Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1914)
- Date
- 1914-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Sv«׳A V Abonnements auf die wöchentlich am Freitag erscheinende ״Jüdische Rundschau" kosten bei der Expedition und bei allen PostämUrn vierteljährlich 1,50 M , auüerhatb Deutschlands und Oester• reidt-Ungnm• 2, M.; für Mitglieder jüdischer Vereine im Sammelbezug durch den Verein 1,— M. JUdlacU• nundscliau, G. m. h. II, BERLIN W. 15, Sttchaisclie Straße 8. Telephon! Amt Uhland 845, 81!>, 8tt8 Postscheckkonto! Berlin Nr. 17392. ר¬ ו 1 I 1 1 1 1 1 ו ו mJ ümJ \*J ■״*׳ץ ^■**״^ n*’,״*! ר 1 j : x M ף״׳״״ן ץ— '/ J ׳׳ \ W._, ^*fesv Anzeigen kosten für die s^chigespaltene Petit- *nüa oder deren Raum 40 Pf.; Stellen• Angebote und *Gesuche sowie Vereins* Mitteilungen und «Khme Anzeigen" O O O O nur 30 Pfennig. O O O O ManuskrirOe werden, wenn Porto bediegt, Siels turiukgr^andt• Rr!Uktionsschtu&: Mittwoch vorrmttsgs. Reduktion JtiUHscli* Rundicbau BERLIN W. 1$, Sächsisch« Straß«! 8. Telephon; Amt Uhland 84S, 846, 868. Postscheckkonto! Berlin Nr. 17392. ג־׳-ץ ף vJ r .,j i ג «*״״״^ ך^ s**“**) f* g»»ק■*—״ Ü C . J '3 'י y y L._J gg>»• »■״״™«PB. ks, «40 <*/ ף Nummer 14 Berlin, den 3. April 1914 — 7. Nissan 5674 XIX. Jahrgang. Ausweis Schekel: Rurgkundstadt 1,--, Gora-Rctiß 1, . Oähcn i. A. 15,—, Krieseu i. W. )7,—, Wrcsehen 7, - M. Landesorganisationsboiträge für 1913: 1. Ortsgruppen: Mainz 25,—, Königsberg i. Pr. 60,—, Misrachigruppe Berlin 30, M. 2. P r o p ״ g a n d a f <> n d s: Ferd. Bloch, Floß i. U., 5,- M. Landesbeiträße 1914: Cöthen 15,™ M. Propagandafonds 1914: Dr. Junkclowitz, Cier״■ Rctili, 5,—, Dr. Lazarus, Knrgknndstndt, 5, , /almarzt Leo Landau, Berlin-Neukölln, 5, , /.ahnarzt S. Stern, Friedberg r. II., 5,—, Dr. Stargardtcr, Hagen, 10,—, Salomon Salonion, Wanne, 15,--, M. Steimveg, Düsseldorf, 5,—, Rechtsanwalt Wilezek, Krefeld, 5,—, L. Ciusvk, Solingen, 5.--, M. Goldreich, Beuel, 30,—, Essen: S, Goldreich 5,---, Frau ENe Goldreich 5,—, L. l.ceser, Neumühl, 5, . Willy Mc\cr, Sclnvehn, 20,—, L. Gersou, Duisburg, 5,—, L. Marens, Rees, 10,—, II. Lurya, Düsseldorf, 5,—, Köln: S. Kahn 5,—, II. Bär 5,-■, Justiz!•,1t Bodenlieimer, 50,--, J, Schnelling 5, , Paula Löh 5. , Abr. Reinhardt 10,—, K. Hamburger, Essen, 10, , Elberfeld: Dr. ürüneberg 30,—, Mirjam Epstein 5, , S. Adler 5,—, M, Dreyfuß 10,—{ N. Adlerstein 5, , Mülheim 3,—, Solingen 3, , Elberfeld 3, . Köln, 2 Einzelbeiträge, <>,— M. Eingang vom 19. März bis 1. April 1914: Schekel: 41,— M.; L a n d e so r g a n i s a t io 11 s - h c i t r ä g e f ii r 1013: 120,— M.; Lau d e s b e i - träge für 1914: 15,— M,; Propagandafoitds 1014: 305,- M. Gesamteingang: Schekel: 831,-- M.; Laudesorg a n i sa t ion s bc it r ii gc 1013: 18018,27 Mark; L a n d e s b e i t r ii g e 1014: 1150,50 M,; P r o - p .1 g a 11 d a f o 1111 s 1014: 1188,00 M. Politik und Leben 7 Das Wort ״Politik“, ״politisch handeln״ bat zwei Bedeutungen; es heißt entweder: die Wirklichkeit beherrschen, oder: die Wirklichkeit benützen. Politisch