Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r I | auf die wöchentlich I Abonnements am Freitag er« scheinende ״Jüdische KtimUchtiu" I kosten bei der Expedition und bei allen Postämtern vierteljährlich 1,50M., außerhalb Deutschlands und Oesterreich-Ungarna 2,— M.j für Mitglieder jüdischer Vereine Im Sammelbezug durch den Verein 1,— M. JÜdUch• Rundschau, G. m. b. II. BERLIN W. 15, Sächsisch« Straße 8. Telephon: Amt Uhland 845, 846, 868. Postscheckkonto 1 Berlin Nr. 17392. ך״"י ן«-. ך־// ad? Anzeigen kosten für die »rdugeipaHene Petitteile oder deren Kaum 40 Pf.} Stellen- Angebote und •Orsuciie sowie Vereint- Mitteilungen und ״Kleine Anzeigen" O O O O nur 30 Pfennig. O O O O Manuskrinte werden, wenn Porto beiliegt, stets *urü«kgr<״»ndt Kedaktionsschluß; Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdisch• Rundschau BERLIN W. 15, Sächsische Straße 8. Telephon 1 Amt Uhland 845, 846, 868. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Nummer 15 p3 ף ח 5־־/ r~\ p pi ר־־ץ ך> u U<- מ ut ע J3 i ג׳/ףח ח 3 n־n <r נ־׳/ 7־c 13) U 1 U l:~J y ü ל / Berlin, den 10. April 1914 14. Nissan 5674 XIX. Jahrgang. Pessach Von Rabbiner Dr. Max Joseph, Stoip*) Feste sind nicht nur flüchtige Ruhepunkte in der Unrast des Lebens, kurze Unterbreciuingen der grauen Alltäglichkeit. Wo dies wirklieh mehr und mell.־ eintritt, da haben wir es bereits mit einer ermattenden, faulenden, an sich selbst nicht mehr glaubenden und darum absterbenden Kultur zu tun, dies Wort im höheren Sinne, in dem der Geisteskultur, genommen. Feste sollen nicht nur dem Bedürfnis nach einer von Zeit zu Zeit gesteigerten Lebensfreude dienen: sie bedeuten vielmehr Brennpunkte des Lebens, in denen die mannigfachen Aus- Strahlungen der Volksseele sieh sammeln, eine Offenbarung alles dessen, was ein Volk in seinen tiefsten Tiefen bewegt. Sehen wir unter diesem Gesichtswinkel 1111sere jüdischen Feste an, dann merken wir bald, daß den beiden Grundtrieben der jüdischen Volksseele, der religiös-ethischen Lcbensriclitung und dem unbezwmgiidien Lebenswillen, die beiden Brennpunkte unseres religiösen Lebens ge- »au entsprechen. Die Monate Nissan und Tisch 1־i bedeuten diese Brennpunkte, denn sie bilden die •zwei großen Jahresanfänge. Vom Nissan heißt es in der Thora: ״Dieser Monat soll für euch der erste der Monate sein,“ und am 1. Tisch 1 i feiern wir Rosch-ha-Schunah, das Fest des neuen Jahres, den Anfang der hohen Bußzeit, die mit dem heiligen Versöhnungstage abschlicßt. Um der Befreiung willen, die einst nach biblischer Ueberlicfcrung im Nissan sich vollzog, bildet der Monat Nissan den einen großen Jahrcsanfang, und um unserer religiös-sittlichen Läuteruug und Erneuerung willen der Tiscliri den zweiten. ln der Tat, deutlicher kann es nicht ausgesprachen werden, worauf die idealen Grundtriebe des jüdischen Volkes gerichtet sind. Und kein Wunder, daß dem so ist. Denn kaum je hat ein Volk der Erde ein, recht verstanden, intensivercs. nationales Leben geführt als das jüdisehe, die Feste müssen daher ganz naturgemäß einen Niederschlag der jüdischen Volksseele bilden, aus dem diese selbst leicht zu deuten und zu erkennen ist. Das Pc Bach fest gilt der Befreiung Israels vom ägyptischen Sklavenjoch. Die Erinnerung an diese Befreiung zieht sich w׳ic ein roter Faden durch die ganze heilige Schrift, durch unser Gebetbuch und durch unsern gesamten überlieferten Kultus. ״Auf daß du gedenkest des Tages, da du auszogest aus dem Lande Aegypten alle Tage deines Lebens.“ (Deuteron. 16,3.) ״Und es sei zum Zeichen an deiner Hand und zur Stirnbinde zwischen deinen Augen, daß Gott dich mit starker Hand aus Aegypten geführt hat.