Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 13 beite 133 zu jenen, die viel darnach fragen, was die Christen über uns Juden jetzt sagen werden, aber der Wunsch dieser Juden, vor Christen die zionistischen Juden zu brandmarken — und den beweist das Inserieren in den deutschen Tageszeitungen — hat nichts zu schaffen mit dem stolzen Gefühl: ״Ich handle nach meinem Gesetz ohne Scheu vor christlichem Urteil “ Im Gegenteil: diese Erklärung wünscht ja gerade vor den ״Andern“ eine Gruppierung zu markieren, die rechts die Christen und die braven Juden in schöner Einigkeit zeigt, links die bösen Juden, näm-, lieh die Zionisten. Dieses Weltbild, so ferne jeder Realität wie wohl das Gefühl der meisten dort IJnterzeichneten dem wirklichen jüdischen Bcw u ß tsein, soll um jeden Preis den Deutschen aufgedrängt werden. Und gerade wer, wie ich, nicht Zionist ist, fühlt das Bedürfnis aiifzuschrcien: Selbst wenn mir der Zionismus gegen mein Gefühl geht, und selbst wenn in diesem Einzelfall Zionisten ganz falsch gehandelt haben — ich weiß es nicht, hier kann's keiner nachprüfen — Männer, die so sprechen und handeln, haben kein Recht, als berufene Wortführcr jener n i c h t - zionistischen Juden, die ihr jüdisches Blut als ihr tiefstes spüren, aufzutreten . . . Es wäre noch Einiges zu sagen. Ich lasse antlcreu das Wort. Mir war es wesentlich, das auszusprechen, was die Rechtsanwälte, Geheim- und andere Räte, ״gute Juden und gute Deutsche“ — nicht wahr haben wollen: daß es Juden gibt, die ohne Zionisten zu sein, ihr Judentum triebhaft als das stärkste Bindende, — nach der einen Seite! — und das unweigerlich Trennende — nach der andern! — fühlen. Mit der deutschen Kultur, ja sogar der deutschen Nation hat das nichts zu schaffen, allerdings auch nichts mit dem Glauben und auch nichts mit der Sprache." * Wie wir hören, hat ein Passus des Artikels ״Die Erklärung“ in unserer letzten Nummer zu Mißverständnissen Anlaß gegeben. Es lag uns fern, an der Wahrhaftigkeit der drei Herren im mindesten zu zweifeln, die uns Berichtigungen zugesandt hatten. Wir meinten nur, daß die Herren unter dem Eindruck der in allen jüdischen Lagern herrschenden Entrüstung über die ״Erklärung“ mir ungern die volle Verantwortung für ihre Unterschrift übernahmen und sich dabei in Gesprächen so ausdrückten, daß unsere Gewährsmänner zu der dann von uns wiedergegebenen Auffassung kommen mußten. Wir haben noch heute keinen Anlaß, an der Zuverlässigkeit unserer Freunde zu zweifeln; ebensowenig aber bezweifeln wir, daß die Berichtigungen der drei Herren׳ durchaus korrekt und einwandfrei waren, Zur Beachtung! Die zionistischen Landes- und Sonderverbände werden hiermit gebeten, alle ihre Ortsgruppen und Vereine zu veranlassen, die Zvvischenfeiertage des Pcssach-Festes zur Ein• Ziehung der Schekel des Jahres 5674 auszunutzen. Das Action s -Cont i t e. JUEDfSCHE RUNDSCHAU Breslauer Brief (Von unserem Berichterstatter.) Die Empörung über das antizionistische Inserat konnte man auch hier allenthalben konstaticren, auch bei solchen, die uns sonst wahrhaftig nicht grün sind. Der Zionismus .wurde allein dadurch zum Gesprächsstoff bei sehr vielen, die sonst recht gleichgültig allem Jüdischen gegenüberstehen. So war es denn kein Wunder, daß zur Protestvcrsa m mlun g sich sehr viele einfanden, die wir in unseren Versammlungen bisher noch nie gesehen hatten. Es war ein zum großen Teil ganz neues Publikum für eine zionistische Vcr- Sammlung, das den großen Logensaal füllte und das den Ausführungen unserer Redner mit offensichtlich großer Aufmerksamkeit folgte. Zuerst sprach der Vorsitzende <1 er Ortsgruppe, Rechtsanwalt Jac 0 h s o h 11. Er widerlegte mit scharfer Logik und in absoluter Sachlichkeit die allerdings nicht gerade sehr inhaltsreiche ״Erklärung“, Seine mit Vermeidung jeglicher