handelt, wer die Kräfte erkeimt, die in den Völkern leben, und diese Kräfte mit überlegener Würdigung der realen Möglichkeiten und Hindernisse zu den erstrebenswerten Zielen lenkt; politisch handelt, wer die Verhältnissc des Lebens und der Welt oder eines Kreises durchschaut und sie zu seinen Zwecken zu nutzen versteht. Immer ist Politik aufgebaut aut einer Erkenntnis des Realen und immer strebt sic nach einer Herrschaft über das Reale. Das Gegenteil von Politik im niedrigeren Sinne ist Schwärmerei, von Politik im höheren Sinne ist Idealismus; Politik im höheren Sinne aber vermählt sich leicht mit dem Idealismus, während Politik im niedrigeren Sinn die Schwärmerei mit Recht verlacht, die Schwärmerei aber diese Art von Politik *mit Recht verachtet. Atn 19. März hat zu Paris eine Versammlung stattgefunden, in der die Herren Dr. Nordau und Dr. Marmorek über Politik sprachen. Herr Dr. Nordau ging von dein jüngst geführten Kampf um die hebräische Sprache aus, den er jetzt rundweg mißbilligt — während er in dem am 30. Januar d. J. in der ״Welt“ abgedruckten Briefe dem Verhalten der zionistischen Kuratoriumsmitglieder und der Gründung neuer hebräischer Schulen ״vorbehaltlos zustimmt“. Herr Dr. Nordau hat sich auch einige scheinbar von feindlicher Seite ausgestreute Unterstellungen zu eigen gemacht, wie daß die in der ״Welt“ ausgewiesenen Schulfondsbeiträge nicht wirklich eingezahlt wären. Auf diese und andere Irrtümer weist die dieswöchentliche Nummer der ״Welt“, die einen ausführlichen Bericht bringt, richtigstellend hin. ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffeni* lieh-rechtlich gesicherten Hcinuiüite in Palästina." Baseler Programm. Im Anschluß au die Kritik des Verhaltens des Ä. C. in diesem einen Falle erörtert Herr Dr. Nordau die prinzipielle Bedeutung der Angelegenheit und legt seinen zionistischen Standpunkt dar. Er sagt im wesentlichen folgendes; ״Diese Unternehmungen lenken den Zionismus mehr und mehr von seinem eigentlichen Ziel ab. Wir, die wir im Uerzlscltcn Zionismus verharren, die am Baseler Programm festludten, stecken dem Zionismus das hohe Ziel, das jüdische Volk zu erlösen oder wenigstens den Teil, der sieh nach Gettlah sehnt, Das Bastler Programm figuriert wohl noch auf dem Umschläge unserer offiziellen Blätter, Wenn ich aber sehe, wie ,die Organisation als hauptsächliehe, ja ttusschlielSlidic Aufgabe für die nächsten, tiint oder zehn Jahre die Einrichtung, den Ausbau und Unterhalt des Schulwerks erklärt, da null! icli sagen, dali diese Bewegung aul'hört, Zionismus zu sein, in dem Sinne, den die Gründer diesem Worte beilegten. Das hat nichts zu tun 'Silit dem Baseler Programm. In dieser Weise betätigen sich die Chowewc Zion, gewiß Bestrebungen edler Natur, denen wir alle Sympathie und Achtung zollen, die sehr schöne Leistungen zu verzeichnen haben; aber nietnals haben die Chowcwc Zion den Anspruch erbuben, die Gculah herbtizufültren, die zerstreuten Juden in ihr Land zurüekz.ugck'iteu, Das Endziel des Zionismus ist gleichfalls Palästina, aber