Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1914-04-10 · Heft 15 (10.4.1914) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 15 (10.4.1914)
Date
1914-04-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651869-2651885--09558-2666894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 154 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Nr. 15 sitioncn, entwickelt die wirtschaftliche Kultur des Landes und seine Produktivkräfte, sucht durch Bi!- düng, Organisation und Unternehmungsgeist eurem Lelinneister, dem jüdischen Mittelstand, den Rang ah/ulaufen! Da/.u ist aber das polnische Bürgertum viel zu trüge, zu geistesarm und zu untcinelnuungsfaul. Man zieht es vor, bei dein ersten besten äullern Aula» den Weg zu gehen, auf dem am wenigsten Widerstand zu erwarten war: Man vertreibt die Juden einfach aus den Positionen, die sie sich seit Jahrhunderten errang(»! hatten; mau proklamiert einen grandiosen unblutigen Pogram. Nichts Eigenes bauen, sondern Fremdes zerstören: das ist jetzt die Losung des polnischen Bürgertums. Und diese Nation, die so, nicht durch eigene Leistungen, sondern durch einen chaiivinistisehen Raubzug, andere aus ihren wohlerworbenen Positionen brutal vertreibt, wehklagt über die Oermauisierung der deutschen Ostmarken durch die innere Kolonisation, die doch nicht nur nationalen Kampfes- Charakter hat, sondern daneben und darüber dem Ganzen der Volkswirtschaft neue produktive Werte schafft, in Posen: heilige Entrüstung über nationale Unterdrückung: in Russisch-Polen: wilde Uetzrufe gegen ein unterdrücktes Volk; diesen Januskopf zeigt das Polentum dem übrigen Europa. Und mit welchen Mitteln arbeitet es, wo es die Macht hat: Wandernde Bo! kottagitatorcu durchziehen das Land, Pogromdiohmigen, direkte Mißhandlungen, ja Brandstiftungen sind an der Tagesordnung*). Durch diese harb,irischen Kampfmcthoden, durch die Ableugming des Prinzips der Gleichberechtigung und ries freien Wettbewerhs gewinnt die Boykottbewegung in Polen einen ausgesprochen hysterischen Charakter. In dieser Atmosphäre kochenden Hasses kann heute in Polen keine Idee auf eine günstige Aufnahme rechnen, die nicht antisemitisch gefärbt ist. Das Wesensverschicdenc wird dabei in einen Sack getan, das Zusammeiigehörige getrennt. Alles ist heute in Polen antisemitisch: Frcidcnkcrtum und Klerikalismus, Radikalismus und Feudalismus, Liberalismus und Konservatismus, Feminismus, Nationalismus, ja sogar Gcnosseiischafts- und Kiilturbeweguiig . . . In der Politik führte der Boykott einen starken Umschwung unter dem gesamten polnischen Bürgertum herbei. Bisher waren die Polen stets und überall die natürlichen Bundesgenossen der allrussischen Opposition. Jetzt aber sind sie offen und auf der ganzen Linie auf die Seite der Reaktion übergegangen. Die Unterdrückten haben sieh als rücksichtslose Unterdrücker entpuppt. Die Polen haben nunmehr klar bewiesen, daß ihre oft gerühmte Freiheitslicbe stets eigennützig war, daß sie sic auf fremde Kosten befriedigen wollten. Sic verlangen Freiheit und Autonomie, und gleichzeitig führen sie bei sich überall Freiheitsbeschränkungen ein. Sie scheuen sidi nicht, die Faust zu küssen, die gestern ohne Federlesen das Cholmgebiet von Polen abgcrissen hat, wenn sic sich nunmehr dieser Faust gegen die Juden bedienen können. Auf Grund zahlreicher Gcmcindebcschlüssc und kollektiver •Denunziationen in Petersburg werden die Juden tagtäglich massenweise aus den polnischen Gemeinden atisgewiesen. Dabei muß die russische Bureaukratie oft den Uebcrcifcr der polnischen ״Freiheitskämpen“ dampfen. Mit zvnischer Offenheit befürworten diese in der Duma die weitestgehenden Beschränkungen *) Ein Beispiel für