Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 142 J U EDI SC H E RUNDSCHAU Nr. 14 Die Bank sollte nach Herzls Intentionen ein Kapital von 50 Mill. Frcs. haben. Gehen wir daran, zu werbe», um das Kapital zu diesem Betrage zu vervollständigen, der von Herzl niemals als Maximum angesehen wurde. Wenn wir wirklich arbeiten wollen, so sei es nicht, um Schulen oder Genossenschalten zu unterhalten, sondern zur V e r v o 11 s t ä nd i g u 11 g des ßankkapitals. Wir haben also schon zwei praktische Objekte für die Gcgcnwartsarbeit. Das dritte ist die Organisation des jüdischen Volkes außerhalb Palästinas zum Zweck der natio: nalcn Wiedergeburt. Diese soll nicht nach mehreren Jahrhunderten cintreffcn, wie das System der Inliltration und offiziellen Kolonisation sie versprechen kann; wir erwarten die Verwirklichung in viel kürzerer Zeit, etwa Innerhalb einer oder zweier Generationell.“ Herr l)r, Nordau hat in einigen Punkten seine frühere Meinung gründlich revidiert. Es ist kaum ein Jahr her, daß er von den Mächten einen ״Akt selbstlosen Idealismus", ein Eintreten zugunsten der Juden verlangte. Damals hielt er dieses Verlangen für ״politischen" Zionisiniis. Vor nicht allzu viel längerer Zeit hielt er dem ungestümen Drängen der ״Praktischen", die erklärten, keine Zeit zu haben, die Parole vom Warten entgegen; heute hat Herr Dr. Nordau keine Zeit zu den ״Experimenten" der Palästina-Arbeit. 111 einigen anderen Punkten hat sieh Dr. Nordau nicht klar genug ausgedriiekt oder die Korrespondenz der ״Welt" — die übrigens Herr Dr. Nordau vor dem Abdruck gelesen hat — gibt seine Worte nicht mit der genügenden Deutlichkeit wieder. ״Wir wollen nicht für eine oder zwei kleine Kolonien arbeiten, sondern für die Gesamtheit des Volkes": dies ist nur verstandlieh, wenn man annehtnen will, Herr Dr. Nordau verkenne gänzlich den ungeheuren Wert jeder Elle palästinensischen Landes, die unter den jüdisclien Pflug kommt, für die nationale Bele- Innig des Gesanitjudentums. ״Wir wollen für Israel arbeiten, nicht für das Land": was das heilten, wogegen sich das richten soll, ist itns schlechterdings uiivcrstiitidlich. Aber das sind schließlich Nebensachen. Die Hauptsache ist, daß Herr Dr. Nordau meint, ein paar Kolonien wie in Palästina könne man ebensogut anderswo haben. Israel Zangwill glaubt vielleicht, man könne außerhalb Palästinas ebensogut kolonisieren wie anderswo. Aber Zangwilis Wirkung reicht nicht weit. Denn Zangwill ist kein rechter Politiker; er verkennt, vielleicht weil er zu weit im Westen lebt, die Kräfte, die ungeheuer realen Kräfte, die int jüdisclien Volke leben; er verkennt die Wirklichkeit. Herr Dr, Nordau hat Zangwilis Sc7.ession aus dent Zionismus nicht mitgemacht; er sollte ihm auch jetzt nicht folgen. Er sollte wissen, daß jede, auch die kleinste Arbeit in Palästina, in nationalem Geiste vollbracht, das Größte ist an Wirkung auf die Gesamtheit des jüdischen Ein Buch zu Pessacli ״Wer am meisten vom Ausz.tig aus Aegypten zu erzählen weiß, der ist geheuedeit“ — wehe uns; wir haben verlernt, vom Auszug aus Aegypten zu erzählen. Unser Gedächtnis ist stumpf geworden, und wir wissen nicht mehr, was unsere Väter wußten und fühlten, die die ganze Nacht .beisammen saßen und bis zum Morgengrauen »las große Wunder der nationalen Befreiung besprachen. Die Pcssach-I fagadah, einst