überflüssigen Schärfe vorgetragenen Ausführungeii machten den besten Eindruck auf die Zuhörer. Dr. G o 1 d b e r g , der nach ihm sprach, ging auf die Ursachen der Erklärung ein, gab ihre Vorgcschichtc in dem getreuen Bilde des Schulkampfes, auch er ohne in die jetzt bei unsern Gegnern so beliebte unsachliche und persönliche Art zu veiv fallen, die aber gerade darum von ihnen uns vorgeworfen wird. Goldbergs Ausführungen zeigten auch dem Unorientierten, wie wenig wir eine solche Kampfesweise nötig haben, wo die Dinge selbst doch so beredt für uns Zeugnis ablegen. Als letzter Redner sprach Dr. Rosenbäum, dessen prägnante Rhetorik außerordentlich gefiel. Zu einer Diskussion kam׳ es nicht, da die Herren Protestler natürlich vorgezogen hatten, nicht zu erscheinen, und die anwesenden Nichtzionisten es für richtiger erachteten, sich mit jenen nicht zu identifizicreu. Dagegen war schon wenige Tage zuvor an anderer Stelle von Nichtzionisten ein Protest gegen die antizionistische .,Erklärung“ erhoben worden. Dies geschah in einer Versammlung des Gerocindevercins durch Justizrat Dr. Kempner und Herrn Wilhelm Kober, ohne daß irgend jemand einen Widerspruch laut werden ließ. So hat uns nichts gehindert, in unserer Arbeit für den Schulfonds fortzufahren. Es bleibt höchstens der Wunsch (hierbei wie immer), daß mehr die Einzclncn sich an dieser Arbeit beteiligen, mehr persönlieh werbend tätig sein möchten, und nicht alles den wenigen überlassen sollten, die sich speziell in den Dienst der hebräischen Schuisache gestellt haben.... Eine eifrige Tätigkeit nach anderer Richtung entfaltet der ״Verein der zionistischen Jugend“. Doch scheint es vielen ratsamer, wenn er solche Abende wie Martin Btibers Vortrag über ״Jüdische Religiosität“ besser unterließe. Zionistische Vereine sollen in religiösen Dingen Neutralität bewahren. Wird aber schon ein solcher Vortrag veranstaltet, so muß sich ihm eine Diskussion;!״schließen dürfen, in «Irr auch eine abweichende Meinung zum Ausdruck kommen kann. Die Zuhörer gehen sonst.in dem Glauben fort, daß das, was ihnen geboten wurde, offizieller Zionismus ist oder daß dies d i e zionistische Anschauung ist, was um so bedenklicher ist, wenn die Ausführungen des Redners einem so großen Teil der Anwesenden, wie in diesem Falle, mißverständlich oder gar unverständlich bleiben. Ucberhaupt: weniger reden, mehr tun. Das sei besonders den verschiedenen Organisationen unserer jüngeren Generation immer wieder mahnend zugerufen. Ernstes Wollen, bewiesen durch die Tat, wird auch auf die Außenstehenden einen viel tieferen Eindruck machen, als alles Reden. Es sei denn, es geschehe in — hebräischer Sprache. Aber wann wird dieser Moment kommen? Hätte er nicht schon da sein müssen, wenn man sich der verschiedensten programmatischen Erklärungen erinnert? Und auch der Nationalfonds könnte noch viel ״Fechtgenossen" brauchen, die er eigentlich nicht vermissen dürfte.... Hoffentlich können wir ein nächstes Mal auch über diese Dinge befriedigenderes vermelden. Ben Eli j ahu. Vortrags-Tournee in Nordbayern Von unserem Nürnberger Berichterstatter. Gemäß einem Beschluß des zionistischen Gruppenverbandes wurden schon in den Jahren 1912/13 durch die Nürnberger Ortsgruppe zionistische Vorträge in der näheren und weiteren Umgebung Nürnbergs zum Zwecke erklärender Propaganda veranstaltet. In den verflossenen Wochen hat unser Gesinnungsgenosse Herr Jakob Reich aus München, der bekanntlich im Vorjahre Palästina bereist hat, in einer Reihe nordbaycrischer Städte Vorträge gehalten, in welchen er an der Hand zahlreicher Lichtbilder überzeugend nachwies, welche eminenten kulturellen Fortschritte die jungjüdische Bewegung in Palästina gemacht hat, und zugleich überall die Gelegenheit wahrnahm, um Aufklärung über die die öffentliche Meinung so