Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 155 sopliische“ Liberalismus kann für den Einzelnen sehr viel bedeuten; für die Gesamtheit, für das Volk, für die Gemeinschaft bedeutet er nichts. S״- lan^e unser Judeiischiiieiz ein persönlicher, ein imlividueller Schmerz ist, der eine individuelle Lösmi״* erheischt, ist Liberalismus «an/ schon und gut, samt Cohenscher Philosophie und Ethik; haben wir erst begriffen, daß wir Pflichten gegen unser Volk haben, daß wir keine Lösung nur für uns wollen dürfen, dann Wissen wir, daß alles anderc eine Zugabe ist; das Wahre aber ist nur die Arbeit für das Volk. Das müßten wir den ״echten Liberalen“ zeigen; und wenn in ihnen wirklieh das freudige Bekeiintuisjudentum, die Liebe zum Judentum lebt, die der Herr Briefschreiber ihnen nachrühmt, werden auch sie wissen, wo ihr Platz ist: in Reih und Glied. H. ״Helden“ Mancher unserer Leser erinnert sich vielleicht noch des voreinigen Wochen in der ״Jüdischen Rundschau" erschienenen Leitartikels ״Helden‘1. Das in Jaffa erscheinende Organ der gleichnamigen palästincnsischen Arbeitergruppe, ״H a p o e 1 H n z a i r‘\ nimmt ihn in seinem letzten Heft zum Ausgangspunkt einer Polemik gegen die zionistische Presse. Der Brief war seinerzeit zuerst im ״Hupoel Ilazair“ erschienen, zusammen mit einer Reihe anderer Briefe, die von unsolidarischen, dcnunziatorischcn Handlungen jiidischer ״Führer" gegen jüdische Arbeiter in Palästina berichten. Das Blatt wirft uns nun vor, daß wir diese anderen Briefe mit Stillschweigen übergehen, jenen einen aber zu einer schrcicrischcu spekula• tiven Reklame benützen. Hirz Barsky, der Schreiber des Briefes, habe einfach seine Pflicht getan; davon sei kein Aufhebens zu machen, und im letzten Kriege hätten unzählige Bulgaren genau ebenso gehandelt. Wir hatten die Briefpublikation im ״Hapoel Hazair" übersehen und entnahmen das hesprochene Schreiben der ״Hazcphirah“, die es bereits aus den übrigen ausgesondert hatte. Der Vorwurf trifft also nicht uns. Hätten wir aber die ganze Briefsaminlung gekannt, so hätten wir doch nicht anders gehandelt, als wir handelten. Denn die übrigen Briefe geben Meinungen, Auffassungen; dieser Brief von Hirz Barsky aber ist eine Tat. Unsere Sympathien sind durchaus auf der Seite der jüdischen Arbeiter in Erez-JsracI, des Hapoel Hazair und des riaschoiner. Und wir verurteilen eine gegen die jüdischen Arbeiter gerichtete Haltung auf das schärfste, wäre es selbst die Haltung eines so verdienten Pioniers wie Le vo nt in. Aber die Höhe eines Volkes mißt man nicht nach dem Unschönen, das sieh ereignet, sondern nach dem Schönen. Und daß ein jüdischer Vater in Rußland so tut wie Hirz Barsky tat, ist unvergleichlich wichtiger, bedeutungsvoller und bezeichnender, als daß Lcvontin die gerechten Forderungen der Arbeiter nicht würdigt. Gewiß, Hirz Barsky hat n u r seine Pflicht getan. Aber seine Pflicht zu tun, wenn sie solche Opfer fordert, das ist, wenn irgend etwas, Heldentum. Und wir freuen uns, daß ein Mann wie Jakob Rabinowicz, der Verfasser des gegen uns gerichteten Ar• tikels, ein solches!Heldentum für selbst verstnndlich erklärt. Er kämpft ja mit (er hat, in der Hitze des Kampfes, nicht einmal Zeit gehabt zu willens, des ohnmächtigen Zornes, oder halb ungläubig, daß wirklich Mächte am Werk sein sollen, die bereit sind, langsam stückweise dem Heere der Verbannten, derer für welche die alte Welt keinen Raum hat, die letzte Zuflucht zu rauben, die Pforten in das neue Land zu verschließen; fragend blicken sic, als könnten sie es nicht fassen, daß wirklich die lodernde Freihcitsfackel, die ihnen zuerst draußen auf dem Ozean geglüht, zcrflackern und