das volkstümlichste Buch der Juden, ist unscrin Geschlecht fast fremd geworden. Warum können wir unserer Feste nicht froh werden? Es bedarf einer großen Besinnung, daß wir uns wieder zu tinsern Festen finden, nachdem wir uns zum Volk gefunden haben; und wir müssen uns sie erobern, Wir setzen uns eben auch zusammen, und versuchen nach unserer Art, so gut wir es können, vom Auszug aus Aegypten, vom Sinn ,dieses Pessachfestcs zu erzählen. Und wenn wir es nur recht versuchen, so wird cs wohl gclingen. Denn vielleicht ist gerade dies der tiefste Kern des Pessachfestcs, daß jedes Geschlecht nach seiner Art vom Auszug aus Aegypten erzählt, daß jedes Geschlecht sein eigenes Pessacli bat. Und wenn es einer nicht glauben wollte, daß die jungen Juden von heute wieder von Pessacli zu erzählen, Pcssach zu feiern verstehen, so heben wir froh das Büchlein hoch, das wir jetzt haben: Volkes. Er sollte wissen, daß cs heißt, die Wirklichkeit vollständig verkennen, wenn man von der arabischen Assimilation des neuen Jischub spricht. » Das Mittel, das Herr Dr. Nordau gegen die arabische Assimilation angibt, nämlich, daß wir die Palme des Zionismus stolz und hoch halten, erscheint ihm vielleicht selbst ungenügend. So stellt er ein Arbcitsprogrumm auf. Wir sollen die politischen und ökonomischen Möglichkeiten Palästinas genau erkennen, theoretisch und prak* tiscli forschen, alle Bedingungen und Möglichketten fcststcllcn. Das ist eben: unsere Pa- 1 ä s 1111 a - A r b e i t, Denn ohne daß man in ein Land geht und dort, zunächst in kleinerem Maßstabe, arbeitet, kann man keine politischen und ökonomischen Möglichkeiten und Bedingungen erkennen. Die theoretische und praktische Porschling, die Herr Dr. Nordau verlangt, kann nicht von einer europäischen Hauptstadt aus, sondern sic muß im Lande betrieben werden. Diese theoretische und'praktische Vorbereitung fordern, die vom A. C. geleistete Arbeit aber verwerfen und auf den ״Rhythmus der Ereignisse“ lauschen, das heißt: die Wirklichkeit.verkennen. Während der Diskussion in der Pariser Ver- Sammlung wies Prau Dr. Marmorck darauf hin, ״daß der politische Zionismus allseits Kampf zu bestehen habe: 1. gegen die Palästinenser, die, gewohnt an die Judeiihcit zu appellieren, auf sofortige Arbeitsuiiterstiitzung drängen, 2. gegen die Ostjudo», die für unmittelbare Tätigkeit seien, 3. gegen die großen W e s t j u d c n, die sich uns zwar genähert hätten, aber nur in dem Maße, als wir zum praktischen Zionismus gegangen seien, die in Wirklichkeit ,der inte- ׳ gralen, radikalen und ganzen Idee des polisehen Zionismus stets feindselig geblieben seien. Diesen Gegnern könne nur ein sehr starker politischcr Zionismus widerstehen“. Wenn der ״politische Zionismus" die Palästinenser, die Ostjudcn und die Westjuden gegen sich hat, dann ist er unberechtigt. Eine Volksbewegung, und der Zionismus hat anders denn als eine Volksbewegung keine Daseinsberechtigung, muß aus dem Bedürfnis des Volkes erwachsen. Nicht als ob unser Zionismus allen Juden genehm wäre. Das glauben wir in Deutschland nach den Erfahrungen der letzten Monate am wenigsten. Aber wir wissen, daß alles Junge, alles Frische, alles Zukunftsfreudige in allen Teilen des jüdischen Volkes auf unscrcr Seite ist, daß wir kein verlorenes Häuflein sind; wir fassen die lebendige Kraft des Volkes, wir fassen