Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1914-04-03 · Heft 14 (3.4.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 14 (3.4.1914)
Date
1914-04-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651869-2651884--09546-2666881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 14 Seite 143 JU ED ISCHE RUNDSCHAU liciten zurück und überschütte jeden, der nicht seine Anschauungen teilt, mit Mohn. Nicht vor dem Alter und nicht vor dem Verdienst empfinde er Achtung. Udierall, auf Kanzel und Katheder, in allen Vereinen, ׳ nwlcnen Zionisten wirken, suchten sie für den. Zionismus Propaganda zu machen. Die Jugend beginne man schon von der Tertia an zu bearbeiten und so den Zionismus in die Häuser hincinzuschmuggeln. Es sei dies die grüßte Oe fahr für den Bestand der Religion, denn die Tendenzen des Zionismus seien rcligionsfcind- I i c 11 und ganz dazu angetan, die Bedeutung der jüdischen Religion lierabzumindern und dem Abfall Vorschub zu leisten. Der Liberale Verein aber, der sich die Erhaltung und Fortentwicklung der jüdischen Ueügion zur Aufgabe gemacht hat, dürfe diesem Treiben nicht untätig Zusehen, Es gelte, das Kostbarste des Judentums zu schützen und zu erhalten: Die Religion. Ihr verdanke das Judentum seinen Bestand, sie müsse den Kindern vererbt und für alle Zukunft erhalten bleiben. Der Kampf gegen den Zionismus und seine nationalen Bestrebungen sei ein Kampf für die Religion. — Die Versammlung begrüßte mit Genugtuung alle diese Ausführungen und gab ihre lebhafte Zustimimmg zu der Erklärung zu erkennen, welche die angesehensten deutschen Juden, die geistigen Häupter und Führer der Gemeinden gegen den Zionismus veröffentlicht haben. H. Anläßlich der zweiten ״Allgemeinen Missionskonfcrcnzfürdic Arbeit der evang c 1 i s c h c 11 Kirche in Israel“ hielt Pastor A. Bicling, Berlin, ein Referat über ״Judenm i s s i o n und Z i o n i s m u s“. Er fragt, welche Aussichten der Zionismus für die Christianisierung Israels biete, und gibt die Antwort: Vorerst gar keine oder so gut wie keine. Denn ״der Zionismus macht die Herzen im jüdischen Volk durchaus nicht empfänglicher für die Predigt von Christo; eher noch versc 11 ließt er sic dagege n.“ Beweis dafür sind Aeußerungen seiner Führer, die Erfahrungen der Missionärc und die Stellung der Zionisten zu den Christen aus Israel. Bicling fälirt fort: ״Ich habe gerade über diesen Punkt bei einer Reihe von Aintsbrüdcrn Umfrage gehalten. Aus Rußland und Rumänien, aus Galizien wie aus London ist mir in gleicher Weise die Antwort geworden: Der Zionismus bringt die Juden in keiner Weise dem Heiland näher. Weit eher noc 11 m u ß man sage n, daß er die Herzen gegen die Predigt vom Kreuz verschließt und verstockt. So heißt es in dein Briefe eines Amtsbruders aus Rußland: ״Wir Missionare können allerdings leichter zu solchen Juden, die Zionisten sind, Zutritt finden, sonderlich dann, wenn wir mit ihnen von ihrem Licblingsthcma sprechen. Doch sind sic nur solange geneigt uns zuzuhören, so lange wir bei diesem Gegenstände bleiben. Kehren wir aber dann das Evangelium heraus, so werden sie ganz indifferent und wollen weiter nichts davon wissen. Für die Judenmission ist die zionistisclic Bewegung nicht nur nicht förderlich, sondern sogar hindernd. Denn durch sie sind die Juden hoch- 111 iitig und selbstbewußt geworden.