verglimmen solle. Ganz, ganz allmählich, sagt man ihnen, sei es gekommen: erst ist einer wegen Krankheit in das Hungerleben, dem er entfliehen wollte, zuriiekgeschickt worden, dann ein anderer, weil er keinen Heller sein eigen nannte. Danach ist einer, der eine alte Schuld sühnen, einen neuen Menschen anzichen wollte, zurückgetrieben worden, ln die Hölle der Not und Entbehrung, das Inferno rohester Unwissen• heit, wo grausame Willkür tausend Bildungshungrigen die Schulen verschließt, wurden die Abgewiesenen zurückgestoßen. Die aber bleiben durften, sie haben gearbeitet Tag und Nacht, gerungen im Schweiße ihres Augesichts, um die Ihrigen üt das Freihcitsland nachkommen zu lassen, wo ihre Frauen satt werden, ihre Kinder Schulen besuchen und freie, wissende Menschen werden sollten. Nun stehen sie in der mächtigen Halle und jubeln ihren Lieblingen «zu, den Männern mit feuriger Beredsamkeit, mit warmen Herzen und offenen Taschen, die mit Empörung gegen ein Gesetz protestieren, das gesunde, kräftige, Arbeit und Freiheit suchende bemerken, daß unser wackerer Freund Dr. Heinrich 1. o e w e bereits seit geraumer Zeit nicht mehr Redakteur der ״Jüdischen Rundschau" ist), er kämpft ja mit, und im kämpfenden i leere muH man Heldentum von jedem Streiter als Selbstverständlichkeit verlangen. Wir aller, so lange wir noch nicht gewürdigt sind, auf dem heiligen Schlnchtfeldc mitzukämpfen, werden unsere I leiden rühmen dürfen, H. Ein Urteil über unser Werk ln der ״Vossischen Zeitung“ vom 2h. März veröffentlich( Dr. II. ti u t h c, Professor der Theologie an der Universität Leipzig, einen ״Reisehrief aus dem gelobten Lande“, worin er die ״Fremdenstadt Palästinas“, Jaffa, .schildert. Wir entnehmen dem Berichte folgende bezeichnenden Stellen: ״Außerhalb der Spult, dicht au ihrem nordöstliehen Ernte, gibt es eine freundliche Statte, an der jeder Fremde, namentlich der Deutsche, gern weilt, die Kolonie u 11 s e r e r w ü r 11 e m b e r g i s c 11 e n L;111 d s 1 e ii t c. 18öS gegründet, zerfällt sie jetzt in zwei Häusergruppen, die sich einander schräg gegenüber liegen, östlich und westlich von der nach Nabtilus (d. i. N'eapolis, das Sichern der Bibel) führenden Straße. 111 der älteren, der Stadt am nächsten, liegen die bekannten Gasthäuser, das Zimmer des Deutschen Vereins, das deutsche Hospital, das in den nächsten Jahren durch ein neues ersetzt werden soll, sowie die deutsche evangelische Kirche nebst dem Pfarrhaus (seit 1001), Zu der jüngeren Häusergruppe (scherzweise Walhalla genannt) gehört das deutsche Vizekonsulat, für das jetzt cm eigenes, stattliches Gebäude dort ersteht, das neue Schulhaus, die Eisengießerei und mechanische Werkstatt der Gebrüder Wagner, die Bierstube von Lorenz usw. Die zuerst genannte Häusergruppe besitzt eine große Anziehungskraft durch ihre prächtige Lage. Sic schiebt sich in die prächtigen Garten von Jaffa hinein, die eine einzigartige Zierde der Stadt sind. Mit wahrem Entzücken ruht das Auge auf dem «lichten Griin der ausgedehnten Pflanzungen, die wie ein einziger großer Orangengarteii erscheinen, überragt von den breiten Kronen zahlreicher Dattelpalmen. Viele Büsche sind noch jetzt dicht mit den ״goldenen Aepfeln der Hesperiden" behängen, alle aber tragen schon die schneeweißen Knospen, die sich binnen wenigen Tagen zu Blüten entfalten werden, deren berauschender Duft daun die Gärten erfüllt und von dem Westwind stundenweit ins Land getragen wird. Der Gedanke, hier den Orangcustraucn zu pflanzen, hat einen ungeahnten Erfolg gehabt, von dem sich die Männer, die ihn im 18. Jahrhundert ausführten, nichts haben träumen lassen. Jetzt dehnen sich diese Gärten ein bis zwei