viele: Im Dorf Pontnew ist eine jüdische Familie von acht Personen im Feuer umgekommen. Denn Fensterläden und Türen waren von außen festgenagelt, das Feuer an allen Ecken des Hauses angelegt worden. Das ganze Dorf sah dies mit an, und keiner rührte sieh, um zu helfen, jn einem andern Ort ist eine wohlorganisierte Bande jugendlicher Brandstifter tätig. der jüdischen Rechte in der Selbstverwaltung der polnischen Städte, an deren Ausbau und Aufschwung die Juden de״ tätigsten Anteil genommen haben. Und die Reiclisduma hat auch die Juden den Polen aiisgelicfcrt, und die Rechtsbcschränukngcii sanktioliiert. Der Reichsrat tat desgleichen. Nur erteilte er gleichzeitig den Polen eine politische Lektion von echt mephistophelischem Sarkasmus, indem er bei dieser Gelegenheit in den Körperschaften der polnischen Selbstverwaltung den Gebrauch der poliiisehen Sprache kurzweg verbot. Ihr wollt die Juden verzehren, und wir euch: Was konnten die Polen auf diese unwiderstehliche Logik erwidern? Die Herren Dmowski mul Konsorten erklären ja tagtnglieh, Toleranz und Gleichberechtigung seien platte Sentimentalitäten ״sozialistischer Narren“, die Macht sei das Wesen der Dinge. Zweifellos wurde den Polen diese politische Weisheit von den Kosaken beigebracht, und in mancher Hinsicht versprechen sie sogar ihre Lehrmeister zu übertrumpfen . . . Unter dem direkten Einfluß des Boykotts ist schon heute eine bedeutende Steigerung der jüdi* sehen und insbesondere der jüdisch-proletarischen Auswanderung aus Polen zu verzeichnen. Die jüdisehen Massen werden Wege suchen müssen, sich in der neu geschaffenen Situation zurcchtzufinden, und sie werden sie finden, weil die unmittelbare Lcbcnsiiot ihnen den Weg zeigt. In Frage kommt hier in erster Reihe Kooperation aller Art und Hebung der wirtschaftlichen Kultur und Technik. Die Polen aber werden die Dinge vielleicht im richtigen Licht erblicken, wenn sie beim nächsten Appell an die internationale Demokratie aufgefordert werden, erst im eigenen Haus die Orufidprinzipien der modernen Gesittung zu achten und zu befolgen.“ Liberalismus Wir erhalten folgendes Schreiben: Sehr geehrte Redaktion! Gestatten Sie mir, zu dein Bericht über die Jugcndvcrsanimlung des zionistischen Jug e 11 d v e r c i 11 s, nbgcdruckt in der ״Jüdischen Rundschau" vom G. April, eine kurze Bemerkung zu machen, die zugleich der Ansicht einiger anderer Gc* siiiiiungsgeiiossen entspricht. Während Sic der Ausführungen des Liberalen Benjamin mit anerkennenden Worten Erwähnung tun, weisen Sie diejenigen des ersten Wortführers den liberalen Partei - sein Name ist mir unbekannt — mit dem Hinweis darauf zurück, daß! ja ein Vorstandsmitglied der liberalen Jugcndgruppc das berüchtigte Inserat mit unterschrieben hätte. Zugegeben nun, der I liuweis des Redners, der Unterzeichner habe nicht in seiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied get handelt, sei, wenn auch formell korrekt, so doch tatsächlich keine genügende Entschuldigung, so will es mir doch nicht als eine gerechte Beurteilung seiner Ausführungen erscheinen, wenn seine Worte vom wirklichen Liberalismus, seine ״Anbiederungsversuche“ (wie Sie sich drastisch ausdriieken) und sein Mahnen zur Versöhnlichkeit der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Denn zuin erstenmal in einer 'Berliner Versammlung wurde in sachlicher Weise über Zionismus mul Liberalismus — wenn auch natürlich nicht in erschöpfender Weise — geredet, cs wurde die große Bedeutung des Zionismus von liberaler Seite rückhaltlos anerkannt - dies ist gegenüber den unsachlichen und von keiner Sach• kennlnis getrübten Ausführungen sonstiger Diskussiousredner sehr zu beachten! — und im wesentlichen