“ Dazu kommt, daß die jüdische Jugend, vor allem auch die gebildete, den Zionismus auf ihre Fahne geschrieben hat. Sie trägt ihn mit ihrer frischen Kraft und ihrem jtigendfrohen Mut. Es liegt aber auch im Zionismus etwas, das ihm die Verheißung des Sieges gibt. Das Wort Herzls von der sittlichen Schönheit des zionistischen Gedankens ist nicht bloße Redensart. Wir kannten dies Volk nur mehr als das Volk der Schacherer mul Wucherer, der gesinnungslosen Literaten und Journalisten. Wir sahen den Tanz um das goldene Kalb und glaubten Israel ganz dem Mammonsdienst ergeben. Und siehe, es erhebt sich aus dem Staube; es kann sich noch für eine große Idee begeistern, es kann dafür Opfer bringen. Das läßt doch auf verborgene Lebenskräfte schließen, die wohl fähig sind, am alten, verdorrenden Stamm neue grüne Reiser zu treiben,“ Am Schlüsse seines sehr eingehenden Referates wirft Pastor Bicling die Frage auf, was zu tun sei, um die Hindernisse, welche der Zionismus der Judcumission in den Weg legt, wegzuräumen, und stellt schließlich die These auf: ״Der Zionismus nötigt uns zu einer verstärkten Predigt des Evangeliums unter den Juden, wobei wir uns freilich ebenso sehr vor überschwänglichen Hoffnungen, wie vor gewagten Experimenten zu^hiiten haben.“ (Mitteilung von Herrn Max W o 11 s t e i n c r.) Arbeitsprogramm der zionistischen Frauenweltorganisation A. Aufgaben. 1. Die Fraucnorganisation muß mit allen auf der Welt schon bestehenden zionistischen Frauen- und Mädclienvercinen Fühlung nehmen und sich bemühen, diese Vereine als Mitglieder der ürganisation zu gewinnen. Die Mitgliedschaft kostet für jedes Mitglied des betreffenden Vereins pro Kopf und Monat mindestens 5 Pf. 2. Die Organisation veröffentlicht gleichzeitig und versendet an die Vereine ein bestimmtes Arbeitsrogramm, nach welchem alle Vereine einheitlich areiten sollen. Das Programm ist so gefaßt, daß es mit den Statuten aller Vereine durchaus im Einklang steht, 3. Die Organisation verlangt von den Vereinen vierteljährliche Berichte, um die Arbeit zu prüfen und neue Vorschläge für die Arbeit machen zu können. Mißverständnisse, Differenzen und Intcrcsselosig* keit der Vereine sollen von der Organisation beige* legt werden. 4. Die Organisation muß jederzeit auf Verlangen Redner oder Redncrinncn den Vereinen schicken können. Desgleichen muß sic in der Lage sein, Vorschlage für Feste, Feiern, Kinderfeste und Ausflüge zu machen. 5. Austausch der Erfahrungen der Vereine hinsichtlich der Agitation, der Vorbereitung und Ausgestaltung von Festen und Vereinsabenden. 6. Die Organisation muß regelmäßig für Artikel von Frauen in der Presse sorgen. 7. Die Organisation muß sich bemühen, hebräischc Lehrer zu gewinnen, uin sie den einzelnen Vereinen zu übersenden, desgleichen Turnlehrer. 8. Die Organisation muß besonderen Wert darauf legen, daß die ihr augehörenden Vereine der Jugenderziehung das größte Interesse widmen, durch Einrichtung von Kindernachmittagen, Kinderfesten, Ausflügen, Ferienkolonien, hebräischen Kindergärten, Wandervogel, Kinderturnriegen usw. Die Organisation wird ein genaues Programm für die Kindernachmittage entwerfen und es verschicken. Ebensolche Bedeutung dürfen uns nicht absondern, sondern müssen mit unseren christlichen Mitbürgern zusammen arbeiten zu 111 Wohie unseres gemeinsamen deutschen Vaterlandes. Das ist zugleich das beste Kampfmittel gegen Leute, die aus fanatischem Haß heraus gegen die Juden auftreten. Auch ist nicht zu übersehen daß wir, was Antisemitismus anbetrifft, ziemlich übelnehmend sind und jedes voreilige Wort gleich