nicht für eineoder zwei kleine Kolonien; wir wollen arbeiten für die Gesamt heit des Volkes, Daher kann auch Palästina der Gegenstand sofortiger Anstrengungen nur in soweit sein, als dadurch eins allgemeine Werk gefördert wird. Wir arbeiten nicht, um ein paar Kolonien zu gründen oder ein kleines Synhcdrion zu schaffen; d a s k a n » in a n e I) eiisogiii a 11 ß e rhalb Palästinas haben, das bringt uns unserem Endziel nicht näher,' Die praktischen Zionisten oder die sich so nennen, sagen, wir müssen in Palästina arbeiten! Die ״politischen“ antworten, sehr richtig, wir müssen dort arbeiten, aber für Israel, und nicht für das Land, Wenn ich nicht die Hoffuuug hätte, eines Tages in Palästina ein neues jüdisches Volksleben zu seliofl, so hätte ich für das Land nur ein archäologisches Interesse; Palästina ist für mich nur deshalb eine lebendige Realität, die midi persönlich angeht, weil es das Land der Zukunft des jüdischen Volkes ist, Wäre dem nicht so, so besäße Palästina für midi wenig mehr Wert als Athen, kaum soviel als Latium, Was wir heute für Palästina tun, ist das Werk von Chibath Zion wie das des Odessaer Komitees, Man verkleinert die Bewcgung. Man hat als Resultate, daß die Juden des Auslandes, die selbst nicht hingehen können, sich sagen, wir haben dort hebräische Schulen, in denen die Kinder frei und unbehelligt als. Juden .־mfwachscn, in denen die Sprache unserer Väter gepflegt wird. Aber was bedeutet dies für mich, für mein persönlichcs zionistisches Bedürfnis? Liegt darin meine Hoffnung? Mit etwas Sophismus bringt inan gewiß eine Antwort zuwege. Man erwidert: ״Und Ihr, was tut Ihr? Habt Ihr das Land geöffnet?' Habt Ihr den Grundstein zur Volksrenaissance gelegt? Wir pflanzen wenigstens die Keime, die sich entwickeln und organisch wachsen werden!“ Dies alles sind aber nur Worte! Die Keime, die uns eine Vierteltnillion kosten, brauchen Jahrhunderte, um sich zu einer kräftigen Pflanze zu entwickeln, die Früchte trägt, hinreichend um das jüdisclte Volk zu nähren. Zu solchen Experimenten haben wir ke'i 11 c Zeit, Eine andere Gefahr droht uns, viel schlimmer und folgcrcicher bei diesem Systeme, Wir haben heute etwa 800Ü--10 000 Kolonisten, die wir bestenfalls im Laufe der Jahre auf 10 000 bis 40 000 bringen können. Während wir hier in der Diaspora für ihre Schulen arbeiten, droht unseren Kolonien, wenn unser Werk sich auf diese Arbeit beschränken soll, die palästinensische Assimilation. Dieselbe ist noch jämmerlicher, als die in der Diaspora, weil sie eine Assimilation nach unten ist. Es ist unmöglich, dali 30 000 oder 40 000 Juden, selbst mit hebräischen Schulen, sich nufrechterhalten unter 600 000 bis 800 000 Arabern, Unsere 30 000 bis 40 000 Nationaljuden (in Wirklichkeit sind es heute kaum 10 000, denn auf Jerusalem und die anderen Städte können wir nicht rechnen) können nicht existieren, wenn sich der große Zug einstcllt, sic werden zu a r a - bischen Juden werden. Sie werden Sprache und Sitten derer annehmen, mit denen sie alltäglich zu tun haben. Und wie können wir