüten ins Haar geflochten, die den schönsten Duft verbreiten. In dieser Nacht fürchten sic keinen bösen Blick und keine argen Geister, denn es ist eine Nacht, da E r wacht . . . Wenn der Vorleser an die Stelle kommt, die von der zukünftigen Erlösung spricht, heben alle ihre Hände auf, spreizen die Finger und rufen, tief bewegt und voller Trauer: ״Wollte Gott, daß Meschiach, Davids Sohn, käme und alle Verbannten sammelte, so wie der Ewige, unser Gott, einst unseren Vätern tat.“ Und die Frauen fallen ein mul rufen: ״Amen, dies sei sein Wille!“ Und an der Stelle: ״Zu jeglicher Zeit ist ein jeder ver* pflichtet . . .“ erhebt sich der Vorleser, nimmt ein Stückchen Mazzali, eingewickelt in ein altes Tuch, legt es sieh auf den Nacken, geht vier Schritte, zeigt es allen und erklärt ihnen in ihrer Sprache, daß so unsere Väter aus Mizrajim zogen, den Teig auf den Schultern; auch macht er hastige Bewegütigen, um ihnen das Wort: ״In Eile“ recht zu Gcmütc zu führen Indessen gehen die Jünglinge in ein besonderes Zimmer, wählen dort einen unter sich, kleiden ihn in zerfetztes Gewand, legen ihm einen Sack auf die Schultern, geben ihm einen dicken Hakenstock 'in die Hände und schicken ihn hinaus. Nach einer Weile hört man lautes Pochen an der Tür. (Der ausgesandte Jüngling steht draußen und bittet flehentlich um Einlaß. Die Sitzenden fragen ihn insgesamt: ״Wer bist du und was willst du hier.“ ״Ich bin ein Jude und will mit Euch Pcssach feiern, das Fest unserer Freiheit “ ״Wie sollen wir dir glauben, daß du ein Jude bist?" ״Ich trage doch einen Talliskatan und Schaufäden “ ״Das ist noch kein Beweis; gib ein anderes Zeichen!" ״So mögen es euch meine Schläfenlocken bcweisen!" ״Auch das genügt uns nicht, cs ist noch nicht das Richtige,“ ״Laßt mich nur ein und ihr werdet sehen, daß ich die Wahrheit spreche.“ Und dabei beginnt er zu zürnen und zu toben und poltert mit dem Stock an die Tür, Da fragen sie weiter: ״Wenn du denn ein Jude bist: weshalb kommst du so spät? Weißt du denn nicht, daß heute ein Festtag in Israel ist, an dem man daheim ruht?" ״Sehet, ich komme jetzt von Jerusalem, der heiligen Stadt; der Weg ist sehr weit und voller Gefaiir auf Schritt und Tritt, Unsere Feinde lauem uns auf und stellen sich uns in den Weg. Wie eine eiserne Mauer traten sic zwischen mich und euch, daß ich nicht vor dem Feiertag zu euch kommen konnte.“ Dabei bricht er in Tränen aus und klagt bitterlich, die Versammelten aber sitzen, wie verstinken in ihre Gedanken; tiefe Stille herrscht im ganzen Hause, nur selten von einem schweren Seufzer unterbrochen. Alle sehen nach der Tür; der Vorleser aber gibt ein Zeichen, man öffnet und sogleich tritt der Jüngling ein und geht bis in die (Mitte des Zimmers, das Schwert an der Seite, mit Leder gegürtet, den Stock in der Fland und den Sack über den Schultern. An den Füßen trägt er genagelte Sandalen mit aufgebogenen Spitzen und sein Kleid ist über und über bestaubt. Und plötzlich bricht im ganzen Raume ein lauter Jubel los, alle bestürmen ihn mit Fragen. ״Wie geht es Jerusalem, der heiligen Stadt?" ״Wie geht es unsern Brüdern, die dort vor Gott sitzen, im Lunde der Herrlichkeit?" ״Wann wird der Erlöser kommen, uns zu erlösen?“ ״Bringst du uns eine Botschaft von unserer Befreiung und Erlösung?" Und er sagt ihnen einen herzlichen Gruß von Jerusalem, von den Weisen daselbst, von den •Städten und Dörfern, den Feldern und Hügeln, von den heiligen Gräbern. Und im Namen der Weisen in der heiligen Stadt meldet er ihnen, es seien Zeichen geschehen, daß der Erlöser bald kommen und die eiserne Mauer zerschmettern werde, die sie von der heiligen Stadt scheidet. Und alle lauschen andüchtig seinen Worten; dann heben sie die Hände auf und wiederholen viele Male mit langen Seufzern und innigem Schmerz und