“ (Exodus 13,16.) Die beiden letzten von den vier Abschnitten, die den Thephillin einverleibt sind, wollen uns die Pflicht, der ägyptischen Befreiung stets eingedenk zu bleiben, auf die Seele binden. Jedes Fest, seine spezielle Bedeutung sei sonst, welche sie wolle, wird im Kiddusch, wenigstens beiläufig, als ״Erinnerung an den Auszug aus Aegypten“ gefeiert. In den alleräitesten, kernhaften Bestandteilen unscres Gebetes wird zwischen den beiden Haupt- *) Aus dem ״Jüdischen G c m c i n d c j a h r ־ buch“, herausgegeben von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina," Baseler Programm. gebeten, dem Schema Jisrael und der Thephilla, morgens und abends und an jedem Tage Gott als Befreier vom ägyptischen Sklavendienst gefeiert. Im Grundgesetz des Judentums, in den zehn Geboten, kündigt sich der göttliche Sprecher seinem Volke mit den Worten an: ״Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich aus dem Lande Aegypten herausgeführt habe, aus dem Hause der Knechte,“ Ganz natürlich! Denn durch nichts konnte der ehrfürchtige Gehorsam gegen Gottes Wort im Herzen des jüdischen Volkes besser geweckt werden, als durch die Erinnerung an die größte Wohltat, die ihm in alten Tagen einst durch Gottes Fügung war zuteil geworden. Denn als größte Wohltat hat gerade die Befreiung aus Aegypten Israel stets gegolten. Es erübrigt sieii, hierfür Belege anzufülireii. Jede Aufzählung der göttlichen Wohltaten an Israel beginnt ausnahmslos mit der ägyptischen Befreiung, entsprechend dem glühenden Freiheitsdrang und nationalen Lebenswillen in der Brust gles alten jüdischen Volkes. Als Israel zuletzt nach löwenmutigem Kampfe seiner Freiheit endgültig verlustig ge• gangen war, da gesellte sich dem PcISaeh Mi/.• rajim ״dem l'eßach Aegyptens“ sehr bald das Peßach le-Atlüd, ״das Peßacii der Zukunft“, hinzu, ln der Haggadah des Seder- Abends ist der jüdische Geist nicht nur rückwärts, sondern auch vorwärts {gerichtet. Auf das Peßach der Zukunft gellt die Haggadah in ihrem Beginn und in ihrem Ende und immer wieder. Im Beginn heißt es: ״Dies Jahr liier, im kommenden Jahr im Lande Israeli Dies Jahr Knechte, im kommenden Jahr freie Männer!“ Kaum ein Freudenkelch wird geleert, ohne daß in unserem Herzen die Hoffnung auf das l’eßach der Zukunft neu entzündet würde, und nur diescr Hoffnung gilt es, w׳enn wir dem Propheten Elia, dem Vorboten der künftigen Erlösung, einen Becher kredenzen. ״Das kommende Jahr in Jerusalcm!“ so sprechen wir, ehe wir den letzten Freudenkelch leeren, und die poetischen Schlußworte der Haggadah heißen: ״Pu lauterer Gott, der du thronst in den Höhen, richte auf die Gemeinde deiner Verheißung! Führe in Bälde Israels Sprossen erlöst und in Jubel nach Zion zurück!“ So ist denn Peßach das Fest der einstigen und künftigen Freiheit, das Fest der Freiheitsliebe überhaupt, die aus dem einen der beiden Grundtriebe Israels, die aus seinem starken Lcbenswillen hervorgegangen ist. Feste sind keine bloßen Acußerliclikeiten, wie es manchem hoch in der Luft kühler Abstraktion webenden Geiste scheinen mag. Feste gehen vielmehr aus den Tiefen des Volksgcistes selbst hervor und erhalten diesen nicht nur in seiner Richtung, sic wirken auch auf ihn zurück und erweisen sich solchermaßen oft nicht nur als Nährer, sondern auch als Mehrer desselben. Es ist ein besonderes Glück für ein Volk, wenn seine Feste ganz auf eigenem Boden gewachsen, wenn sie nach ihrem ganzen charakteristischen Gehalt autochthon sind. Denn in diesem Falle muß sich ihre Wirksamkeit naturgemäß um so fruchtbarer erweisen. Der autochthone Charakter dürfte jedoch kaum den Festen irgendeines andern heute lebenden Kulturvolkes in gleichem Grade eignen, wie den jüdischen Festen. Diese dürften daher auch in unserem wiedererwachen־ den und sich regenerierenden Volke, und in