das verhindern? Indem wir die Fahne des Zion i s m 11 s stolz u n d hoc h halt e n, indem wir die Grundidee des Zionismus verbreiten und arbeiten in der I loffuung auf eine nationale Wiedergeburt. Was das A. C. seit vier bis fünf Jahres» tut, liegt keineswegs in dieser Richtung. Anstatt nur ein großes Ziel zu verfolgen, wird von einem Kongreß zum anderen eine neue Parole ausgegeben, auf Grund deren man einen Eifer entfaltet, den Enthusiasmus weckt, um die Leistung zu vollbringen, die man sich bis zum nächsten Kongreß zum Ziel gesteckt hat . . . Jetzt arbeiten wir aufs neue, wir sammeln Geld für die Schulen in Palästina; wie wir für die Geiiosseusehaft gearbeitet und für die Agrarbank gearbeitet, so werden wir für die Schulen arbeiten. Möglich, daß wir die nötigen Beträge aufbringen. Man wird sich beglückwünschen wie früher, aber ist das Zionismus? Man verschwendet Eifer, Kräfte, Begeisterung, schließlich auch das Geld ohne Resultate für unser Endziel. Wir werden schließlich eine Enttäusclumg erleben, die viele an dem großen Ideal verzweifeln lassen wird, ״Aber, wirft man *uns ein, das ist alles negative Kritik; wo ist Euer positives Programm?“ Nun wir haben auch eine praktische Arbeit! Arbeiten wir in Palästina nie 111 für einzellte Personen oder Gruppen, sondern für das Volk Israel. Die Vorbercitungsarbeit besteht darin, die politischer! und ökonotuisehen Möglichkeiten genau zu kennen. Wir müssen theoretisch und praktisch f o r- ■sehe n und dahin gelangen, alle Bedingungen und M 0 g 1 i c h k e i t c!1 f c s < z u s t c 11 c n. Diese Aufgabe ist schon groß und vielseitig genug, sie wird viel Geld verschlingen, aber es ist dies eine verfeelitbare Ausgabe. Wenn wir die ökonomischen Möglichkeiten festgestellt, diejenigen, die ins Land gelten wollen, aufklüren und beraten können, ihnen den Weg zeigen und ihre Aufgabe erleichtern körnten, dann haben wir uns mn Israel verdient gemacht. Unsere Aufgabe ist es andererseits, die politischen Ereignisse zu verfolgen; der Rhythmus der Ercignissc, der immer schneller und schneller wird, sollte uns malmen, uns vorzubereitui/auf alle Evcntualitäten. Hcrzls Idee in dieser Hinsicht ist noch nicht übertroffen worden. Sein Instrument wareine Bank mit politischem Ziel. Unsere Bank besitzt aber nur (>1/2 Millionen; dieses Kapital ist zu schwach; seit 12 Jahren bleibt sic auf ihrer Position. Und dann, ist dieses Geld auch immer flüssig? Das andere politische Mittel, das llcrzl befürwortete, war der Charter. Von dem kann heute keine Rede sein. Man hat in den letzten Jahren Gelegenheit gehabt, die Ohnmacht Europas zu konstatieren. Man kann nach diesen Lavierungen und Ränken als sicher annehmen, daß die Mächte niemals sich zu einem Akte zugunsten der Juden einigen werden, der von ihnen etwas wie selbstlosen Idealismus verlangt. Der Gedanke war berechtigt zu seiner Zeit, wäre aber heute von Hcrzl selbst nicht mehr aufrecht gehalten, weil llcrzl ihn in dem Moment aufgegeben hätte, wo er ihm unpraktisch erschien: er war ihm eben nur ein Mittel. « ■ *