seine Wirklichkeit, seine Zukunft, in unserer Bewegung vermählt sich Politik und Idealismus. H. Das Pcssach buch,! Hier ist gezeigt, daß unser Pessacli frisch und lebendig ist wie nur irgend einer*). Dieses Buch ist eines der schönsten, die uns die letzten Jahre beschert haben, Es sollte zu Pcssach in jedem jüdischen llngsc aufliegen. ״Du sollst erzählen deinen Kindern , . das Chnd Gadja gebe man den Kindern, den Frauen, und zuerst mögen es die Männer seihst lesen: zu gedenken des Auszuges aus Aegypten, zu lernen, was dieses Fest unser» Vätern war und was es uns sein kann. An der Spitze des Buches finden wir die. Bibelstelle, die das Fest anorduct: Gottes Wort selbst spricht den miiehtigon Eröffmingsakkord, gewissermaßen das ürumlllienia, das durch alle folgenden Seiten ausgeführt wird. Denn schon die Hagadah, die dann folgt, zeigt uns, wie das Gebot befolgt wurde. In dem eigentümlich gesprächigen Ton dieses Buches wird erzählt, was jeder von den großen Männern dazu zu sagen wußte; das eine stand fest: Dieses Ereignis, der Auszug ,aus Mizrajim, ist die wichtigste und bedeutendste Begebenheit der jüdisehen Vergangenheit und — Gegenwart, sie steht im Zentrum aller Betrachtung, immer wieder dünkt cs unbegreiflich und wunderbar, immer wieder fühlt jeder sich unmittelbar betroffen, jeder selbst erlöst. Und dann ist er freudig, dankt Gott, singt und lacht und sprudelt vor Laune, und dann wieder wird er ernst und nachdenklich und überlegt, und — hofft. *) C11 a d G a d j a, Das Pcssachbuch. Herausgegeben von Hugo Herrmunn. Berlin 1914. Ittdlscher Verlag. 3 M., geb. 5 M. Gelehrigkeit Herr W. Simson, ein Lehrer der Jugend, veranlafifc einige junge Leute, ihre Gedanken über den Zionismus nicderzuschrcibcn. Er veranlaßte hierauf die Zeitschrift ״Liberales Judentum“, ein solches Elaborat von einem sechzehnjährigen Vorstandsmitglicd des Jugendklubs ehemaliger Schüler der Knabenschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin abzudrucken, Der Aufsatz lautet: ״Unser Verein ist durcli einen Zufall mit einer jüdisch-nationalen Bestrebung näher bekannt geworden. die wir als Deutsche jüdischen Glaubens nicht gutlicißcn können. Diese Bestrebung ist der Zionisinus. Der Zionismus bezweckt die Wieder* Vereinigung aller Juden zu einem selbständigen Volke in Palästina. Von vielen Seiten ist mm die Frage aufgeworfen worden: Wie kommt es denn, daß die Zionisten so viele Anhänger haben, wenn ihre Anschauung eine falsche ist? Erstens haben sie, wie wir gehört haben, nicht so viele Anhänger, sondern nur I Prozent aßer deutselten luden sind Zionisten und zweitens sind diese Leute laugt׳ nicht alle überzeugte Zionisten, sondern reden zum großen Teil nur nach, was i h n e 11 von andern v o r g c s a gt w u r d c. Was für einen Grund haben denn die Zionisten, daß sie sieh plötzlich danach sehnen, ein selbständiges Volk zu sein? Sie reden immer von der udemiot; aber das ist für die deutschen Juden ein triftiger Grund; denn mit dem Antisemit i s 11111 s ist es 11 e ti t z.u t a g c n ic 111 nt ehr s o s c 111 i m 111, und rechtlos und verachtet sind di«: Juden auch nicht mehr. Im Mittelalter war es zu verstehen, wenn die Juden sich danach scluitcn, ein selbständiges Volk zu sein und ein geordnetes Staatswesen zu besitzen, denn da waren sie verachtet, hatten keine Rechte, und man bängte