tragisch auf fassen. Ich glaube auch nicht, daß jeder, der einmal das Wort Jude gebraucht gleich die Absicht hat, den Betreffenden zu kränken’ sondern nehme an, daß dieses Wort sehr oft gebraucht wird, ohne daß sich der Andere viel dabei denkt. Falsch ist es jedenfalls, sich deswegen abzusondem Jede Absonderung trägt nur dazu bei, den Antisemiten neue Anhänger zuzuführen. Wir ehemalige Schüler der Knabenschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin haben in der Schule gelernt, die edelsten Güter der deutschen Kultur mit den ewigen Wahrheiten des Judentums zu verbinden. Wir Juden sind eine Religionsgemeinschaft, aber kein Volk.“ Diese Zeilen stimmen mich traurig. Das darf unter der Rubrik ״Aus der Jugendbewegung“ stehen? Man weiß in dieser Jugendbewegung nichts Klügeres anzufangen, als unreife junge Menschen unverstandenc, unverdaute Argumeutlein gegen den ״falsehen" Zionismus nachplappcrn zu lassen? Es muß schlecht um die liberalen Führer der Jugend stehen, daß sic zu pädagogisch so verwerflichen Mitteln greifen, um den aussichtslosen Versuch zu wiederholen, uns die Jugend abhold zu machen. Zionismus und Religion Zwei kleine Beiträge zu dieser Frage. I. Der Liberale Verein für die Augelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin hielt am 16. Februar seine diesjährige Gencral - Versammlung ab. Nach dem soeben ausgegebenen Märzhefte der Zeitschrift ״Liberales Judentum“ bildeten den Hauptteil des Abends die Referate über die gegenwärtige Lage im Streite z w ischcn Zionisten und Anti- Zionisten, Die beiden Referenten, Herr Rechtsanwalt Dr, M, 0 all in er und Herr Rechtsanwalt Dr. John Wertheim gaben eine snchliehe Darstellung des Zionismus sowie seiner Tendenzen und Ziele und betonten die Gefahren, die dem Gesamtjudentum durch den Zionismus drohen. Um so dankbarer sei es zu begrüßen, daß endlich durch die Erklärung der angesehensten deutschen Juden ans allen Teilen des Reiches eine sichtbare Scheidelinie zwischen der verhältnismäßig geringen Zahl der Zionisten und den Antizionisten gezogen sei. Aufgerüttclt durch das wüste Treiben zionistischer Agitatoren, durch die religionszcrsctzcndcn Tendenzen des Zionismus und durch die Bedrohung des Familienfriedens beginne endlich die deutsche Judcnhcit zu erwachen und der Gefahr entgegenzutreten. Die Ausführungen der Referenten fanden allgemeine Zustimmung und den lebhaftesten Beifall der Versammlung. In der Diskussion wurde besonders folgendes betont: der Zionismus sei von Anfang an bis heute stets mit Unwahrhaftigkeit vorgegangen und habe durch Verschleierung seine Ziele zu erreichen gesucht. Er scheue selbst nicht vor Unwahr- und Glück, vor Frühling . . . Das ist eine rechte Pessaehgcscliichte. Und dann hören wir den Altmeistcr Mendcle schnurrig von einem ״Tausch“ erzählen: Das Schicksal bringt für den Sedcr jeden der Freunde in das Haus des andern, wo er mit der Frau des andern den Seder feiert. So wird dafür gesorgt, daß beide Frauen trotz der Abwesenheit ihres Mannes einen guten Seder haben. Denn zum Seder gehört Mann und Frau; daher finden sich auch in A g n 0 n s Erzählung die beiden Einsamen zusammen: Die Frau sorgt für Ordnung, Reinlichkeit, richtet den Seder her, der Mann muß ihn halten, — jeder allein taugt nicht, vereint haben sie einen wirklichen Seder. ln jedem jüdischen Haus soll Seder sein. Darum beschert der Prophet Eiiah selbst den Armen einen gedeckten Sedertisch in P e r e z’ wunderschönem ״Zauberkünstler“. Und auch der ״unwissende“ Wasserträger in Bubers chassidischer Legende erhält durch ein Wunder Gottes seine Mazzoth, trotzdem er an die Vorbereitung des Scders nicht gedacht hat. Denn mehr als alles Grübeln gilt vor Gott die Reinheit des Herzens und die Einfalt des Glaubens: , . . ich weiß es und sage dir, Gott wird auch uns in die Freiheit führen.