Stunden weit, bis zu den nächsten Dörfern von Jaffa, aus, und bringen ihren Besitzern, Arabern, Deutschen und Juden, eilten Ertrag, der in die Ausfuhr Jaffas mit etwa drei Millionen eilige• stellt wird. Die größte Veränderung hat das Stadtbild von Jaffa an seiner Nordgrenzc erfahren. Hier ist seit 1007 ein völlig neuer Ort entstände״, dessen Häuser sicli unmittelbar an den Bahnhof im Norden der Stadt aiischließc-n, die jüdische Nieder lass 1111 g ״Teil Abib“ (vgl. Hesekicl 3, 15). Die schlechten Wohiniiigsverhiiltnisse in der Stadt veranhißten eine Anzahl jüdischer Familien zu dem Ent- Schlüsse, sich einen gesunden Baugrund in der Nähe Jaffas nus/usuclu11׳ und dort neue Häuser zu erlichten. Kaufleuic, Lehrer, Beamte, die bereits in Jaffa ihre Existenz hatten, aber auch von außen kommende Einwanderer schlossen sich zu einer Gesellscliaft zusammen, die nötigen Mittel schob der ״Jüdisclic Nationalfonds“ vor, zur Ordnung, der gemein- Menschen vom amerikanischen Strande zurückweist, weil ihnen die elenden Hcimatsvcrhältnissc das Erlernen von Lesen und Schreiben verwehrt haben. Mit Jauchzen begrüßen sie ihre Geistlichen, ihre Regieruiigsmänncr und Philanthropen, die ihnen versprechen, dagegen zu kämpfen, daß man 3b ",0 vom Leben vernachlässigter Schutzbedürftiger abweisen, daß man Tausende von Menschen auf immer von ihren Liebsten, für die allein sie gestrebt, trennen solle Mit Bangen hören sie zu, als mau ihnen dieses Gesetz als den ersten Versuch schildert, Amerikas gastfreie Tore zu versperren, die Enterbten der alten Welt ihrem Schicksal zu überlassen, daß diesem ersten Vorstoß ein zweiter folgen werde, der politisehe Vergehen, ja den bloßen Verdacht politischer Wühlarbeit als Ausschlicßungsgrund betrachten wolle, daß alles darauf hinstrebe, den Paßzwang cinzuführen und damit der gleichen Willkür, der gleichen Gesinmingsspionnge Raunt zu geben, wie in dem Lande finsterster Tyrannemvut: Rußland. Wie ein Schrei klingt das Echo des verhaßten Namens, der in der Menge düsterer Bilder von Not, Unterdrückung und Verschmachten nach leiblicher und geistiger Nahrung erweckt, und ein Schrei ist der Protestruf gegen das Gesetz der Zurückweisung — der Schrei derer, die nach Brot, nach Bildung, nach Freiheit hungern und denen nun das Verschließen der Pforte zum Licht, die ewige Verbannung in die Nacht der Not und Unwissenheit droht, — Als sei ihre letzte Kraft in diesem Protestschrei dahingcflossen, zgrtcilt sich die Menge und strömt sanier! Angelegenheiten wurde ein Ausschuß gewählt. Diesem gelang es, ein Gebiet von 500 000 Quadratmetvrii, das bisher meist zum Weinbau benutzt wurde, zu erwerben und durch ein Dekret des Sultans sich bestätigen zu lassen. Die Banlustigen mußten nun ihr (inmdstuck von dem Ausschüsse kaufen und sich dem Bebauungsplan sowie allen übrigen Vorschriften des Ausschusses fügen. Die Genossenschaft liefert allen Häusern das Wasser durch eine eigene Leitung, sie haut die Straßen und sorgt für deren Sicherheit, auch wird sic gemeinnützige Anstalten, wie Krankenhaus, Synagoge, Lichtspielhaus, auf ihre Kosten hersteilen. Dafür hat jeder Bewohner von Teil Abib an den Ausschuß Steuern zu entrichten. So entstand und wächst die Niederlassung mit geraden, geräumigen Straßen, mit freien Plätzen - als ob eine halbfertige Stadt aus Europa in den Orient versetzt wurde. Anfangs waren es nur 00 Familien, die sich an der Gründung beteiligten. Jetzt zählt Teil Abib 2000 Einwohner, und es wird sicherlich hinnen wenigen Jahren noch mehr zählen; denn es ist noch viel Baugrund frei. Das ganze Unternehmen läßt sich als zionistisch bezeichnen; denn der Jüdische Nationalfonds, der das Geld Vorschuß, ist ein zionistisches Institut, und zionistisches Gepräge tritt in verschiedenen Zügen deutlich zutage. So hat eine der Hauptstraßen ihren Namen von Dr. Herzl, dem Begründer des Zionismus, ebenso das hebräische Gvmnasium, auf das diese Straße zuführt.