lebhaft beschäftigende Sprachenfrage und über die damit verbundene Hetze gegen die Zionisten zu schaffen. Herr Reich sprach zunächst in der Nachbarstadt Er• langen in stark besuchter Versammlung, weiterhin in Fürth, Ncumarkt, Gunzenhausen, Ansbach, Kitzingen und Nördlingen. Fast in allen Städten entwickelte sich eine rege Diskussion. In ׳Ansbach und in Ganzenhausen sprach der in Bayern hoch angesehene Distriktsrabbiner Dr. K o h n, dessen loyale Gcsinnung dem Zionismus gegenüber ja bekannt ist. Ueberall lauschte man sichtlich höchst interessiert den Schilderungen des neuen palästinensischen Jischub und betrachtete die prächtigen Originalaufnahmcn, bei welchen Herr Rcicii vielfach Gegenüberstellungen der alten und neuen Siedlung sowie jüdischer und arabischer Kultur vor Augen führte. In allen Ver- und daß nur eine gemischte Wirtschaft sich rentieren kann. Der Bodenpreis für einen Kolonisten dürfe 1.50 bis 300 Francs nicht übersteigen. Nochmals entwickelt er die Vorteile, die aus der Anlage der Nationalfondsdomänen an der Peripherie von einzclncn Kolonien erwachsen würden. Der zweite Hauptabschnitt des Teiles, der sich mit der Kolonisation beschäftigt, ist den Städten gewidmet. Der Verfasser schildert die einzelnen Niederlassungen und führt an, daß durch die Unter- Stützung des Nationalfonds, der für den Bau von Tel Awiw nur eine Viertelmillion kreditierte, Privatknpitalien in der Höhe von anderthalb Millionen Francs dort investiert winden. Er rügt, was der Referent als einziger schon bei Bewilligung des Kredites (1908) getadelt hatte, daß der Boden in Privatcigcntum Belassen wurde. Dadurch ist weder ein Verbilligen des Wohnens, noch eine Förderung des Eigenwolmcns erreicht worden. Bei künftigen Darleben müsse, um dies und eine hygienische Bauweise — die in Tel Awiw übrigens 'befolgt wurde — zu sichern, der Nationalfonds Bodcncigcntümcr bleiben und den Boden im Erbbaurecht vergeben. Ein Kapitel ist der wirtschaftlichen Lage der Juden in den Städten gewidmet. Die Handwcrkerschulen der Alliance in Jerusalem nennt der Verfasser «alsch organisiert. Die Unterrichtssprache ist nur französisch und die Arbeiter werden nicht selbständig gemacht, sondern verbleiben ihr Leben lang in der Werkstättenschule der Alliance. 111 einem Kapitel über die Ind u s t r i c und ihre Möglichkeiten sagt der Autor am Schlüsse sehr richtig, dal! bei der heutigen kleinen Zahl der Bevölkerung Palästinas die Entwicklungsmögliclikciten der Industrie gering sind. Im nächsten Kapitel stellt Nawratzki die Daten des Eisenbahn-, Schiffs- und Handelsverkehrs zusammen und bestimmt bei einigen Artikeln den Anteil der jüdischen Produktion am Gesainthandcl. Bei der Jaffaer Orangenausfuhr betrug dieser Anteil im Jahre 1910 18 Prozent und für 1912 wird er auf 25 Prozent geschätzt. Bei Wein beträgt er 85 bis 90 Prozent. Der letzte Teil des Werkes handelt von dem kulturellen Zustand der Juden in Palästina. Hier streift der Autor, wie bereits erwähnt, auch die Triebkraft, die der jüdische Nationalismus für den düng ihrer Form möglich schiene, und bei den Okkupationsgenossenschaften, die auf reinen Getreidebau ohne Nebenbetrieb angewiesen sind, könne sich schon deswegen kein ״Gewinn“ cinstcllcn. Die Genossenschäften erscheinen Nawratzki nur als ein Ucbergaugs- Stadium. So sehr der Autor seine Ansichten begründet, wird man darin doch nicht das letzte Wort sehen können, das über die Frage der genossenschaftliehen Ansiedlung gesprochen wurde. In richtiger Erkenntnis des unersetzlichen Wertes dieser Organisationsform für das zionistische Hauptwerk — Ueberführung möglichst zahlreicher Proletarier in palüstinettsische Landwirte und Nationalisierung der Arbeit im Lande — sucht der Nationalfonds doch Wege, um die Genossenschaftsform durclizuführen, vor allem durch Schaffung eines Genossenschaftsfonds, durch welchen den Arbeitern die nötigen Mittel gegeben werden sollen, um Inventar zu beschaffen. Audi weiß die Nationalfondsleitung sehr gut, daß die eisten Meliorationskosten sehr hohe sind und wird, wahrßchcinlich auf dem Wege sehr langfristiger Verträge mit den Genossenschaften, die Berechnung auf eine richtige Basis zu stellen versuchen. All das soll gerade jetzt versucht werden. Der Schreiber dieser Zeilen ist übrigens der Ansicht, daß angesichts der außergewöhnlichen Leistungen in der Okkupation:.