diesem erst recht, als Träger und Pfleger jüdischen Volksgeistes sich andauernd bewähren. Nur muß natürlich die künstliche Umdcutung und Verflüchtigung der Festideen durch vöiliges Hinübcrspinuen in das kraftlose Reich des Abstrakten, nur muß die aus der Einschläferung des nationalen Lebenswillens entstandene Ausdörrung und Verrenkung, die unsere Feste in der Assimilationsepoche erfahren haben, aufhören — unseren schönen Festen muß ihr in Wirklichkeit durch und durch nationaler Charakter unverfälscht zurückgegeben werden. Der Boykott in Polen Das am 2(1. März. erschienene Heft der Soz i a I i s t i s c h e n Monatshefte enthält einen sehr bemerkenswerten Aufsatz von Maxim A n i n über den J u d e 11 b o y k o 11 in Pole n. Wir geben im folgenden einige seiner wesentlichsten Ausführungen wieder: ״Ls ist ein alter Vorgang in der Wirtschaftlieben und kulturellen Geschichte der Juden, der sich überall und immer von neuem abspiel!. Nur die Alt und \Vci-.e ist vcisehiulvii. und darin!inben . eben die Polen eine bemerkenswerte ,,Originalität" au den Tag gelegt. In dem Augenblick, in dem der werdende polnische Mittelstand anfängt, die Juden als störenden Fremdkörper zu empfinden, verlangt mau von ihnen, daß sie sich völlig mit den Polen assimilieren sollen. Die jüdische Oberschicht erklärt sich sofort dazu bereit und gibt sogar ein heiliges Versprechen ab, im Namen aller ״Polen mosaischer Konfession“, Bald aber erwies es sich als Utopie, daß das Judentum im Polcntum aufgehen könnte. Im Gegenteil, gerade mit dem Erwachen der breiten Massen und insbesondere mit der Entstehung der Arbeiterschaft beginnt das polnisclic Judentum seine alte״ Kulturgüter zu sichten und zu sammeln. Die Revolutionszeit hat den Polen unzweideutig bewiesen, daß die Vorherrschaft der assimilationslustigen Oberschicht des Judentums eine Einbildung ist. jene Erklärungen der Todesbereit- Schaft des Judentums, denen dieser nationale Tod nicht folgte, haben mir zur Verschärfung des Konflikts beigetragen. Von nun an war der offene Feldzin: gegen die angebliche jüdische Gefahr unvermeidlich.’ Ungeduldig erwartete man einen Anlaß zur Kriegserklärung. Und mit provokatorischer Schlauheit wurde bald die ״jüdische Provokation“ inszeniert: Die jüdischen Wahlmänner in Warschau, die bei der Wahl zur vierten Duma die absolute Majorität hatten, weigerten sich, den offen antisemitisehen Kandidaten Kucharszewski als ihren Vertreter in die Duma zu entsenden. Sie gingen gleichwohl in ihrer Nachgiebigkeit so weit, daß sie im ersten Wahlgang für einen weniger aggressiven Antisemiten aus dem Lager Kucharszewskis stimmten, der aber nicht gewählt wurde. Danach stimmten sie, nicht etwa für einen Juden, nein, für den polnischen Sozialistei] Jngcllo. Da ging durch das gesamte bürgerliche!,ölen der heuchlerische Entrüstungsschrei, der wohl vorbereitet worden war: Die Juden wollen Polen erobern. Hinaus mit den Juden! Die Maske des ritterlichen Polen wurde fortgeschkudert, und nun stellt vor aller Augen mit haßverzerrtem Antlitz der kleinlich grimmige polnische Händler, der wütend und brutal gegen alles los/icht, was seinem Interesse im Weg steht: natürlich unter dem Banner des Fortschritts und der Kultur. Die Juden halten seit 600 Jahren an Polen mitgebaut? Den polnischen Handel geschaffen? Der polnischen Industrie den ganzen russischen Markt erschlossen? Was geht das uns an! Sie sind gefährliche Konkurrenten, also müssen sie ,boykottiert werden, Polonisicrt den Handel, den Kredit, die Industrie! Der Futterncid ist die Haupttricbfederdes Judenboykotts in Polen. Die Polen wollen aus ihren eigenen Reihen einen Mittelstand hcranbilden. Niemand wird daran etwas auszusetzen haben. Schafft neue ökonomische Po«