“ Zur Frage der Sanierung Jerusalems Wir erhalten folgende Zuschrift: 50 sehr lobenswert es ist, daß die Verwaltung des Bikkur-CholimTlospitals zu Jerusalem, welches hier und da auch Unter dem Namen ״Allgemeines Jüdisches Krankenhaus in Jerusalem“ figurierte, sich endlich, in der Erkenntnis, daß es bei dem bisherigen System nicht bleiben könne, entschlossen hat, unter der Mithilfe schätzenswerter Kreise in Hamburg, eine Reorganisation ihres Betriebes nach europäischcml Muster anläßlich des geplanten und zum Teil in Angriff genommenen Neubaus anzustreben, und so sehr wünschenswert es ist, daß diese Reorganisation auch durchgeführt und dauernd erhalten werde, so kann die Verwaltung des ״Allgemeinen Jüdischen Krankenhauscs, S c 11 a a re- Z e de k“, Jerusalem, Sitz Frankfurt a. M., cs doch nicht mit Stillschweigen übergeben, wenn das ״Bikkur-Cholim-Hospital“ zu lernsalem sich durch seine ücschättsstcllc in Hamburg in einem Expos(• an die ()Öffentlichkeit wendet, in welchem des ״Schaarc-Zcdck-Hospitals" mit keinem Worte Erwähnung geschieht. Das Expose weist auf die Notwendigkeit eines europäisch organisierten jüdischen Hospitals in Jerusalcm hin, als ob nicht bereits seit langem eine solche Institution bestünde. In Wirklichkeit bestellt außer dem ebenfalls europäisch geleiteten ״Rothscliild-Hospital“, welches aber nur innerhalb der Stiftungsgre11z.cn arbeiten kann, seit Jahrzehnten das große ״Allgemeine Jüdische Krankenhaus Schaare-Zedek“ mit der Leitung in Frankfurt a. M. Das Schaare-Zedek-Hospital ist von der Stunde seiner Gründung an rein europäisch verwaltet, es verfügt über die modernsten, hygienischen Einrichtungen und ist das einzige, welches in der Lage ist, in seinen lsolicrnavilluns ansteckende Kranke, getrennt von den übrigen, zu behandeln. Das Scliaarc-Zotlck-I Inspital, wenn mit reichlichereit Mitteln ausgestaltet, würde bereits heute, vermöge seiner Einrichtungen, in der Lage sein, einer nocli größeren Anzahl Kranker Hilfe zu leisten. ins Freie, strömt zurück in ihre Häuser, Zimmerchcn oder Dachkammern und reißt mich mit bis an das Flußgestade. Dort stehe ich, still, blicke in die Ferne,!׳bis hinaus auf das Meer und versuche, da* Fackellicht in der Hand der Freiheitsgöttin zu erspähen. Aber die Nacht ist ncbelschwer, und nur ein winziges Fünkchen glimmt in der Feme. — H. H. C. Erez-Isracl (Reisebriefe aus Palästina), von Nachum Gold man 11. Frankfurt a. tM., Verlag von J. Kaufmann. 1014. Unser Gesinnungsgenosse Nachum Goldmanu in Frankfurt a. M. iiat die Ergebnisse seiner Palästinareise in einer Reihe von Briefen!niedergelegt, die zuerst ,im ״Frankfurter Israelitischen Familienblatt“ erschienen. Nun hat er diese Aufsätze zu einem stattlichen Band vereinigt, der eine Fülle interessanten Materials ׳enthält. Denn Herr Goldmann ist ein scharfer Beobachter; er sieht viel, was den meisten Reisenden sonst entgeht, und er weiß seine Beobachtungen gut zu gruppieren und aus ihnen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Wir haben in der ״Jüdischen Rundschau“ vor einigen Wochen zwei von seinen das palästinensische Schulwesen behandelnden Briefen wicdcrgcgchcn; das Buch enthält außer diesen vier sehr lehrreichen Aufsätzen über die Schulen zwanzig Reisebriefe, darunter fünf aus Jerusalem mit interessanten Betrachtungen über die Chalukah. Das Buch (100 Seiten) ist jedem an Palästina Interessierten wärmstens zu empfehlen.