־ periode, die ja so oft auch Blutopfer fordert, jeder Besitzer, der sich zur Okkupation der Genossenschaft bedient, diese auch .überdurchschnittlich entlohnen muß. ׳Der Gesichtspunkt, daß dies eine Art Philanthropie wäre, kann darauf nicht angewendet werden, da ja der übcrnortnalcn Entlohnung eine überdurch- Gchnittlichc Leistung gegenübersteht. Natürlich wird das bei privaten Besitzern schwer möglich sein, weil diese auf die Rentabilität angewiesen sind; es. kommt deshalb b.-i der genossenschaftlichen Kolonisation — und der Gedanke ist, daß die ״Okkupationsgenossciischäften“ auch dauernd auf dem Boden, den sie mit ihrem Schweiß und Blut urbar gemacht haben, verbleiben sollen - vor allem der Nationalfonds in Betracht, der ja gerade jetzt au die Lösun!; diese:r Au ־ gäbe hcrantritt. Nawratzki verlangt für chc Arhutu ansiedlung, im Einklang mit den Maximen des Nationalfonas, daß der Boden m Erbpacht oder Je pacht gegeben werde und meint, daß die Nationalfondsdomiinen an die Peripherie größerer Kolonien zu legen wären. Er hofft auch, daß die J. C. A., wenn ihr ein zahlreicheres Material mit landwirtschaftlicher Ausbiklung als bisher entgegenträte, ihre Kolonisationstätigkeit ausdehnen würde. Im allgemeinen sagt er in sehr verständiger Weise, daß die Aufstiegsmöglichkeilen für den Proletarier in Palästina nicht besonders günstig sind, daß aber angesichts des schweren sozialen Problems doch schon einiges erreicht ist, wenn der junge Einwanderer etwa nach fünf Jahren zum Halbkolonistcn und nach zehn Jahren zum selbständigeif Kolonisten aufsteigen könne. Da Nawratzki gefunden hatte, daß Landwirtschaftlieh vorgebildete Kolonisteß in Palästina viel bessere Resultate erzielen als andere, bei denen das nicht der Fall ist, so sieht er die landwirtschaftliche Kolonisalion von Juden auch in anderen Ländern als eine Förderung der palästinensischen an. Dadurch würde auch die Auswahl unter den anzusicdelndcn Familien eine ״röHerc. Er untersucht daher den Anteil der fu d c n ander Landwirtschaft und ihre Ausbildung in dieser. Was Palästina betrifft, so fällt er über die Schule der Alliance (Mikweh Israel) ein ebenso vernichtendes Urteil, wie seinerzeit Lothar Meyer. Sie sei gänzlich ungeeignet, die lamhvirtschaftliehe Ausbildung der großen Massen zu fördern. Dies könnten nur Dorfschulen, Fortbildungsschulen usw Auch die neue landwirtschaftliche Mittelschule in Pethach Thikwnh sei deplaciert, da sic zu viel Kenntnisse vermittle, daher lauter Administratoren, Agronomen usw. erziehe. Für die landwirtschaftliehe Erziehung der Frauen empfiehlt er eine Kornbination von liaushaltungsschulc und Lehrfarm. Ein Abschnitt über die K u 1111 r e n P a 1 ä s f 1 n a 8 stellt die wichtigsten Daten zusammen. Von Interesse ist daß das Winzersyndikat im Verein mit den Kolonien aus eigenen Mitteln Chausseen bauen mußte, der Staat versagte trotz der hohen Steuern, die er einzieht, in dieser Richtung völlig. In einem nachsten, statistischen Kapitel beziffert Nawratzki die S e e 1 c n z a 111 der jüdischen ländlichen Bevölkerung mit 10 000, den Grundbesitz mit >14 000 ha. Ein weitercs Kapitel beschäftigt sich mit der R c 111 a b i I i t ä t der jüdischen Kolonisation, worin Nawratzki wieder zeigt, daß der reine Ackerbau absolut unrentabel ist