nur gesagt: Wir erkennen euer nationales Judentum an, weil cs positives Judentum ist; aber wir verlangen, daß ihr unser liberales Rcligionsjudcntum ebenso als positiv anerkennt. Ich glaube mm in der Tat, daß zwischen dem phrasenhaften liberalen Judentum der Herren Vorstandsmitglieder, die hochstens zweimal jährlich die Synagoge besuchen, und jenem andern liberalen Judentum, das sich im Studium der biblischen Literatur, der jüdischen Geschichte usw. betätigt, ein Unterschied ist. Dort Judesein aus Pietät, hier möglichstes Festhalten an den geistigen Werten des Judentums, das Bedürfnis, das jüdischc Wesen vom liberal-religiösen Standpunkt aus zu verstehen, dort laues Ahwehrjudentum, hier Liebe zum Judentum, dessen geistigen Gehalt die wirklich Libei ralcn zu erforschen suchen. Nun, du scheinst mir ein Liberaler zu sein, wird man mir zurufen. Weit gefehlt! leb bin kein ״Liberaler“, weil ich weiß, in diesem philosophischen Judentum kann sich nicht das Judcscin erschöpfen; es ist Judentum, aber doch nur eine der vielen kostbaren Seiten des Judentmns; weil ich weiß, nationales Judcscin umfaßt auch das religiöse Judentum, cs sind keine Gegen• Sätze, sondern Ergänzungen, nicht Werte, die sielt gegenseitig ausschließen, sondern deren Verbindung das Judentum erstarken macht. Und endlich, es gehört grolle sittliche Reife dazu, das Judentum auf diese philosophische Weise der wirklich Liberalen betrachten zu können, und daher kann mit diesem Judentum allein der großen Masse des jüdischen Volkes nicht gedient sein; das liberale Judentum vermag dem einzelnen heute lebenden Juden, der sich ernsthaft mit dem Geiste des Judentums befaßt, innerliche Befriedigung zu gewähren, cs mag ihn am Judentum fcsthaltcn, aber es allein wird nicht imstande sein, das Judentum für die Jahrtausende fortzucrnaltcn. Dies dem wirklich und ehrlich liberal strebenden jungen Juden klarzumachen, ihm seine Ehrlichkcit zu glauben und doch ihm׳ ZU beweisen, daß er auch im zionistischen Lager seine großen Juden• tumsideen betätigen kann, daß aber nur hier eine Bürgschaft für das fernere Bestehen des Judentums gegeben ist, scheint mir für uns nationale Juden das einzig richtige zu sein. Sie werden und müssen die Wahrheit unserer Weltanschauung cinschcn. Nicht sie schroff abzuweisen, sondern sie zu verstehen versuchen und sie auf Grand dessen zu uns herüberzulciten, möge unsere Parole sein. Und ich glaube, bei den wirklich Liberalen, die es ganz ernst mit ihrem Judentum schon jetzt meinen, wird der erwünschte Erfolg nicht ausblcibcn. Mit Zionsgruß Kurt Kirsch ne r. Wir geben diesem Schreiben mit Vergnügen Raum, das so ernsthaft auch auf Richtungen ein׳• geht, die wir sonst oft etwas summarisch zu behandeln pflegen. Wirklich hat jener junge Libo* rale in der Versammlung einen besseren Eindruck gemacht als die pstudolibcralen Retter des Juden• tums pflegen. Wir fürchten nur, daß solche, wie der Herr Briefsclireiber sagt, echt liberalen jungen Leute recht wenig zahlreich sind. Was uns in der Auseinandersetzung mit ihnen leiten muß, ist der Gedanke, den der Herr Briefsclireiber am Schlüsse sehr richtig andcutet: Der ״echte“, der ״philo- Das Land der Freiheit Tagelang haben sic nichts gesehen als Wasser und Himmel, Wolken und Wogen, lange Tage haben sic in der quetschenden Enge des Zwischendeck*, gehaust, haben sieb tagsüber auf dem Stückchen Verdeck gedrängt, uin ein wenig Luft, ein wenig Ausblick in die l erne zu erhaschen, und des Nachts haben sie sieb auf der Pritsche, wo hundert Menschenkörper zusammcngccngt liegen, den Raum streitig zu machen gesucht. Wem! das Schiff geschaukelt hat, haben sie alle Unbilden der Seekrankheit erlitten, und wenn