“ Ich kann hier nicht den ganzen Inhalt des Pessachbuchcs anführen. Es enthält noch Schilderungen der Pessachfeier zur Römerzeit, im Kaukasus, im Jemen, vor 70 Jahren in Rußland — überall in der Welt und zu allen Zeiten hat man Pessach gefeiert. Eine Skizze von K o m p c r t sehndert das Mazzothbackcn; ein Gedicht von B1 a 11 k und Heinrich Heines unvergängliches Meisterwerk ״Der Rabbi von Baehcrnch“ gehören zu dem Besten des Buches, Und am Ende finden wir eine Schilderung der Chagigah in Rechoboth, gleichsam hinüberreichend in eine neue Zeit: Hier wird Pcssach wieder lebendig in straff sich spannenden Muskeln, in Singen und Jubel, in lebendigem Volk: Das Fest der Freiheit, des Frühlings. Was mag es da für einen Klang haben: ״Awadim hajinu“ — ״Knechte sind wir gewesen...“ Das ist doch wohl das Rechte. Die Uebersctzungcn der im Original nicht dcutsehen Beiträge, die zum Hauptteil der Herausgeber, Hugo Herrin ann, selbst besorgt hat, sind sehr gelungen; der charakteristische Ton ist überall getroffen. (Eine Bemerkung sei gestattet: Wanim wird ״bimherah“ mit ״schiere“ übersetzt? Das Wort ist seltsam.) Einen wertvollen Schmuck bilden die zahlreiche״ Bilder, Reproduktionen aus alten Hagadahs, meist aus dem 16. Jahrhundert. Die Bilder sind sehr interessant und insbesondere die Randleisten und Zicrschriftcn außerordentlich schön. Auch die typographische Wiedergabe ist tadellos, wie denn, überhaupt die Ausstattung dieses Buches alles Lob verdient. Es gehört zu dem Besten, was der Jüdische Verlag herausgebracht hat. Man hat in der ersten Zeit des Zionismus sich gewöhnt, das Makkabii c rfest als das cigentliehe nationale Fest hinzustcllen. Ich glaube, wir werden lernen müssen, daß das eigentliche nationale Fest in weit höherem Grade als das Makkabäerfest unser Pessach ist. Es ist das Fest des großen, ewigen Symboles: Der Befreiung, die nicht nur die Ketten der äußern Knechtschaft bricht, sondern vor allem die Seele aus ihrer Gedrücktheit freimacht. Es ist die große Kriegserklärung an das sklavische Priirzip, an alle Bequemlichkeit und Trägheit; es ist der sieghafte Gedanke der befreienden Tat. So wie die Natur im Frühling sich verjüngt, so wie jeder Mensch im Frühling sein Herz höher schlagen hört, so hat Gott im Frühling sein Volk zu wahrem Leben geführt; durch die Kraft des Glaubens an eine Idee hat er das Volk sich zur Tat, zur Befreiung zu erheben gelehrt. Darum wird cs jedes Jahr Pessach, so wie es Frühling wird. Es ist das Erwachen aus dem Frost zur Wärme, aus dem Dunkel zum Licht, Es ist das Fest der Auferstehung. Von der Wärme, von dein Glanz, von dem Duft dieses neuen Frühlings läßt uns das Pcssachbuch etwas spüren. Prag. Robert Weltsch, Neue Bücher (Besprechung Vorbehalten.) Dr. A. Kopciowski, Die Entwicklungst h e o r i e. Teil I: Entwicklung und Judentum. Berlin, Verlag G. Boas Nachf, 1913. M. 2.—. P. Wiernik, Geschichte der Juden in Amerika von der Entdeckung der Neuen Welt bis aut die neueste Zeit. New York, The Jewish Press Publishing Company, 1914 (Jüdisch). $ 1.50.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.