mit herzlicher Inbrunst: ״Ja, so sei sein Wille, so sei sein Wille!" Das neue Kleid Von David Frischmann. Aus dem Hebräischen von H u g o Fl c r r in a n n. Ich will euch eine Geschichte erzählen. Sie haudelt von dem kleinen Knaben eines Schneiders; laßt euch sie aber nicht zu sehr zu Herzen gehen, meine Geschichte, und betrübt euch nicht zu sehr darüber; cs ist ja nur ein armer Schneidersjunge, von dem sic handelt. Der Schneider war sehr arm und sein Junge noch klein, seine Wangen waren immer bleich und nur die Augen brannten. Es war am ersten Scdcr-Abcnd. In den drei letzten Tagen hatte der Schneider sein Lager nicht mehr aufgcsucht, denn er mußte doch die neuen Kleider fcrtigstcllen, die Festkleider für den Reichen des Städtchens und für seinen Sohn und seine Sclnviegersöhne und für deren Knaben. Ja, an! Rüsttage des Festes hatte er nachmittags gearbeitet und erst, als sich die Schatten des Abends niedersenkten, schlug er die Kleider in ein Laken, um sic den Bestellcrn ins Haus zu bringen. Und der Reiche und sein Sohn und seine Schwie* gersöhne und ihre kleinen Knaben zogen die neuen Kleider an und gingen zum Bcth-Hamidrasch; der Schneider aber zog kein anderes Kleid an, sondern wusch nur eilends sein Gesicht und ging gleichfalls zum Bcth-Hamidrasch, und auch sein kleiner Sohn kleidete sich nicht um, sondern ließ sich nur das Gesicht waschen und ging mit dem Vater. 1111 lk׳th-l lamidrasch war cs hell und voll Frieden mul Seligkeit, Der Schneider stand müde da und schlummerte ein wenig ein; er hörte die Stimme des Vorbeters, dazwischen aber das Rascheln der' neuen Seidenkleider und das Knistern des Unterzeugs. Neben ihm stand sein Söhnchen Ephraim und 11örtc ebenfalls das Rascheln und Knistern der neuen Gewänder. Und seine Wangen waren sehr bleich und nur seine Augen brannten. Als dann der Schneider in seinem engen Dachsttibchcn beim Seiler saß, da kam die Ruhe auch über ihn. Es ist Feiertag! Alle Stoffetzen und Reste sind fortgeräumt, die Scdersehiissel und der Rosinenwein stehen auf dem Tisch, in einer Ecke wartet das Fäßchcn mit rotem ״Borschtsch“ — und die Königin sitzt zur Rechten des Königs! Ü Königreich, jüdisches Königreich! Und der Knabe fragte. Seine beiden Wangen röteten sich und seine brennenden Augen wurden trübe; er war der Buchstaben des Sidtir ungewohnt. Und der Vater gab Antwort: er erzählte die Geschichte von den Knechten, die war in Aegypten waren, und die von den vier Rabbinen, die bis an die Stunde des Morgengebetes saßen — Ephraim hörte zu, aber er verstand nichts. Plötzlich sah er den Vater an und stellte noch eine Frage, Aber die neue Frage war nicht aus dein Sidtir, ״Vater! Warum haben sic nicht auch mir ,Thith* chailcsch‘ gesagt? Alle Knaben, die im Bcth-Hamidrasch waren, sagten zu einander ,Thithchadcsch׳, und nur zu mir sagte cs keiner . . ,“ Seine Wangen waren wieder bleich und seine Augen begannen heiß zu brennen. Der Schneider stotterte, ehe er Antwort gab, denn er wußte im ersten Augenblick nicht, was er sagen sollte: auch die Antwort stand ja nicht im Sidur, Aber nach einem Augenblick wußte er sie und sagte: ״Mein Kind, wer kein neues Kleid hat, dem sagt man nicht ,Thithchadcsch* “. ״Aber warum habe ich kein neues Kleid? Solange ich lebe, hörte ich noch niemand zu mir sagen ,Thithchadcsch‘ “. Und er erhob seine Augen vom Sidur: da waren cs nicht mehr Augen, sondern brennende Fackeln. Er erhob die Augen und sah seine Mutter an, in deren Wimpern Tränen schimmerten, ״So Gott will, im nächsten Jahr,“ antwortete ihm die Mutter. ״Im nächsten Jahre, wenn Peßach kommt, bekommst du ein neues *Kleid.“ Und sic küßte ihn auf die Stirn. Ephraim saß da, und seine Augen waren die eines Träumers, der der Deutung harrt. *

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