es ‘ Sturm gegeben hat, sind die Sturzwellen über dem Vorderdeck zusammen gebrochen und haben sie bis auf die Haut durchnäßt. In dem dumpfen, tatenlosen Vegetieren war ihre einzige Freude die Musik, die manchmal vom Luxusdeck herab zu ihnen gedrungen ist — wenn nicht gerade der Wind neidisch die Klänge zerriß und verwehte, — ' Und dabei war in ihrer aller Herzen die gcspannte Erwartung, die bange Hoffnung auf das Land der Freiheit, des Erwerbs, des mcnschcnwürdigen Daseins. sic_dc.r lanKen stumpfen Fahrt in der elenden Welt des Zwischendecks schon müde, ach so müde waren, ist endlich von irgendwoher die Verheißung gekommen und hat sich von Mund zu Munde fortgepflanzt: Morgen früh sehen wir Landl morgen ziehen wir ein m das neue Leben l Mitten in der Nacht hat die große Schiffsschraube schon langsamer gearbeitet und bat endlich stillgc• standen. Da sind sic hinausgclaufcn und haben den ersten Blick in die neue Welt, das neue Leben getan. Da haben die auf dem Zwischendeck sich bebend umklammert, haben gelacht und geweint und haben sich wieder auf die gedrängt volle Pritsche gelegt in zitternder Erwartung des kommenden Tages. Und grau und morgeiiwolkenschwcr ist der neue Tag heraufgezogen, ein Beben, ein Acchzcn Ist durch den Schiffskoloß geglitten, und langsam hat er wieder begonnen sich zu regen, dem Hafen zuzustreben. Schwer hat der Morgendunst auf den Wogen gclastet, und nur ein trüber, schmaler Streifen in der Ferne hat das nahe Land verraten. Bis plötzlich ein heller Schein, ein goldiges Leuchten in den! Wolken erschienen ist, das immeA stärker und strahiender geworden, bis endlich der Wolkcnschlcier zerrissen ist und der erste Morgensonnenstrahl die Wolken geküßt hat. Da hat sic vor ihnen gestanden, die sich geschoben und gedrängt haben, ihren ersten Anblick zu erhaschen, die Schutzpatronin der neuen Welt und des neuen Lebens, die Göttin, die Statue der Freiheit, Im ersten hellen Morgenlicht stand sie auf ihrer Insel mitten im Meer, mit erhobener Fackel, und grüßte das Schiff mit seiner Last Mühseliger und Beladener, grüßte sie, die aus den Bauernkaten Deutschlands und Irlands, aus den Hungerfluren Oaliziens und Böhmens, aus Nordlands Schneegefilden, aus den Bergwerken und Fabrikräumen Italiens und jene AUcntnseligsten, die aus der Tyrannennacht rassischer Glietti entflohen waren. Schweigend, mit andächtig geneigtem Haupte fuhren sie vorüber an der Göttin, die sic alle, alle willkommen hieß, auch die Acrmstcn in den zerrissenen Lumpen, die zu Boden Getretenen mit den schwieligen Händen und die, welche der eigene Wurzelbodcn ausgespien und vertrieben hatte, weil sie Schutz und Recht von ihm gelordert hatten. In weihevoller Ergriffenheit, mancher mit gefalteten Händen, mancher mit einer Träne im Auge, fuhren sic auf das Land zu, das in einzelnen, zerklüfteten Riescnpfcilcrn, in atemraubend hohen Türmen aus dem Morgendunst hervorzuwachsen begann, auf das großmütige, gastfreudige Land der Freiheit. Und nun habe ich sie wiedergcselien! In dem Riesensaal des Volksgcbiiudcs drängen sie sich, wie sie sicli einst auf dem Zwischendeck gedrängt haben. Alle, alle sind sic wieder da, vom blonden, breitschultrigen Bauern Skandinaviens zum kleinen, behenden Sizilianer, vom schwerknochigcrt Kelten zum mattäugigen, zermürbten Ghettojuden. Manche tragen den Kopf freier als zuvor, manche haben die Lumpen von früher mit gutsitzendem Kleidern vertauscht — aber aus vielen hohlen Augen und Wangen blicken der alte Hunger, das alte Elend und die neue tiefe Enttäuschung. In dem weiten Raum haben sie sich eingefunden, alle beseelt von der gleichen Stimmung des Uni! i , G!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.