ihnen zu allem Ueherfluß auch noch alle möglichen Bosheiten und Grausamkeiten an. Wie ist cs aber mit der imiern, geschichtlichen Berechtigung des Zionismus? Sind wir ein Volk, oder sind wir eine Religionsgemeinschaft? Wenn wir ein Volk wären, dann müßten wir doch zum mindesten eine Sprache haben, denn die Sprache ist die Seele eines Volkes. Die hebräische Sprache ist aber keineswegs unsere Sprache, sondern mir eine Gebetssprachc. Manche behaupten nun, daß die Juden eine Rasse seien. Diese Behauptung ist aber vollständig unhaltbar, denn cs gibt, wie die Gelehrten nachgewiesen haben, überhaupt keine reine Rasse mehr. Die )leidigen Deutschen sind keineswegs germanischer Rasse, sondern die Germanen haben sich im Laufe der Zeit mit andern Völkerstäniincn, wie Romanen, Slavcu und Kelten vermischt. Und auch die Juden siml ein Teil des heutigen deutschen Volkes, Wenn wir aber trotzdem, wie die Zionisten, sagen wollten ״wir sind ein Volk,“ dann würden wir ja den Antisemiten geradezu recht geben, denn diese sagen dasselbe, n 11 r mit dem Unterschiede, daß sic noch hinzufiißcn, wir schädigen das deutsche Volk, Wir lieben unsere I Icimat und arbeiten mit zu ihrem Wolde, auf keinen Fall dürfen wir darum damit übereinstimmen, wenn gesagt wird, daß wir ein Volk seien. Der Zionismus strebt aber nicht nur Falsches au, sondern seine Bestrebungen sind auch unausführbar. Demi das!.and, in dem die Juden wohnen sollen, ist in den Händen der Türken, und die denken gar nicht daran, es sich entreißen zu lassen. Ebensowenig würde jemand, der in seiner Heimat eine gesicherte Existenz hat, auswandern und seine Arbeit noch einmal von vorne anfangen. Wir kommen also zu dem Resultat, daß wir den Zionismus verwerfen müssen, weil er falsch und unausführbar ist. Wir Ueber die Entstehung und das Schicksal der Hagadalt berichtet uns ein sehr interessanter und lehrreicher Aufsatz. Theodor Zlocistis. Die Hagadah ist ein Produkt des Gallith. Solange Pessacli noch ganz lebendig war, brauchte man nicht darüber zu reden und z.11 erklären. Erst als das Land verloren war, bekam Pcssach, das Fest des Frühlings, des Erwachens, der Befreiung, einen andern Sinn, Man begann besser zu verstehen, was es heißt: Knechte sind wir gewesen , . ., und mau sang •Jahr für Jahr: I Erbaue deinen Tempel wieder, führe uns zurück, bald, bald, in unser» Tagen erbaue deinen Tcmpel , . . Ein reiches Gewinde von Sagen und Märeben umrankte die alten Geschichten; einige der schönsten werden uns in dem Buch mitgetcilt. Und dann folgt: Pcssach im Leben und Denken des jüdischcn Volkes, Aus der reichen Literatur, vor allem aus der hebräischen und jiddischen, sind sehr schöne Erzählungen nusgewalilt: ״Mit dem Frühling“ von S. Ben-Zion schildert das Erwachen des Frühlings in einem jungen Herzen. ״Die Zeit unserer Freiheit“ — dieses Wort belebt und beglückt den kleinen Awremel. Was ist doch Freiheit für ein schönes Ding! Awremel jauchzt der Welt entgegen, er ist Oottcs vpll, seine Seele findet ihre Freiheit; er lernt die Worte des unverfälschten Hohe» Liedes verstehen: ״Die Blumen zeigen sich im Lande, der Lenz ist gekommen und der Turteltaube Ruf läßt sich Im Lande hören I Der Feigenbaum, schon reifen seine Früchte . . Und dann erkennt er auch die leuchtenden Augen der schwarzen Adel und dann versteckt er sich und wchtt, •vor Sehnsucht %